Ausgabe 08/2017 - Was Menschen bewegt

Ingrid Loyau-Kennett

Acht Minuten

• Was anfangen mit dem „Engel von Woolwich“, der doch kein Engel ist? Mit dieser einst so gefeierten Heldin, die nicht als Heldin taugt. Die ihren Mitmenschen kein Halt ist. Keine Hoffnung. Kein Strohhalm in der Flut schlechter Nachrichten und alltäglichen Unheils. Sondern: eine, die selbst ersäuft. Und wütend ist, so schrecklich, verzehrend wütend. Auf alle. Und alles.

Kurz nachdem wir uns erstmals begegnen, fährt ein Mann, ohne aufzupassen, aus der Parkbucht und auf den Fußgängerüberweg vor uns. „Idiot!“, schreit Ingrid Loyau-Kennett und sieht ihn nicht einmal an. Hastet schimpfend und fluchend weiter. „Gedankenloser Idiot!“ Und: „Was stimmt denn nur mit den verfluchten Menschen nicht?!“ – „Verzeihung!“, ruft der Mann verschämt aus dem Autofenster. Aber sie hat kein Ohr für ihn, keinen Blick, keine Zeit. Nur diese Wut, die an ihr frisst, schon seit Langem. Und doch darf man ihr glauben, wenn sie sagt, jener Tag im Mai 2013, als sie – selbstlos oder selbstvergessen, was macht das schon? – auf einer Straße im Londoner Stadtteil Woolwich zwei Mördern gegenübertrat, habe ihr Leben endgültig „ruiniert“.

Sie sah damals, im Linienbus 53 unterwegs nach Hause in Cornwall, eine Szene, die sie für einen Autounfall hielt: Auf dem Bürgersteig stand ein Wagen, mit zerbeulter Motorhaube. Auf der Straße lag ein Mann. Neben ihm hockte eine Frau, die dem Reglosen den Rücken rieb. Ein schwarz gekleideter Mann lief auf und ab. Ein zweiter stand etwas abseits, gegen einen Zaun gelehnt. Der Bus hielt, außerplanmäßig, und Ingrid Loyau-Kennett stieg aus.

„Ich dachte, ich könnte mich nützlich machen, ich hatte als Pfadfinder-Führerin ja einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert.“ Sie ging zu dem Reglosen, hockte sich neben ihn, drückte zwei Finger auf die Innenseite des schlaffen Handgelenks. Da war kein Puls. „Das muss nichts bedeuten“, sagt Loyau-Kennett. „Es hätte ja sein können, dass der Arm abgetrennt war.“ Darum fühle man besser noch mal an der Halsschlagader. Der Kopf des Reglosen war mit einer Jacke bedeckt. Als sie versuchte, sie anzuheben, hörte sie die Stimme: „Lass die Finger von der Leiche!“ Sie sah auf und vor sich ein Paar blutiger Hände. Mit einem Schlachtermesser und einem Revolver. „Da habe ich gedacht, aha, das ist doch etwas anderes hier. Der hat den umgebracht.“ Sie erhob sich und begann, mit dem Mann zu sprechen.

„Warum? Warum soll ich die Leiche nicht anfassen?“

„Weil ich den Mann getötet habe. Er war britischer Soldat und hat Muslime in ihren Heimatländern getötet. In Afghanistan, im Irak, jeden Tag werden dort und anderswo unsere Frauen und Kinder getötet, nur weil sie Muslime sind.“

„Ja, das ist wahr und sehr traurig. Was wollen Sie jetzt? Geld, ein Fluchtauto?“

„Ich will kämpfen. Ich will einen Krieg, hier in London.“

„Das geht nicht. Warum treten Sie nicht einer Armee bei und kämpfen in den Ländern dort? Dann können Sie so viele Soldaten töten, wie Sie wollen. Wäre das nicht besser? Außerdem kommt eh bald die Polizei.“

