Ausgabe 11/2017 - Schwerpunkt Frauen / Männer

Sogar als Frau!

• Vielleicht hat der 28-jährige Software-Ingenieur James Damore den Frauen einen echten Dienst erwiesen. In einem zunächst internen Papier hatte er mit den Programmen zur Förderung von Minderheiten bei Google abgerechnet. Das kostete ihn den Job, verschob aber die schwelende Genderdebatte im Silicon Valley in eine interessante Richtung: Plötzlich ging es nicht mehr – wie bei Kleiner Perkins, 500 Startups oder Uber – um sexuelle Belästigung, sondern um die Frage, ob der Schutz von Minderheiten (für Damore zählen dazu auch Frauen) schädlich sei. Denn Frauen, so schrieb er, seien nun mal anders – sensibler, empathischer. Und das bringe seine Branche, die Softwareentwicklung, nicht unbedingt voran.

Das war ein starkes Stück. Nicht nur weil er das weibliche Geschlecht damit von einem der wichtigsten Zukunftsthemen ausschloss, er drehte die Diskussion auch um mehr als ein Jahrhundert zurück. Mit dem Argument, dass Frauen aufgrund ihres Geschlechts zu vielen Tätigkeiten nicht fähig seien, wurden sie hierzulande bis Anfang des 20. Jahrhunderts von der Universität und damit allen privilegierten Berufen ausgeschlossen. Und mehr als die Hälfte des vergangenen Jahrhunderts sollte noch vergehen, bevor sie wählen (1918), ohne Erlaubnis des Vaters oder Mannes den Führerschein machen (1958), ein eigenes Konto eröffnen (1962) und einen Beruf ohne Erlaubnis des Ehemannes ausüben durften (1977).

Seither hat sich rechtlich viel getan, auch die Arbeitswelt hat sich verändert. Die Industriegesellschaft, die immer eine Männergesellschaft war, weicht zunehmend einer digitalisierten Ökonomie, in der Kreativität und Wissen die wichtigsten Produktivkräfte sind und die Karten neu gemischt werden. Doch nicht erst seit Damores Attacke ist offenkundig, dass auch die digitale Arbeitswelt kein offenes Land für Frauen ist. Obwohl das Homeoffice heute Eltern neue Möglichkeiten bietet und Körperkraft immer weniger eine Rolle spielt, geben auch in der digitalen Wirtschaft Männer den Ton an. Ändert sich das nie?

„Doch“, sagt Sören Stamer, Chef des Software-Unternehmens Coremedia, der sechs Jahre im Silicon Valley gelebt hat, „zumindest beim Bewusstsein geht es voran.“ Man habe immer gewusst, dass es in den IT-Firmen Sexismus gab, dies aber abgetan: „Jungs sind halt Jungs.“ Seit aber selbst Spitzenkräfte wie der Filmproduzent Harvey Weinstein oder Dave McClure (500 Start-ups) wegen des Vorwurfs sexueller Belästigung abtreten mussten, „ist die Toleranz für ein gewisses Verhalten deutlich gesunken“. Der Brilliant Jerk, der brillante Schurke, ist nicht mehr der Held.


Elementarer aber findet Stamer die von Damore ausgelöste Debatte um den Stellenwert von Frauen in der IT. Denn dabei geht es um mehr als die Geschlechterfrage: Es geht darum, welche IT und damit auch welche Zukunft wir wollen.

Der ehemalige Google-Entwickler Yonatan Zunger hat seinem einstigen Kollegen auf »Medium« geantwortet. Und dessen Argumente zerpflückt: Alles, was er in seinem Manifest als „weiblich“ beschreibe, seien genau jene Eigenschaften, die in der IT Erfolg versprechen. Jeder könne lernen, ein Programm zu schreiben, aber die Arbeit beginne bei der Frage, welchen Code man schreiben soll. Und dazu brauche man genau jene von Damore als behindernd beschriebene Eigenschaft: Empathie, für die Kollegen und für die Kunden. Dass Frauen darauf mehr Wert legen, so Zunger, mache sie zu besseren, nicht zu schlechteren Ingenieuren.

