Ausgabe 05/2017 - Artikel

Henning Beck im Interview

Wie schlau ist künstliche Intelligenz?

brand eins: Herr Beck, Picasso hat einmal gesagt, Computer seien nutzlos, denn sie könnten nur Antworten geben. Stimmt das noch?

Henning Beck: Zumindest können sie sich selbst nicht infrage stellen. Denn eine tiefgängige Frage ist mehr als ein Satz mit einem Fragezeichen am Ende. Sie ist sprachgewordene Neugier, gewissermaßen der Versuch, etwas zu tun, ohne vorher zu wissen, was dabei herauskommt.

Können Maschinen intelligent sein?

Wenn wir unter Intelligenz verstehen, schnell und fehlerfrei Rechenregeln anwenden zu können, um vorher bekannte Probleme zu lösen, dann sind Maschinen schon lange intelligent – mitunter sogar intelligenter als der Mensch. Das hat bekanntlich große Auswirkungen auf unsere Arbeits- und Lebenswelt. Allerdings: Intelligent zu sein reicht nicht, um die Welt zu beherrschen. Man muss dafür neue Probleme identifizieren und umformulieren. Daran scheitern Maschinen bislang.

Was macht menschliches Verständnis aus?

Algorithmen suchen in großen Datensätzen nach Gemeinsamkeiten und Korrelationen, um darin Muster zu erkennen. Das machen wir auch – aber nicht nur. Wir verwenden auch konkrete Beispiele, um davon Prototypen abzuleiten. Deswegen benötigen wir keine riesigen Datenmengen, um die Welt zu verstehen. Wir können anhand weniger Beispiele Kategorien bilden und auf ähnliche Situationen übertragen. Für uns ist es schließlich nicht nur interessant, ein Muster zu erkennen, sondern es zu nutzen, zu verändern und es anderen mitzuteilen.

Was kann das menschliche Gehirn, was die Maschine nicht kann?

Was ist Gebäck unter einem Baum? Ein schattiges Plätzchen. Das finden wir lustig, zumindest mehr oder weniger. Maschinen hingegen können mit dem Satz nichts anfangen. In fast keinem Science-Fiction-Film wird diesem wichtigen Unterschied Beachtung geschenkt. Dabei offenbart sich im Humor, was Menschen von Maschinen unterscheidet. Wenn eine Erwartungshaltung gebrochen wird, dann finden wir das lustig und lachen. Wird der Bruch nicht aufgelöst, dann starren wir verblüfft wie bei Zaubertricks. Solche Abweichungen von der Norm faszinieren uns. Sie bereichern unser Leben, während Korrelationen, Gemeinsamkeiten und Muster auf Dauer langweilig sind.

Dass Computer besser im Schach und anderen Spielen sind, bei denen alle Informationen für alle Spieler offen auf dem Brett liegen und Züge vorausberechnet werden können, leuchtet ein. Aber wie ist es möglich, dass ein Computerprogramm meisterhaft blufft und so die weltbesten Pokerspieler schlägt, wie Anfang des Jahres geschehen?

Auch das künstliche Pokersystem bewegt sich in einem festgelegten Rahmen: den Spielregeln. Innerhalb dieser Regeln kann das System viele Millionen Mal gegen sich selbst spielen und so besonders gewinnbringende Spielzüge erkennen. Wenn sich herausstellt, dass in bestimmten Situationen ein Bluff überdurchschnittlich häufig erfolgreich ist, wird die Maschine sich danach richten. Der Bluff wird quasi zur statistischen Notwendigkeit. Der Sieg der Maschine ist nicht überraschend, denn schnell und fehlerfrei ein Regelsystem zu befolgen, das können Maschinen viel besser als wir. Aber wir könnten ein neues Pokerspiel entwickeln, neue Spielregeln aufstellen oder eine Spielkarte erfinden. Genau diese Fähigkeit, Regeln zu brechen, ist kreativ und verändert die Welt.

Sie schreiben in einem Ihrer Bücher, dass Maschinen nicht kreativ sein können. Dem würden viele Forscher zur künstlichen Intelligenz widersprechen, denn die Maschine kann evolutionär Vorschläge in vielen Varianten vorlegen, von Menschen anwenden lassen und die nicht erfolgreichen Vorschläge aussortieren.

Natürlich kann man einer Software vorgeben, viele unterschiedliche Ergebnisse zu produzieren. Doch auch dann folgt sie einer Regel, nämlich viele unterschiedliche Ergebnisse zu produzieren. Eine kreative Problemlösung hat hingegen zwei besondere Eigenschaften: Sie bricht mit den Denkregeln, die zu Beginn eines Problems noch feststanden. Und sie muss für irgendjemanden einen Gewinn bringen. Wenn dieser Gewinn bloß darin liegt, das Problem besser oder schneller zu lösen, wäre das eine intelligente Lösung. Wenn der Gewinn darin liegt, dass das Problem umgangen und eine neue Situation definiert wird, wäre das eine kreative Lösung. Für letztere gibt es jedoch keine quantifizierbare Kennzahl, und das ist für Computer ein Problem.

Für uns ist es einfach: Eine Idee ist dann gut, wenn jemand anerkennt, dass es eine gute Idee ist. Kreativität ist deswegen immer auch soziale Interaktion. Das wird für Maschinen erst möglich sein, wenn sie auf einer abstrakten Ebene miteinander – oder mit uns Menschen – kommunizieren können. Mit den derzeitigen Ansätzen wird das jedoch nicht gelingen.

Die Fortschritte der vergangenen Jahre sind doch geradezu atemberaubend.

Ja, sind sie. Doch zu behaupten, dass das immer so weitergehen wird, wäre ein naturalistischer Fehlschluss. Während sich in den Neunzigerjahren die Rechenleistung von Prozessoren fast wöchentlich erhöht hat, sind PCs heute nicht viel schneller als vor zwei Jahren. Vielleicht tritt irgendwann eine allmähliche Sättigung in der Entwicklung ein, das wissen wir im Moment nicht. Mit Sicherheit werden Computer immer besser Muster erkennen und sich an konkrete Aufgaben anpassen können. Die heute gängigen Methoden, zum Beispiel maschinelles Lernen, sind dafür gut geeignet. Doch das heißt nicht, dass prinzipiell alle kognitiven Aufgaben in Kürze gelöst werden können. Für abstraktes Denken, die Entwicklung neuer Ideen, soziale Interaktion, den Aufbau eines Selbstbewusstseins werden die heutigen Techniken nicht ausreichen.

Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass sich eine künstliche Superintelligenz selbst erschafft?

Niemand weiß, was in 500 Jahren sein wird. Aber zu unseren Lebzeiten wird keine Maschine den Menschen geistig übertreffen, was kreatives und soziales Denken betrifft. Für die derzeitigen Methoden der künstlichen Intelligenz gibt es Grenzen. Um sie zu überwinden, müssen wir uns erst noch einige Tricks vom Gehirn abschauen. Vielleicht wird es mit der Entwicklung künstlicher Intelligenz so sein wie bei Flugzeugen: Man kann vom Vogelflug das Prinzip eines Flügels kopieren und neue Fluggeräte entwickeln, die Dinge können, die Vögel nicht beherrschen. Dennoch bleibt der Vogelflug einzigartig und manchmal einem Flugzeug überlegen. Maschinen können uns in der Mustererkennung oder Rechengeschwindigkeit übertreffen – doch das menschliche Gehirn bleibt der Goldstandard fürs Denken. ---

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