Ausgabe 05/2017 - Artikel

Eva Schestag im Interview

Hilft uns ein historischer Roman, China zu verstehen?

„Die Drei Reiche“ sind ein Klassiker der chinesischen Literatur. Der Roman schildert über einen Zeitraum von hundert Jahren den Zerfall des chinesischen Reiches nach dem Untergang der Han-Dynastie. Und endet mit der abermaligen Einigung des Reiches nach der Schlacht am Roten Felsen – in der der Thronräuber Cao Cao von den verbündeten Heeren Liu Beis und Sun Quans besiegt wird. Die Geschichte ist angereichert mit Gedichten, Anekdoten, Lehrsätzen, Rätseln sowie strategischen Überlegungen. Eva Schestag hat das Werk in sechsjähriger Arbeit erstmals vollständig ins Deutsche übertragen.

brand eins: Was lehrt uns dieses Buch, Frau Schestag?

Eva Schestag: Der chinesische Staatspräsident Xi Jinping betonte in einer Rede, dass die Helden der klassischen Romane die Grundwerte des chinesischen Volkes verkörpern: Loyalität, Bescheidenheit und Entschlossenheit. Nach seiner Vorstellung soll China spätestens 2049, hundert Jahre nach Gründung der Volksrepublik, wieder seinen angestammten Platz in der Weltgeschichte einnehmen – als Großmacht und Zentrum der Welt. Das ist der langfristige Plan. Eine Strategie zu seiner Verwirklichung heißt yi dai yi lu – ein Gürtel, eine Straße. Gemeint sind damit Handelswege zwischen China und dem Rest der Welt. Man könnte nun in Xi Jinping einen tugendhaften Herrscher nach dem Vorbild Liu Beis sehen, der durch seine Initiative den Völkern entlang der ehemaligen Seidenstraße Frieden und Wohlstand bringt. Oder aber es verbirgt sich dahinter ein listiger Plan, wie ihn Liu Beis Gegenspieler Cao Cao ausgeheckt haben könnte, und es geht in Wirklichkeit darum, Chinas Problem der Überkapazitäten zu lösen, indem man neue Absatzmärkte zugänglich macht und durch den Bau von Gaspipelines in Zentralasien den Energiehunger stillt.

Erklärt das Buch tatsächlich die aktuelle Politik Chinas?

Auf jeden Fall hilft es uns, das Verhalten Chinas in den weltpolitischen Zusammenhängen aus seiner eigenen Geschichte heraus besser zu verstehen. Den Feind zu kennen ist ein grundlegendes Prinzip der Kriegskunst. Der Philosoph und Stratege Sunzi formulierte das bereits vor 2500 Jahren.

Was war Ihre prägendste Erfahrung bei der Übersetzungsarbeit?

Wenn man die beiden Bände in Händen hält, ist man allein vom Umfang überwältigt – der den räumlichen und zeitlichen Dimensionen Chinas entspricht. Schon zur Zeit der Han-Dynastie hatte das Land eine riesige Ausdehnung, und der Beginn der chinesischen Schriftkultur reicht etwa 4000 bis 5000 Jahre zurück. Die lange Strecke durch den Roman und die Zeit, die man dafür braucht, sind Bestandteil dessen, was man darin erfährt und erlebt. Obwohl die Köpfe schneller rollen, als man lesen kann, ist die Langsamkeit ein prägendes Element des Romans wie der chinesischen Kultur. Ebenso bedeutend sind die großen Bögen, die die Handlung schlägt. Chinesische Politiker denken noch heute in sehr langen Zeiträumen.

Stimmt es, dass Mao Zedong den Roman bei sich trug?

Tatsächlich las Mao seinen Leuten immer wieder aus dem Roman vor. „Die Drei Reiche“ ist vor allem ein Roman über Strategien. Erzählt wird von zahllosen Schlachten, die aus einer aussichtslosen Situation heraus gewonnen werden. Der Leser erfährt, wie man durch List, Geschick und Glaube an die Sache auch einen überlegenen Feind schlagen kann. Das war für Mao wichtig. Seine Feinde, die Nationalisten, waren reicher, gebildeter und besser ausgerüstet als das einfache Volk, das er um sich scharte.

Gibt es da auch für den heutigen Leser etwas zu lernen?

Die »Financial Times« berichtete vor einiger Zeit über ein chinesisches Unternehmen im Silicon Valley, dessen Management jede Woche über ein Kapitel aus dem Roman diskutiert. Dadurch soll die eigene Strategie geschärft werden. Ich arbeite auch als Übersetzerin für Finanztexte, und ich erinnere mich daran, wie der neue Europa-Chef eines Unternehmens seine Strategie vorstellte. Er sprach nur von seinen Plänen. Mit keinem Wort ging er auf seinen Konkurrenten ein. Er versuchte nicht einmal, dessen Strategie zu verstehen, und der hatte immerhin den größten Marktanteil. Folgte man dem Vorbild des Romans, würde man sich zuallererst mit dem Konkurrenten auseinandersetzen: Was macht er? Was hat er vor? Wie kann ich ihm zuvorkommen?

Lassen sich praktische Handlungsanleitungen daraus ableiten?

Die Helden des Buches greifen auf 36 Strategeme zurück. Wichtig ist dabei, zuerst die Situation zu erkennen und herauszufinden, welche dieser Strategeme der Feind anwendet. Dann gilt es festzustellen, mit welchem Strategem man darauf reagieren muss. Der Schweizer Jurist und Sinologe Harro von Senger hat die Strategeme erstmals im Westen vorgestellt. Ich traf ihn während meiner Arbeit an der Übersetzung des Romans. Er betonte die Bedeutung der List. Bei den Chinesen ist sie eine Form der Weisheit und hat nichts moralisch Anrüchiges. Das war einst auch bei uns so.

Wie bekannt ist der Roman im heutigen China?

In ganz Asien kennt jedes Kind die Geschichte. Früher ließen die Geschichtenerzähler in den Teehäusern und die Schausteller auf den Marktplätzen die Helden aus dem Roman lebendig werden. Volksopern brachten deren Taten auf die Bühne. In den Fünfzigerjahren gab es die sogenannten Ketten-Bilderbücher: Reich illustriert, erzählten sie in einfacher Sprache einzelne Szenen aus dem Roman. Heute sind es Zeichentrickserien, Spielfilme und Computerspiele. Im Internet ist eine weltweite Gaming-Community aktiv. Eine davon nennt sich Kongmin.net nach dem Chefstrategen des Reiches Shu. In Foren und Blogs tauscht sie sich regelmäßig aus. Für jede der tausend Personen des Romans hat sie eine Karte mit den wichtigsten Daten angelegt.

Vorgestellt wird der Roman in einer Art Gedicht als „kleine und große Geschichten aus alter und neuer Zeit“, die greise Fischer und Förster einander bei einem Krug Wein erzählen. Trifft es das?

Die Handlung folgt dem Lauf der historischen Ereignisse. Es gibt jedoch zahlreiche Abzweigungen. An ihnen schweift die Geschichte ab in kleine Erzählungen. Das sind die Entdeckungen, die den Roman so lesenswert machen. Der Gang durch den Text ist wie eine lange Wanderung durch schroffes Gebirge. Es dauert, bis man beim Lesen seinen Rhythmus findet. Rechts und links des Weges entdeckt man hier eine süße Beere und dort eine seltene Blume. In diesen Momenten verliert sich das große Ganze in einer wunderbaren Begebenheit oder auch nur einer Metapher, die den Blick auf die Welt verändert. ---

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