„Schauen Sie sich Google an“, legt Stamer nach, „ die sind bei den meisten Social-Geschichten gescheitert.“ So habe man vor einigen Jahren bei Google Plus mit Druck Klarnamen durchsetzen wollen, „als ließen sich Menschen zu so was zwingen“. Und er wundere sich bis heute, dass niemandem bei Google auffiel, dass es reichlich seltsam ist, wenn sich Menschen mit Google Glass auf der Nase gegenseitig filmen. „Die Company-DNA von Google ist ein Algorithmus“, sagt Stamer. Die nun entfachte Empathie-Diskussion könne die Firma nur weiterbringen.

Das mag erfreulich sein, ist aber auch ungeheuerlich. Wie kann es sein, dass es im 21. Jahrhundert noch eine Nachricht ist, dass Männer und Frauen etwas zur Entwicklung der Welt beizutragen haben und das am besten gemeinsam tun?

Die Schriftstellerin Irene Dische, die in New York und Berlin lebt, wundert das nicht: Der Mensch sei wie der Wolf ein Rudeltier und das Dominanzstreben der Rüden Teil der männlichen Natur. Wie sonst lasse sich erklären, dass der Macho allen Zivilisationsbemühungen zum Trotz überlebt und sogar US-Präsident werden kann – auch gewählt von vielen Frauen, wie Dische betont. Sobald er Morgenluft wittere, wage er sich heraus, ergänzt ihre Tochter Emily Dische-Becker, die als Journalistin in Syrien und im Libanon arbeitet: „In Kriegsgebieten kommen diese ganzen westlichen Journalisten an und glauben, sie könnten endlich mal einen draufmachen. Und dazu gehört: Frauen aufreißen.“

Wer erst einmal anfängt, über diesen Teil des Themas zu sprechen, öffnet Schleusen. Fast jede Frau kann von mehr oder weniger bedrohlichen Übergriffen in ihrer Kindheit und danach berichten, und kaum eine bezweifelt, was die »New York Times« im Sommer über die Risikokapital-Branche berichtete: Wer als Frau Geld will, muss mit eindeutigen Angeboten rechnen.

Sollen Mädchen fleißig und ordentlich sein?

Sanja Stankovic, Mitbegründerin der Start-up-Plattform "Hamburg Startups" und des Netzwerkes Digital Media Women, kennt das, sieht das und ist entschlossen, es zu ändern. Unermüdlich trommelt sie für mehr Sichtbarkeit von Frauen in der digitalen Welt, verfügt über eine umfangreiche Adressdatei und sorgt mit punktgenauen Angeboten dafür, „dass nicht immer nur Typen auf der Bühne sitzen“. Die Veranstalter sind dafür inzwischen dankbar, auch weil Stankovic dabei so gut gelaunt wie realistisch bleibt: „Wie soll ich eine 50-Prozent-Quote auf der Bühne hinbekommen, wenn ich nur 15 Prozent Gründerinnen habe?“ Die 15 Prozent allerdings sollten dann schon vertreten sein.

Ob es irgendwann mehr werden? Dafür müsste man erst einmal klären, was Frauen immer noch hindert, zu gründen oder auf anderem Weg die Spitze zu erobern.

Sanja Stankovic: Wer etwas erreichen will, braucht Durchsetzungskraft und Ehrgeiz, aber Mädchen werden gelobt, wenn sie fleißig und ordentlich sind. Die kulturelle Prägung ist stark.

brand eins: Ist die digitale Szene offen für Frauen?

Ich war früh auf der Republica-Konferenz, bin zum Chaos Communication Congress gegangen – und obwohl ich vom Programmieren keine Ahnung habe, habe ich dort eine große Offenheit erlebt. Aber auch wenn zum Beispiel beim Barcamp in Hamburg 20, 30 Prozent der Besucher weiblich waren – auf der Bühne waren mehr als 90 Prozent männlich. In Berufen rund um Kommunikation sind um die 70 Prozent Frauen, aber es sind mehrheitlich Männer, die darüber reden. Das wollte ich ändern, denn wenn nur Männer auf der Bühne sind, bekomme ich nicht das real vorhandene Expertenwissen.

