Ausgabe 08/2017 - Schwerpunkt Loslassen

Kaliwerk Bischofferode

Vergessene Helden

Die düsteren Prognosen haben sich nicht bewahrheitet, Bischofferode sprüht zwar nicht vor Leben, aber Arbeitslose gibt es nur wenige.

• Wer aus Richtung Holungen nach Bischofferode kommt, kann die Reste der Zeche „Thomas Müntzer“ nicht verpassen. Weithin sichtbar reckt der Förderturm seine von Rost zerfressenen Streben gen Himmel, er erinnert an das Kalibergwerk, das es hier gab, und einen der härtesten Arbeitskämpfe seit dem Fall der Mauer. Kein Kran ächzt, keine Winde stöhnt, kein Transportband poltert. „Den Förderturm werden sie auch bald umlegen“, sagt Gerhard Jüttemann, der hier vor 24 Jahren als stellvertretender Betriebsratsvorsitzender den denkwürdigen Protest der Bergleute gegen die Schließung ihrer Zeche anführte. Vom Werk bleibt dann nur noch die rote Abraumhalde, die wie ein riesiges totes Tier daliegt. Zwei Schwarzmilane kreisen darüber.

Das Kreischen einer Flex durchschneidet die Stille. In die ehemalige Werksküche, wo damals, als gar nichts mehr zu helfen schien, die Kumpel auf Pritschen im Hungerstreik lagen, ist vor einigen Jahren eine Treppenbaufirma eingezogen.

Zu Fuß durch den Regen hinunter in den kleinen Ort. „Lassen Sie mich doch mit dem alten Kram in Frieden“, sagt ein Mann, der seine Einkäufe schnell aus dem Auto ins Haus trägt und sich gleich wegdreht. Ob er in der Zeche gearbeitet hat? Ja, grummelt er im Weggehen, aber seinen Namen will er nicht nennen. „Ist schon genug unnützes Zeug über Bischofferode geschrieben worden.“

„Das kann Ihnen hier oft passieren“, sagt Jüttemann später. „Die meisten wollen in Ruhe gelassen werden.“ An das Drama, das sich im dritten Jahr nach der Wiedervereinigung abgespielt hat in diesem kreuzkatholischen Winkel Thüringens, wenige Kilometer von der Landesgrenze zu Hessen entfernt, wollen sie nicht mehr erinnert werden. So sei das eben, sagt Jüttemann, Wut habe sich in Resignation verwandelt.

Der Internetauftritt der Gemeinde enthält auch einen Abschnitt „Untergang des Kaliwerks“ mit einer düsteren Prophezeiung: „Die Arbeitslosigkeit geht durchs Land als ein neues Regime der Furcht, das keine Stasi braucht, um die Menschen einzuschüchtern.“ Der Dramatiker Heiner Müller hat das geschrieben. „In Bischofferode“, schließt das Kapitel, „hat sich diese Prognose für viele erfüllt.“ Wie hoch die Arbeitslosenquote derzeit ist? „Ich glaube, wir liegen bei vier Prozent“, sagt Karl-Josef Wand, der Bürgermeister. An den Kampf um die Zeche kann er sich kaum noch erinnern. „Ich war damals 16“, sagt er, „in dem Alter interessiert man sich nicht so sehr für solche Dinge.“

Nicht jeder hat seinen Frieden gemacht

„Wo kommen Sie denn eigentlich gebürtig her – Ost oder West?“, fragt Wigbert Mühe erst mal. Das mache er immer, sagt er. Weil die meisten Westler nicht so richtig verstehen, was hier passiert ist. Manchmal stellt ihm ja selbst die Erinnerung Fallen, nach all den Jahren. „Ob das nun genau so war, das kann ich nicht mehr sagen“, sagt er.

