Ausgabe 08/2017 - Schwerpunkt Loslassen

Wendy Wood im Interview

„Ermüdungskampf mit dem eigenen Gehirn“

• Ein paar Fakten zu menschlichen Schwächen: Im Dezember 2016 nahmen sich 50 Prozent der Deutschen vor, mehr Sport zu treiben, 46 Prozent wollten abnehmen, 11 Prozent das Rauchen oder den Alkohol aufgeben. In der zweiten Januarwoche hatte ein Viertel der Menschen ihre Vorsätze aufgegeben. Wenn Wissenschaftler in Studien Menschen fragen, was sie für ihre größte Stärke halten, dann sagen sie, dass sie ehrlich, nett, witzig oder kreativ sind, aber fast nie, dass sie willensstark seien. Und wenn man sie fragt, was sie für ihre größte Schwäche halten, dann ist die häufigste Antwort: ein Mangel an Selbstkontrolle.

Das ist das Thema von Wendy Wood, 63, Professorin an der University of Southern California. Sie untersucht seit Jahrzehnten die Macht der Gewohnheit.

brand eins: Frau Wood, wie viel unseres Alltags läuft automatisch ab?

Wendy Wood: In einer meiner Studien waren es im Schnitt 43 Prozent. Gemeint sind Handlungen, die wir ausführen, ohne darüber nachzudenken und ein bewusstes Ziel damit zu verfolgen.

Wie haben Sie das herausgefunden?

Wir haben Studenten Tagebücher gegeben, in die sie mehrere Wochen lang eintragen sollten, was sie fühlen, denken und tun. Wir haben sie dann einmal in der Stunde mit einem Wecker daran erinnert, diese Aufgabe zu erledigen. Es hat uns damals sehr überrascht, wie viel die meisten Menschen aus purer Gewohnheit tun.

Ist uns das bewusst?

Nein. Wir alle meinen, die ganze Zeit bewusste Entscheidungen zu treffen. Aber das stimmt nicht. Ein Großteil unserer Handlungen wird durch unsere Umgebung hervorgerufen, ohne dass wir darüber nachdenken. Wir stehen morgens auf, gehen ins Bad, putzen die Zähne, alles ohne dabei auch nur einmal nachdenken zu müssen – die Umgebung gibt uns die Auslösereize vor, und wir folgen ihnen.

Wir haben 2011 die Laufgewohnheiten von Menschen untersucht. Dabei kam heraus, dass diejenigen, die regelmäßig joggen, eigentlich genauso motiviert sind wie jene, die sich dazu kaum durchringen können. Doch Erstere reagierten viel stärker, wenn man sie an ihre Laufroutine erinnerte. Für sie gab es Auslöser in ihrer Umgebung – zum Beispiel die Joggingschuhe neben der Tür, die sie dazu brachten, wirklich loszulaufen. Sie waren nicht willensstärker, sondern besser organisiert.

Das klingt sehr mechanisch.

Ist es auch. Gewohnheiten vereinfachen unser Leben. Sie sind Abkürzungen des Gehirns, um weniger Energie aufwenden zu müssen. Wir merken das zum Beispiel, wenn wir den ersten Tag im Urlaub in einem Hotel sind. Wir müssen dann mehr nachdenken, weil wir nicht wissen, wo der Föhn liegt und wie man die Dusche aufdreht. Unser Alltag läuft nicht so glatt wie sonst.

Wieso fällt es uns so schwer, Gewohnheiten zu ändern?

Psychologen dachten lange Zeit, man müsste dazu Leute lediglich überzeugen. So funktioniert das aber nicht. Ich habe meine Karriere als Wissenschaftlerin damit begonnen, Ernährungsgewohnheiten zu untersuchen. Da ist es besonders eindeutig: 60 Prozent der Amerikaner sind übergewichtig. Dabei wollen die Menschen nicht dick sein. Übergewicht gilt hierzulande als unattraktiv, es ist wird stigmatisiert und sorgt für jede Menge Leidensdruck. Dennoch schaffen es die wenigsten, ihr Gewicht zu reduzieren.

Warum?

Gewohnheiten entwickeln sich im Zusammenspiel mit der Umgebung, im Büro, in unserer Nachbarschaft in unserem Zuhause. Diese Umgebungen erinnern uns immer wieder daran, zu essen, zu trinken, zu rauchen oder fernzusehen. Wer dort versucht, seine Gewohnheiten zu ändern, hat es mit einem Ermüdungskampf mit sich selbst, mit dem eigenen Gehirn zu tun. Aber die Menschen denken trotzdem, dass sie totale Kontrolle über sich selbst haben.

Wir neigen zur Selbstüberschätzung?

