Ausgabe 08/2017 - Schwerpunkt Loslassen

Werner Funk im Interview

„Was ich spürte, war eine Leere, die auf angenehme Weise mit Hass unterfüttert war.“

• Eine Büro-Etage in Hamburg-Pöseldorf. Auf Werner Funks Schreibtisch liegen eine Dokumentation über die Geschichte des »Spiegel«, handgeschriebene Briefe und ein Autoschlüssel („Ein Testwagen, von dem ich noch nicht weiß, ob ich ihn kaufe“). Sein Büro, eine Art journalistisches Austragshäuschen, teilt sich der Ex-Chefredakteur mit einer Handvoll ehemaliger Manager von »Spiegel« und »Stern«. Sein eigenes Zimmer hat der Blattmacher mit Titelblättern seines Spätwerks tapeziert: einem Kundenmagazin.

Funk ist kürzlich 80 Jahre alt geworden, aber sarkastisch und selbstironisch wie eh und je. Er trägt Jeans, Hemd mit eingesticktem Monogramm und an den Füßen Wildlederslipper, die er während des Gesprächs immer wieder auf seinen Schreibtisch wuchtet. Auf den ersten Blick unterscheidet ihn wenig von jenem Mann, den sie beim »Stern« Kim Il Funk nannten und für seine rabiaten Ausfälle fürchteten. Und doch ist vieles ganz anders.

brand eins: Herr Funk, was sind Sie heute fürs Finanzamt: Rentner? Ruheständler? Ein geringfügig Beschäftigter?

Werner Funk: Selbstständiger.

Und was sind Sie für sich selbst?

Ein unruhiger, neugieriger alter Sack, der vieles besser weiß und damit manchen auf die Nerven geht.

Sie zählten zu jener Sorte Mann, für die es außer Arbeit wenig gab. Wie muss man sich heute einen Tag in Ihrem Leben vorstellen?

Mein Tag beginnt ziemlich früh, denn wenn man alt wird, wacht man zeitig auf. Meist lese ich also frühmorgens die »FAZ«, bevor mich die Piste ruft. Meine Lebensgefährtin und ich haben uns in der schleswig-holsteinischen Provinz auf Lebenszeit ein Häuschen gemietet und ausgebaut. Wenn ich dort meine 50 Kilometer auf dem Rennrad gedreht habe, fühle ich mich ausgearbeitet. Mittag esse ich meist in einem wunderbaren Restaurant an der Ostsee. Nachmittags treffe ich Leute, telefoniere und vertreibe mir anderweitig die Zeit. An zwei Tagen pro Woche fahre ich nach Hamburg in mein Büro.

Es dürfte nicht viele 80-Jährige geben, die sich noch ein Büro leisten. Warum Sie?

Weil ich Spaß daran habe.

Wieso lehnen Sie sich nicht einfach zurück?

Weil es mir viel zu fad wäre, einfach nur so zu privatisieren. Ich habe einen Freund, der mit Ende 50 bereits finanziell so gestellt war, dass er nicht mehr zu arbeiten brauchte. Fortan lautete seine Devise zu allem, was er hätte tun oder anpacken können: „Das muss ich mir doch nicht mehr antun.“ Musste er auch nicht. Dennoch finde ich seine Haltung absolut verhängnisvoll. Wenn man nicht in Bewegung bleibt, rostet man ein. Ich habe mir daher ein Kundenmagazin für die Berenberg Bank ausgedacht, das ich zweimal im Jahr herausbringe. Das bereitet mir Freude, fordert mich und hält mich im Training.

Mit wem produzieren Sie dieses Magazin?

Mit mir selbst. Ich bin Chefredakteur, Redakteur und Artdirector in einer Person. Die Layoutideen stammen überwiegend von mir, denn ich habe auf meine alten Tage entdeckt, dass ich auch ein ganz guter Artdirector geworden wäre. Aber all das sind nur Fingerübungen und bedeutet keinen Stress mehr für mich. Ich habe genug Geld fürs Alter.

Ab wann hat man genug Geld?

Ab dem Punkt, ab dem das Geld keine Rolle mehr spielt. Ich habe immer gut verdient, stets wenig ausgegeben und mit meinen Investments nie Verluste eingefahren. Daher verfüge ich jetzt über einen leidlichen Fundus.

Verdient haben Sie Ihr Geld in Zeiten, in denen Chefredakteure noch wie kleine Könige agierten. Lesen Sie Ihre ehemaligen Blätter heute noch?

