Ausgabe 09/2017 - Schwerpunkt Lernen

Frühkindliche Bildung

Ran an die Synapsen

• Professor Tanja Jungmann von der Universität Rostock gilt als führende Expertin für frühkindliche Bildung. Sie fordert, die Bildungspyramide in Deutschland auf den Kopf zu stellen.

brand eins: Was meinen Sie damit, Frau Jungmann?

Tanja Jungmann: Es ist wissenschaftlich belegt, dass in den ersten sechs Lebensjahren die wichtigsten Grundlagen dafür geschaffen werden, wie wir im weiteren Verlauf unseres Lebens lernen. Wir konzentrieren aber die finanziellen Mittel und die gesellschaftliche Anerkennung auf die späteren Bildungsphasen.

Sie wünschen es sich umgekehrt?

Ich wünsche es mir zumindest gleichberechtigt. Die Arbeit der Erzieherinnen und Erzieher in den Kindergärten ist nicht minder anspruchsvoll und so wichtig wie die von Lehrern in den Sekundarstufen I und II. Die akademische Ausbildung (1), das Gehalt (2) und die gesellschaftliche Anerkennung sollten dann auch ebenbürtig sein.

Was heißt frühkindliche Bildung? Sollten Kinder in den ersten Lebensjahren nicht einfach nur spielen?

Kinder lernen in jeder Situation, ob sie im Matsch wühlen oder Essen vom Tisch schmeißen. Wir reden nicht davon, einem Kind mit drei Jahren das Schreiben beizubringen, sie sollen sich aber von der Welt, die sie umgibt, ein Bild machen können. Dazu gehören viele Dinge: das Ausprobieren verschiedener Grifftechniken für unterschiedliche Objekte oder das Erkennen, dass eine lange, flache Schale vielleicht genauso viel Wasser aufnehmen kann wie ein viel höherer Eimer. Das ist ein Spiel, aber auch Physik. Für Kinder ist es eigentlich unmöglich, nicht zu lernen. Es sei denn, wir geben zu viel vor, reagieren nicht auf Interessen und Neugier. Dann erfahren Kinder, dass es niemanden interessiert, was sie spannend finden, und damit stirbt die Neugier.

Sollten Kinder nur tun, was sie wollen?

Sie sprechen auf die Aussage an, dass sich ein guter Pädagoge überflüssig macht? Dazu stehe ich, nur wird oft vergessen, dass sich nur überflüssig machen kann, wer vorher wichtig war. Nur danebenzustehen und die Kinder machen zu lassen, funktioniert nicht. Es gilt, Impulse zu setzen, Anreize zu schaffen und die Kinder genau zu beobachten, denn eigentlich äußern sie sehr deutlich, was sie interessiert und was nicht. Das müssen Pädagogen erkennen und mit den richtigen Angeboten reagieren können.

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Kinder im Alter zwischen zwei und sechs Jahren haben doppelt so viele Synapsen wie ihre Eltern. Werden diese Schaltstellen nicht genutzt, bilden sie sich zurück. Die Educcare-Kindertagesstätte in Stuttgart-Zuffenhausen hat sich zum Ziel gesetzt, das zu verhindern. Wer die Tür zum Tulpenapfelweg 30 öffnet, wird von den Kindern gleich durchs Haus geführt. Dass sie den opulenten Bau mit viel Holz, Metall und Beton als ihr zweites Zuhause ansehen, gehört zur Philosophie der Kindertagesstätte. Man habe sich hier nicht nur die Betreuung, sondern auch die frühkindliche Bildung zum Ziel gesetzt, so der pädagogische Fachbegriff.

Das Konzept in Stuttgart-Zuffenhausen fußt nicht auf ausgefeilten Lehrplänen. Moritz Döpfer, der Leiter der Einrichtung, sagt mit einem Augenzwinkern: „Wir machen es uns hier sehr leicht.“ Man fragt zuerst die Kinder, womit sie sich beschäftigen wollen.

Als er 2012 als Erzieher in das Haus kam, entwarf er ein Bauzimmer, die Bibliothek, ein Atelier und eine Werkstatt mit echten Schraubstöcken, Werkbänken und einem Reißbrett. Schnell wurden diese Räume zum neuen Mittelpunkt im Alltag der Kinder. „In den Themenzimmern ist so viel Platz und Material, dass dort viele Kinder gemeinsam kreativ sein können.“ Die traditionellen Gruppen, die die üblichen Tiernamen wie Panda, Krokodil oder Frosch trugen, waren plötzlich überflüssig.

