Ausgabe 09/2017 - Schwerpunkt Lernen

IT: Akademiker vs. Quereinsteiger

Viele Wege führen in die IT

Der Quereinsteiger

„Nach meinen Abitur 1983 in Hamburg wollte ich Psychologie studieren. Den Wunsch hatten damals aber viele, und alle zog es nach Hamburg. Der Numerus clausus war deshalb hoch. Ich klagte mich ein. Die Theorie im Vorstudium gefiel mir noch gut, doch während des praktischeren Hauptstudiums merkte ich schnell: Ich bin nicht der Typ, der Menschen betreut. In diese Zeit fiel auch meine erste Begegnung mit dem Computer. Wir mussten im Studium viele Texte schreiben. Und am Rechner klappte das besser als mit Tipp-Ex. Mir gefiel diese digitale Welt sofort. Ich saß oft bei den BWLern und den Geologen. Die hatten die besten Computer, stellten sich damit aber ziemlich ungeschickt an.

Ich habe die Theorie, dass jeder versteckte Talente hat – und oft lange herumläuft, ohne sie zu erkennen. Das kann Jura sein oder mit Kindern umzugehen. Bei mir sind es Computer. Die erste Programmiersprache, die ich mir beibrachte, war Cobol. Ganz schrecklich. Die zweite war Turbo Pascal. Das machte schon mehr Spaß.

Um aus meiner WG auszuziehen, brauchte ich mehr Geld. Gleich nebenan war eine Softwarebude, die Programme für Reisebüros entwickelte. Ich bewarb mich und durfte anfangen. Damals, also 1988, haben sie jeden genommen, der nur eine Tastatur in der Hand halten konnte. Es gab noch keine Benutzeroberflächen wie Windows, alles lief über die Kommandozeile. Mein erstes Gerät hatte einen 256 Kilobyte kleinen Arbeitsspeicher, heute hat jeder Toaster mehr. Ich wäre gern zur Lufthansa gegangen. Die suchten damals zwar händeringend nach Programmierern, wollten aber unbedingt echte Informatiker haben. Als Quereinsteiger hatte ich anfangs immer einen schwierigeren Einstieg als die. Ich wurde immer auf Probe angestellt und bin mir auch sicher, dass ich weniger verdiente.

Mein erster Vollzeitjob war bei Star Division. Auch dort musste ich in der Qualitätssicherung anfangen, obwohl ich mehr konnte. Nach und nach arbeitete ich mich hoch: Mal ersetzte ich jemanden, der wegging, mal half ich aus, wenn Not am Mann war. So erlangte ich eine gewisse Reputation. Irgendwann erwähnte ich mein Psychologiestudium gar nicht mehr und verwies nur noch darauf, welche Programme ich geschrieben hatte.

Das war eine wilde Zeit: Wir arbeiteten die Nacht durch, soffen, schliefen zwei Stunden und kamen am folgenden Tag verkatert wieder rein. Aber wir waren jung, da geht das.

1994 wechselte ich zu einer Softwarefirma namens Pink Software Engineering. Wir entwickelten Layoutprogramme für Zeitungen und Magazine. Unter anderem schrieben wir Anpassungen für Pagemaker, das Programm des Marktführers Adobe. Als Pink pleiteging, bekam ich das Angebot von Adobe, nach Seattle zu kommen. Ich hätte nie gedacht, dass ich aus Hamburg wegziehen würde. Die ersten Jahre in den USA waren schwierig. Weniger die Arbeit als die Sprache und vor allem die Kultur.

Ich durfte an der nächsten Generation von Pagemaker mitarbeiten und habe einfach so viel wie möglich weggeschafft. Manche Funktionen, die ich entwickelt habe, gibt es noch heute im Nachfolger InDesign. Später habe ich eine Anwendung für das iPhone entwickelt, mit der man ganz leicht Apps auf Flash-Basis erstellen konnte. Aber Steve Jobs wollte Adobe Flash nicht auf dem iPhone haben und hat es von einem Tag auf den anderen abgeschaltet. Unsere Abteilung ging in der Videoabteilung auf, das waren auch sehr interessante Jahre.

Heute arbeite ich für die Programmiererlegende Mark Hamburg, der Photoshop entwickelt und Lightroom erfunden hat. Der hat einen eigenen Orchideengarten für Entwickler, in dem wir herumspielen und experimentieren können. Ich habe in meiner Laufbahn immer an zukunftsweisenden Sachen gearbeitet. Das ist ein großes Privileg und hat mir immer Spaß gemacht. Viele Entwicklerkollegen machten irgendwann den Sprung ins Management, das lag mir nie. Leute an der Hand zu halten interessiert mich nicht. Ich baue lieber Dinge.