Mitunter. Aber mit wenig Vergnügen. Gerade den »Spiegel« finde ich erstaunlich mittelmäßig.

Was würden Sie anders machen?

Ich würde die Kollegen deutlich mehr recherchieren lassen. Dort sitzt ein Riesenstab von Leuten, die recherchieren könnten, aber vom Magazin hört man eigentlich gar nichts mehr. Auf diese Art verliert ein Magazin nicht nur seine Glaubwürdigkeit, sondern auch den Status des Leitmediums. Kein Wunder, dass es mit dem Printjournalismus bergab geht.

Wahr ist doch eher das Gegenteil: Dem Printjournalismus geht es so schlecht wie nie zuvor – aber gleichzeitig war er noch nie so gut wie heute.

Das mag theoretisch richtig sein, in der Realität aber ist es falsch. »Süddeutsche Zeitung« und »FAZ« haben den Job des Recherche-Spürhundes von den Magazinen übernommen. Sie machen in der Tat einen guten Job, doch auch der hält keinem Vergleich mit dem »New Yorker«, der »New York Times« oder »Vanity Fair« stand. Die produzieren Magazinjournalismus „at its best“.

Dem journalistischen Gewerbe attestierten Sie bereits vor 15 Jahren, „insgesamt im Arsch“ zu sein. Was war das aus heutiger Sicht: pessimistisch oder prophetisch?

Es war zweifellos richtig, nur ist es noch weit schlimmer gekommen, als ich es damals befürchtete. Der deutsche Magazinjournalismus ist ziemlich auf den Hund gekommen.

Dass Sie in dieser Branche Karriere machten, ist fast ein Zufall. Eigentlich sollten Sie die Verpackungsfabrik Ihres Vaters übernehmen, die aber pleiteging, noch während Sie Wirtschaftsingenieurwesen studierten. Was wäre aus Ihnen ohne diese Insolvenz geworden?

Dann wäre die Firma kurze Zeit später mit mir an der Spitze pleitegegangen. Kaufen und Verkaufen ist nicht mein Ding. Auch dass der Journalismus mein Ding sein würde, ahnte ich damals nicht. Ich hielt mich für viel zu schüchtern, milde und weich für einen derart kompetitiven Job und hatte mir eine Karriere an einer Hochschule oder in einer internationalen Organisation vorgestellt. Erst als ich von Rudolf Augstein zum »Spiegel« geholt wurde, stellte ich fest, dass mir Konkurrenz durchaus Spaß macht. Im deutschen Printjournalismus war der »Spiegel« für mich fortan immer so etwas wie die Tour de France, der »Stern« lediglich eine Art Giro d’Italia.

Ihre persönliche Tour de France endete 1991 mit einem dramatischen Sturz. An was oder wem sind Sie gescheitert?

An der Alkoholerkrankung Rudolf Augsteins. Und daran, dass er die Mitarbeiter des »Spiegel« herauskaufen wollte. Die hatte er zwar selbst über die Mitarbeiter KG an seinem Unternehmen beteiligt, bald aber gemerkt, dass er sich nicht mehr gegen sie durchsetzen konnte. Also wurde ich beauftragt, zusammen mit dem Geschäftsführer Adolf Theobald ein Stiftungsmodell zu entwickeln, mit dem man die Mitarbeiter loswerden könnte. Nachdem ich diesen Auftrag weisungsgemäß erledigt hatte, wollte er von der ganzen Sache nichts mehr wissen. Wir wurden von einem auf den anderen Tag gefeuert.

Wie ging das vonstatten?

Am Wochenende war ich noch zu Gast bei Rudolf gewesen. Er hatte mich wie immer im Bademantel empfangen, ein gewisser Alkoholkonsum war nicht zu übersehen. Am Rande seines Riesenanwesens in Archsum auf Sylt trotteten zwei altersschwache Ponys. Wir sprachen über alles Mögliche, aber mit keinem Wort über mich. Als ich am nächsten Montagmorgen in die Redaktionskonferenz des »Spiegel« kam, wurde ich fristlos entlassen.

Ohne Vorwarnung?

Ohne Vorwarnung. Rudolf war einerseits enorm bösartig, andererseits aber zu feige, um selbst kontroverse Themen anzusprechen. Deshalb ließ er mich feuern. Schon damals war er als Alkoholiker gelegentlich einfach nicht geschäftsfähig. Und nachdem die Mitarbeiter Wind von der Sache bekommen und zunehmend Druck auf ihn ausgeübt hatten, hatte er einfach alles auf Theobald und mich geschoben. Das hat mich unendlich getroffen, denn der »Spiegel« war mein journalistisches Leben und Rudolf Augstein für mich so eine Art journalistischer Übervater.

