Ausgabe 08/2017 - Schwerpunkt Loslassen

Trendthema Achtsamkeit

Deckung!

„Beim Zahnarzt oder im überfüllten Bus sich und die Umwelt ganz bewusst wahrnehmen, dabei unangenehme Gerüche, schrille Geräusche, negative Gefühle und Gedanken erkennen, aber auch wie eine Wolke vorbeiziehen lassen. Denn das ist das Geheimnis von Achtsamkeit: wahrnehmen und loslassen.“

Tipp auf »Spiegel Online«

• Dass ein Trend seinen Höhepunkt erreicht hat, lässt sich an dreierlei ablesen. Erstens meint wirklich jeder, dabei sein zu müssen. So hat der „Erfolgsmönch“ (»Welt«) Anselm Grün, Autor zahlreicher spiritueller Ratgeber wie „Was will ich? – Mut zur Entscheidung“ oder „Du bist wertvoll“, sein umfangreiches Œuvre um ein Aufstellbuch in der Art eines Kalenders erweitert – Titel: „Rituale der Achtsamkeit“.

Zweitens überschreiten diejenigen, die sich den Trend zunutze machen wollen, häufiger mal die Grenze zur Lächerlichkeit. Die Bepanthen-Kinderförderung des Pharma-Konzerns Bayer hat jüngst eine Studie zu „Achtsamkeit in Deutschland“ veröffentlicht, für die Kinder und Jugendliche danach befragt wurden, inwiefern sie sich von den Eltern beachtet fühlen. Dem im Schatten stehenden Nachwuchs, so der Rat, könne mit Ansprachen à la: „Wie war dein Tag?“ oder „Ich hab’ dich lieb“ geholfen werden.

Drittens wird es selbst manchen, die den Trend befeuert haben, zu viel. So klagte der ehemalige McKinsey-Mann und Gründer des Netzwerks Achtsame Wirtschaft, Kai Romhardt, gegenüber dem »Handelsblatt«: „Achtsamkeit ist zu einem Produkt mutiert, das sich in praktischen kleinen Dienstleistungsgebinden vermarkten lässt und rasche Linderung verspricht.“

Eben deswegen läuft das Geschäft glänzend. Zahlreiche Bücher geben Tipps zum Thema, noch mehr Coaches verdienen ihr Geld damit; man kann Seminare zum achtsamen Essen buchen, seinen persönlichen Achtsamkeitsgrad mithilfe von Apps kontrollieren und anschließend zur Entspannung die neue Wohlfühlzeitschrift »Hygge« lesen, die den Trend ebenfalls reitet.

Der Vater der Bewegung ist Jon Kabat-Zinn. Der dem Zen-Buddhismus zuneigende Medizinprofessor von der University of Massachusetts in Worcester entwickelte in den Siebzigerjahren einen Acht-Wochen-Kurs zur Reduzierung von Stress (Mindfulness-Based Stress Reduction). Im Kern geht es darum, sich auf den gegenwärtigen Moment zu konzentrieren. Diese von ihren spirituellen Ursprüngen gereinigte Meditation kann sich Studien zufolge unter anderem positiv auf chronische Schmerzen, Schlafstörungen oder Ängste auswirken.

Da immer mehr Menschen unter Stress oder Konzentrationsschwäche leiden (oder dies meinen), gibt es über den engeren Kreis der Patienten hinaus einen Markt für die Methode. Sie verspricht in einer für die Psychologie typischen Weise, Probleme in Kompetenzen zu verwandeln: Alles soll trainiert und gekonnt werden, hier eben Achtsamkeit. Wie bei allen erfolgreichen Psychotechniken expandieren die Anbieter über die klinische Praxis hinaus in die Wirtschaft. Denn zum einen ist man in Unternehmen um der Produktivität willen zunehmend am Wohlbefinden der Mitarbeiter interessiert – und zum anderen lässt sich mit Konzernen mehr Geld verdienen als mit Kassenpatienten.

Mittlerweile ist die Achtsamkeitsbewegung bis ins Topmanagement vorgestoßen. Alpha-Tiere wie Peter Terium, Vorstandsvorsitzender von Innogy, Norbert Reithofer (BMW-Aufsichtsrat) und Klaus Kleinfeld (Ex-Siemens und Ex-Alcoa-Chef) berichteten öffentlich von ihren Meditationserfahrungen. Deutschlands erfolgreichster Softwarekonzern leistet sich mit Peter Bostelmann sogar einen Director of SAP Global Mindfulness Practice als Oberaufseher über die entsprechenden Trainings. Er ist ein gefragter Mann und stellte seine Ideen unter anderem auch bei Thyssen-Krupp, Siemens und der Deutschen Telekom vor. „Manchmal“, sagte Bostelmann der »Süddeutschen Zeitung«, „muss ich bei all den Anfragen aufpassen, mein eigenes Meditieren nicht zu versäumen.“

Laut einer Studie von Microsoft ist die Fähigkeit, sich am Stück zu konzentrieren, in den Jahren 2000 bis 2013 von zwölf auf acht Sekunden gesunken. Ziel der Achtsamkeitstrainings in den Firmen ist es, diese Spanne wieder zu verlängern. Daher unterwirft man nicht nur die Zeit der Arbeit, sondern auch die der Entspannung dem Effizienzgedanken.