An den 1. Juli 1993 kann er sich allerdings noch ganz genau erinnern. „Da hab’ ich den Hungerstreik angezettelt. In der Werksküche standen irgendwelche Liegen, da hab’ ich mir eine geschnappt und mich draufgelegt. ‚Ich ess’ jetzt nichts mehr‘, hieß es dann.“ Die ersten sechs Stunden lag er allein da, dann kamen die Kollegen. Am Ende des Tages waren sie schon 12, weitere 29 folgten. „Ich hab’ das dann durchgezogen, 14 Tage, bis sie mich ins Krankenhaus gebracht haben. Da hab’ ich aber auch die Nahrung verweigert. Wenn ich was anzettele, dann mach’ ich das richtig.“ Die Bilder der ausgezehrten Bergleute gingen um die Welt. Es waren Menschen, die sonntags in die Kirche gingen und bei den Bundestagswahlen 1990 brav die CDU und den Einheitskanzler Helmut Kohl gewählt hatten.

Wigbert Mühe gehört zu der stetig kleiner werdenden Schar ehemaliger Kaliwerker, die die Erinnerung an jene Zeit wachhalten. An den einjährigen erbitterten Kampf um ihr Bergwerk, den sie gegen Treuhandanstalt, Bundesregierung und Konzerne geführt haben. Für die zwei Dutzend Männer wird die Welt nie mehr sein wie zuvor, da kann die Arbeitslosenquote noch so niedrig sein. Mit der Fahne ihrer Grube treten sie immer noch bei Bergmannsfesten auf. Und vor vier Jahren sind sie sogar noch mal nach Berlin gefahren und haben, gemeinsam mit Politikern der Linken, vor dem Bundeskanzleramt in strömendem Regen eine Mahnwache gehalten.

Zu der kleinen Schar gehört auch Willibald Nebel, der als einer der Ersten in den Hungerstreik trat und heute sagt, dass er es wieder täte. „Wir haben ein Zeichen gesetzt und gezeigt, dass ein Arbeiter sich auch wehren kann.“ Der Mann aber, dem es am wenigsten gelungen zu sein scheint, eine Distanz zu den Ereignissen von damals zu finden, ist Jüttemann. Es ist schwierig, mit ihm über die Vergangenheit zu sprechen. Nicht dass er es nicht versuchen würde, er schafft es einfach nicht. Er fängt an zu erzählen und verheddert sich in Details. Bald schon ist er beim Papst, dem sie eine Petition übergeben haben, beim Treuhand-Vorstand Schucht, dem er die Meinung gesagt hat, „bis der stinkesauer war“, und beim „dicken Kohl, der mit dem Segen der BASF nach oben gekommen war“. Er, Jüttemann, muss doch unbedingt alles erzählen. Es müssen doch alle erfahren, wie sie ihnen damals mitgespielt haben. Atemlos, fast gehetzt spricht er, schlägt dazu mit der Faust auf den Tisch.

Der ehemalige Betriebsratsvorsitzende steckt immer noch im Arbeitskampf. Ist das so verwunderlich? Um den Mann ein wenig zu verstehen, muss man sich die Situation von damals vor Augen halten und auch die Rolle, die er darin spielte. Der Kapitalismus war damals mit Wucht über die Bischofferöder Bergleute hereingebrochen. Sie waren entschlossen zu zeigen, dass ihre Kaligrube auch in der Marktwirtschaft bestehen konnte – aber dann gebärdete sich das neue System genau so, wie man es ihnen im Staatsbürgerkundeunterricht immer eingebläut hatte: Es galt das Gesetz des Stärkeren – mit Staat und Treuhand als Büttel des Kapitals.