Ihre Abberufung wurde im Heft süffisant mit einem Zitat Karl Jaspers vermeldet: „Macht hat Legitimität nur im Dienst der Vernunft. Allein von hier bezieht sie ihren Sinn“, hieß es in der Hausmitteilung. Was war damit gemeint?

Das war eine Nebelkerze. Das Modell Augstein mit zwei gleichberechtigten Chefredakteuren und ihm als Herausgeber funktionierte, solange er präsent und in Form war. Als er dem Alkohol verfiel, fehlte die Balance. Und dem fiel ich zum Opfer.

Als Sie in dieses Loch fielen, was war stärker: das Gefühl der Ohnmacht? Oder Hass auf denjenigen, der einen hineingestoßen hat?

Was ich spürte, war eine Leere, die auf angenehme Weise mit Hass unterfüttert war.

Wie muss man sich angenehmen Hass vorstellen?

Hass hat ja auch eine reinigende Wirkung. Man merkt in einer solchen Situation zum Beispiel plötzlich, wie wenig wirkliche Freunde man hat. Ich erlitt eine brutale Verletzung meines journalistischen Selbstbildes, hinzu kam meine Fixierung auf Rudolf Augstein. Die totale Katastrophe für mich. Also: Ein bisschen Hass muss sein.

Einer Ihrer Nachfolger, Hans Werner Kilz, soll sich, als er beim »Spiegel« entlassen wurde, beim Holzhacken in den Wäldern Vermonts abreagiert haben. Wie haben Sie Ihren Frust verarbeitet?

Meine Frau und ich sind in ein Resort in Thailand geflogen, an dessen Strand ein großes Bett mit Baldachin stand. Unter diesem Baldachin liegend habe ich Thomas Mann gelesen und unendlich viel geschlafen, was mir mit Blick auf meine Frau im Nachhinein etwas leidtut. Als ich nach Deutschland zurückkehrte, meldeten sich die Verlage mit Angeboten.

Dass Sie damals gezwungenermaßen loslassen lernen mussten: Hat Ihnen das später geholfen, als Ihre Karriere zu Ende ging?

Natürlich. Und als ich zum »Stern« ging, hatte ich mir von vornherein vorgenommen, nicht länger als fünf Jahre zu bleiben, und dabei blieb es auch. Zudem hatte ich als Chefredakteur das Glück, einen sensationell schlechten Nachfolger zu haben. So etwas erleichtert den Abschied enorm, denn auf diese Weise bleibt man automatisch in besserer Erinnerung.

Beim »Stern« haben Ihnen nicht allzu viele Kollegen nachgetrauert.

Ich war nicht unumstritten, das stimmt. Aber ich habe noch nie so viele Anrufe von Kollegen bekommen wie nach meinem Ausscheiden beim »Stern«.

In Ihren viereinhalb Jahren an der Spitze des Magazins haben Sie im Schnitt alle drei Wochen jemandem gekündigt. Ihre beste Formel, um eine Entlassung reibungslos über die Bühne zu bringen?

Da hatte ich keine spezielle. Aber es ist einfach schwierig, eine Redaktion zu führen, die so überbesetzt ist, wie es der »Stern« damals war. All die Redakteure und Autoren, die nicht ins Blatt kommen, weil der Platz für sie nicht ausreicht, verbringen ihre Zeit ja in der Kantine mit Meckern und Intrigen-Schmieden. Also musste ich mich von vielen trennen. Die Kollegen haben aber fast alle gute Abfindungen mitgenommen.

Dank Ihres rigorosen Stils wurden Sie beim »Stern« Kim Il Funk genannt – eine Anspielung auf den nordkoreanischen Diktator Kim Il-sung. Wie falsch liegt man mit der Vermutung, dass ein Zyniker wie Sie einen solchen Ruf als Kompliment empfindet?

Ich fand ihn komisch (er lacht). Andererseits: Der Typ hat immerhin eine Dynastie begründet, das ist ja auch nicht das Allerschlechteste.

Andere Charakterisierungen von Ihnen aus jenen Tagen lauten Psychopath, Kotzbrocken, Sadist und bestgehasster Mann der Branche. Hakt man so etwas ab, oder bringt einen das in der Summe doch ins Grübeln?