Nach und nach kam es in der Branche zu einer Veränderung: Anfangs gaben die Entwickler die Route und das Marschtempo vor, und die Produktmanager liefen hinterher. Das hat sich innerhalb von rund 20 Jahren gedreht: Heute bekomme ich gesagt, was ich zu implementieren habe. Einerseits ist das ein Zeichen für das Erwachsenwerden der Branche, aber auch dafür, dass heutzutage viel mehr vom Marketing abhängt. Denn wenn man ehrlich ist: Wer braucht heutzutage unbedingt eine neue Version von Office?

Gleichzeitig hat sich ein Wandel in der Ausbildung vollzogen. Unter Entwicklern meines Alters gibt es noch viele Quereinsteiger: Ich habe mit einem ehemaligen Priester gearbeitet, einem Chemiker, einem Förster. Alle, die heute in dem Beruf unter 30 sind, sind blaublütig, wie ich es nenne: studierte Informatiker, gut ausgebildet. Aber denen fehlt oft ein bisschen Lebenserfahrung, der Blick über den Tellerrand. Die sind sehr berechenbar und kommen seltener auf ungewöhnliche Lösungen. Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass sie sich nicht viel trauen. Vermutlich, weil sie Angst um ihren Job haben. Eine Literaturwissenschaftlerin, die ich kenne und die bei Microsoft als Quereinsteigerin Karriere gemacht hat, hat sich auch getraut, Ranghöhere zur Sau zu machen, wenn sie es verdient hatten. So etwas sieht man heute nicht mehr. Und das ist nicht gut für die Branche.

Mir tun die Leute leid, die heute als Programmierer anfangen. Es gibt noch Wachstumsbereiche wie Virtual Reality oder künstliche Intelligenz, aber dort braucht man meist einen Doktortitel. Generell gibt es eine Programmiererschwemme, so wie es früher eine Lehrerschwemme gab. Ich würde die Laufbahn niemandem mehr empfehlen. Vor allem App-Entwickler oder Interface-Designer gibt es mehr als genug. Berufsanfänger verdienen auch nicht mehr automatisch viel Geld.

Detroit zeigt, was mit Städten passiert, wenn eine dort dominierende Industrie wegbricht. Das Gleiche in Pittsburgh und Philadelphia mit Stahl und Kohle. Niemand glaubt, dass so etwas auch mit der Computerindustrie möglich ist, aber es kann passieren. Dann sind vielleicht auch irgendwann das Silicon Valley und Seattle tot. Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort und durfte in der Aufschwungphase dabei sein. Ich bin mitgeschwommen. Das ist einerseits Glückssache, und man kann es nicht planen. Aber abstrampeln muss man sich dann trotzdem.“

Der Akademiker

Dass er Rechner mochte, merkte der heute 40-jährige Joos-Hendrik Böse während der Schulzeit. Wie bei vielen in der Branche begann es mit Computerspielen. Doch irgendwann wurden diese zu langweilig. Böse wollte mehr über den Rechner wissen, fing an, nachts daran herumzubasteln, lernte die erste Programmiersprache: Pascal. Im Informatikraum des Gymnasiums standen noch alte Unix-Rechner, zu Hause gab es bereits einen PC mit Windows. Nach dem Abitur entschied sich der Berliner, Informatik an der dortigen Technischen Universität zu studieren. Der Studiengang war damals noch vergleichsweise jung, viele Professoren stammten aus einer Zeit, in der man noch gar nicht Informatik studieren konnte, sie waren Mathematiker oder Physiker.

Im Grundstudium hatte Böse kaum Spezialisierungsmöglichkeiten. Es galt, ein klar definiertes Curriculum abzuarbeiten. „Große Datenmengen und verteilte Systeme faszinierten mich schon damals“, sagt er heute. Er spezialisierte sich im Hauptstudium auf Datenbankprojekte. Neben den Vorlesungen mit Klausuren arbeitete er an Gruppenprojekten. In seiner Diplomarbeit beschäftigte er sich mit Software-Agenten, einer Art Vor-Vor-Vorstufe zu künstlicher Intelligenz. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter blieb Böse zunächst an der Technischen Universität, nach einem halben Jahr wechselte er für seine Promotion an die Datenbankgruppe der Freien Universität Berlin. Nach der Promotion verbrachte er ein Jahr als Postdoc am International Computer Science Institute in Berkeley. „Durch die enge Vernetzung des Instituts mit Unternehmen aus dem Silicon Valley fand ich heraus, dass ein Großteil der Forschung in meinem Bereich auch in Unternehmen stattfindet und nicht nur an Universitäten“, sagt Böse. Der Entschluss, in die Wirtschaft zu gehen, stand daraufhin fest.

