Ausgabe 08/2017 - Schwerpunkt Loslassen

Wolf Lotters Einleitung zum Schwerpunkt „Loslassen“

Lassen wir das!

„Die Schwierigkeit liegt nicht so sehr in den neuen Gedanken als in der Befreiung von den alten.“ John Maynard Keynes: Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes (1936)

1. Mondsüchtig

Jedes Zeitalter hat seine Helden und Verlierer. In den späten Sechzigerjahren waren Astronauten noch eindeutig auf der Gewinnerseite. Im Juli 1969 erreichte das Wettrennen im All, das seit mehr als einem Jahrzehnt zwischen den Amerikanern und Russen lief, seinen Höhepunkt. Die US-Raumfahrtbehörde Nasa hatte zwei Menschen auf den Mond und erfolgreich wieder zurückgebracht, ganz so, wie es Präsident John F. Kennedy acht Jahre zuvor angekündigt hatte.

Das war vielleicht ein Ding!
Nichts konnte sich damit messen.
Es war das größte Ereignis aller Zeiten, hieß es.
Mit anderen Worten: Von nun an ging’s bergab.

So ist das Leben, so sind die Leute. Wenn etwas Großartiges geschieht, bei dem alle Welt staunt, dann muss gleich etwas noch Großartigeres folgen, damit wir zufrieden sind. Aber was soll man machen, wenn man nur einen Mond hat und die Planeten zu weit weg sind und die Sterne zu hoch hängen, um heranzukommen?

Bis zum Mond und zurück – das reicht eben nicht mehr. Das ahnte damals auch schon der kanadische Kommunikationstheoretiker Marshall McLuhan, den viele für den Vordenker des Internets halten, der aber, unbestritten, schon in den Sechzigerjahren das erste Gebot der Leitkultur des Medienzeitalters formulierte: „Wenn es funktioniert, ist es überholt.“

Und so erklang schon kurze Zeit, nachdem Apollo 11 so hoch und so weit geflogen war, wie auch die Gefühle und die Sehnsucht der Menschen auf der Erde unter ihr, ein trauriger Song aus den Lautsprechern der Transistorradios. Er kam von einem jungen englischen Künstler, der sich David Bowie nannte, und sein melancholisches Lied namens „Space Oddity“ – auf Deutsch: Weltraumkuriosität – erzählte von einem depressiven Astronauten namens Major Tom. Sein Lied wurde später ein Hit und der Beginn der großen Weltkarriere David Bowies, während sich andererseits für die echten Astronauten kaum noch jemand interessierte.

Aus dem größten Abenteuer der Welt wurde bald eine trübsinnige Pflicht. Man flog, zumeist unter Ausschluss der desinteressierten Öffentlichkeit, noch ein paar Jahre hin und her und rauf und runter, aber das riss keinen mehr vom Hocker.
Eine Weltraumstation, ach so. Ja, warum denn nicht. Kannst du mal auf Fußball umschalten?

So läuft das eben, und weil es so ist, entgehen uns die wichtigsten Sachen. Wir bleiben, wo wir sind, treten auf der Stelle und kommen nicht vom Fleck – was soll schon kommen, lohnt sich eh nicht. Die meisten leben nicht, sie klammern.

Sie reden gern von den Abenteuern anderer Leute, sie finden Christoph Kolumbus und Marco Polo schon interessant, aber für den eigenen Aufbruch langt es nicht, höchstens für ein bisschen kontrollierten Thrill beim Erlebnisreisen-Anbieter Jochen Schweizer und Konsorten. Anseilen, abseilen – das ist das Motto der Zeit, alles mit doppeltem Netz, denn Sicherheit geht vor, immer. In der Ausschließlichkeit liegt das Problem. Denn wo alles sicher ist, ist alles sterbenslangweilig – und dieses Wort ist kein Zufall.

Aber ist es nicht töricht und kontraproduktiv, gerade in Zeiten wie diesen vom Loslassen zu schwärmen und den damit offensichtlich verbundenen Risiken und Nebenwirkungen? Will uns da jemand in ein Abenteuer stürzen? Haben wir nicht alle zusammen schon genug Sorgen, den Brexit, ein Dutzend wild gewordener Diktatoren, von Nordkorea bis Istanbul, dazu der gefährliche Clown im Weißen Haus, die Digitalisierung und die Dauerbaustelle EU, in der es schon als erfreulich gilt, wenn die üblichen Pleitekandidaten noch bis morgen durchhalten?

Die Menschen, die einst zum Mond flogen, leben heute längst dahinter.

Nein, der Zeitgeist ist auf Seite der Klammeräffchen, die nach einer merkwürdigen Logik leben: Sie mögen zwar das, was ist, gar nicht so gern – aber sie haben noch viel mehr Angst vor dem, was kommen könnte. Wer heute nichts will, der hat von allem genug. So sind wir alle ein wenig Apollo 11. Eine wohlhabende, hoch entwickelte Gesellschaft, die sich nicht vorstellen kann, Abschied zu nehmen von dem, woran ihr so wenig liegt – weil sie nichts Besseres kennt, was sie an diese Stelle rücken könnte. Die Erfolge von gestern haben eine magische Anziehungskraft, überall ist Retro, Schönrederei, eine rückwärtsgewandte Politik, die das Gegenteil von Entwicklungsfähigkeit zeigt.