Sicherlich habe ich ab und zu das Rad überdreht. Aber konkrete Fälle fallen mir nicht ein. Wirklich nicht.

Wenn man mit ehemaligen Kollegen von Ihnen spricht, fallen zwei Begriffe immer wieder: Status und Machtbewusstsein. Was macht einer wie Sie, wenn der persönliche Status plötzlich Machtlosigkeit heißt?

Ich habe immer noch Macht. Über mich selbst. Das muss heute reichen.

Ist das die Tragik Ihres Berufslebens: dass es aus Ihrer Sicht für Sie nach dem »Spiegel« nur noch bergab gehen konnte?

Na ja, ich hab’ dann immer noch ein paar nette Jobs gehabt, »Stern« und »Geo« sind ja auch keine ganz schlechten Magazine. Aber an den »Spiegel« reichten sie für mich in der Tat nicht heran.

Die sehr jung erfolgreich gewordene Schauspielerin Maria Schneider soll gesagt haben: „Es gibt nichts Schlimmeres, als früh berühmt zu werden. Du stehst auf einem Fünftausender, ohne je geklettert zu sein.“ Finden Sie sich darin wieder?

Abgesehen davon, dass ich schon 54 Jahre alt war, als ich beim »Spiegel« gefeuert wurde: ja. Dort loslassen zu müssen bedeutete für mich die größte Krise meines Lebens. Ich war schwer verletzt.

Eine Chefredakteurin hat im Rückblick auf ihre Entlassung einmal erklärt: Am brutalsten sei die Erkenntnis, dass all das Interesse, all die Gesprächsangebote und Einladungen gar nicht ihr persönlich gegolten hätten – sondern ausschließlich der Funktion, die sie erfüllte.

Mag sein, aber auf die Einladungen bin ich nie scharf gewesen. Und diese Wichtigkeitsnummer hat mir nie gefehlt. Wichtig zu sein heißt Stress zu haben. Den Wegfall des Stresses genieße ich jeden Tag. Natürlich gibt es auch bei mir mal Durchhänger, aber die haben nichts mit der Wichtigkeit meiner Person zu tun.

Sondern womit?

Nun, der Tod rückt unzweifelhaft näher. Ich habe das Buch von Joachim Fuchsberger nie gelesen, aber sein Titel trifft es auf den Kopf: „Altwerden ist nichts für Feiglinge.“ Mit 80 Jahren denkt man plötzlich darüber nach, ob sich gewisse Dinge überhaupt noch lohnen. Macht es für mich Sinn, mir noch ein neues Auto zu kaufen? Meine Wohnung renovieren zu lassen? Es kann ja jeden Tag Schluss sein.

Das treibt Sie wirklich um?

Natürlich, diese Endlichkeit hat man immer irgendwie im Hinterkopf. Und wenngleich man viel dafür tun kann, möglichst lange ein gutes Leben zu führen, kann man den Zeitpunkt seines Todes bekanntlich nicht bestimmen. Das hat zugleich etwas Beruhigendes: Ich kann’s ja eh nicht ändern.

Woran merken Sie, dass Sie alt werden?

An solchen Gedanken. Am frühen Aufwachen. Und am Computer meines Rennrades, der mir unkorrumpierbar anzeigt, mit welcher Durchschnittsgeschwindigkeit ich im Leben unterwegs bin. Auf meiner Stamm-Trainingsstrecke gibt es eine längere Steigung, die ich mit mindestens 16 km/h überwinden will, ohne dass mein Puls über 130 steigt. Das schaffe ich meistens noch. Aber ich tue mich schwerer, mich so zu quälen. Ich hatte vor einiger Zeit eine Art Zusammenbruch, als ich mit meiner alten Radfahrtruppe unterwegs war. Seither kommt die extreme Schinderei früherer Tage für mich nicht mehr infrage. Auch das ist Altwerden.

Lässt sich Loslassen erlernen?

Ja, indem man sich möglichst intensiv mit dem unweigerlichen Ende auseinandersetzt. Dann erwischt es einen nicht unvorbereitet.

Vermissen Sie es nicht, gefordert zu werden?

Nein. Ich könnte das auch gar nicht mehr. Mit dem Alter wird man zwar nicht dümmer oder langsamer. Aber den Druck, wie ich ihn früher einfach abgefedert habe, würde ich heute keine drei Wochen lang aushalten.

Bei Hochleistungssportlern brauchen Muskulatur, Herzkreislauf- und Nervensystem bis zu zwei Jahre, um wieder einen gesunden Normalzustand zu erreichen. Wie trainierten Sie ab?