Jüttemann und seine Kollegen verstanden es nicht, warum sie am 10. Dezember 1992 auf einer Belegschaftsversammlung die Nachricht erhielten, dass die Treuhand ihre Kaligrube schließen wollte. Sie waren doch kein hoffnungsloser Fall, ganz anders als beispielsweise die Kupferschächte im nahe gelegenen Mansfelder Land, die bereits einen Monat nach der Währungsunion 1990 stillgelegt worden waren, weil die Produktionskosten siebenmal so hoch gewesen waren wie der Umsatz. Sie hatten doch schon so viele Leute entlassen, von 2000 waren sie runter auf 690. Sie hatten die Produktivität innerhalb von nur zweieinhalb Jahren fast verdreifacht. In Abbautechnik investiert, sodass ihre Ausrüstung jetzt moderner war als in manchen Gruben auf westdeutscher Seite. Unter ihren Füßen lag Kalisalz bester Qualität für fast 50 Jahre. Sie hatten volle Auftragsbücher und treue Kunden, Düngemittelproduzenten aus Großbritannien, Italien, Frankreich, Finnland, Schweden, Belgien und Österreich. Und bald sollte sogar ein Unternehmer aus dem Westen einsteigen, der grundsolide mittelständische Baustofffabrikant Johannes Peine, der das Bergwerk kaufen, darin investieren und fast alle Jobs erhalten wollte.

Heute ist klar, dass es von Anfang an keine Rolle spielte, ob irgendjemand das Bergwerk hätte retten können. Es durfte keine Zukunft haben. Die Kaligrube „Thomas Müntzer“ war Spielball eines großen Deals geworden, in dem es um „Marktbereinigung“ ging. Im Zuge einer deutsch-deutschen Fusion sollten die ostdeutschen Kaligruben mit den Bergwerken der in Kassel ansässigen BASF-Tochter Kali und Salz (K+S) zu einem gesamtdeutschen Monopolisten verschmolzen werden. Für K+S war das eine willkommene Gelegenheit, einige der völlig unrentablen Ost-Werke loszuwerden, insbesondere aber den kleinen, lästigen Konkurrenten aus Bischofferode, der auch die direkten Konkurrenten der BASF belieferte. Die Stilllegung des Werkes ließ das K+S-Management sich in den mit der Treuhand ausgehandelten Fusionsvertrag hineinschreiben. Mehr als zwei Jahrzehnte blieb das Vertragswerk unter Verschluss; erst vor drei Jahren gelangte es an die Öffentlichkeit. K+S bekam die Schließung des Bischofferöder Bergwerks auch noch mit gut einer Milliarde D-Mark versüßt und konnte so seine westdeutschen Produktionsstätten auf Kosten des Ost-Standortes sanieren.

Die Treuhandanstalt, also der Steuerzahler, übernahm sowohl die Sozialplankosten für die Schließung der Bischofferöder Grube als auch das Gros der in den Jahren nach der Fusion bei K+S auflaufenden Verluste. Das Kaligeschäft litt damals unter weltweiten Überkapazitäten und Preisverfall; K+S machte jährlich mehr als 100 Millionen D-Mark Verlust.

Da stand Groß gegen Klein, West gegen Ost. Die Arbeiter erhielten von ihrer Gewerkschaft keine Unterstützung – im Gegenteil: Die IG Bergbau und Energie, der die Besitzstände der West-Belegschaften offenbar viel wichtiger waren als die Jobs der Leute aus dem Eichsfeld, organisierte in Kassel sogar eine Demo für die Schließung von Bischofferode.

Jüttemann wurde durch den Arbeitskampf auf einmal bekannt. Das Verhältnis zwischen dem Betriebsratsvorsitzenden Heiner Brodhum und ihm, dem Vize, verschlechterte sich zusehends. Brodhun war CDU-Mitglied und wollte den Protest nicht eskalieren lassen. Jüttemann nahm dann die Sache in die Hand, schlüpfte binnen weniger Tage in die Rolle des Arbeiterführers. Dabei war er eigentlich gar kein Bergmann, sondern hatte bei den IFA-Motorenwerken in Nordhausen gelernt. Nach Bischofferode war er nicht zuletzt gekommen, weil er dort als Dreher unter Tage schon mit 60 in Rente gehen konnte.