Die Menschen, die einst zum Mond flogen, leben heute längst dahinter, auf dessen dunkler Seite, und es ist kein Wunder, dass sie ein wenig traurig sind und glauben: Da kommt nichts mehr, also lassen wir das.

 

 

2. Pascals Zimmer

Es gibt immer einen Grund, stehen zu bleiben und zu klammern. Und man sollte schon genau hinsehen, warum sich jemand bewegt – und wohin. Aktionismus zum Beispiel ist heute sehr beliebt, im Management und in der Politik, und das sieht nach Bewegung aus, ist aber in Wahrheit ein heftiges Treten auf der Stelle.

Der französische Philosoph und Mathematiker Blaise Pascal meinte, „das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen“. Das ist für einen wie Pascal, der als Lichtgestalt der Aufklärung – und damit der geistigen Beweglichkeit – gilt, eigentlich ein starkes Stück. Als ob es nicht schon genug Stubenhocker gäbe.

Aber vielleicht missverstehen wir ihn ja auch einfach nur. Pascals berühmter Satz hat weniger mit dem Unglück zu tun, das von einer hohen Beweglichkeit ausgeht: Der Aufklärer fand es merkwürdig, dass die Leute nicht in der Lage sind, mit sich selbst auszukommen, also, wie man heute sagen würde, sich selbst zu genügen. Auch vor 400 Jahren war es so, dass viele immer ein Außen, die anderen gebraucht haben, deren Urteil, deren Zuneigung oder auch Ablehnung, um sich selbst wahrzunehmen. Die Aufforderung, zu sich selbst zu finden, erschien damals als Drohung – und ist für viele auch heute eine geblieben. Denn ob man den Typen, den man dann vorfindet, auch wirklich aushält, ist die Frage. Das aber war für Pascal der springende Punkt: Der Mensch muss eine eigenverantwortliche Entscheidung treffen. Das geht nur, wenn er sich von Rollen und Klischees, Gruppendruck und vermeintlichen Sachzwängen so gut wie möglich befreit, bei sich, in seinem Zimmer bleibt – eine Entscheidung an und für sich treffen kann. Wo das nicht der Fall ist, werden die Leute mindestens melancholisch.

Diese Selbstfindung ist übrigens kein Selbstzweck. Sie dient der vernünftigen Sache, sich selbst zu verbessern – und damit auch anderen Menschen das Leben leichter zu machen. Das ist das schlichte Ziel. Man lässt das Alte los, um etwas Besseres zu finden. Auch wenn man sich so etwas gar nicht zutraut.

Umgekehrt gilt natürlich: Wer sich in sein Schicksal fügt, darf sich nicht wundern, wenn es ihn auch ereilt.

In kaum einem anderen Begriff spiegelt sich die Sehnsucht nach Ruhe und Routine so deutlich wider wie im scheinbar harmlosen Begriff des „Berufs“. Zu Pascals Zeiten meinte man damit das Schicksal, den Ruf Gottes, der einen in eine bestimmte Lebensrolle gesetzt hatte. Daran hatte man selbst nichts mehr zu rütteln. Martin Luthers Formel, dass „jeder in dem Beruf bleibe, in dem ihn Gottes Ruf traf“ macht klar, dass Veränderung weder wünschenswert noch möglich ist. Wer sich auf Neues einlässt, ist des Teufels.

Die Selbstfindung dient dazu, sich selbst zu verbessern – und damit anderen Menschen das Leben leichter zu machen.

Nun könnte man glauben, dass die Aufklärung, die nüchterne Moderne, mit dieser Vorstellung gründlich aufgeräumt habe. Doch das ist ein Irrtum. Wie so oft hat sich hinter der neuzeitlichen Fassade das alte Gemäuer gehalten. Luthers Berufsbild als Schicksal wird nur anders interpretiert, hat sich aber bis heute nicht verändert. Im Laufe der Zeit ist an die Stelle der alten Verpflichtung gegenüber Gott, die man in der Ausübung seines Berufes erfüllt, die sogenannte Gemeinschaft getreten, die Gesellschaft, das Große, das Ganze, die Familie, die Firma, das Team, die Kollegen. Der Mensch muss einen Beruf haben, der ihn ganz ausfüllt. Wer früher gegen diese Regel, gegen diesen höheren Dienstauftrag, verstieß, der versündigte sich gegen den Herrgott. Wer das heute tut, versündigt sich gegen die Gesellschaft. Vom Stigma her läuft das auf dasselbe hinaus.

Zu hart? Schlagen wir nach:
Unter dem Eintrag „Beruf, Identifikation und Status“ findet man in der Wikipedia folgenden Text: „Ein Berufstätiger kann sich sowohl mit seinem Arbeitgeber als auch mit seinem Beruf identifizieren. Wird eine Tätigkeit als wichtig für den Selbstwert einer Person erachtet, spricht man von der Identifikation mit dem Beruf (Job Involvement). Eine hohe Berufsidentifikation kann zu höheren Zielen bei der Arbeitsleistung beitragen.“

Der Berufsbegriff, so heißt es darin weiter, sei maßgeblich für die „soziale Integration und die daraus resultierende Identitätsfindung (…)“, ein „bedeutender Mechanismus“ und „bester Einzelindikator für den sozialen Status einer Person“. Man kann das kürzer sagen: Wir sind unser Beruf, ohne ihn sind wir nichts.

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