Das Innovation Center von SAP in Berlin war 2010 seine erste Station. „Professor Plattner hatte in Berkeley einen Vortrag über eine neue Datenbank-Engine von SAP gehalten“, erinnert sich Böse. „Das fand ich sehr spannend.“ 2013 wollte der Entwickler den nächsten Schritt von der Datenanalyse zum Machine Learning machen. Er erfuhr, dass Amazon in Berlin gerade eine Abteilung dafür aufbaute. Seitdem arbeitet er dort und entwickelt mit einem vierköpfigen Team lernende Systeme, die die Nachfrage nach bestimmten Produkten vorhersagen. Nicht Produktgruppen – denn jeder ahnt, dass sich Badehosen am Sommeranfang besser verkaufen als im Januar. Böses Team trifft Vorhersagen für jedes einzelne Badehosenmodell. „Wir fragen uns: Wie oft wird ein bestimmtes Produkt in den kommenden Wochen gekauft? Wir machen das für Produktkategorien wie Kleidung, Schuhe und Schmuck – gerade da ist das sehr knifflig. Denn viele dieser Produkte gibt es nur für eine kurze Saison. Wir haben also wenige historische Vergleichsdaten.“

In Böses Team haben alle Mitarbeiter ein einschlägiges Studium absolviert. Die meisten besitzen sogar einen Doktortitel. „Das ist nicht unbedingt nötig, es gibt inzwischen auch auf Machine Learning spezialisierte Masterstudiengänge“, so Böse. Sein Team möchte jedoch möglichst nah an der Forschung sein. Die Mitarbeiter fahren zu Konferenzen und veröffentlichen selbst akademische Aufsätze und Studien. Aus genau diesem Grund ist es für ihn und sein Team jedoch auch schwierig, geeignete Leute zu finden: „Wir sind im Grunde kontinuierlich auf der Suche.“ Bei Konferenzen hält er Ausschau nach passenden Spezialisten, die gerade eine Doktorarbeit abgeschlossen haben. Auch die Zusammenarbeit mit Universitäten ist wichtig. Dort weiß man ungefähr, was das Machine-Learning-Team macht, welche Leute gesucht werden – und vermittelt geeignete für ein Praktikum.

In den großen Firmen treffe man nur noch sehr selten auf Quereinsteiger bei den Programmierern, so Böses Einschätzung. Wenn, dann stammen sie meist aus angrenzenden Feldern wie der Physik oder der Mathematik. „Als Freelancer habe ich öfter mit Quereinsteigern zusammengearbeitet“, sagt Joos-Hendrik Böse. „Ich arbeitete zum Beispiel mit einem Entwickler zusammen, der ursprünglich Konzertpianist war.“

Noch nie sei es jedoch so leicht gewesen, sich die notwendigen Kenntnisse selbst anzueignen. „Das Wissen hat sich demokratisiert“, sagt Böse. „Es gibt inzwischen sehr gute Onlinekurse auf Coursera oder edX.“ Dazu kommt größtenteils kostenlose Software, für die man früher eine Menge Geld ausgeben musste, bevor man als Programmierer loslegen konnte. „Heute reicht im Grunde ein Notebook für 500 Euro“, sagt Böse. „Alles andere findet man im Netz.“

Doch auch wenn es immer wieder gute Entwickler gibt, die sich als Autodidakten durch Kurse, die Analyse von Open-Source-Code und Mitarbeit an Open-Source-Projekten selbst ausgebildet haben, hält Böse ein Studium für sinnvoll: „Ich denke, die Schlüsselqualifikation eines Informatikers ist, dass er gelernt hat, komplexe Probleme zu abstrahieren“, sagt er. Eine Programmiersprache könne man sich problemlos selbst aneignen. „Aber wenn es darum geht, Probleme zu lösen, bei denen man nicht auf vorhandene Software-Bibliotheken zurückgreifen kann, hat mir mein Studium sehr geholfen.“

So? Oder doch so?