Haben Sie in der Szene Sexismus erlebt?

Nicht so krass wie im Silicon Valley. Aber auf der Investorenkonferenz Noah im vergangenen Jahr, die seit 2016 neben London nun auch in Berlin stattfindet, waren etwa 10, maximal 20 Prozent Frauen unter den Besuchern – bei der Abendveranstaltung war das Verhältnis nahezu ausgewogen: Ein Start-up hatte Escort-Damen dazugeholt und das Event als Marketing-Plattform genutzt. 

Haben nur Sie sich darüber aufgeregt?

Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn Männer Escort-Services in Anspruch nehmen – aber auf einer Geschäftsveranstaltung hat das nichts zu suchen. Zudem schadet es den Frauen in der Szene – noch dazu, wenn Fachbesucherinnen nach „ihrem Preis“ gefragt werden. Gut fand ich, dass bei der Noah auch viele Männer gegangen sind, als sie gemerkt haben, was da abgeht.

Die Zahl der Gründerinnen nimmt nur langsam zu, agieren sie anders?

Frauen sind zwar in allen Sparten unterwegs, aber in Hamburg – wo ich das am besten überschauen kann – beschäftigen sie sich oft mit gesunder Ernährung, nachhaltigen Themen, Handel, Services und Media, weniger mit Fintech, auch im Musik-Business gründen erstaunlich wenig Frauen Firmen. Aber das ändert sich gerade: Bei der Reeperbahn Festival Konferenz in Hamburg, wo ich mit kuratiere, sind wir inzwischen bei rund 30 Prozent weiblichen Sprechern, nach 10 Prozent noch vor ein paar Jahren.

Ist die Quote wichtig?

Wichtig ist der unterschiedliche Blick. Wenn mein Mann und ich einen Film sehen, haben wir ganz Unterschiedliches wahrgenommen – erst wenn wir darüber reden, erfassen wir das Ganze. Und das ist genauso wichtig bei der Führung eines Unternehmens. Bei den Bewerbungen für den Start-up-Wettbewerb sieht man das deutlich: Männer planen eine Umsatz-Explosion in wenigen Jahren, Frauen denken oft ganz klein und versprechen in den nächsten Jahren ein kleines bisschen mehr Umsatz. Weder das eine noch das andere ist richtig. Wenn aber die Strategie in gemischten Teams gemeinsam erarbeitet wird, sehen wir oft die richtige Mischung aus Risikobereitschaft und Besonnenheit.

Ist ein Flugsimulator nichts für Frauen?

Daniel Rasumowsky arbeitet mit einem gemischten Team und hat offenbar den richtigen Mix gefunden: Seine Messe „Man’s World“ war nach eigenen Angaben im zweiten Jahr profitabel. Dort zeigt er, was Männern Spaß macht, vom Flugsimulator bis zur Maßschneiderei. Sex ist tabu, auch Autos müssen ohne leicht bekleidete Models präsentiert werden. Beim zweiten Mal zog die Messe in Zürich 12 000 Besucher an, darunter knapp 40 Prozent Frauen. Auch in den sozialen Netzen wird das Konzept überwiegend wohlwollend kommentiert, vielleicht auch weil die Veranstalter mit Humor und Selbstironie gesegnet sind.

Dass er mit dem Titel provoziert, ist Rasumowsky, ein Jurist, der im Marketing gelandet ist, durchaus bewusst. Aber es zeigt ihm auch, wie verkrampft die Diskussion bis heute ist. „Was würde man zum Beispiel auf einer Woman’s World zeigen?“, fragt er. „Vermutlich ist das Erste, das einem dazu einfällt: Beauty, Ernährung, vielleicht noch Schmuck.“ Die Klischees säßen tief: „Sportwagen interessieren den Mann und nicht die Frau. Spirituosen, Zigarren, Drohnen? Bei einem Test würde die Mehrheit auf „Mann“ klicken.“ Dabei setzten sich Frauen genauso gern in den Flugsimulator oder schauten sich heiße Maschinen an.