Absolut. Es sind immer die anderen, die ihrer Umgebung ausgeliefert sind. Aber ich, ich weiß doch, was ich will. In einem Experiment haben wir Versuchspersonen zwei Bücher angeboten, mit deren Hilfe sie ihr Verhalten ändern sollten. Eines handelte davon, wie man seine Umgebung besser gestaltet. Das andere davon, wie man sich Ziele setzt und erreicht. Die meisten suchten sich das zweite Buch aus. Viele Menschen wissen nicht, wie wenig ihr Verhalten durch ihren Willen gesteuert wird.

Was sollten sie tun?

Die Umgebung ändern. Wenn Menschen umziehen, sind sie zum Beispiel sehr viel empfänglicher dafür, ihr Verhalten umzustellen. In einer britischen Studie wurden Menschen gebeten, umweltfreundlicher zu sein: Sie sollten mehr mit dem Bus fahren, Wasser und Elektrizität sparen. Diejenigen, die in den vergangenen drei Monaten umgezogen waren, setzten diese guten Vorsätze viel häufiger um als der Rest. Wie stark dieser Effekt ist, zeigt auch eine Studie mit Vietnam-Veteranen. Etwa 20 Prozent der amerikanischen Soldaten waren während des Vietnam-Krieges heroinabhängig. Sobald diese jungen Männer aber nach Hause kamen, hörten die meisten einfach auf, Heroin zu nehmen. Nur fünf Prozent blieben abhängig. Grundsätzlich sollte man sich schlechte Gewohnheiten systematisch so schwer wie möglich machen.

Wie zum Beispiel?

In einer Studie kam heraus, dass Kinder, die keinen eigenen Fernseher im Zimmer haben, deutlich schlanker sind als Kinder mit Fernseher. Das gilt auch für Familien, die Obstkörbe in der Küche haben. Wir sollten also viel weniger auf das Individuum achten – und viel mehr auf die Umgebung. Und wir sollten erkennen, dass Appelle nicht zu neuen Gewohnheiten führen. In den USA gibt es seit 2007 eine aufwendige Kampagne für mehr Obst- und Gemüsekonsum. Doch die Amerikaner essen heute noch weniger Obst als 2007.

Wieso sind wir eigentlich so unzufrieden mit unseren Gewohnheiten?

Weil wir nur die bemerken, die uns stören. Wir wollen vorankommen, neue Herausforderungen meistern, neue Erfahrungen machen – und genau in diesem Moment bemerken wir unsere Gewohnheiten am stärksten. Die meisten von uns haben außerdem kein intuitives Verständnis davon, wie man sie ändern könnte. Das ist aber genau das, was Menschen, die willensstark sind, vom Rest unterscheidet.

Was machen willensstarke Menschen anders?

Ein Beispiel: Wenn man Menschen mit hoher Selbstkontrolle ein Puzzle gibt und sie dann wählen lässt, wo sie die Aufgabe lösen wollen – entweder in einer Sofa-Lounge mit anderen Menschen oder allein an einem Schreibtisch – dann wählen diejenigen mit hoher Selbstkontrolle den Schreibtisch, die anderen eher die Lounge. Willensstarke Menschen sind gut darin, sich eine hilfreiche Umgebung auszusuchen.

Welche Rolle spielt das Alter?

Mit dem Alter fällt es uns schwerer, neue Gewohnheiten anzunehmen. Mein Vater zum Beispiel hat mit fast 90 Jahren noch lernen müssen, ein Handy zu benutzen. Er hat sich lange geweigert, es dann aber doch hinbekommen und es am Ende geliebt. Er hätte sich das als 20-Jähriger niemals vorstellen können. Es geht also auch im Alter noch, aber es wird schwerer.

Ist die Welt zu schnelllebig für uns?

Das wirkliche Problem ist nicht, dass sich die Welt zu schnell verändert, sondern dass wir uns zu wenig Gedanken darüber machen, wie wir sie gestalten. Wenn man in den USA ein Gebäude betritt, sieht man nur Fahrstühle, und wenn man die Treppe sucht, ist sie in einer dunklen, dreckigen Ecke und meistens abgeschlossen. Solche Umgebungen zwingen uns falsche Gewohnheiten geradezu auf.

Wie wäre es, überhaupt keine Gewohnheiten zu haben?

Sehr anstrengend. Mein Vater hat meine Mutter zum Hochzeitstag einmal ins Ritz-Carlton eingeladen, ein sehr schickes Hotel. Ich habe sie danach gefragt, wie es war, und sie sagte: „Es war ein schreckliches Hotel. Ich habe nichts wiedergefunden. Sie haben nichts dort hingelegt, wo es hingehörte.“ Was sie meinte: Die Sachen waren nicht so geordnet, wie sie es zu Hause gewohnt war. Sie hat sich nicht zurechtgefunden. Sie hat es gehasst. Und ein bisschen so wäre es wohl, überhaupt keine Gewohnheiten zu haben. ---

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