„Das ist mir egal. Ich werde kämpfen und sie erschießen.“

Und dann sagte Loyau-Kennett jenen Satz, der ihr das höchste Lob einbringen sollte, von höchster Stelle: „Schön und gut, aber Sie sind allein. Gegen viele. Sie werden verlieren.“ Es war der Satz, über den der damalige britische Premierminister David Cameron sagte: „So muss man Terroristen gegenübertreten! Ingrid Loyau-Kennett sprach für uns alle!“

Auf den Bildern von damals steht sie da, erst dem einen Mörder gegenüber. Dann dem anderen. Man sieht sie von hinten. Blonder Pferdeschwanz, schlank, in Jeans und T-Shirt. Hände in den Taschen einer Weste. Gelassen. Oder verloren. Wer will das mit Sicherheit bestimmen? Angesichts einer Situation, in der nichts mehr sicher, in der nichts gesichert war. Und: Angst? Loyau-Kennett schnaubt. „Warum hätte ich Angst haben sollen? Der Mann (Adebolajo) war nicht betrunken. Er war nicht auf Drogen.“ Ein bisschen aufgeregt, ja. „Aber das konnte ich verstehen. In seiner Situation.“

Michael Adebolajo war zur Tatzeit 29 Jahre alt und vier Tage zuvor zum sechsten Mal Vater geworden. Sein Komplize Michael Adebowale war 22. Beide Männer sind Briten aus christlichen Familien nigerianischer Herkunft. Zum Islam in seiner extremen, mörderischen Form zog es sie erst als junge Männer. An jenem Tag im Mai hatten die beiden vor der Kaserne in Woolwich auf einen Soldaten gelauert. Auf irgendeinen Soldaten.

Der 25-jährige Lee Rigby sei Allahs Wahl gewesen. Die Mörder gaben Gas, rammten Rigby mit ihrem Opel Tigra, zerrten den noch Lebenden auf die Straße, hackten mit Schlachtermessern auf ihn ein und versuchten schließlich, ihn zu enthaupten. Anschließend baten sie Passanten, die Polizei zu rufen.

Die folgenden 14 Minuten wartete Adebowale meist abseits und stumm am Zaun. Adebolajo sprach – blutverschmiert, mit seinen Waffen gestikulierend – in die Smartphones des sich versammelnden Publikums. Entschuldigte sich, dass Frauen und Kinder die Tat hätten mitansehen müssen. Drängte: „Setzt eure Regierungen ab! Eure Politiker scheren sich nicht um euch. Glaubt ihr, es erwischt David Cameron, wenn wir um uns ballern? Glaubt ihr, Politiker werden sterben? Nein, ihr Normalbürger und eure Kinder!“ Ingrid Loyau-Kennett spürte eine unerhörte Verbindung.

Sie wurde in Frankreich geboren, als älteste Tochter einer Britin und eines Franzosen. Scheidung der Eltern mit vier. Sie wuchs auf mit den beiden Schwestern bei der Mutter in Paris. „Eine kalte Frau“, sagt die Tochter. „Ich habe ihr nie, nie verziehen, dass sie meinen armen Vater verließ. Was hatte sie an ihm auszusetzen?“ Sie selbst, sagt die Tochter, habe ihn über alles geliebt. Dann also war er wärmer als die Mutter? „Ach wo!“, ruft sie unwirsch. „Ich habe ihn geliebt, ja. Aber es kam nie etwas von ihm zurück!“ Als sie erwachsen war, nahm sich der Vater das Leben. „So hat die Polizei es erzählt.“ Sie lacht. Ihr Tonfall kippt ins Schrille. „Aber ich weiß, es war Mord! Getötet von seiner sogenannten Geliebten!“

Sie wünscht sich eine Heimat. Und findet keine

Ingrid Loyau-Kennett studierte Geschichte. Heiratete einen Iraner, der sie schlug. Bekam mit ihm eine Tochter, dann einen Sohn, wurde geschieden. Der Mann verschwand für ein paar Jahre. Als die Kinder im Teenageralter waren, tauchte er hier und da flüchtig wieder auf. Loyau-Kennett war selbst noch ein Teenager gewesen, als sie erstmals für einen Verwandtenbesuch nach Großbritannien kam. „Ich stieg in London an der Victoria Station aus dem Zug, atmete tief ein und wusste: Ich bin daheim!“

