Ausgabe 05/2017 - Artikel

Wie verändert sich das deutsche Wohnzimmer?

• Die Welt um sie herum mag sich verändern, in ihren Wohnzimmern aber wollen die Deutschen lieber Vertrautes. Gemütlich soll es sein. Seit 2004 stellt sich die Hamburger Werbeagentur Jung von Matt das deutsche Durchschnittswohnzimmer in ihre Büroräume, streng nach Daten des Statistischen Bundesamtes und der Konsumforschung möbliert. Das ist die Umgebung, in der sich der Durchschnittsbundesbürger wohlfühlt, hier wohnt die fiktive Familie Müller, Claudia (Jahrgang 1967), Thomas (Jahrgang 1964) und Jan (Jahrgang 1995). Die Sitzgruppe (1) ist auf den Fernseher ausgerichtet, daran hat sich in all den Jahren nichts geändert, auch wenn der Fernseher inzwischen flach (2) ist und die Sofas nicht mehr ganz so weich zum Hineinsinken einladen. Farblich haben sich die Müllers von Apricot (3) über Eierschalengelb (4) zu einem nüchternen Dunkelgrau (5) vorgearbeitet. Der pflegeleichte Velours-Teppich (6) wurde 2016 durch Laminat (7) ersetzt. Ein schmiedeeiserner Kerzenständer (8) sorgt für etwas Rustikalität. Der CD-Turm (9) ist verschwunden, auch der Videorekorder (10) wurde entsorgt.

2009 hat sich Familie Müller einen PC (11) in die Wohnzimmerecke gestellt, 2016 benutzt sie einen Laptop (12). Weil sie damit online einkauft, braucht sie auch den Quelle-Katalog nicht mehr, der 2004 noch unter dem Glastisch lag. Die abstrakte Farbklecks-Kunst (13) an der Wand signalisiert 2016 ein entschlossenes Ja zur Gegenwart, dem die Vorläufer-Kunst mit Landschaftsmotiven (14) weichen musste.

Selbst die gute alte Schrankwand (15) ist der Modernisierung zum Opfer gefallen und einer etwas sachlicheren, weniger massiven Wohnzimmer-Sideboard-Kombination (16) gewichen. Knapp ein Jahrhundert nach Gründung des Bauhauses haben es damit erste Elemente dieser Schule ins deutsche Wohnzimmer geschafft. Hinter der modernen Glas-Schranktür werden immer noch das gute Porzellan (17) und die Minibar präsentiert, so viel Traditionspflege muss sein. Und auch der Glastisch (18), die Liebe zum Nippes und die Familienfotos (19) haben alle Modernisierungswellen unbeschadet überstanden. ---

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