Die Erzieher sind nicht mehr Gruppen, sondern Themenräumen zugeordnet. Jedes Kind sucht sich den Betreuer aus, der seine Interessen teilt. Außerdem ist ihm ein Bezugserzieher als Erstansprechpartner zugeteilt, der es intensiver beobachtet.

Auftritt der Nichtpädagogen

Der Kindergarten in Zuffenhausen ist eine von aktuell 30 Einrichtungen des Trägers Educcare (3) (siehe brand eins 05/2008, „Wege und Umwege“) *, einem kommerziellen Unternehmen mit Sitz in Köln. Der Mitgründer und Geschäftsführer Andreas Thelen ist Informatiker. Er arbeitete in den Neunzigerjahren beim Internet-Provider Compunet und war zuletzt geschäftsführender Gesellschafter. Zur Jahrtausendwende verließ er das Unternehmen.

Das Geschäft mit Kindergärten betreibt er seit 2002 zusammen mit Marcus Bracht, beide kennen sich aus ihrer Zeit bei Compunet; als Wirtschaftsingenieur und späterer Berater ist Bracht ebenfalls nicht vom Fach.

Die pädagogische Expertise holten sich die Gründer mit Fachleuten ins Haus, wie auch die Kompetenzen für Gebäudemanagement oder Fördermittel. Von Köln aus werden alle Kindertagesstätten verwaltet. Darunter auch Betriebskindergärten wie der von BASF in Ludwigshafen mit rund 250 Kindern sowie mehrere Einrichtungen im kommunalen Auftrag wie jene in Stuttgart-Zuffenhausen. Der Wettbewerb ist hart, neben den Kommunen buhlen verschiedene freie, karitative und kirchliche Träger, kommerzielle Firmen und neuerdings auch große internationale Anbieter, vor allem aus Frankreich und Skandinavien, um Verträge.

Deutschland ist ein interessanter Markt geworden; seit August 2013 4 haben Eltern für Kinder vom zweiten Lebensjahr an Anspruch auf öffentlich geförderte Betreuungsplätze. Deren Zahl wächst zurzeit jährlich um knapp sechs Prozent. Die Betreuungsquote für Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren liegt mittlerweile bei mehr als 90 Prozent, bei den unter Dreijährigen sind es mehr als 30 Prozent. Dabei herrscht eine hohe Diskrepanz zwischen Ost und West: Der entsprechende Wert liegt in den neuen Bundesländern bei mehr als 50 Prozent, in Nordrhein-Westfalen bei etwas mehr als 25 Prozent.

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brand eins: Wie steht es um die Qualität der Kinderbetreuung, Frau Jungmann?

Tanja Jungmann: Der bisherige Ausbau der Betreuungsplätze ist eine riesige Herausforderung, ich glaube, derzeit kann die Politik nur die Quantität im Fokus haben. Die nötige Qualität gerät fast zwangsläufig ins Hintertreffen, allein schon deshalb, weil die Ausbildung ausreichend qualifizierter Fachkräfte nicht mehr Schritt hält.

Was macht ein gutes Konzept für frühkindliche Bildung aus?

Wenn wir das mal wüssten … Das Thema kam nach dem PISA-Schock im Jahr 2000 auf die bildungspolitische Agenda. Die 16 Bundesländer entwickelten verschiedene Diagnosemethoden und Förderprogramme. Die vielen nichtstaatlichen Träger brachten weitere Ideen ein, von Montessori- bis Kneippkonzepten. Heute wissen wir, dass ein Großteil dieser Programme ziemlich wenig taugen. Dennoch treiben wir weiter eine pädagogische Sau nach der anderen durchs Dorf und fragen viel zu selten, was eigentlich richtig ist, geschweige denn, dass wir diese Erkenntnisse flächendeckend umsetzen. Für die wichtigste Bildungsphase von Kindern gibt es bis heute keine einheitlichen Bildungsstandards, und selbst wenn es diese gäbe, wären sie bei den vorherrschenden Betreuungsschlüsseln (5) kaum anzuwenden. In Mecklenburg-Vorpommern etwa bedurfte es eines wirklich harten Kampfes, um den Schlüssel von 18 Kindern pro Erzieher auf 17 zu senken.

Das ärgert Sie?

Natürlich, wir müssten viel mehr forschen und schneller unsere Rückschlüsse aus den Ergebnissen ziehen. Es dauert zehn Jahre, bis eine wissenschaftliche Erkenntnis die Praxis wirklich durchdrungen hat, unsere Erkenntnisse von heute sind also bereits für zwei Generationen von Kindergartenkindern zu spät gekommen.