Anfang der Achtzigerjahre zog es sie dauerhaft über den Kanal. Auf die Legitimation ihres Heimatgefühls wartet sie bis heute. Kinder britischer Mütter, die vor 1983 im Ausland geboren wurden, haben nicht automatisch das Recht auf Staatsbürgerschaft. Und weil die Behörde die Bittstellerin Loyau-Kennett wieder und wieder abweist, wurde aus der Bitte ein Kampf. Sie erschöpft sich in ihm seit 30 Jahren. „Verrückt!“, ruft sie. „Mir verweigern sie die Staatsbürgerschaft, weil mein britischer Elternteil eine Frau ist! Aber jeder Schwarze, Araber oder Muslim, der uns bombardiert und seit fünf Jahren hier lebt, bekommt sie!“

Ist es ein Zeichen von Wahnsinn, Zusammenhänge zu sehen, wo keine sind? Ist verrückt, wer das Leben nicht länger als eine mehr oder weniger natürliche Kette von Widrigkeiten sieht, sondern als eine einzige persönliche Attacke? Ist die alles verzehrende Wut eine Form von Wahn? Oder ist Wahnsinn ihr Ergebnis?

Einmal gab sie sich fast geschlagen, packte ihre Tochter, ihren Sohn, ihren Hausstand, lieh sich ein paar Tausend Pfund, „von meiner Mutter“, und ging nach Neuseeland. „Ich arbeitete dort als Lehrerin, als Übersetzerin, in zwei Jobs, 24 Stunden am Tag.“ In ihrem Flur hängt, neben den Union-Jack-Wimpeln und den gerahmten Porträts der Königin und ihrer Familie, auch ein Bild von ihr selbst. Lachend, im Kreis und Arm in Arm mit einer Maori-Familie. „Die hatten mich adoptiert. Ich war eine von ihnen.“ Beinahe zu Hause. Hätte die Behörde mit ihren ablehnenden Bescheiden sie nicht alljährlich daran erinnert: Ohne amtliche Beglaubigung ist das Gefühl auch in Neuseeland nichts wert. So kehrte sie nach sieben Jahren zurück, ins Königreich. „Wenigstens eine Krankenversicherung habe ich hier.“ Sie spricht weiter mit jenem „blöden, blöden Akzent“ – französisch, jetzt mit einem Hauch Neuseeland darin – der die Nachbarn in ihrer Ignoranz verlockt, ihr „Verfickte Polin!“ hinterherzubrüllen.

„Ich bin Nomadin“, sagt sie. „Überall daheim.“ Was ja oft genug gleichbedeutend mit nirgends ist. In Cornwall, sagt sie, sei sie aus Versehen gelandet. „Das College hier war das einzige in ganz England, das zwei Plätze frei hatte für meine Kinder.“ Sie lacht bitter. „Statt das dämlich als großes Glück zu sehen, hätte es mir eine Warnung sein sollen.“ Hätte sie rechtzeitig ahnen lassen sollen, was sie heute nach elf Jahren hier weiß: „Kein Mensch will nach Cornwall!“ Es ist die bedürftigste Grafschaft im Königreich. Und einer der ärmsten Landstriche in der Europäischen Union.

Was ihr bleibt, ist die Wut

Cornwall, das sind eine atemberaubende Steilküste und bahamasbreite Strände. Das sind bröckelnde Fassaden‚ Arbeitslosigkeit, Trainingsanzüge und häusliche Gewalt. Von 2007 bis 2013 erhielt Cornwall von der EU Notfallzahlungen für den Ausbau seiner Infrastruktur und Universitäten in Höhe von 654 Millionen Britischen Pfund. „Holt euch die Kontrolle zurück!“, lockte die Pro-Brexit-Kampagne 2016. Die Bewohner Cornwalls folgten mit überdurchschnittlich großer Mehrheit diesem Sirenenruf. Ein Abgeordneter der Labour-Partei warnte: „Brexit bedeutet für uns, wir stürzen von der Klippe!“ Dieses Gefühl beherrscht Loyau-Kennett persönlich seit Langem.

