Ausgabe 05/2017 - Artikel

Karl Lenhard Rudolph im Interview

Wie werden wir alt?

brand eins: Herr Rudolph, viele der heute über 80-Jährigen haben den Krieg miterlebt, Hunger gelitten und die fette Ernährung der Wirtschaftswunderjahre mitgenommen. Rauchen galt die längste Zeit ihres Lebens als lässliche Sünde. Trotzdem gibt es in Deutschland mehr Alte denn je, die Lebenserwartung ist hoch wie nie. Sie liegt jetzt bei etwa 78 Jahren für Männer und 83 Jahren für Frauen. Müssen wir gar nichts dafür tun, um sehr alt zu werden?

Karl Lenhard Rudolph: Wir haben ja viel getan. Auch wenn Kriege, Krisen und ungesunde Einflüsse in die Biografien hineingespielt haben, lassen sich die hohen Steigerungen mit dem deutlich verbesserten Lebensstandard in der westlichen Welt erklären, mit dem medizinischen Fortschritt, der besseren Hygiene, der ärztlichen Versorgung, dem Wegfall von Hunger und der besseren Arbeits- und Wohnsituation dieser Generationen im Vergleich zu denen davor. Deshalb hat sich die mittlere Lebenserwartung in den vergangenen 150 Jahren verdoppelt – das ist enorm! Neue Studien prognostizieren für die jetzt Geborenen sogar schon um die 90 Jahre durchschnittlicher Lebensdauer.

Es steht also nicht in unseren Genen geschrieben, ob wir alt werden können, sondern wir haben es selbst in der Hand?

Die genetische Veranlagung spielt natürlich eine Rolle, aber wohl nur zu 30 bis 40 Prozent. Alle Studien zu der Frage haben ergeben, dass unser Verhalten und unsere Umwelt bis zu 60 Prozent Einfluss darauf haben, ob und wie wir alt werden.

Das richtige Verhalten ist ja Moden unterworfen. Was versteht man darunter zurzeit? Auf Fleisch zu verzichten, Alkohol und Zigaretten? Das kann fade werden, auf 80 Jahre gesehen.

Es gibt Hinweise, dass vegetarische Ernährung das Leben verlängern kann. Meist wird aber außer Acht gelassen, dass Vegetarier generell gesünder leben. Eigentlich kommt man, was die Ernährung angeht, mit der alten Regel „Alles, aber in Maßen“ recht weit. Das Rauchen sollte man ganz lassen. Aber maßvoll zu genießen schließt weder das gelegentliche Glas Wein aus noch ein Stück Torte ab und zu. Hoch im Kurs steht auch die mediterrane Küche, besonders das Olivenöl. Jedes Übermaß an Fett, Zucker und Alkohol aber sowie die damit einhergehenden Begleiterscheinungen wie Fettleibigkeit und Bewegungsmangel haben nachweislich einen negativen Einfluss auf die Funktionsweise unserer Zellen. In den USA, dem reichsten Land der Erde, ist die Lebenserwartung wegen der verbreiteten Adipositas niedriger als in vielen anderen Industriestaaten. Viele Amerikaner sterben an den Folgekrankheiten ihres Übergewichts.

Sehr dünn im Alter zu sein soll aber auch nicht mehr der Weisheit letzter Schluss sein.

In der Tat scheint ein leichtes Übergewicht bei über 65-Jährigen zu helfen, die Gefahr, schwer zu erkranken, abzuwehren – oder sie zumindest hinauszuschieben. Warum das so ist, untersuchen wir noch. In jungen Jahren ist Schlank-Bleiben dagegen offensichtlich hilfreich. Offenbar bleibt der Stoffwechsel in der Zelle bei vollschlanken, aber agilen Menschen länger immun gegen Modifikationen der DNA, wie sie im Alter gewöhnlich zunehmen und dann die Funktionsweise der Mitochondrien, der Kraftwerke im Zellkern, einschränken. In den USA wird getestet, ob Wirkstoffe, die man aus der Diabetes-Behandlung kennt, der Gesunderhaltung dieses Zellstoffwechsels dienen können. Hier ist aber Vorsicht geboten, da es Nebenwirkungen geben kann.

Die aus Australien stammende Medizin-Nobelpreisträgerin Elizabeth Blackburn und die amerikanische Psychologin Elissa Epel haben einen Zusammenhang herausgefunden zwischen negativem Stress und vorzeitigem Altern.