Wie diesen Klischees beizukommen wäre? Rasumowsky wünscht sich vor allem mehr Mut. Unsicherheit ist für ihn die Wurzel allen Übels, wenn es um Diskriminierung oder auch Rassismus geht. „Wer traut sich schon, in einer Kumpelrunde zu sagen: Das war jetzt nicht so toll, wie du die Kellnerin behandelt hast!“ Die sozialen Netzwerke, in denen man sich mit einer aufgesetzten Rhetorik positioniere, seien der Entwicklung von Selbstwertgefühl nicht unbedingt förderlich. Und auch nicht, dass viele junge Männer durch Internetpornos lernen, wie man scheinbar mit Frauen im Bett umzugehen habe.

Da nützt es auch nichts, dass viele Jugendliche in Deutschland nie einen männlichen Kanzler kennengelernt haben und kaum ein Veranstalter sich noch leisten kann, ein rein männliches Podium zu präsentieren: Männer führen, Frauen folgen, alles andere wirkt wie eine Ausnahme oder ein Fehler im System.

Aber das Starren auf die Quoten hilft genauso wenig wie aufgeregte Genderdebatten oder jene Beschwörungsformeln, die wir von Konzernvorständen so gut kennen wie von Politikern. Keiner, der es noch zu etwas bringen will, darf sich öffentlich bei diskriminierenden Äußerungen erwischen lassen. Und doch ließ nur eine gesetzliche Geschlechterquote den Frauenanteil in deutschen Verwaltungs- und Aufsichtsräten steigen – seit 2010 auf nun 27,5 Prozent. In den Vorständen, unquotiert, blieben die Männer weitgehend unter sich: Im Dax-30 sind 11,3 Prozent aller Vorstände weiblich, im M-Dax 4,3 und im TecDax 3,9 Prozent.

Dabei gehören spätestens seit den Achtzigerjahren Frauenförderprogramme im Konzern zum Standard. Doch schon das Wort bringt Sabria David in Rage. Die Mitgründerin und Leiterin des Slow Media Instituts, nebenberuflich und ehrenamtlich stellvertretende Vorsitzende des Präsidiums der Wikipedia-Mutter Wikimedia, begleitet den digitalen Wandel als Kulturwissenschaftlerin, und falsche Begriffe ärgern sie. „Die meisten dieser Programme sollen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie fördern. Warum heißen sie dann nicht Elternprogramme?“

David liebt Sprache zu sehr, um sie gendergerecht machen zu wollen: „Aber warum muss es Mutter-Kind-Turnen heißen?“ Solange Familie ein Frauenthema sei, werde es mit den gleichen Chancen für beide Geschlechter nichts werden. Die Schuld daran sieht sie keineswegs nur bei den Männern: „Man ist doch selbst als aufgeklärte, vielleicht feministische Frau nicht gefeit davor, dass man es als besondere Errungenschaft betrachtet, die Kinder gemeinsam zu erziehen.“ Wenn sich der Mann einbringe, dürfe man eigentlich nichts Schlechtes über ihn sagen: „Ein Mann, der kocht, ist nicht mehr kritisierbar.“

Ist Risikoscheu weiblich?

Irene Dische hält das für ein deutsches Problem. Sie empfand es immer als Erleichterung, wenn sie mit ihren beiden Kindern in die USA fuhr: „Dort hat kein Mensch von mir erwartet, dass ich mich allein um die Kinder kümmere – auch meine Freundinnen haben das immer geteilt mit den Vätern.“ Auch die Feindseligkeit gegenüber Kindern, die sie hierzulande empfand, gab es in Amerika einfach nicht. „In Deutschland darfst du den Hund mit ins Restaurant bringen, aber bitte keine Kinder – in Amerika ist es umgekehrt.“

Ob es daran liegt, dass Frauen in US-Unternehmen im Jahr 2015 knapp 40 Prozent der Spitzenpositionen besetzten? Jedenfalls, sagt Carolin de Lorenzi, die den Vertriebsbereich Workplace Sales beim IT-Dienstleister Computacenter leitet, sei es in den USA selbstverständlicher, dass Frauen in Führungspositionen sind, auch wenn sie Kinder haben: „Die Angebote zur Kinderbetreuung haben sich in Deutschland zwar verbessert, aber Mütter, die viel arbeiten, sind noch nicht völlig akzeptiert“ (»Süddeutsche Zeitung«).