Ihr Austausch mit Adebolajo dauerte acht Minuten. Ihr sei oft gesagt worden, die müssten ihr endlos erschienen sein. „Und ich sage immer wieder: Nein, nein, nein! Sie kamen mir auf die Sekunde genau vor wie acht Minuten.“

Als sie sah, wie ihr Bus anfuhr, fragte sie den Mörder: „Kann ich noch etwas für Sie tun? Ich muss dann jetzt gehen.“ – „Kein Problem“, sagte er. Loyau-Kennett stieg zurück in den Bus, verweigerte sich dem gebrüllten Befehl eines Mannes, sich zu Boden zu werfen, sah durch das Fenster ein Polizeiauto die Straße heraufrasen, hörte Schüsse, sah die beiden Täter auf den Asphalt stürzen und brüllte gegen die panischen Schreie der anderen Fahrgäste an: „Haltet die Klappe! Es ist alles vorbei!“ Außer Wut wegen deren sinnlosen Theaters, sagt sie, habe sie nichts gefühlt. Lange nichts. Und was sie schließlich fühlte, war ihr nicht neu.

Panikattacken. Atemnot. Existenzangst. Depression. Sie bekämpfte all das 25 Jahre mit Tabletten. „Meinen Kindern zuliebe! Denn wer mit einem depressiven Elternteil aufwachsen muss, hat später selbst ein erhöhtes Risiko, an Depression zu erkranken.“ Zum Glück, sagt sie, gehe es ihren jetzt erwachsenen Kindern gut. Seit sie aus dem Haus und weit weg sind, in London, geht es der Mutter zunehmend schlechter. Die Tabletten nimmt sie nicht mehr. Seit die Ärzte versuchen, „mir die billige, potenziell tödliche, generische Version statt das Original anzudrehen“. Sie hat es mit Therapie versucht. Zwei Jahre nach dem Mord. Als die Armee von ihrem Zustand hörte und ihr, in Anerkennung für ihren Einsatz für den ermordeten Soldaten, ein paar Sitzungen bei einer Therapeutin in London spendierte. „Aber ich bin nicht gut darin, über mich zu sprechen.“

Was ihr bleibt, ist die Wut. Auf das sich „einen Dreck“ um sie scherende Sozialamt. Auf den das bettelarme Cornwall zusätzlich „abkassierenden“ Duke der Grafschaft, Charles, Prince of Wales. Auf die über Cornwalls einst reichen Fischgründen kreisenden Geier der EU. Und vor allen anderen: auf all die Arbeitslosen, Hilfeempfänger, auf ihre Nachbarn. Diese „fetten, faulen, verblödeten“ Stützeschmarotzer, mit denen sie, die „exzellent ausgebildete Tochter arbeitender Aristokraten“ nichts gemein hat. Es ist eine sich wieder und wieder wiederholende Tirade. Und wenn die Anstrengung, die es kostet, ihr zuzuhören, und die Erschöpfung danach ein Maßstab sind für die Anstrengung und Erschöpfung, die ihr das Leben sind, dann muss beides bodenlos sein.

Man könnte sich trösten, dass sie schon vor jenem Tag in Woolwich auf Talfahrt war. Dass darum der Mord an Rigby kaum, wenn überhaupt, einen Anteil an ihrer Verzweiflung hat. Oder ist es eher umgekehrt? Muss man sich nicht vielmehr besorgt fragen, welchen Effekt ein Erlebnis, das schon für stabile Menschen traumatisch ist, erst auf eine schon brüchige Psyche hat? Auf Stress.