Ja, sie haben nachgewiesen, dass Stress, wie er durch Existenzsorgen, eine zu hohe Arbeitsbelastung oder psychische Probleme entstehen kann, die Telomere – eine Art Schutzkappe am Erbgut jeder Zelle – bei der Zellteilung schädigt beziehungsweise sie immer weiter verkürzt. Dadurch wird die Zellerneuerung beeinträchtigt und so das Altern beschleunigt.

Ist der Prozess unumkehrbar, oder kann man ihn aufhalten?

Die Telomere können in der Regel nicht wieder verlängert werden, allerdings kann die Geschwindigkeit der Verkürzung gebremst werden. Regelmäßige Bewegung hat positive Effekte, schon leichter Sport zweimal die Woche bringt etwas, dazu ausreichend Schlaf, ein besserer Umgang mit Stress, aber auch eine stabile Psyche durch funktionierende soziale Bindungen haben großen Einfluss auf die Jungerhaltung des Erbguts – zusammen mit einer gesunden Lebensweise und dem Meiden von Umweltgiften.

Suchen Sie in Jena eigentlich nach einer Art Jungbrunnen und erforschen, wie wir immer älter werden können?

Nein, die Lebensspanne, die der Mensch hat, ist wie bei einer Schildkröte oder einem Fadenwurm auch in seinen Genen festgeschrieben. Das ist wie eine Festplatte, die man nicht neu formatieren kann. Unsere Lebenszeit ist nicht unendlich dehnbar. Man spricht jetzt von maximal 120 Jahren Lebenserwartung, aber auch das ist umstritten. Was wir hier versuchen herauszufinden, ist, was beim Altern im Körper passiert, warum zum Beispiel Stammzellen aufhören, sich zuverlässig neu zu bilden und darum nicht mehr für die Regeneration der Organe zur Verfügung stehen. Oder warum Schutzmechanismen bei der Zellteilung im Alter beginnen zu versagen und Zellen stattdessen wuchern. Unser Ziel ist es, die Ursachen von altersbedingten Krankheiten zu erforschen, um Grundlagen für Therapien zu finden, die das Leid lindern.

Uralt zu werden ist für viele keine Verheißung. Denn die letzten Lebensjahre bringen vielen Krebs, besonders häufig Leukämie oder Darmtumore. Die Verdoppelung der Krebsrate seit 1970 geht fast ausschließlich zulasten der über 65-Jährigen. Auf einen 15-Jährigen mit Krebsdiagnose kommen statistisch gesehen 200 über 80-Jährige. Weiß man, was da passiert?

Noch längst nicht genug. Im Alter kommt es unter anderem zu einem Funktionsverlust blutbildender Stammzellen. Vor allem ihre Fähigkeit, Immunzellen zu bilden, nimmt ab. Das kann nicht nur die Abwehr von Infektionen erschweren, das nachlassende Immunsystem erkennt auch geschädigte Körperzellen nicht mehr zuverlässig und eliminiert sie darum nicht. Deshalb überleben gealterte und defekte Zellen länger, als sie sollten, und stören die Funktion von Geweben und Organen. Es bildet sich Krebs. Die Gene, die für diese Stammzellen-Alterung verantwortlich sind, wollen wir identifizieren. Bis es so weit ist, sind Vorsorgeuntersuchungen der beste Weg, um Wucherungen schon im Frühstadium zu erkennen und schweren Krankheitsverläufen vorzubeugen.

Die zweite große Plage des hohen Alters sind Demenzerkrankungen. Ist Rettung in Sicht?

Es gibt hochkarätige Forschungsprojekte auf der ganzen Welt, und mittlerweile wurden viele klinische Studien zu einzelnen Wirkstoffen durchgeführt. Aber man muss leider sagen, dass der große Durchbruch noch nicht gelungen ist. Zwar haben wir viele neue Erkenntnisse, doch es fehlt noch an einem grundlegenden Verständnis dafür, wie die einzelnen Faktoren zusammenwirken.

So muss man doch Disziplin walten lassen. Lohnt es sich aber überhaupt, mit über 60 mit Sport anzufangen und mit 70 dem Rauchen abzuschwören?

Unbedingt! Es ist erwiesen, dass der Wechsel zu einem gesünderen Lebensstil auch im Alter noch die Lebenserwartung steigern kann, in jedem Fall aber die Lebensqualität. ---

Karl Lenhard Rudolph, 48,
ist Medizinprofessor und Wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Instituts für Alternsforschung in Jena, das in Deutschland einzigartig ist. Zusammen mit einem internationalen Team aus Molekularbiologen, Krebsforschern und Chemikern ergründet der Stammzellexperte die Biologie des Alterns.

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