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In der Kita Zuffenhausen brächten sich die Eltern laut Döpfer immer häufiger im Elternrat ein und äußerten klare Vorstellungen davon, wie sie sich die Betreuung ihrer Kinder wünschen. Gleich nebenan baut Educcare gerade eine weitere Kita. „Die Eltern melden mittlerweile schon Kinder an, die noch nicht einmal geboren sind“, sagt Anne Groschwald, „aber der Mangel an Fachkräften ist eklatant, wir sind kaum in der Lage, alle Stellen nach unseren Wünschen zu besetzen.“ Sie arbeitete früher selbst als Erzieherin, ist Fachtrainerin für soziale Kompetenz mit Zusatzausbildung in Sozialmanagement, leitete Einrichtungen und fungiert heute bei Educcare als Coach. Sechs Kitas betreut sie im Raum Stuttgart. „Gemessen an den durchschnittlich 20 Mitarbeitern und dem jährlichen Budget sind das alles Kleinunternehmen. Ob es gut oder schlecht läuft, liegt vor allem am Management (6)“, sagt sie.

Das jeweilige Bildungskonzept in den Einrichtungen passt Educcare den lokalen Voraussetzungen an. Im Betriebskindergarten des Automobilzulieferers ZF in Friedrichshafen etwa steht Technik im Vordergrund, im Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart die Medizin. Ein grundsätzlicher Schwerpunkt sind bilinguale Angebote (7) durch Muttersprachler.

Traumhaft kommerziell

Unternehmern mit Rendite-Anspruch wird beim Thema Bildung mit Skepsis begegnet. Döpfer muss sich immer wieder rechtfertigen, weil er angeblich eine Elite-Kita leite, die für Normalverdiener unerschwinglich sei. Er entgegnet dann, dass die Elternbeiträge (8) in dem von ihm geleiteten Haus genauso hoch seien wie in anderen kommunalen Kindergärten in Stuttgart und dass es Unterstützung gebe, wenn einkommensschwache Eltern diese Beiträge nicht aufbringen können.

Döpfer bezeichnet seine Arbeitsbedingungen als „traumhaft“. Pädagogen seien schließlich nicht per se die besseren Betreiber von Bildungseinrichtungen. „Sie verkomplizieren Dinge mitunter unnötig, weil es in ihrer Natur liegt, alles zu hinterfragen und in allen Entscheidungen auf Nummer sicher zu gehen.“

Vor seiner Zeit bei Educcare arbeitete er drei Jahre als Erzieher in kommunalen Einrichtungen, in Trägerschaft des Stuttgarter Jugendamts. Er erinnert sich daran, dass er Anträge dafür stellen musste, wenn er mit dem Haus-Computer ins Internet gehen wollte, oder daran, wie einmal zwei Jahre vergingen, bis einem Antrag auf den Neuerwerb von Spielzeug stattgegeben wurde. „Man arbeitete nicht in einem Kindergarten, sondern in einer riesigen Behörde, in der es so viele Regelungen gab, dass diese niemand mehr wirklich durchschaute.“

Während Moritz Döpfer so erzählt, tapst ein kleiner Junge heran, klaubt ein Stück Metall aus einem Sack und klebt es an eine Magnetwand. Er dreht sich um und zeigt nachdrücklich auf etwas, das oben auf einem Schrank steht. Auch ein Magnetspielzeug, mit dem sich aus Einzelteilen Formen konstruieren lassen. Döpfer ist begeistert: „Toll oder? So lernen Kinder. Von dem einen Magnetspielzeug stellt der Junge von sich aus eine Verbindung zu einem anderen Magnetspielzeug her.“

Solche Situationen zu erkennen, darauf mit neuen Impulsen zu reagieren und auch sachgerecht zu dokumentieren, das sind wichtige Aufgaben für Pädagogen. Bei Educcare haben die Betreuer dafür Zeit. Wenn die kleine Julia zum Beispiel schon den fünften Tag nur ins Atelier geht, um dort das immer gleiche Bild zu malen, ist es Zeit für einen Impuls, das symbolische Öffnen von Zugängen zu anderen Räumen, etwa in dem Versuch, das Motiv auf dem Bild doch auch mal im Bauzimmer nachzubauen oder in der Werkstatt mit Holz zu formen. Döpfer sagt, diese Beobachtungskompetenz erfordere standardisierte Methoden und viel Erfahrung, nur so könne man Lernerfolge erkennen.