Der 38-jährige Danny Cornelius hatte in der Straße gelebt, in der Rigby hingerichtet wurde, und den Mord mit angesehen. Er war zuvor selbst zweimal Opfer von Überfällen gewesen. Beim ersten Mal entrissen ihm Männer mit vorgehaltenem Messer seine Goldkette. Zwei Jahre darauf zwangen ihn Räuber, von einem Bankautomaten Geld abzuheben und es ihnen zu übergeben. Beide Männer waren dunkelhäutig. Cornelius hatte bereits nach den Überfällen auf ihn eine paranoide Schizophrenie entwickelt und sich weitgehend von Familie und Freunden zurückgezogen.

Nach dem Mord an Lee Rigby reichten weniger dramatische Ereignisse aus, um ihn endgültig auf Schussfahrt zu schicken. Als ihm die Beförderung, um die er sich beworben hatte, verwehrt wurde, gab er seinen Job als Kurier auf. Er suchte verzweifelt nach einer Aufgabe und fand sie für eine Weile, indem er mit einer älteren Nachbarin einkaufen ging. Bis sie verstarb. An seinem letzten Tag hatte er in die Stadt gewollt, um sich die Haare schneiden zu lassen. Seine Großeltern konnten ihn nicht fahren. Er war frustriert, wütend. Er zog sich zurück in den Garten. Als sein Großvater ihm nachging, um nach ihm zu sehen, fand er ihn erhängt an einem Baum.

Nach der Begegnung mit den Mördern verbrachte Loyau-Kennett die Busfahrt von London nach Cornwall zwischen den Sitzreihen auf dem Boden hockend. Das Handy ununterbrochen am Ohr. Es hörte nicht auf zu klingeln. Jeder wollte jetzt mit ihr sprechen. Gleich sofort und bitte exklusiv! Sie lacht. Ruft: „Verrückt!“ Für die Dauer dieser Erinnerung sieht sie glücklich aus.

Am Abend, kurz vor Cornwall, fischte ein Fernsehsender sie aus dem Bus, buchte sie in ein Hotel und präsentierte sie am nächsten Morgen im Frühstücksprogramm. Sie war jetzt nicht länger eine Hilfeempfängerin. Sie hatte jetzt bitte etwas zu geben, das mit keiner Münze aufzuwiegen war. Halt. Hoffnung. Sie war „Eine Frau, die zwei Mörder stoppte“, „Die zweifache Mutter, die Terroristen den Krieg ausredete“. Es folgten mehr Einladungen zu den üblichen Sendungen, in denen die Moderatoren zu den Erzählungen ihrer Gäste großäugig nicken. Es folgten die Lobgesänge. Medaillen. Das ganze atemlose, bisweilen gedankenlose Tamtam. David Cameron mahnte: „Wir sollten alle so handeln wie Ingrid Loyau-Kennett!“ Also: Wenn wir auf einen blutverschmierten, beilschwingenden Mörder treffen, auf ihn zugehen und mit ihm eine Runde palavern? In Frankreich freute man sich, dass diese Frau, die vor Jahren ihr Land verlassen hatte, weil sie sich dort als Fremde fühlte, doch eigentlich eine von ihnen war. Und die britische Tageszeitung »The Telegraph« forderte: „Dieser Frau steht jetzt hoffentlich eine große Karriere im öffentlichen Dienst bevor!“ Die Heldin, auf ihren paar Quadratmetern Sozialbau, klammerte sich an jedes Wort.

Im Oktober ihres Jubeljahres nominierte die Öffentlichkeit sie für die Auszeichnung zum Pride of Britain, dem „Stolz der Nation“. Alljährlich ausgeschrieben und im Fernsehen präsentiert vom »Daily Mirror«, dem Klatschblatt der Nation. Mit ihr nominiert, in der Sparte „Herausragender Mut“, waren Amanda Donnelly und deren Tochter Gemini Donnelly-Martin. Beide Frauen hatten an der Seite des sterbenden, vielleicht auch schon toten Lee Rigby gebetet.

