Ausgabe 08/2017 - Das geht

Abfindungsheld.de

Jura aus der Dose

Abfindungen sind erst der Anfang: die Gründer Robin Friedlein, Peter Fissenewert und Christopher Hahn

• Wer seinen Job verloren hat, weil ihm gekündigt wurde, hat meist schon genug Sorgen. Viele, denen eine Abfindung zusteht, wissen nichts von ihrem Anspruch oder scheuen den Gang zum Anwalt. Ihnen hift nun ein Algorithmus. Die Gründer der Berliner Onlineplattform Abfindungsheld versprechen, Gekündigten mit ein paar Klicks zu ihrer Abfindung zu verhelfen. Damit wollen sie jene als Mandanten gewinnen, die von sich aus vielleicht nie eine Anwaltskanzlei betreten hätten.

Auf Abfindungsheld.de wird zunächst mit einem Fragenkatalog geklärt, ob überhaupt Aussicht auf Erfolg besteht. So muss der Gekündigte beispielsweise mindestens sechs Monate ohne Unterbrechung im Unternehmen gearbeitet haben. Sind die Voraussetzungen erfüllt, berechnet das Programm die Summe, die ihm voraussichtlich zustehen könnte. Nun kann er Abfindungsheld damit betrauen, das Geld zu beschaffen. Zahlt der Arbeitgeber schließlich, behält das Start-up ein Viertel der Summe für seine Dienste ein. Gibt es keine Abfindung, zahlt der Mandant nichts.

Hinter Abfindungsheld stehen drei Anwälte und Michael Schamberger, der aus dem Marketing kommt. Die beiden Juristen Robin Friedlein und Christopher Hahn kennen sich von einer anderen Online-Rechtsberatung, an der sie zuvor gemeinsam gearbeitet haben. Der dritte Rechtsexperte ist Peter Fissenewert, in dessen Kanzlei am Kurfürstendamm die Gründer das Konzept ausgearbeitet haben. Fissenewert ist 55 Jahre alt, promovierter Wirtschaftsanwalt und Juraprofessor. Wenn man so will, ist er das juristische Aushängeschild. Dass er mit an Bord ist, soll zeigen: Abfindungsheld ist keine Spielerei, die sich ein paar Techies ausgedacht haben, sondern ein Start-up mit juristischer Expertise.

Der 27-jährige Robin Friedlein ist der Jüngste im Team. Nach dem Studium hat er zwei Monate in einer mittelständischen Arbeitsrechtskanzlei gearbeitet. Neben den finanziellen Aussichten als Unternehmer habe ihn der Gedanke gereizt, Menschen leichter zu ihrem Recht zu verhelfen, sagt er. „Viele wissen ja gar nicht, dass ihre Entlassung unrechtmäßig war und ihnen eine Abfindung zusteht.“

Je kürzer jemand beschäftigt war, desto sinnvoller sei es, Abfindungsheld zu nutzen. „Geht der Gekündigte zum Anwalt, würde dessen Honorar die kleine Abfindungssumme nämlich ganz schnell auffressen“, sagt Friedlein. Weil das Unternehmen die Prozesse automatisiert hat, lohnt sich das Geschäft für sie auch schon bei kleinen Summen. Mit jeder Frage, die der Gekündigte auf der Website beantwortet, wird die Klageschrift vorformuliert, die Anwälte werden bei Bedarf aus dem Partnernetz rekrutiert. Die Gründer waren sich schnell einig, mit Abfindungen anzufangen, obwohl das Thema vergleichsweise komplex ist. Doch laut Verdi gibt es deutschlandweit rund zwei Millionen Kündigungen im Jahr, also eine Menge potenzieller Kunden.

Abfindungsheld ist der erste Ableger der 2017 gegründeten Legal Hero GmbH, soll aber nicht der letzte sein. Da komme noch mehr, unter anderem in Sachen Familienrecht; konkreter wollen die Gründer derzeit nicht werden. Eine Handvoll Investoren gab das Startkapital, die zweite Finanzierungsrunde steht gerade an. Abfindungsheld ist seit Mai 2017 online und beschäftigt sieben Angestellte in Vollzeit. Wann das Unternehmen schwarze Zahlen schreibt, ist ungewiss – auf absehbare Zeit sei man auf Expansionskurs.

Die Ambitionen von Legal Hero sind beispielhaft für die wachsende Legal-Tech-Branche zur Digitalisierung des Rechtswesens. In der Website stecke das Know-how aus mehr als 1000 Fällen, sagt Friedlein. Als Nächstes soll Abfindungsheld auch Sonderfälle bearbeiten können, etwa Entlassungen in der Elternzeit, von Betriebsräten oder Auszubildenden. Freelancer seien auch interessant, Stichwort: Scheinselbstständigkeit.

Seit Betriebsbeginn vor einigen Wochen hat die Plattform 30 Fälle bearbeitet, bei sechs von ihnen konnte bereits eine Abfindung erstritten werden. Die Auszahlung dauert bis zu acht Wochen. Für aussichtsreiche Fälle will das Start-up bald auch Sofortauszahlungen anbieten. Das soll noch mehr Kunden anlocken. Und noch mehr kosten: Wer sein Geld gleich will, wird dafür rund ein Drittel seiner Abfindungssumme abtreten müssen. ---

„Viele wissen ja gar nicht, dass ihre Entlassung unrechtmäßig war und ihnen eine Abfindung zusteht.“

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