Ausgabe 09/2017 - Schwerpunkt Lernen

Wolf Lotter zum Schwerpunkt Lernen

Der Entwicklungshelfer

1 Weise

Bildung, Lernen? Ach nö.

Doch, doch. Hefte raus. Klassenarbeit. Wir fangen ganz von vorn an. Raus mit dem Duden, Buchstabe A.

A wie antörnen.

Das ist Neudeutsch und heißt so viel wie „in Stimmung bringen“ oder „in Erregung versetzen“, „begeistern“ oder „hinreißen“. Was hat das jetzt mit Bildung zu tun? Mit dieser Frage haben wir bereits eine sehr schöne Antwort gegeben. Nix. Und das ist ein Problem.

Die Leute wollen nicht mehr Bildung, sie wollen mehr von ihren möglichen Folgen. Ein besseres Leben, mehr Geld, mehr Chancen, mehr Respekt und Anerkennung dafür, was man tut. Bildung ist, was man seinen Kindern wünscht, lernen sollen immer die anderen. Und so gut wie nie geht’s dabei um das, was wir lieben und können. Das ist das eigentliche Bildungsproblem, die Lernschwäche unserer Kultur.

Die Bildungsindustrie und ihre Fließbandmitarbeiter sind meist langweilig, mit Glück „bemüht“ und „nett“, also nichts, was uns antörnt. Wissen ist die wichtigste Ressource der Welt – da hatte der Ökonom und Managementtheoretiker Peter Drucker schon vor fast 60 Jahren ganz recht. Aber ist Wissen Bildung? Schafft Büffeln mehr Wissen? Führt das Auswendiglernen zum Verstehen? Oder gar zum Begreifen? Zweifel sind angebracht. Im Juli veröffentlichte die Bertelsmann Stiftung eine Studie, nach der es im Jahr 2025 eine Million mehr Schüler geben wird als heute. Die für die Forscher logische Konsequenz: Wir brauchen fast 25 000 zusätzliche Grundschullehrer, mehr Gebäude, mehr Geld. Die FDP-Generalsekretärin Nicola Beer zog gleich nach. Bildung, so befand sie, sei das neue „Mondflugprojekt“. Aber auf dem Mond sind wir schon gewesen, und vieles am System ist noch dort oder sogar noch dahinter. Mehr Bildung – das heißt mehr vom Gleichen. Abtörnend.

Das Bildungssystem ist in der Fabrikgesellschaft stecken geblieben. Damals ging es darum, eine bestimmte Zahl klar definierter „Qualifizierter“ für die Produktion herzustellen. Das hielt die Ordnung aufrecht. Seit die Welt sich schneller dreht, geht das nicht mehr gut. Man kommt nicht mehr nach, die Anforderungen ändern sich schneller, als man den Kindern und Erwachsenen Neues eintrichtern kann. Was kann man da machen? Wenn das Detail nicht mehr trägt, muss man ans Ganze gehen. Ein sehr guter Vorschlag ist älter als 150 Jahre und stammt von dem Dichter Wilhelm Busch, aus seinem bekanntesten Werk, „Max und Moritz“, dort der vierte Streich. Das ist das Gleichnis, in dem die Lausbuben dem Lehrer Lämpel mit Schießpulver die Pfeife stopfen. Hier steht gleich am Beginn alles, was man wissen muss:

Also lautet ein Beschluss:
Dass der Mensch was lernen muss.
Nicht allein das Abc
Bringt den Menschen in die Höh,
Nicht allein im Schreiben, Lesen
Übt sich ein vernünftig Wesen;
Nicht allein in Rechnungssachen
Soll der Mensch sich Mühe machen;
Sondern auch der Weisheit Lehren
Muss man mit Vergnügen hören.

Wir wiederholen das Wesentliche:

Sondern auch der Weisheit Lehren
Muss man mit Vergnügen hören.

Kurz und gut: Wenn man erst mal geschnallt hat, was wichtig ist, kommt die Freude wie von selbst.