Man macht ihr Hoffnung. Und enttäuscht sie

Ingrid Loyau-Kennett reiste zur Preisverleihung nach London. Prince Charles und Prince William würden dort sein, der Fußballstar David Beckham. Was für ein verheißungsvoller Tag! Am Abend zuvor die Generalprobe. Und dann, am Tag der Tage: nichts, kein Auftritt. Nicht für Ingrid Loyau-Kennett. Und nicht für Mutter und Tochter Donnelly. „Aber die waren eh nicht gekommen“, sagt Loyau-Kennett. Der »Daily Mirror« und sein Mitveranstalter, der Fernsehsender ITV, hatten die Ausstrahlung der Preisverleihung an die „Engel von Woolwich“ kurzfristig abgesagt – „mit großem Bedauern, aus rechtlichen Gründen“. Die Verhandlungen gegen Lee Rigbys Mörder sollten im Monat darauf beginnen. Die Veranstalter waren von ihren Anwälten darauf aufmerksam gemacht worden, dass nichts „ausgestrahlt oder veröffentlicht werden darf, das die Ausübung der Justiz behindert, inklusive Hintergründe und Anschuldigungen im Zusammenhang mit der Mordanklage in Woolwich“. Loyau-Kennetts Heimatblatt titelte: „Heldin Ingrid bei Preisverleihung abgeblitzt“.

Von diesem Abend spricht sie, als habe man ihn ihr gestern angetan. „Es war so verdammt unfair!“ Der Sender habe ihr versprochen, sie ersatzweise im folgenden Jahr einzuladen. „Passierte natürlich nicht!“ „Mein Leben ging so“, sagt Ingrid Loyau-Kennett und zieht mit der Hand eine flache Linie in die Luft, die plötzlich leicht abfällt. „Dann kam Lee Rigby.“ Die Linie steigt steil an. „Und dann, peng, ist alles vorbei.“ Ihr in die Luft gemaltes Leben stürzt ins Bodenlose.

„ Ich bin so wenig Terrorist wie der! “

Im Mai 2014 wurde sie nach einem Vorfall von der Polizei abgeholt. Zeugen hatten ausgesagt, sie habe den Apotheker des Supermarkts beschimpft. Der Apotheker ist schwarz. Loyau-Kennett habe zu ihm gesagt, dass er in England nichts zu suchen habe. Dass er nach Nigeria gehen und unter seinesgleichen arbeiten solle. Lee Rigbys Mörder waren Briten nigerianischer Herkunft. War das für ihre Tirade, die sie „ein Missverständnis“ nennt, von Bedeutung? Die Polizeibeamten, die sie drei Tage später zu Hause aufsuchten, klagten sie nicht wegen eines rassistischen Verbrechens an. Sie fuhren sie in eine psychiatrische Klinik. Zum Schutz vor sich selbst. Eine Sorge, welche die In-Gewahrsam-Genommene nicht schätzt. Nicht schätzen kann. Für sie ist der Vorfall ein weiterer Beleg für etwas, das sie seit Langem weiß: „Alle sind gegen mich.“

„Ich habe Schlimmeres erlebt als den Mord an Rigby“, sagt Loyau-Kennett. „Ich erlebe Schlimmeres.“ Jeden Tag. „Wenn die Nachbarskinder mit Steinen und Eiern nach mir werfen und ich sehen muss, zu was für Erwachsenen sie eines Tages heranwachsen werden. Das macht mir Angst!“ Aber doch nicht dieser Mörder! „Wie hieß er noch?“, fragt sie. Michael Adebolajo. Der nicht betrunken war. Und nicht auf Drogen. Der nicht war wie die Nachbarn. Der „nur noch reden wollte“, mit dem sie reden konnte, für acht Minuten. Später, in dem Prozess gegen ihn, bedauerte Adebolajo, dass er anderen Passanten nach dem Mord erst habe ausdrücklich versichern müssen, dass sie nicht in Gefahr seien: „Weil die Leute selbst unter den besten Umständen oft Angst vor schwarzen Männern haben. Und zu diesen unglückseligen Stereotypen kam, dass ich Waffen in den Händen hielt und Blut auf meinen Händen und im Gesicht hatte.“ Adebolajo ist geistig gesund, das haben Gutachter ihm vor dem Prozess attestiert.