Zivilisationskritik im therapeutischen Gewand

Den Höhepunkt hat ein psychologischer Begriff erreicht, wenn er in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen ist. Nach unbewusst (gern auch: unterbewusst), Ödipus-Komplex, Trauma, Selbstverwirklichung, Burnout und Resilienz hat dies nun auch die Achtsamkeit geschafft. Ein wesentlicher Grund ist, dass der Begriff – anders als ähnliche Konzepte wie Autogenes Training – nicht nur eine Technik beschreibt, sondern auch dazu taugt, Zivilisationskritik im therapeutischen Gewand zu betreiben: Die Zeiten sind zu schnelllebig, wir kommen nicht mehr zur Ruhe, können die Gegenwart nicht mehr genießen. Ein Thema, das schon der Psychoanalytiker und Philosph Erich Fromm 1956 in seinem Buch „Die Kunst des Liebens“ behandelte.

Achtsamkeitstraining kann helfen, und die Idee passt zum Zeitgeist. Wo ist also das Problem? Wie viele psychologische Konzepte lädt auch dieses zum Tanz ums Ich ein. Die Menschen sollen in sich selbst die Lösung für ihre Probleme finden. Doch je mehr sie sich mit sich selbst beschäftigen, desto deutlicher werden ihnen ihre Defizite. Es gab noch nie so viel Psychologie wie heute und noch nie so viele Leute, die mit sich haderten. Zudem sind die entsprechenden Begriffe unscharf bei gleichzeitig starkem Aufforderungscharakter. Auf die Frage: „Haben Sie sich heute schon selbst verwirklicht?“ oder „Waren Sie heute ausreichend achtsam?“, liegt die Antwort „leider nein“ nahe.

Vor allem aber sind wir Menschen soziale Wesen und können uns nur in diesem Kontext begreifen und unsere Probleme lösen. Wie weit der Achtsamkeits-Hype davon wegführen kann, schildert David Brendel, Coach für Führungskräfte in den USA: „Eine meiner Kundinnen verbrachte so viel Zeit damit, zu meditieren und ihr Leben ,achtsam‘ zu akzeptieren (…), dass sie daran scheiterte, Mitarbeiter in ihrem Unternehmen zu konfrontieren, die nicht die Erwartungen erfüllten.“ Er, Brendel, habe die Frau, „wiederholt und nachdrücklich“ daran erinnern müssen, dass Meditation nicht bedeute, „schwache Leistungen von Mitarbeitern zu tolerieren“.

Alles schon mal da gewesen

Psycho-Trends kommen und gehen, manche lösen sich einfach in Luft auf. Ein faszinierendes Beispiel ist die Neurasthenie (Nervenschwäche). Erfunden hat diese Krankheit der New Yorker Arzt George Miller Beard im ausgehenden 19. Jahrhundert. Das Leiden, so seine Botschaft, sei eine Folge des Großstadtlebens: Die allgemeine Hektik greife das Nervenkostüm des urbanen Menschen an. Wohlgemerkt nur das der amerikanischen, denn keine andere Nation strenge ihre Gehirne so an. Doch Beards Theorie passte so gut in die Zeit, dass die amerikanische Krankheit sich auch in Europa epidemisch ausbreitete. Die Diagnose Neurasthenie zählte in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zu den häufigsten, sie wurde zu einer Allzweckerklärung für alle möglichen Probleme. Es erschienen zahlreiche Studien über das Thema, es ging in die Literatur ein, und der Volksmund dichtete: „Raste nie und haste nie, sonst haste die Neurasthenie.“

Heute ist sie aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden und wird so gut wie nicht mehr diagnostiziert. Allerdings tauchte in den Siebzigerjahren ein Leiden auf, das eine ganz ähnliche Funktion übernahm: das Burnout-Syndrom. Den Begriff prägte der Psychoanalytiker Herbert Freudenberger anhand eigener Erfahrungen. Er kümmerte sich neben seiner Tätigkeit als Therapeut in eigener Praxis mit Kollegen in einer Alternativ-Klinik in Spanish Harlem bis zur Erschöpfung um drogenabhängige Jugendliche. Später wurde der Begriff Burnout zur Chiffre für die Risiken selbstlosen Engagements.

Das Syndrom dient wie die Neurasthenie auch der Zivilisationskritik und ist sehr allgemein bestimmt. Es gibt kein exaktes Krankheitsbild, nur eine sehr lange Liste von Symptomen, die von Niedergeschlagenheit und Rückenschmerzen bis hin zu Humorlosigkeit reicht. Beide Diagnosen können den Patienten sowohl entlasten als auch auszeichnen: Nur wer seine Nerven anstrengt, kann sie erschöpfen; nur wer für etwas brennt, kann ausbrennen.

Der Burnout-Trend klingt mittlerweile ab, was unter anderem daran zu erkennen ist, dass weniger darüber berichtet wird und sich Stimmen mehren, die bezweifeln, dass es das Syndrom überhaupt gibt. Die Achtsamkeitswelle ist dagegen auf ihrem Höhepunkt angekommen. Wenn sie auf einen zurollt, kann es aus den genannten Gründen ratsam sein, in Deckung zu gehen.

Generell nützlich im Umgang mit klebrigen, zur Nabelschau einladenden Psychotrends, ist übrigens eine Empfehlung, die sich aus der chinesischen Philosophie ableiten lässt: Wir sollten zu denen, die wir lieben, eine gewisse Distanz halten. Also auch zu uns selbst. ---

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