Sabria David ist jedoch gar nicht so sicher, ob man den Stand der Entwicklung am Anteil der weiblichen Konzernvorstände messen soll: „Es kann ja auch eine gute Entscheidung sein, den Preis, den man dafür bezahlen muss, nicht zahlen zu wollen.“ Meist werde binär gedacht: „Entweder lässt man sich ganz auf das Berufsrevier ein und hat dann nichts mehr außer dem Revierkampf im Büro. Oder ich gebe den Beruf ganz auf und widme mich nur meinem Familienleben.“ Was man suchen müsse, sei ein dritter Weg – und zwar für Frauen und Männer.

brand eins: Ist das eine realistische Option?

Sabria David: Möglicherweise entsteht sie mit der sogenannten Generation Y, die Personalchefs vor echte Probleme stellt: Sie fragen nicht nach Dienstwagen, Gehalt und der nächsten Karrierestation, sie fragen als Erstes nach einem Sabbatical und Elternzeit.

Das wird noch nicht reichen: Frauen müssen die zusätzliche Verantwortung auch wollen.

Stimmt schon, ich hadere manchmal auch, wenn sich Frauen in der Opferrolle einrichten, wenn sie den Hintern nicht hochkriegen. Die Bereitschaft, ins Risiko zu gehen, sich auch mal zu exponieren und beispielsweise auf eine Bühne zu stellen, auch mal Fehler zu machen oder gegen eine Wand zu laufen – diese Bereitschaft haben eher Männer. Deshalb ist es auch kein Wunder, dass Männer mehr Start-ups gründen: Das darf man ja eigentlich gar nicht machen, das ist völlig wahnsinnig.

Es hat auch sein Gutes, dass Frauen Risiken anders einschätzen – etwas mehr Vorsicht hätte uns vielleicht die Finanzkrise erspart.

Schwierig wird es, wenn es sie hindert, sich auch mal was zu trauen. Und es kommt noch etwas dazu: das Gemocht-werden-Wollen. Wer führt, muss sich darauf einstellen, dass nicht jede Entscheidung beklatscht wird.

Nicht gemocht zu werden macht auch Männern zu schaffen.

Da gibt es einen Unterschied, ich merke das bei Wikimedia. Da bin ich in führender Position im Ehrenamt, und ich erlebe mich da in einer anderen Rolle. Ich kann viel klarer entscheiden, ich kann streng sein, ich gehe ohne Angst in Auseinandersetzungen, in denen ich wertschätzend bleibe, aber auch völlig klar bin.

Und was hat das mit dem Ehrenamt zu tun?

Außerhalb dieses Amtes kann ich das nicht oder noch zu wenig. Weil sich das Gemocht-werden-Wollen für mich übersetzt in: Bezahlt-werden-Müssen. In bezahlten Jobs habe ich nicht immer die Eier zu sagen: so oder gar nicht. Da bin ich oft noch zu sehr Mädchen.

Bei Wikipedia kann jeder mitmachen, unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Alter oder Religion. Wie ist die Verteilung dort?

Wikipedia spiegelt die Welt aus der Perspektive derer wider, die darin schreiben. Das sind international oft mittelalte, weiße Männer. Wir wünschen uns ein sehr viel adäquateres Abbild der Gesellschaft: mehr jüngere Leute, mehr Frauen, mehr Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen. Aber dafür müssen sich mehr Frauen einbringen – die weibliche Sicht kann ja nicht von den Männern kommen.