„Natürlich!“, ruft Ingrid Loyau-Kennett. „Der hatte einfach die Schnauze voll. Er war frustriert.“ Das habe sie damals gleich gesehen. Das könne sie noch heute verstehen. „Und natürlich, weil ich das auch mal im Fernsehen sagte, schreien meine idiotischen Nachbarn mir heute noch ‚Terroristin‘ hinterher und bewerfen mich mit Steinen!“ Sie ruft zornig: „Was für ein Unsinn! Ich bin so wenig Terrorist wie der!“

Im Dezember 2013 wurde Michael Adebolajo zu lebenslanger Haft verurteilt. Er war den britischen Behörden lange vor dem Attentat als gefährlich bekannt. Der britische Inlandsgeheimdienst MI 5 hatte vergeblich versucht, ihn für eigene Zwecke zu rekrutieren, und ihn dann aus den Augen verloren. Sein Komplize Michael Adebowale wurde zu einer Haftstrafe von 45 Jahren verurteilt. Seit er als Jugendlicher mit ansah, wie ein Bekannter auf offener Straße zu Tode gehackt wurde, hört er Stimmen. Er sieht sich verfolgt von „Dschinns“, Geistern. Die Gutachter erlebten ihn als „paranoid und zusammenhanglos“ und „an der Grenze zur Schizophrenie“.

Ingrid Loyau-Kennett kann beide Urteilssprüche nicht verstehen. „Der Erste ist ein brutaler Killer, dem gehört der Kopf abgeschlagen, genau wie er es bei seinem Opfer gemacht hat!“ Aber der Zweite? „Der arme Junge ist doch nur verrückt! 45 Jahre im Knast für Wahnsinn?! Wie bitte ist das gerecht?“

In der Dokumentation „Warum wurde ich verrückt?“ aus der BBC-Serie »Horizon« fragen die Autoren nach den möglichen Ursachen für Schizophrenie. Neben Auslösern wie Missbrauch und anderen Gewalterfahrungen hatten die Kranken eine Erfahrung gemein: Sie fühlten sich Zeit ihres Lebens als – oder waren – Außenseiter. Sie hatten in ihrer Jugend häufig den Wohnort wechseln müssen, die Schule, den Freundeskreis. Sie erlebten sich immer wieder aufs Neue als Fremde. Und blieben es dauerhaft.

Ingrid Loyau-Kennett leidet immer öfter an Panikattacken und Atemnot. Sie leidet unter den Nachbarn, Cornwall, der „widerwärtigen Gesellschaft“ und dem eigenen Stillstand. Alles hier nervt und bedroht sie. In ihrer Souveränität. In ihrem Fortkommen. In ihrer Existenz. Die zwischen den Autos Ball spielenden Kinder. Die lauten Partys. Das behinderte Kind in dem Zwei-Quadratmeter-Garten neben ihrem, das sich laut brummend und stöhnend durch den Tag wiegt. Dann schreit die frühere Lehrerin: „Verflucht noch mal, sprecht mit ihr! Sie will doch nur, dass jemand mit ihr spricht! Warum kapiert ihr Idioten das nicht?!“

Die Nachbarn schlagen zurück. Zerbeulen ihr Auto. Zerbrechen den Spiegel. Werfen mit Eiern und Steinen. Auf ihrem Laptop sammelt sie unerhörte Beweise. Fotos von verbeultem Blech, zerkratzter Haut und von blauen Flecken.

Nach jedem neuen Terroranschlag (der in Manchester fiel auf den vierten Jahrestag des Mordes an Lee Rigby) sieht auch sie sich vermehrt attackiert. Und weil die Polizei auf ihre Hilferufe hin längst nicht mehr komme – „Im Gegenteil, die kämpfen auf der Seite meiner Idioten-Nachbarn gegen mich!“ –, schleicht sie sich nachts auf den Parkplatz und schmiert Kleber in Autoschlösser.

