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Leserbrief zur 200. Ausgabe

Mein Leben mit brand eins

„1996 war ich 35 Jahre alt, fühlte mich wie 25 und sah nach durcharbeiteten Nächten am Computer morgens im Spiegel wie 55 plus x aus. Ich war Tradelander. Meine Visitenkarte war ein Personalausweis des Tradelands, der verriet, dass ich geschäftsführender Gesellschafter dieser Kommunikationsagentur war. Wir Tradelander und unsere Story polarisierten. Von denen, die uns liebten, konnten wir aber gut leben. In dieser Zeit traf ich in einer Bahnhofsbuchhandlung bei den Wirtschaftstiteln erstmalig auf Gabriele Fischer.

Das Internet war noch eine digitale Sau, die einige bald am Ausgang des Dorfes erhofften. Storytelling, Storyselling und Content Marketing gab es in der Kommunikationsbranche nur in kleinen Geheimzirkeln, denen ich beiwohnte. Man kann sich vorstellen, dass die Akquisition der Tradelander, die auch schon ein junges Team von Codern fürs Internet beschäftigte, eher einer Mission glich. Wir waren Missionare einer neuen Zeit, die eigentlich noch gar nicht begonnen hatte, obwohl alle schon mittendrin waren.

Besonders deutlich wurde das in den Wirtschaftsmagazinen dieser Zeit. Da wurde noch in Beton gegossen und mit Papier armiert, was jahrzehntelang richtig war. Unternehmen und Redaktionen waren sich einig und zelebrierten das mit Porträts der Manager und Macher aus leichter Untersicht, mit harten Kontrasten und einem Schimmer intellektuellen Blaus in jedem Bild. Inhaltlich und formal stemmte man sich gegen eine neu keimende Wertewelt der Wirtschaft.

1998 war es dann, als ich in der Bahnhofsbuchhandlung in Bochum, die erste Econy sah. Kaufte. Las. Ich hatte bei der Chefredakteurin Gabriele Fischer sofort eine gedankliche Heimat für die Wirtschaft gefunden, für die wir standen und für die mittlerweile auch viele unserer Kunden brannten. Erfolgreiche Unternehmer saßen allein, lässig auf einem Bürostuhl in einem leeren Raum und lächelten fast verlegen. In den Firmenräumen bildete ein Ficus benjamini neben einem Feuerlöscher die Kulisse einer neuen Gedankenästhetik, die von mehr Sein als Schein geprägt war. Man spürte, dass die Redakteure den Text nicht bei einer pompösen Einladung in die Feder diktiert bekommen hatten – und: ihre Tinte selbst bezahlten. Alles war anders, fühlte sich anders an und sah anders aus – ehrlicher. Seit der ersten Econy verkauften wir unseren Kunden Broschüren mit Econy-Bildsprache.

Mir war klar, in dieses Heft gehört das Tradeland rein. Der Artikel hätte nirgendwo anders erscheinen können, als in Econy.

01/1999
07/2001
05/2000

Kurz nach der Jahrtausendwende, Bund und Länder hatten gerade alle an uns erteilten Aufträge gestoppt, weil eine Hochwasserkatastrophe im Osten Deutschlands unkalkulierbare Geldmengen zu verschlingen drohte, musste ich Insolvenz anmelden. Dass ich das überlebt habe, die Lust am Neubeginn (Ausgabe 01/1999) den Frust des Endes überlagerte, verdanke ich auch der brand eins, der Wiederauferstehung der kurz zuvor eingestellten Econy. Ich hatte von der Kraft des Misserfolgs gelesen. Ich hatte gelernt, dass Reichtum nicht allein materiell begründet und Geld ein überschätztes Werkzeug ist (Ausgabe 07/2001). Es gab Unternehmer und Unternehmen, die kulturell reich waren und sich nicht ausschließlich über Geld definierten. So gründete ich mit Gleichgesinnten, den neuen Nomaden (Ausgabe 05/2000), eine der ersten atmenden Agenturen, wie man sie heute nennt. Es war die erste Zelle eines sich neu formierenden Organismus, in dem und mit dem ich arbeitete: Nucleus. Ich pendelte zu der Zeit per Bahn und lauerte der neuen brand eins jeden Monat am Bahnhof auf.

09/2000
10/2002

Nucleus war ein kleines Team, das für die jeweiligen Projekte Externe ein- und wieder ausatmete – die richtige Größe (Ausgabe 09/2000) einnahm. Wir atmeten wie die brand eins. So lebte ich mein berufliches und privates Leben auf eine Art, die ohne eine brand eins ganz anders hätte ausgehen können – Absturz, Burnout, Ledersofa. Doch der Weltuntergang fiel aus (Ausgabe 10/2002).

Zur Jahrtausendwende entdeckte ich die Hirnforschung und all die Möglichkeiten, die sich aus dem Wissen für angrenzende Wissenschaften und das Marketing ergaben. Es war die brand eins, die mich auch hier beeinflusst hatte. Ich hatte von Menschen gelesen, die dem Bauchgefühl, dem Instinkt und manchmal nur einem diffusen Gefühl gefolgt waren, um im Leben und in der Wirtschaft neue Wege zu gehen oder sich auf alte Wege zu besinnen. Da ging was (Ausgabe 09/2005). Ich wollte wissen, was und wie es ging, was sich hinter diesen Denk- und Fühlvorgängen verbarg, um es bewusster nutzen zu können und für andere nutzbar zu machen.

09/2005
02/2008

Ich fand jetzt die unternehmerische Struktur, die mich noch heute trägt, und entwickelte das passende Konzept: Biology first. Kremer und Konsorten, ein dezentral arbeitendes Team, dass Konzerne und Start-ups bedienen kann und sich ausschließlich über die kreative Komplexität der Aufgaben definiert, die es löst. Nicht über deren wirtschaftliche Dimension. Biology first – ein zutiefst an der Biologie des Menschen ausgerichtetes Neuromarketing-Konzept. Das alte Marketing war tot, das neue möge leben (Ausgabe 02/2008). Irgendwie passt auch diese Phase meines beruflichen Lebens wieder als Geschichte in die brand eins.

Es gibt sicher kein anderes Magazin, das mich so lange und immer wieder als Ursprung und Ziel meines Denkens begleitet hat, an dem ich mich verlässlich habe reiben können. Da sich mein Leben und Arbeiten aber ständig weiterentwickelt haben, muss die brand eins das auch durchlebt haben – eine ständige Veränderung, die aber an dem ausgerichtet war, was wirklich zählt (Ausgabe 06/2009), an Werten, die Bestand haben. 

06/2009
10/2011
05/2016

Nicht, dass ich wie ein Jünger den Buchstaben folgte. Ich fand nur immer wieder Bestätigung meines unkonventionellen Denkens und wurde dazu ermuntert, unkonventionell zu bleiben. Ich war dabei nie allein. Gabriele Fischer war ja an meiner Seite. Im Erfolg und im Misserfolg. Und davon will ich mehr (Ausgabe 10/2011).

Gerade hat sich wieder alles geändert. Bei mir persönlich und beruflich. Ich bin sehr gespannt, ob sich die brand eins mit dem Jubiläum auch wieder wandelt, um zu bleiben, wie sie immer war. Mal sehen, was uns zusammen hält (Ausgabe 05/2016) bei aller Wandlungsfähigkeit. In ein paar Jahren werde ich nach hinten schauen, unsere Wandlungen bestaunen, stolz und erschrocken sein, was wir brauchten, um immer wieder in Bewegung zu kommen und zu bleiben (brand eins Konferenz 2017).“


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