Ausgabe 05/2017 - Artikel

Verortungs-Illusion

Sind wir der virtuellen Realität gewachsen?

• Im Jahr 2002 setzten Forscher von der Universität North Carolina einer Gruppe Testpersonen Brillen auf, mit denen diese in eine künstliche Welt eintraten. Sie hatten das Gefühl, am Rand einer mehrere Meter tiefen Grube zu stehen. Die Virtual-Reality-Technik war noch schlecht damals, das Szenario sah wenig realistisch aus, und die Teilnehmer wussten, dass sie nicht wirklich in Gefahr waren. Trotzdem fingen sie an zu schwitzen, die Herzfrequenz erhöhte sich. Sie hatten Angst.

Der Mensch kann schlecht zwischen Illusion und Realität unterscheiden. „Das Erstaunliche ist, dass das Gehirn selbst bei niedriger Auflösung sehr schnell das Gefühl erzeugt, dass man wirklich in der Umgebung ist, die man sieht“, sagt Thomas Metzinger. „Verortungs-Illusion“ nennt das der Philosoph, der das Thema seit zehn Jahren erforscht.

In einem Experiment ließ Metzinger Versuchspersonen mit einer Datenbrille Videoaufnahmen anschauen, in denen sie selbst am Nacken gestreichelt wurden. Wurden sie beim Betrachten dieser Aufnahmen ebenfalls gestreichelt, stellte sich bei einigen das Gefühl ein, dass sie sich aus der Perspektive eines Fremden beobachteten.

„Das war allerdings immer noch eine sehr schwache Illusion, die sehr leicht gestört werden konnte“, sagt Thomas Metzinger. Ähnliche Täuschungen lassen sich auch ohne Berührungen herstellen. Wenn man zum Beispiel einen Arm im Bild genau dort platziert, wo sich der eigene Arm normalerweise befindet, genügt das, um einigen Probanden das Gefühl zu geben, es sei ihr Arm. Man kann also die starke Illusion schaffen, dass der virtuelle Körper der eigene ist und entsprechend kontrolliert werden kann.

„Mit normalen Videospielen und Filmen kann man vergleichbare Illusionen nicht herstellen“, so Metzinger. In einer Studie der National Chengchi Universität in Taipeh wurden Menschen untersucht, die Horror-Videospiele mit Virtual-Reality-Brillen gespielt hatten. Manche Spieler berichteten, dass sie zwischenzeitlich vergessen hatten, dass nicht echt war, was sie sahen. Andere erzählten, dass sie erleichtert waren, das Spiel überlebt zu haben. Am folgenden Tag war die Angst meistens wieder verflogen – kaum jemand hatte Albträume oder fühlte sich anhaltend unwohl.

Einige Experimente hatten allerdings nachhaltige Wirkungen. In einem Fall ließen Forscher Testpersonen in der virtuellen Realität einen Avatar steuern, der aussah wie eine gealterte Version ihrer selbst. Die Probanden legten daraufhin in den Wochen danach mehr Geld für ihre Altersvorsorge beiseite.

Virtual Reality kann man inzwischen auch für medizinische Zwecke nutzen. Versetzt man Menschen mit schweren Brandverletzungen mithilfe der Technik in eine sehr kalte Umgebung, lindert man so ihren Schmerz – zumindest ein bisschen.

Der größte Nutzen liegt vielleicht darin, dass wir etwas über unseren eigenen Geist erfahren. Darüber, wie er sich täuschen lässt.

„Das ist eine Bewusstseinstechnik“, sagt Metzinger. Genau wie es schamanisches Trommeln vor Tausenden von Jahren auch schon gewesen sei. „Jetzt bietet man dem Gehirn Situationen an, die noch viel wirklichkeitsgetreuer sind. Aber wir stehen erst am Anfang. Wir fangen erst langsam an zu verstehen, was das mit uns macht.“ ---

„ Der Mensch kann schlecht zwischen Illusion und Realität unterscheiden.“

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