Quereinsteiger und Autodidakten wie Bernd Paradies sind heute seltener geworden als vor 20, 30 Jahren. Damals herrschte Goldgräberstimmung und eine gewisse Wildwest-Mentalität, was formelle Qualifikationen und Zeugnisse betrifft. Eine „Whatever works“-Attitüde, die im Silicon Valley bis heute anzutreffen ist. Doch wie zuvor andere Berufe – sei es die Pädagogik oder ein paar Hundert Jahre früher die Medizin – formalisiert sich auch die Profession des Software-Entwicklers immer weiter.

Kaum jemand begleitet diesen Wandel so intensiv wie die Online-Plattform Stack Overflow (siehe brand eins 07/2016, „“) *. Dort tauschen sich Millionen von Programmierern aus, stellen sich gegenseitig Fragen und helfen sich beim Lösen von kniffligen Problemen. Darüber hinaus veröffentlicht die US-Plattform jedes Jahr auch die wahrscheinlich umfangreichste Erhebung zum Status quo der Programmierer-Branche: Demnach hat mehr als die Hälfte der deutschen Entwickler einen Universitätsabschluss. 23 Prozent studierten bis zum Bachelor, 30 Prozent bis zum Master, fast 4 Prozent haben einen Doktortitel.

Andererseits gaben 93 Prozent der Befragten an, sich ihre Fähigkeiten zumindest teilweise selbst beigebracht zu haben. Rund 34 Prozent der Programmierer erklärten, ihren jetzigen Bildungsstand mithilfe eines Online-Kurses erreicht zu haben. Berufliche Weiterbildung ist ebenso wichtig.

Ähnlich uneins ist sich die Coder-Community bei der Frage, wie wichtig nun die eigene formale Ausbildung sei. Rund ein Drittel (37 Prozent) bezeichnete sie in der Umfrage als „sehr wichtig“ oder „wichtig“. Fast genauso viele (34 Prozent) stuften sie jedoch als „nicht sehr wichtig“ oder „überhaupt nicht wichtig“ ein. Das verbleibende Drittel positionierte sich in der unverbindlichen Mitte.

Schließlich wurden die Programmierer noch gefragt, was ihrer Meinung nach einen guten Software-Entwickler ausmacht und worauf Unternehmen achten sollen, die welche einstellen. Hier landeten akademische Titel und Arbeiten auf Rang fünf, weit hinter Kommunikationsfähigkeit, Selbstständigkeit, Kenntnissen der Algorithmen und Datenstrukturen sowie der Erfahrungen mit den vom Arbeitgeber genutzten Bibliotheken und Frameworks. Als weniger wichtig als die akademische Ausbildung gelten der bisherige Arbeitgeber und die erreichte berufliche Position sowie Beiträge zu Open-Source-Projekten.

„Autodidakten neigen dazu, sich eher an eine spezielle Programmiersprache zu klammern“, sagt Jacob Glenn, der für das Medizin-Start-up Spirosano häufig Entwickler anstellt. Akademiker seien dagegen offener dafür, die jeweils beste Sprache für das aktuelle Problem anzuwenden. Sie seien durch ihr grundsätzliches Verständnis außerdem besser darin, sich eine neue Sprache schneller anzueignen, pflichtet ihm Daniel Gigante bei – früher Gründer und jetzt bei Stack Overflow tätig.

Die akademische Programmierausbildung hat jedoch ein nicht zu unterschätzendes Problem: Überdurchschnittlich viele Informatiker brechen ihr Studium ab. An deutschen Universitäten sind es 43 Prozent, an den Fachhochschulen 37 Prozent. Ob sie schon vor ihrem Abschluss von Firmen angeheuert werden, lieber als Autodidakten weitermachen oder sich einen ganz anderen Berufszweig suchen, wurde leider nicht erhoben.

Dass man ohnehin nicht zwangsläufig studiert haben muss, um die digitale Welt zu retten, zeigte im Juni der 23-jährige Brite Marcus Hutchins. Er stoppte die Erpressungssoftware „WannaCry“, die zuvor Zehntausende Rechner weltweit – von britischen Krankenhäusern bis zur Deutschen Bahn – lahmgelegt hatte. Hutchins, der die Malware im Alleingang stoppte (und inzwischen in einer anderen Angelegenheit in den USA angeklagt wurde), hat nie eine Universität von innen gesehen. Er hat sich alles selbst beigebracht. ---

„Ich habe die Theorie, dass jeder versteckte Talente hat – und oft lange herumläuft, ohne sie zu erkennen.“

Bernd Paradies, 53, ist Senior Computer Scientist bei Adobe in Seattle.

Joos-Hendrik Böse, 40, ist Software Development Manager bei Amazon in Berlin.

* b1.de/joel_spolsky

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