Die Entwicklung der Kinder wird aufwendig dokumentiert. In der Krippe alle drei, im Kindergarten alle sechs Monate diskutieren die Betreuer ihre Beobachtungen mit den Eltern. Die Grundlage der Arbeit ist das Betreuungskonzept des Hauses. Ein gut gefüllter Ordner, den alle Eltern noch vor der Vertragsunterzeichnung mit nach Hause nehmen. „Jeder soll wissen, auf was er sich bei uns einlässt“, sagt Döpfer, der seit dem Jahr 2016 die Kita Zuffenhausen leitet. Eine Position, die er eigentlich nie gewollt und sich eigentlich auch nicht zugetraut habe. Heute sagt er, dass er diesen Job nie wieder hergeben mag. Die Arbeit an den Synapsen der vielen kleinen Genies mache einfach zu viel Spaß. ---

* b1.de/wege_umwege

1 In Schweden wird bereits seit 1994 ein dreijähriger frühpädagogischer Studiengang auf Englisch angeboten, der auch ein Praxisjahr im Ausland vorsieht. In Deutschland dauert die Erzieher-Ausbildung zwei bis vier Jahre. Die Zulassungsvoraussetzung ist in der Regel die mittlere Reife. 2016 waren 385 456 ausgebildete Erzieher in Kindertagesstätten beschäftigt, aber nur 16 726 Diplom-Sozialpädagogen.

2 Laut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung verdienen Erzieher im Schnitt 2594 Euro brutto im Monat. Viele Einrichtungen zahlen nicht einmal Tariflohn.

3 Educcare: Zahl der betreuten Kinder: 2148 Zahl der Mitarbeiter: 880 Jahresumsatz in Millionen Euro: 32,6

4 Allein für die Betreuung von unter Dreijährigen wurden bis 2013 rund 12 Milliarden Euro in den Ausbau der Krippen investiert. Vier Milliarden kamen vom Bund. Aktuell werden vom Bund jährlich mehr als 800 Millionen Euro für Investitionen und Kosten des laufenden Betriebs zur Verfügung gestellt. Im Juni wurde das Investitionsprogramm „Kinderbetreuungsfinanzierung“ 2017 bis 2020 auf den Weg gebracht. Mit zusätzlich 1,1 Milliarden Euro sollen weitere 100 000 Betreuungsplätze geschaffen werden. Mit diesen Investitionen wendet sich Deutschland von der einseitigen Förderung von Familien etwas ab, zugunsten der Finanzierung von Bildung und Betreuungsangeboten.

5 Die Zahl der Kinder, die von einem Erzieher betreut werden, variiert in den Bundesländern beträchtlich. In Baden-Württemberg liegt der Schlüssel für Kinderkrippen bei 3, in Sachsen bei 6,4 Kindern. Im Kindergartenalter hat Mecklenburg-Vorpommern mit 14,1 Kindern pro Erwachsenen den höchsten Wert, Bremen mit 7,7 einen der niedrigsten. Da in die Berechnung auch Personal wie die Kita-Leitung einbezogen wird, das gar nicht in der Betreuung tätig ist, liegt der tatsächliche Betreuungsschlüssel um mindestens 25 Prozent höher.

6 Die Qualität der Leitung ist in den Kitas ein großes Problem. Lediglich etwa 15 Prozent der Einrichtungen in Deutschland stellen die empfohlene halbe Leitungsstelle zur Verfügung.

7 In Studien von Tanja Jungmann führte der frühe Sprachunterricht kaum zu nachhaltigem Bildungserfolg. Der Hauptgrund ist, dass in den meisten Einrichtungen bundesweit nicht mit Muttersprachlern gearbeitet wird.

8 Die Betreuungskosten unterscheiden sich in Deutschland erheblich. In Düsseldorf oder Berlin ist die Kita für alle Kinder ab drei Jahren kostenlos, in Nürnberg liegen die Mindestgebühren bei 115 Euro monatlich. Den Preis bestimmen die Kommunen. In Hamburg zahlen Eltern bei einem Haushaltseinkommen von 2000 Euro für sieben Stunden Betreuung am Tag 12, in Bremen 55 Euro. Für neun Stunden Betreuung zahlt man in Bremen aber nur zwei Euro mehr, in Hamburg fällt ein Zuschlag von 43 Euro an. In vielen Städten zahlen Eltern mit einem Einkommen über 4000 Euro mehr als das Doppelte im Vergleich zu Familien mit geringem Einkommen.

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