Das Leben des gelernten Zerspanungsfacharbeiters hatte plötzlich eine Wendung genommen. Er hatte nicht darauf gedrungen, aber nun wurde einer gebraucht, der das Heft in die Hand nahm. Mit bis zu sechs, sieben Fernsehinterviews am Tag, das letzte mit Ulrich Wickert für die »Tagesthemen«. Jüttemann hielt damals viele kämpferische Reden, vor seinen Bergleuten und den Solidaritätstouristen. Auch eine Menge Sozialromantiker und Sektierer, Trotzkisten, Spartakisten und sogar kurdische Partisanengruppen waren ins Eichsfeld gepilgert, weil sie hier den Anfang vom Niedergang des Kapitalismus witterten. Jüttemann war das Gesicht des Widerstands. Er wurde dafür von den einen bejubelt, von anderen bedroht. Zur Empörung über Politiker, Treuhand und Gewerkschaft gesellte sich in ihm das erhabene Gefühl, das jede Heldenrolle mit sich bringt. Mit dessen Verlust fertig zu werden, war die Herausforderung, vor der er alsbald stand.

Die Gegenwehr ebbte ab

Es dauerte nicht lange, bis der Widerstand der Bergleute gebrochen war. Sie leisteten ja täglich ihre normale Schicht ab. Nach acht Wochen mussten die Kumpel ihren Hungerstreik beenden. Schließlich akzeptierten sie sogar die Schließung ihrer Grube. Als die Belegschaft an Heiligabend 1993 darüber abstimmte, ob der Arbeitskampf weitergehen soll, stimmten sie mehrheitlich für die Kapitulation.

„Bischofferode ist überall!“, hatte zur Hochzeit des Widerstands der Kampf-Slogan gelautet. Tausende von T-Shirts wurden damit bedruckt. Doch nach der Niederlage der Bergleute gab es kein zweites Bischofferode. Zwar kam es vereinzelt zu Werksbesetzungen; in der Belfa-Batteriefabrik in Ost-Berlin traten sogar einige Beschäftigte in den Hungerstreik. Aber der Protest erreichte längst nicht mehr die gleiche Aufmerksamkeit. Schon der 400 Kilometer lange, 14 Tage dauernde Fußmarsch von 19 Kalikumpeln zur Treuhandanstalt in Berlin hatte kaum Resonanz gefunden.

Dass die Gegenwehr nachließ, mag auch daran gelegen haben, dass es den Kaliwerkern gelungen war, den Preis für die Stilllegung ihrer Grube hochzutreiben – weit höher als der, den etwa die Kupferkumpel aus dem Mansfelder Land oder die Braunköhler aus der Lausitz erzielt hatten. Vor allem aber ging es ihnen besser als den anderen Arbeitslosen aus Bischofferode und den umliegenden Dörfern. Die Bergleute konnten wählen – zwischen einem Wechsel in die treuhandeigene Gesellschaft zur Verwahrung und Verwertung von Bergwerksanlagen (GVV) und einer Abfindung. Die GVV bot – zunächst garantiert für zwei Jahre – vor allem Abbruch-Jobs. Auch Willibald Nebel reihte sich ein bei jenen, die das Werk demontierten, die Schächte verfüllten und fluteten. „In Heringen, auf der hessischen Seite, da sieht man oben auf der weißen Halde einen Absetzer“, sagt er. „Ich durfte ihn hier von unserer Halde runterfahren, demontieren, nach Heringen transportieren und dort wieder aufbauen.“ Die Halde in Heringen gehört zu den Kalibergwerken der K+S.

In den ersten zwei Jahren nach der Stilllegung mussten die Bergleute keine Lohneinbußen hinnehmen. Auch jene behielten ihren alten Lohn, die nicht zur GVV-Stammbelegschaft zählten, sondern weitergereicht worden waren an eine Abrissfirma namens Westschrott, in eine Umschulung oder ein Beschäftigungsprojekt, wo sie Friedhofszäune ausbesserten und Wanderwege anlegten, die sie dann später fegten. Oder die auch monatelang gar nicht arbeiteten, weil es gerade keine „Maßnahme“ für sie gab. Das hatte der Betriebsrat durchgesetzt. Nachdem die GVV nach zwei Jahren mit Ausnahme einer Kernmannschaft allen die Kündigung überreicht hatte, bekamen die meisten noch mal für weitere zwei Jahre einen ABM-Job.