Haben Sie eine Erklärung? Immerhin steht man dort nicht auf der Bühne und muss keine unbequemen Entscheidungen treffen.

Aber man muss sich schon exponieren wollen und daran glauben, dass man etwas beizutragen hat. Und es braucht die Bereitschaft, sich hinter den Kulissen auf ein Kommunikationsklima einzulassen, das viele als rüde empfinden. Teile von Wikipedia sind manchmal zu einem Revier für eine bestimmte, bestimmende Sorte Mensch geworden. In der Organisation ist das anders, und da haben wir eine Frauenquote von nahezu 50 Prozent.

Das ist ungewöhnlich.

Ja, aber die Entscheider dort haben sich explizit vorgenommen: Sie wollen ein vielfältiges Team. Sie haben auch die Generationendiversität im Blick, weil es nicht gut ist, wenn gerade in schnell wachsenden Organisationen alle etwa gleich alt sind – und alle gleichzeitig in die Familienphase kommen.

Frauen in Führungspositionen, in Prozent (2016):

Unternehmen mit bis zu 10 Mitarbeitern 25,3
Unternehmen mit 501 bis 1000 Mitarbeitern 12,9
Unternehmen mit mehr als 10 000 Mitarbeitern 16,9
Gründerinnen, Vollerwerb 33,0
Gründerinnen, Nebenerwerb 44,0
Professorinnen (2015) 22,7

Frauenanteil an sozialversicherungspflichtig Beschäftigten (2016), in Prozent:

im Gesundheits- und Sozialwesen 77,0
in Erziehung und Unterricht 72,0
in der öffentlichen Verwaltung 63,0
in Finanz- und Versicherungsdienstleistungen 56,0
in Information und Kommunikation 34,0
im verarbeitenden Gewerbe 25,0

(Quellen: Bürgel, KfW, Statistisches Bundesamt, Bundesagentur für Arbeit)

Wird der digitale Wandel helfen?

Von allein wird es sich nicht ändern, da sind sich alle einig. Wer das Thema satt hat und nicht durch das ganze 21. Jahrhundert zerren will, muss den Klischees und den eigenen Bildern im Kopf auf die Spur kommen, die Sichtbarkeit von Frauen erhöhen, Kinder zu einem Elternthema machen. Daniel Rasumowsky wünscht sich zudem mehr Mut: die eigene Meinung sagen, auch wenn man einmal nicht mit dem Strom schwimmt, Konsequenzen ziehen, wenn eine Beziehung oder der Job unglücklich machen.

Rasumowsky sieht hinter der Frauenfrage eine Menge Themen, die man am besten gemeinsam angeht: „Warum suchen wir so oft die Schuld bei anderen, wenn etwas nicht läuft? Warum akzeptieren wir, dass Absolventen, die aus dem Bologna-System kommen, weniger gut selbst denken können? Warum springen Eltern ihrem Kind bei jeder Lehrer-Schelte bei und beschenken es auch bei einer mittelmäßigen Zensur?“ Der Werber in ihm wünscht sich eine Kampagne: „Es ist cool, für die Gleichbehandlung von Menschen einzustehen, absolut uncool, sexistische Kommentare zu machen. Und es ist sexy, gemeinsam gegen Entmündigung und die Unterdrückung Andersseiender einzutreten.“

Eine „Allianz der Vernünftigen“ wünscht sich Sabria David. Sören Stamer wäre dabei. Und er hat auch eine Idee, wie diese Allianz in den Unternehmen künftig immer stärker werden könnte: „Es ist eine Frage der Organisation.“

brand eins: Warum ist die Organisationsfrage für Sie so wichtig?

Sören Stamer: Weil wir es selbst erlebt haben. Wir haben Coremedia 1996 gegründet und wuchsen schnell mit der digitalen Entwicklung, bis wir irgendwann, 2002, 2003, festgestellt haben: Die Welt da draußen mit ihren ganzen Vernetzungen dreht sich immer schneller – und wir werden immer langsamer.

Merkten Sie das am Geschäftsverlauf?