„Sie werden verlieren“, hatte sie Adebolajo gesagt. „Denn Sie sind allein. Gegen viele.“ Und man kann einem Premierminister nicht nachsehen, dass er aus diesen Worten hört: „Sie sprach stellvertretend für uns alle.“ Wahrscheinlicher ist: Sie sprach für sich allein. Mit einer Botschaft für uns alle. ---

„Schön und gut, aber Sie sind allein. Gegen viele. Sie werden verlieren.“

Eine erschöpfende Recherche

Als ich das erste Mal von Ingrid Loyau-Kennett und ihrer Heldentat las, war ich so ehrfürchtig wie alle: Da war eine Männern gegenübergetreten, die gerade einen Mord verübt hatten: furchtlos, selbstlos, um Schlimmeres zu verhindern.

Zwei Jahre später las ich in der britischen Presse, sie habe mit ihrer Gesundheit für ihren Einsatz bezahlt. Leide unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, könne nicht mehr schlafen, nicht mehr arbeiten, verlasse kaum noch das Haus. Das erschien mir angesichts dessen, was sie erlebt hatte, plausibel. Erzählenswert auch. Ich schrieb sie an. Sie antwortete – noch einmal zwei Jahre später. Höflich, freundlich: Selbstverständlich sei sie bereit, mit mir zu sprechen.

Wir schrieben ein paar Mal hin und her. Aus ihren E-Mails klang zunehmend eine Dissonanz. Etwas, das ich nicht benennen konnte. Nur fühlen. Das erste Telefonat war enttäuschend. Verwirrend. Und: auf eine mir unbekannte Weise beängstigend. Sie schimpfte auf alles und jeden, erzählte wild und bisweilen zusammenhanglos. Warf Fakten durcheinander. Immer wenn ich glaubte, wir hätten einen gemeinsamen Faden gefunden, ließ sie ihn fallen. Abreißen. Entschwand.

Ich war nicht sicher, ob es noch Sinn hatte, nach Cornwall zu fahren, um sie zu treffen. Die Geschichte, die ich hatte erzählen wollen, gab es offenbar nicht. Der Fotograf, der sie vor mir getroffen und gefunden hatte: „Die Frau war schon zuvor verrückt!“, hatte offenbar recht. Und doch war ich sicher: Sie hatte eine erzählenswerte Geschichte. Die 14 Stunden, die ich schließlich mit ihr verbrachte, waren manchmal lustig, bisweilen furchterregend und alles in allem erschöpfend. In einem Pub schimpfte sie laut über die „fetten Nichtsnutze“ am Nachbartisch. Als sie die Fotos von ihren Verletzungen, die sie mir hatte zeigen wollen, nicht gleich auf dem Laptop fand, fiel sie für Minuten in eine stumme, starre Verzweiflung. Bei einem Spaziergang entlang der Klippen trat sie schwindelerregend nah an die Kante. Die Geschichte zu schreiben erwies sich als ebenso erschöpfend. Ein paar Mal war ich nahe daran, aufzugeben.

Ingrid Loyau-Kennett ist ein unbehagliches Opfer. Eine, der man leicht jede Sympathie und Hilfe verwehren kann, weil man denkt: selbst schuld! Eine, bei der man leicht übersieht, dass und wie sehr sie Hilfe braucht. Auch darum ist ihre Geschichte wichtig. Sie erzählt nicht nur, was mit Menschen passieren kann, die sich in unserer Gesellschaft nicht heimisch fühlen. Sondern auch von unserem eigenen Wahnsinn. Oder wie soll man das nennen, was mit „der Heldin“ nach ihrer „Heldentat“ geschah?

Antje Joel hat diese Geschichte im Auftrag des Schweizer Frauenmagazins »annabelle« recherchiert und geschrieben

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