Wer in die GVV wechselte, hatte einen Monat später auch noch ein „Schmerzensgeld“ von 7500 D-Mark auf seinem Konto. Allerdings musste jeder unterschreiben, dass er für alle Zeiten auf jegliches Klagerecht gegen die Schließung des Werks verzichtete.

Im Ort wurde es unterdessen still. Innerhalb weniger Monate nach der Stilllegung des Bergwerkes verlor Bischofferode fast ein Drittel seiner Einwohner, rund 800 Menschen. Es gingen vor allem jene, die in den Siebziger- und Achtzigerjahren nur wegen der Arbeit hergekommen waren. Was sollten sie jetzt noch hier? Es gab ja keine Arbeit, nirgends. Die „Spinne“, eine große Baumwollspinnerei in Leinefelde mit mehr als 4000 Beschäftigten, war längst geschlossen, das Zementwerk in Deuna hatte 1000 Leute entlassen. Die Arbeitslosigkeit lag nur deshalb nicht höher als bei 18 Prozent, weil viele Eichsfelder sich einen Job auf der hessischen Seite gesucht hatten.

Nie hat jemand geprüft, was eigentlich aus den 1000 Ersatz-Arbeitsplätzen geworden ist, die Thüringens damaliger CDU-Ministerpräsident Bernhard Vogel den Kaliwerkern versprochen hatte. Die Bedingungen dafür waren miserabel: Die Verkehrsanbindung des Ortes war lausig. Die Südharz-Autobahn, die heute wenige Kilometer an Bischofferode vorbeiführt, gab es damals noch nicht. Auf dem Gelände des ehemaligen Kaliwerkes wurde, wie fast überall im deutschen Osten, ein Industrie- und Gewerbepark errichtet. Etliche der Firmen, die sich anfangs hier niederließen, sind längst pleite. Unter den jetzigen Mietern finden sich der Treppenbauer in der früheren Werkskantine, ein Autoverwerter, eine Spedition, eine Stahlbaufirma, ein Metallbeschichter sowie ein Biomassekraftwerk, das ganze Baumstämme verheizt, aber kaum Leute beschäftigt. Ins ehemalige Kulturhaus ist eine Diskothek namens „Megadrom“ eingezogen. Keiner kann sagen, wann sie zuletzt geöffnet hatte.

Gerhard Jüttemann hat fünf Jahre nach der Stilllegung aufgelistet, wie viele Arbeitsplätze tatsächlich neu entstanden waren. Er kam auf maximal 70. Nur wenige Bergleute waren in den Betrieben untergekommen. Einzig Helmut Senger, früher Ingenieur in der Kaligrube, beschäftigte in seiner neu gegründeten Metallbaufirma gut ein Dutzend der Kumpel. Aber dann verkaufte er den Betrieb, und der Nachfolger ging pleite.

Müdigkeit liegt über dem Ort

In Bischofferode ist trotzdem keine Not ausgebrochen. Die meisten Bergleute haben sich über die Arbeit in der GVV bis zur Rente hinübergerettet; ihre Söhne und Töchter haben Jobs gefunden. Viele pendeln nach Hessen. Straßen, Gehwege und Kanalisation sind saniert; eine Menge Geld ist nach Bischofferode geflossen. Die Bergleute haben ihre Häuschen schön herausgeputzt. Man lässt nichts verlottern. Vor ein paar Jahren hat die Dorfkneipe zugemacht, aber wenigstens einen Penny-Markt gibt es – und die Fleischerei, die zu Zeiten des Arbeitskampfes die Belegschaft mit Wurstpaketen versorgte.