Es dauert in der Tat einige Zeit, bis man eine niedrigere Umdrehungszahl erreicht und sich dabei wohlfühlt. Das hat bei mir aber ganz gut funktioniert, weil ich, nachdem ich mit 61 Jahren beim »Stern« ausstieg, immer noch hier und da herumfummeln konnte. Und dann fiel mir vor elf Jahren dieses Magazin für die Berenberg Bank ein, für die ich seither in jeder Ausgabe ein interessantes Interview führe, unter anderem mit Wolfgang Schäuble oder Peer Steinbrück.

Sind Sie nie auf die Idee gekommen, im Schlusskapitel Ihres Lebens beruflich etwas ganz Neues auszuprobieren?

Dazu müsste es etwas anderes geben, zu dem ich mich berufen fühlte. Dieses andere gibt es aber nicht.

»Stern«-Chefredakteur Henri Nannen hat seine letzte Lebensphase mal so zusammengefasst: „Altwerden ist scheiße.“ Stimmt’s?

Leider ja, denn es bedeutet, dass du in absehbarer Zeit stirbst. Und dass nichts besser wird, als es mal war, sondern sich höchstens das Schlechterwerden aufhalten lässt.

Ist da rein gar nichts, was sich mit den Jahren verbessert?

Ich bin gelassener geworden. Minimal. Ich kann mich immer noch über die Larifari-Titel des »Spiegel« aufregen. Aber fünf Minuten später sag’ ich mir: Was soll’s, die Jungs haben es heute auch deutlich schwerer, als wir es damals hatten.

Wenn man Ihren Lebenslauf liest, gibt es nichts als Arbeit. Kommt da nicht irgendwann das Bedauern, etwas versäumt zu haben?

Nee. Ich hole jetzt viele Sachen nach, die ich früher nicht machen konnte: lesen, Musik hören, den Tag genießen.

Immer noch Porsche-Fahrer?

Natürlich. War ich mein Leben lang, seit ich in meinen Zwanzigern mithilfe eines Betriebskredits meinen allerersten Porsche gekauft hatte. Kürzlich habe ich mal die Porsche-Pressestelle gebeten, herauszufinden, wie viele Porsches ich im Laufe der Jahre eigentlich besessen habe. Aber auch die konnten mir nicht helfen.

Der Reporter Michael Graeter hat einmal erklärt, er brauche keinen Porsche, er habe einen Penis. Was übersah er?

Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Ich fahre diese Spielzeuge einfach gern. Zwei 911er habe ich komplett geschrottet, glücklicherweise ohne Verletzungen.

Welche Frage wäre so gut, dass Sie sie nicht beantworten würden?

Die nach meinem Sexleben.

Sie sind kürzlich 80 Jahre alt geworden. Wie verbringt man einen solchen Tag angemessen?

Allein. Mit meiner Frau. Auf Sylt. Und das Handy im Flugmodus.

Gibt es für Sie noch eine offene Frage?

Ja. Wie viele Jahre bleiben mir noch? ---

„Ich habe immer noch Macht. Über mich selbst. Das muss heute reichen.“

Beim »Spiegel« war er vermutlich einer der besten Chefredakteure, die das Magazin gehabt hat, beim »Stern« mit Sicherheit der gefürchtetste. Zwischendurch war Werner Funk noch der Macher von »Manager Magazin« und »Geo«, Herausgeber von »Capital« und Berater der Verlagsspitze von Gruner + Jahr. Dabei hatte der gebürtige Hannoveraner eigentlich keine journalistische Laufbahn im Sinn:

Nach Ingenieurstudium und Promotion über „Vermögensbildung für Arbeitnehmer“ begann er seine Karriere im Energie-Referat des Bundeswirtschaftsministeriums. Im Jahr 1968 ging Funk zum »Spiegel«, wurde Korrespondent in Bonn, dann Chef des New Yorker Büros und schließlich – neben Erich Böhme und Johannes K. Engel – einer von drei Chefredakteuren. Beim »Stern« verantwortete er später den radikalen Personalabau und feuerte nach eigenen Aussagen binnen viereinhalb Amtsjahren rund 90 Mitarbeiter. Ein typischer Funk-Spruch zur Entlassung hieß: „Licht und Luft gibt Saft und Kraft.“

Im Mai dieses Jahres erreichte der „real character“ (Gerd Schulte-Hillen, ehemaliger Vorstandsvorsitzender von Gruner + Jahr) sein 81. Lebensjahr.

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