Ausgabe 08/2017 - Editorial

Lockerungsübungen

• Journalisten kennen das. Sie suchen nach dem ersten Satz oder einer ganz besonderen Dramaturgie der zu erzählenden Geschichte – und verkrampfen beim Nachdenken immer mehr. In aller Regel hilft dagegen Aufräumen, Fenster putzen, Bügeln; jedenfalls eine Tätigkeit, die ablenkt und die Blockade im Kopf löst.

Das ist die kleine Version einer großen Übung. Denn in Zeiten schneller Veränderung wird es immer wichtiger loszulassen. Doch gerade wenn sich um einen herum alles neu sortiert, wächst die Neigung zu klammern. Privat verklärt man das gern als Nostalgie, im Geschäftsleben kann es schnell ins Aus führen (S. 28).

Zum Beispiel, wenn man einer der vielen Automobilzulieferer ist, die vom Verbrennungsmotor abhängen. Wie lange geht das noch gut? Ist der Elektroantrieb wirklich die Alternative? Und wie stellt man sich auf die unsichere Zukunft ein? Da sind die Energieversorger besser dran: Die wissen immerhin schon, wann die Zeit der Atomkraftwerke abläuft. Aber wie soll es dann weitergehen? Womit verdienen sie Geld? Zwei Branchen, zwei Fragestellungen. Beim österreichischen Zulieferer Miba und beim süddeutschen Energieversorger EnBW führten sie zu der Erkenntnis, dass man sich von Liebgewonnenem trennen muss (S. 98, 60).

Aber das ist leichter beschlossen als umgesetzt, das weiß jeder, der schon mal von einer Angewohnheit lassen wollte. Noch schwerer fällt es, wenn nicht sicher ist, dass danach etwas Besseres kommt. Für einige der einstigen Kämpfer im Kaliwerk Bischofferode ist die Vergangenheit attraktiver als das Jetzt, der Preis für das Festhalten ein Leben im Gestern (S. 78).

Das wäre für Werner Funk nicht infrage gekommen, auch wenn der ehemalige Chefredakteur den Rauswurf beim »Spiegel« als persönliche Katastrophe beschreibt. Noch heute, gut 25 Jahre später, kann er den Schmerz spüren, erkennt aber auch an, dass die Trennung seinen Spielraum erweitert hat. Mehr Wahlmöglichkeiten sind der Lohn, allerdings, so hat der israelische Psychoanalytiker Carlo Strenger festgestellt, nicht für jeden ein Gewinn (S. 114, 46).

Denn Freiheit kann Angst machen. Und hat doch für viele eine gewaltige Anziehungskraft. Für den rastlosen Weltreisenden Mario Goldstein war sie zu DDR-Zeiten der Fixstern, für die Musikerin Susanne Geisler eine mühsam erkämpfte Chance. Und für Mario Ballabio ist sie die Voraussetzung dafür, dass er seine hoch spezialisierte Tätigkeit beim Schweizer Lautsprecher-Hersteller Piega überhaupt ausüben kann: Er klebt Aluminiumfolien, dünner als ein Haar. Und wäre längst weg oder wahnsinnig, hätte er nicht einen Chef, der ihn jederzeit die Arbeit unterbrechen lässt, wenn gutes Surfwetter ist (S. 54, 44, 122).

Wer loslassen kann, ist zu besonderer Leistung fähig – und er hat die Chance, unter den vielen Möglichkeiten die zu wählen, die zu ihm passt. Wolfgang Ullrich hat dafür seine Professur sausen lassen, Gabriele und Robert Enskat eine solide bürgerliche Existenz und Kerstin und Jörg Herkommer ihre Firma. Das ist kein Spaziergang. Aber es ist ein Weg, sich von all den Verführungen und Verkrustungen zu lösen und neu zu entscheiden, was wichtig ist (S. 36).

Dafür muss man nicht gleich alles über den Haufen werfen. Für den Anfang helfen auch kleine Lockerungsübungen – Gewohnheiten aufgeben, angestrengte Arbeiten unterbrechen oder einfach nur auf einem sonnenbeschienenen Fleckchen Erde ganz da und bei seinen Lieben sein. ---

Gabriele Fischer
Chefredakteurin

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