Ausgabe 05/2017 - Artikel

Machen wir Fortschritte?

Die Zeichnungen stammen aus dem Buch: Yves Netzhammer, Concave Thoughts. Diaphanes, 2016

Tomorrow Never Knows 
The Beatles, 1966

1. Gibt es einen Fortschritt?

Alles wird gut. Das kann jeder behaupten. Doch ob das mehr ist als ein frommer Wunsch, hängt davon ab, wie man die Welt sieht und das, was sich in ihr bewegt. Grundsätzlich hätten wir da zwei Möglichkeiten:
Variante 1 ist die Fortschrittsversion.

In ihr ist der Lauf der Welt eine Straße, die meist geradeaus nach vorn verläuft, aber durchaus auch mal eine uneinsehbare Kurve hat und Stellen, an denen man nicht weiß, wie es weitergeht. Doch auch wenn sich zuweilen die Route in engen Serpentinen den Berg hinaufschlängelt, es geht voran. Am Horizont wartet das Neue.
Lassen wir das hier einmal so stehen (und merken uns das mit dem „nach vorn“).
Variante 2 ist die Schicksalsversion.

Das ist keine Route von A nach B, sondern ein Kreislauf. Wir drehen Runden. Alles wiederholt sich. Nur wer sich nicht erinnern kann, erkennt etwas Neues. In der Welt des Schicksals läuft alles rund. Morgen geschieht, was gestern geschah. Es gibt keinen Fortschritt. Das glauben die meisten. Und irren sich.


Allerdings kann man durchaus den Eindruck bekommen, dass alles läuft – und sich nichts bewegt. In Kultur und Politik ist Retro angesagt. Zurück in die Siebziger. Oder in die Neunziger.

Im Jahr 1993 erscheint der Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Der Held ist ein übellauniger Wetteransager namens Phil Connors. Sein Sender schickt ihn in ein Kaff namens Punxsutawney, um über ein Murmeltier zu berichten, an dessen Verhalten man angeblich an jedem 2. Februar erkennen kann, wie lange der Winter noch dauert. Phil macht missmutig seine Arbeit und beleidigt dabei vorzugsweise seine ihn begleitende Kollegin Rita, seinen Kameramann Larry oder zufällig vorbeikommende Leute. Einzig die Aussicht auf die Abreise hebt seine Laune. Doch ein Schneesturm macht die vorerst unmöglich. Phil hängt in Punxsutawney fest. Sein Morgengrauen verdient den Namen. Alles ist wie immer. Die Musik. Die Nachrichten. Der Tag wiederholt sich. Phil ist in einer Zeitschleife gelandet. Er ist erst schockiert, dann richtet er sich allmählich in der Routine ein. Er wirft ein Auge auf Rita. Doch seine Annäherungsversuche scheitern. Alles bleibt, wie es ist, bis er versucht, sich in Rita hineinzuversetzen. Das ändert alles. Der Kreislauf wird durchbrochen. Die Zeitschleife löst sich auf. Es geht voran.

Streng genommen ist die Komödie ein Lehrstück. Sie transportiert die Idee der Aufklärung, die Möglichkeit, sich durch Veränderung zu verbessern. Der Geist des Fortschritts lehrt uns: Die Welt ist keine Endlosschleife, sondern ein Entwicklungsgebiet.

2. Wiederholt sich die Geschichte?

Nette Story, sagen jetzt welche, aber ehrlich: Wir brauchen nichts mehr. Fortschritt, Zukunft, das sollen mal schön die anderen machen. Wir haben schon alles. Der Westen ist selbstgerecht und bequem. Alles wird vom Erhalt her gedacht. Der Geist des Fortschritts ist samt Aufklärung in die Flasche gesperrt. Aus Sicherheitsgründen. Bringt uns das weiter? EU-Krise, Populismus, Lagerbildungen, Extremismus – vieles davon, so sagen manche Beobachter, erinnert an die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Meist werden diese Jahre als nervöse, überreizte, fast hysterische Epoche beschrieben. Doch das ist ein Irrtum.

Der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig, 1942 im brasilianischen Exil gestorben, hat in seiner posthum erschienenen Monografie „Die Welt von Gestern“ die Vorkriegsjahre ganz anders beschrieben, nämlich als das „goldene Zeitalter der Sicherheit. Alles (…) schien auf Dauer gegründet und der Staat selbst der oberste Garant der Beständigkeit. Die Rechte, die er seinen Bürgern gewährte, waren verbrieft vom Parlament, der frei gewählten Vertretung des Volkes, und jede Pflicht genau begrenzt (…). Jeder wusste, wie viel er besaß und wie viel ihm zukam, was erlaubt und was verboten war. Alles hatte seine Norm, sein bestimmtes Maß und Gewicht. (…) Niemand glaubte an Kriege, an Revolutionen und Umstürze. Alles Radikale, alles Gewaltsame schien bereits unmöglich in einem Zeitalter der Vernunft.“

Das war die Welt kurz vor ihrer Explosion. Das kommt dabei heraus, wenn man den Fortschritt nicht ernst nimmt und ihn zur Routine verkommen lässt. Ein Kreislaufzusammenbruch. Mit Todesfolge.