Nein, uns ging es gut, aber irgendwie stimmte es nicht mehr. Wir hatten gemacht, was man so macht: mit jedem neuen Wachstumssprung neue Abteilungen gegründet, zugesehen, wie eine Hierarchie entstand. Hatten wir früher noch jeden Morgen gemeinsam gefrühstückt, hatten wir nun Abteilungsstrukturen, und es begann das Spiel: Teile und herrsche. Das schien uns total normal, ich hatte im BWL-Studium nichts anderes gelernt.

Und warum haben Sie es geändert?

Unser Ziel war mehr Selbstorganisation. Dafür machten wir einen Strategie-Tag: Open Space, alle Mitarbeiter sind eingeladen, es ist freiwillig, es gibt keine starre Agenda. An diesem Tag haben wir gesehen, dass viele, die in der Organisation die Kontrolle hatten, sie dort nicht mehr hatten: Wenn sie ein Meeting dominieren wollten, sind Kollegen aufgestanden und gegangen. Gleichzeitig fiel uns die veränderte Rolle der Frauen auf: Wir hatten damals einen Anteil von knapp 25 Prozent, was in der IT nicht ganz leicht zu erreichen ist, jedoch kaum Frauen im Management. Nun aber zeigte sich, dass die Resonanz auf die Themen, die Frauen eingebracht hatten, deutlich höher war als in der Hierarchie.

Konnten Sie sich das erklären?

In der unstrukturierten Situation konnten viele Frauen und auch einige Männer, die sonst nicht in Erscheinung traten, eine sehr starke Wirkung erzielen, ich glaube, durch Empathie und die Wahrnehmung von Themen. Sie haben auch zum Teil die Machtkämpfe nicht mitgemacht. Meine Hypothese ist, dass hierarchische Strukturen bestimmte Verhaltensweisen und Muster fördern. Und wir können noch so viele Quoten einführen: Solange man die alten Muster aufrechterhält, belohnt man immer wieder die alten Verhaltensweisen.

Coremedia hat damals die Organisation so radikal umgebaut, dass manche von „Kult“ sprachen. „Der Umbau hat Angst produziert“, sagt Stamer, „du musst deiner Schwiegermutter erklären, warum du nicht mehr Abteilungsleiter bist.“ Nach seinem Weggang fiel die Organisation in alte Muster zurück, was blieb, war eine Art Grundresistenz gegen zu starke Eingriffe in die Selbstorganisation. Darauf will er nun nach seiner Rückkehr aufbauen.

Am flächendeckenden Problem wird das nichts ändern. Und doch hat Sören Stamer Hoffnung, dass das Frauenthema die Firma nicht ein weiteres Jahrhundert begleiten wird: „Die Umwälzungen, die wir in der ganzen Welt und in allen Branchen erleben, sorgen dafür, dass viele der großen Strukturen immer schneller sterben.“ In kleinen, agilen Einheiten aber sei das Ergebnis wichtiger als der Status. Wir erlebten zudem einen Produktivitätsfortschritt, wie ihn die Welt noch nicht gesehen habe: „Das iPhone X hat eine ähnliche Rechenleistung wie ein Mac Book Pro von 2017“, sagt er. „In den Fünfzigerjahren hätte es ein Mehrfaches der Weltproduktion gekostet, eine solche Kapazität in Transistoren nachzubauen.

Was das bedeutet? Dass die Zeiten günstig sind, um wirklich und grundlegend neu zu denken. Werden wir in 20, 30 Jahren immer noch so arbeiten wie heute? Sind wir dann immer noch bereit, uns für Statussymbole auszubrennen? Setzen wir dann nicht besser auf eine solide Grundversorgung? Und wird es dann wirklich noch ein Problem sein, Familie und Job zu vereinbaren?

„Der digitale Wandel ist das spannendste Sujet der vergangenen Jahrzehnte und wohl auch der kommenden“, sagt Sabria David, die sich selbst als pragmatische Idealistin bezeichnet. Und sie will noch erleben, dass es egal ist, wer was leistet. „Sogar als Frau“ will sie dann nicht mehr hören. ---

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