Ausgabe 05/2017 - Artikel

Wie globalisiert ist Deutschland?

Wie globalisiert sind wir?

• Mehr denn je – jedenfalls im Management, sagt Sörge Drosten, Geschäftsführer bei der Personalberatung Kienbaum Executive Consultants International. „In den Neunzigerjahren gab es natürlich auch Leute, die eine Weile im Ausland studierten, und natürlich gab es auch ein internationales Geschäft. Aber das war nur der Anfang. Das Internationale zieht sich heute in einem ganz anderen Ausmaß durch die Biografien. Mittlerweile finden Sie selbst im mittleren Management viele, die mal Station in Südamerika oder Asien gemacht haben, einige Jahre im Ausland waren, internationale Verantwortung übernommen haben. Und natürlich schickt auch ein Mittelständler, der in mehr als 70 Ländern aktiv ist und die Kunden verstehen will, seine Leute rund um die Welt. Das hat dramatisch zugenommen.“

Die Lust am Aufenthalt in der Fremde hat allerdings Grenzen. Katharina Heuer und Christian Lorenz von der Deutschen Gesellschaft für Personalführung beklagten unlängst in einem Aufsatz: „Mit dem Grad der Zunahme des internationalen Warenaustauschs, von dem Deutschland als Exportweltmeister massiv profitiert, sinkt hierzulande die Bereitschaft der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sich auch nur zeitweise in ferne Länder versetzen zu lassen. Deutsche Unternehmer und Personaler klagen darüber, dass immer weniger Fach- und Führungskräfte bereit sind, für mehrere Jahre an Produktionsstandorte nach Indien, China oder Südamerika zu wechseln.“ Sie führen dies unter anderem darauf zurück, „dass mittlerweile in vielen Partnerschaften beide arbeiten“ und die „mitreisende Ehefrau“ von gestern selten geworden sei. Außerdem sei bei vielen Mitarbeitern der Bedarf an Fernweh nach Auslandsaufenthalten im Studium „gestillt“.

Daheim ist es eben doch am schönsten. Die Migrationsforscherin Nikola Sander von der Reichsuniversität Groningen in den Niederlanden findet es jedenfalls ganz erstaunlich, dass sich die Menschen in Deutschland kaum vom Fleck bewegen: „Nur drei Prozent der Bevölkerung ziehen pro Jahr über Kreisgrenzen hinweg um.“

Zwar bewegten sich die 18- bis 24-Jährigen zur Ausbildung weiter vom Heimatort weg als früher, es gingen auch einzelne Berufsgruppen selbstverständlicher für eine Zeit ins Ausland. „Gleichzeitig aber hat sich die Mobilität der 30- bis 49-Jährigen deutlich reduziert.“

Auch die weltweite Mobilität hat nicht zugenommen. Zwischen den Jahren 1990 und 2010 haben sich, gemessen in Fünf-Jahres-Intervallen, immer etwa 0,6 Prozent der Weltbevölkerung auf den Weg von einem Land ins andere gemacht.

„Diese Konstanz hat uns sehr überrascht“, sagt Sander. „Man sieht auch bei diesem Thema, dass sich die Globalisierung auf bestimmte Gruppen beschränkt, wie Studenten, Expats oder die Arbeiter, die in die Golfstaaten ziehen.“ ---

Binnenwanderung in Deutschland im Jahr 2010.
Grafik: Nikola Sander.
Weitere Grafiken auf www.global-migration.info

Die globalen Migrationsströme in den Jahren 2005 bis 2010
Grafik: Nikola Sander
Weitere Grafiken auf www.global-migration.info

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