Die Evolution hat nicht nur eine biologische Dimension, sondern auch eine kulturelle und soziale Ebene. Wer das übersieht, nicht ernst nimmt, glaubt, man müsse sich des Fortschritts nicht versichern und vergewissern, der verliert: „Wenn wir vergessen, dass es Fortschritte gibt, und übersehen, wie weit wir es gebracht haben, dann bringen wir alles in Gefahr“, fasst das der schwedische Autor Johan Norberg zusammen. In seinem aktuellen Buch „Progress“ („Fortschritt“) resümiert er die Erfolge der vergangenen Jahrhunderte. Er nennt sie einen „Triumphzug der Humanität“. Das ist Fakt, aber nicht populär.

3. Was ist Fortschritt?

Und woraus besteht der Fortschritt? Wikipedia nennt ihn eine „zumeist im positiven Sinne verstandene Änderung des Zustandes. Gegenbegriffe sind Rückschritt oder Stillstand. Fortschritt und Innovation begünstigen einander.“ Das ist sauber und nüchtern erklärt.

Im alten Rom bedeutete „progressus“ zunächst das militärische Vorrücken in einer Schlacht, bald aber auch das Vorangehen in einer Entscheidung. Progressiv sind demnach diejenigen, die die Welt nicht als Schicksal begreifen, sondern mal schauen, was anders und besser geht. Fortschritt zweifelt daran, dass alles bestens ist. Stillstand hingegen baut auf Selbstgerechtigkeit. Fortschritt ist, wenn genug nicht genug ist. Und Fortschritt ist, wenn man sich mit dem, was man hat, auch in anderer Hinsicht nicht zufriedengibt. Fortschritt ist immer mehr als das, was wir gerade haben. Der Gewinn der Entwicklung.

Die Aufklärung verbreitet die Idee des guten Fortschritts. Doch das hat zwei Seiten, die gute, dass man Zukunft zu denken beginnt, wo vorher nur Stillstand war. Doch der Schicksalsglaube wird durch den Fortschrittsglauben ersetzt. Wenn der Fortschritt nur positiv ist, dann sind alle Mittel recht, um ihn zu erreichen. Der Terror der Französischen Revolution ist eine Zwangsvollstreckung des Guten. Die Generation Guillotine beruft sich auf die Natur als Wegbereiter dieses Fortschritts. Die Natur ist gewaltig – und gewalttätig. Revolution ist Evolution mit R. R wie rücksichtslos.

Totaler Fortschritt sagt: Es kann nicht besser werden. Es muss. Die Zwangsläufigkeit macht den Fortschritt zur Routine, zum Schicksalsschlag. Man muss umverteilen, Gerechtigkeit schaffen, Gleichheit erzwingen, Verbote aussprechen und Repressalien einleiten, wenn sich jemand dem Fortschritt in den Weg stellt. Erzwungener, doktrinärer Fortschritt mündet leicht in Terror.

Wahrer Fortschritt hingegen ist weitaus nüchterner und wird oft auf den ersten Blick nicht als Verbesserung wahrgenommen. Nicht politische Phrasen, sondern pragmatisches Handeln verbessert die Welt. Die Revolution frisst ihre Kinder, weil die wirkliche Arbeit eh von anderen gemacht wird.

In der Moderne ist es die neue Ordnung des industriellen Kapitalismus, die den Fortschritt wirklich vorantreibt. Auch dieser Fortschritt hat zwei Seiten. Die hässliche Hälfte entriss die Menschen ihrer Routine. Ihre angestammten Plätze im Feudalsystem waren Gefängnisse, aber der Kerker war ihnen vertraut. Sie kannten ihre Zelle. Die Fabrik hingegen war laut, schmutzig, fremd und immer in Bewegung. Das Schicksalssystem von früher war ruhig, es stand still. Der Kapitalismus zerstörte diese Welt. War das falsch?

Langfristig betrachtet natürlich nicht. Aber der Fortschritt ist zunächst immer eine Störung – und deshalb vielfach enttäuschend und unangenehm. Überdies verlangt er Vorauskasse. Wer nicht an ihn glaubt, bekommt nur die Reste ab. Aber er lohnt sich am Ende für alle.

Merkwürdig, dass man das immer wieder sagen muss, vor allen Dingen in einer wohlhabenden Gesellschaft. Denn der Fortschritt ist offensichtlich, er ist vor der Tür, man kann ihn sehen. Der britische Architekt und Frühaufklärer Sir Christopher Wren, der im 17. Jahrhundert lebte und unter anderem die St.-Pauls-Kathedrale in London erbaute, hatte, so schreibt Johan Norberg, das Motto „Si monumentum requiris, circumspice“, übersetzt etwa: „Wenn du ein Denkmal suchst, sieh dich um.“
Wir sind der Beweis.

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