Ausgabe 05/2017 - Artikel

Autonomes Fahren

Wer fährt zuerst selbstständig?

• Wie es um diese Bemühungen bestellt ist, lässt sich mit der Norm SAE J3016 des Standardisierungsinstituts SAE International beantworten, die den Automatisierungsgrad von Fahrzeugen angibt. „Bei Lkw befinden wir uns derzeit in Level 2 von 5“, sagt Gerhard Nowak, Geschäftsführer der Strategieberatung von Pricewaterhouse Coopers und Autor der Studie „Die Ära des digitalisierten Lkw-Transports“. Level 2 bedeutet Teilautomatisierung: Der Fahrer bekommt Unterstützung durch Notbremssysteme und Spurhalteprogramme – behält Heft und Lenkrad jedoch in der Hand.

Zumindest bis zum Jahr 2025, schätzt Nowak: Dann könnte Stufe 4 erreicht sein und der Fahrer Kreuzworträtsel lösen, während der Laster eigenständig über die Straße rollt. Eingreifen müsste man nur im Notfall. Daimler hat einen solchen Prototyp, den Mercedes-Benz Future Truck 2025, erstmals 2015 auf einer deutschen Autobahn getestet, mit behördlicher Ausnahmegenehmigung und dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann als Beifahrer. Doch auch wenn dieser Lkw in gut zehn Jahren serientauglich sein sollte, bleibt er auf ausgewählte Routen beschränkt, denn: „Komplexe Verkehrssituationen kann der Computer auch 2025 noch nicht meistern“, sagt Nowak. „Im dicht besiedelten Raum und dort, wo keine gute Anbindung zwischen Autobahn und etwa Distributionszentrum existiert, muss weiterhin der Mensch ran.“

Erst auf Level 5, der Vollautomatisierung, kann er die Fahrerkabine verlassen und in einer zentralen Kontrollstelle Platz nehmen, um auf dem Bildschirm den auf sich allein gestellten Lkw zu überwachen. Bis es so weit ist, könnte es jedoch noch knapp 30 Jahre dauern: Denn bislang ist die Geschwindigkeit der dafür benötigten Datenübertragung um den Faktor 100 zu langsam. Auch müsste die Straßenverkehrsordnung geändert werden, die bislang noch keine unbemannten Fahrzeuge erlaubt. Und: Wer haftet eigentlich bei Karambolagen, wenn der Unfallfahrer ein Computer war?

Wird das vollständig automatisierte Fahren also zuerst auf dem Meer möglich, wo es anders als auf der Autobahn eher selten zu komplexen Verkehrssituationen kommt? Die Schiffstechniksparte von Rolls-Royce entwickelt bereits seit Jahren Konzepte für Containerschiffe, die keine Crew brauchen und eigenständig Hindernisse umfahren können. Doch die Realisierung liegt noch in der Ferne, denn die Seefahrt unterliegt zahlreichen internationalen Regularien wie Bemannungsrichtlinien, die Schiffen die Zahl ihrer Crewmitglieder vorgeben. Zudem kann kein Computer Motoren warten.

Besonders betreuungsintensiv sind Schiffe, die mit Schweröl fahren – nach wie vor die meisten. Auch an einer lückenlosen weltweiten Satellitenabdeckung hapert es. Doch erste Etappenziele sind erreicht, etwa automatische Ladungsüberwachung oder Kollisionsvermeidungssysteme, die Crews entlasten. Vor 2030 werden die ersten vollautomatisierten Schiffe wohl aber nicht in See stechen. Der Laster liegt also um einige Längen vorn. ---

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