Es geht kein Riss durch den Ort wie durch manche der englischen Bergarbeiterdörfer nach den harten Auseinandersetzungen 1984 / 85, wo Streikende und Streikbrecher sich bis heute unversöhnlich gegenüberstehen. Über Bischofferode liegt allenfalls eine gewisse Müdigkeit. Die ehemaligen Kumpel treffen sich nicht mehr zu Brigade-Stammtischen, das Bergmanns-Orchester hat sich schon vor Jahren aufgelöst. Der eine oder andere, der früher nicht im Kaliwerk gearbeitet hat, spürt eine gewisse klammheimliche Genugtuung. Schließlich waren die Bergleute stets privilegiert.

Bürgermeister Karl-Josef Wand sorgt sich um den Zusammenhalt im Ort. Es gibt zwar fast zwei Dutzend Vereine, aber dort sind oft die Alten unter sich. Ob es damit zu tun haben könnte, dass mit der Stilllegung der Zeche das Band riss, das die Bewohner zusammengehalten hatte? Das Werk hatte einem jeden, der dort arbeitete, seinen Platz zugewiesen – und auch so manche aufgefangen und irgendwie mit durchgeschleppt, die nur den Hilfsschulabschluss hatten oder regelmäßig mit einer Schnapsfahne zur Schicht erschienen.

Das ist dem Bürgermeister dann doch zu vergangenheitsselig. „Ich bin groß geworden in der Leistungsgesellschaft“, sagt er. „Manchmal muss man da auch steinige Wege gehen. Es ist vielleicht gar nicht so schlecht, dass man nicht mehr so viel nachgetragen bekommt.“

Gerhard Jüttemanns Welt sieht anders aus. Ein Jahr nach der Schließung der Grube rief er mit einigen Getreuen aus Arbeitskampftagen den Thomas-Müntzer-Kaliverein ins Leben. Gemeinsam richteten sie in den Räumen der ehemaligen Betriebsambulanz ein Museum ein, das die Erinnerung an die 84-jährige Geschichte des Bergwerkes wachhalten soll. Das Geld war zu Zeiten des Ausstands durch Spenden aus ganz Deutschland zusammengekommen. Selbstverständlich dokumentiert das Museum auch die Monate des Protestes. So sorgt Jüttemann dafür, dass die Zeit, in der er kurz zum Helden wurde, nicht in Vergessenheit gerät.

1994 zog er, nachdem Gregor Gysi ihm die Kandidatur angetragen hatte, für die damalige PDS, heute Die Linke, in den Bundestag ein. Bei der Wahl 1994 stimmten 32,8 Prozent der Bischofferöder für ihn, vier Jahre später sogar 39,2 Prozent. Im Parlament fiel er in zwei Legislaturperioden nicht sonderlich auf. Seine wenigen Reden hielt er meist ganz am Ende der Debatte, als Letzter, wenn fast alle anderen Abgeordneten schon den Plenarsaal verlassen hatten. Nach dem Ausscheiden aus dem Parlament kehrte Jüttemann nach Bischofferode zurück und arbeitete noch einige Jahre in der GVV, zuletzt in der Geschäftsleitung.

Heute hält er sich am liebsten im Taubenschlag auf. Schon seit Kinderzeiten züchtet er Brieftauben, mehr als 100 Tiere sind es mittlerweile. „Manchmal sitze ich mit dem Klappstuhl im Schlag, drei oder vier Stunden, und beobachte die Tiere“, sagt Jüttemann.

„Wenn es um das Bergwerk geht, wird er noch immer kribbelig, dann hängt er fest“, sagt Johannes Peine über Jüttemann. Der Unternehmer und der einstige Arbeiterführer sind seit ihrem gemeinsamen Kampf für die Rettung des Werkes Freunde. Peine durfte im Museum sogar einen eigenen Raum einrichten mit einem Modell des Bergwerkes, wie es unter seiner Regie einmal hätte aussehen können. „Dieses Thema“, sagt er, „hört für Jüttemann nie auf.“ ---

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