2 Bildung

Klingt einfach, ist es aber nicht. Als Busch diese Weisheit aufschrieb, hatte man schon reichlich Erfahrung mit der preußischen Schulordnung und der Industrialisierung, die aufeinander abgestimmt worden waren. Schreiben, Lesen, Rechnungssachen – das waren keine Werkzeuge zum Erschließen eines freien und selbstständigen Lebens, sondern die Eintrittsberechtigung ins genaue Gegenteil, einer Vollbeschäftigung bis zum Tod. Der Weisheit Lehren, die zuvor der eigentliche Grund für die Bildung gewesen waren, durften noch ein wenig mitspielen, aber eher als Nebenrolle. Bildung, so zeigte sich, war stures Abrichten, die Vorstufe zu dem, was einem in der Arbeitswelt blühen sollte. Dagegen gingen viele an, etwa der preußische Bildungspolitiker Wilhelm von Humboldt. Seine Regierung „schätzte“ ihn, was Vorgesetzte immer über Leute sagen, denen sie nicht zuhören. Bildung, das war für von Humboldt klarerweise Entwicklung, Aufbau, etwas Schöpferisches. Bildung war keine Pflicht. Bildung war eine Möglichkeit. Bildung war auch nicht jenes feste Setting aus angelerntem und angelesenem Wissen, mit dem man in seiner jeweiligen sozialen Klasse mithalten kann – also kein „Bildungskanon“, an dem man erkennen kann, ob jemand „dazugehört“ oder nicht. Bildung heißt Entwicklung, und zwar der persönlichen Talente und Fähigkeiten „zu einem Ganzen“, wie es von Humboldt formulierte. Ein Mensch entwickelt sich, bildet sich aus. Der Staat hingegen, der die Industrialisierung unterstützte und organisierte, wolle etwas anderes. Je stärker sich der Staat einmische, also „mitwirkt“, wie von Humboldt schrieb, desto „ähnlicher ist alles Gewirkte“. Wer so handele, der „miskennt“ (sic) den Menschen aber, so der Gelehrte, der mache aus „Menschen Maschinen“.

Der Staat und seine Organisationen haben das wichtigste Gut der Aufklärung unterschlagen, die Menschen ihrer Möglichkeit zur Entwicklung beraubt. Es wird Zeit, sie sich wieder zurückzuholen.

 

 

3 Der Ausbildungsirrtum

Lehrer Lämpel bezahlt seinen Einsatz für ein bisschen Weisheit fast mit dem Leben. Sprengfallen sind im Bildungsbereich nichts Außergewöhnliches, das weiß jeder Lehrer, der schon mal versucht hat, ein wenig außerhalb der Spur zu arbeiten. Viele haben resigniert. Zu behaupten, unser Bildungssystem sei das beste der Welt, bedeutet, sich unter Blinden zu vergleichen. Dass es andere auch nicht besser machen, macht noch nichts gut. Aber Selbstgerechtigkeit lehrt nichts. Selbstkritik schon eher.

Verschulung ist nicht die Antwort. Und Bildung ist nicht Ausbildung. Es ist schön, wenn sie zu einem Lebenszweck wird, dem Beruf nützt, aber ihr Zweck ist sie nicht. Genau das aber befördert meist das Schlagwort von der praxisorientierten Bildung. Wer sagt: „Fürs Leben lernen wir, nicht für die Schule“ meint mit Leben nichts anderes als die Firma. Noch genauer: das, was die Firma gerade zu brauchen glaubt.

Doch die Grenzen des Machbaren sind erreicht. Die Industrialisierung der Bildung stößt durch die Superautomatisierung – die Digitalisierung – an ihre natürlichen Grenzen. Denn alles, was reproduzierbar ist, lässt sich durch Maschinen und Algorithmen, Systeme und Prozesse besser und gründlicher erledigen als durch Menschen. Das ist einerseits – mit den damit verbundenen Ängsten vor Arbeitsplatzverlusten – zum Kern der Diskussion über die Transformation von der Industrie- zur Wissensgesellschaft geworden. Doch ausgerechnet im Bildungssystem, das die Voraussetzungen für die Fähigkeit, mit Zukunft und Unbekanntem umzugehen, schulen sollte, kann man damit nichts anfangen.

Lernen, so müsste man jetzt erkennen, ist dann sinnvoll, wenn es Fähigkeiten und Kenntnisse ausbildet, um neu lernen zu können. Genug gelernt gibt es nicht, und Zeugnisse und Abschlüsse mögen als Zwischenetappen verstanden werden, aber eben nicht mehr als Zielpunkt des Wissenserwerbs. Bildung als Selbstzweck, lernen, um zu lernen, ist keine Phrase, sondern eine Erfolgsformel. Die Voraussetzung dafür aber ist, dass man sich nicht über Kurse, Zeugnisse und formale Ausbildungen definiert, sondern weiß, wer man ist.

Nichts gegen das Lesen, Schreiben, Rechnen – aber das sind eben nur Teile des Ganzen. Selbstverständlich gibt es gute Gründe dafür, das Werkzeug zu beherrschen. Aber wo man nicht lernt, wozu – also der Weisheit Lehren mit Vergnügen zu hören – ist das Beschäftigungstherapie. Hast du noch Abitur – oder weißt du schon Bescheid?

 

 

 

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Seite 2 Bildung ist Entwicklung

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