Ausgabe 05/2017 - Artikel

Auto Sangl

Wie verkauft man Elektroautos?

• „Gerade bin ich wieder zwei losgeworden“, sagt Jürgen Sangl. Sein Autohaus liegt im Industriegebiet von Landsberg am Lech, zwischen Baumarkt und Getränkecenter. Draußen wehen Hyundai- und Mitsubishi-Fahnen, innen riecht es nach Neuwagen. Ein Autohaus wie jedes andere in Deutschland, könnte man meinen.

Aber es gibt einen Unterschied: Sangl vertreibt seit ein paar Monaten das Elektromodell Ioniq von Hyundai in irrer Stückzahl. Die Kunden kommen aus ganz Deutschland zu ihm nach Bayern. Zwischen September und März hat er 211 der Fahrzeuge verkauft. Vor Markteinführung rechnete Hyundai mit etwa 250 Verkäufen – in ganz Deutschland.

Elektroautos haben noch immer einen schlechten Ruf, trotz des Rummels um Firmen wie Tesla. Vergangenes Jahr wurden in Deutschland nur 11.410 E-Mobile zugelassen, das sind 0,3 Prozent aller Neuanmeldungen. Die Deutschen wollen eben keine Elektroautos, schlussfolgern daher viele.

„Völliger Quatsch“, widerspricht Sangl. „Und wie die wollen. Die Autoindustrie möchte ihnen nur keine verkaufen.“ Sie mache lieber mit Verbrennungsmotoren Geld, solange es geht. Auch die meisten Händler interessieren sich nicht für Elektro. Von den deutschlandweit 460 Hyundai-Autohäusern haben nur 180 den Ioniq im Programm. Internetforen wie das von Goingelectric.de sind voll von Leidensberichten frustrierter Kunden, die sich über Elektromobilität beraten lassen wollen, aber bei Händlern auf Desinteresse und Unwissen stoßen.

Jürgen Sangl ist anders. Hört man ihm zu, wie er schwärmt, wird klar: Er ist wirklich überzeugt von Elektro. Seit zehn Jahren fährt er selbst ein E-Auto. Ölkrise, autofreie Sonntage, saurer Regen und Waldsterben haben bei ihm, Jahrgang 1965, Eindruck hinterlassen. Mit den wuchtigen SUVs konnte er sich nie anfreunden. Als Hyundai im Februar 2016 endlich das Elektroauto ankündigte, hat Sangl sofort drei Stück vorbestellt. Und dann gleich noch mal drei geordert. Inzwischen kümmert er sich fast nur noch um Elektro, die Benziner verkauft sein Bruder. „Ich habe Ehrgeiz entwickelt. Ich möchte einfach beweisen, dass es geht“, sagt er.

Sangl weiß, dass er bei Interessierten erst einmal Vorurteile abbauen muss. Wie viel fahren Sie am Tag? Da sind 150 Kilometer Reichweite doch genug. Ja, auch im Winter. Er rechnet vor, dass der Ioniq mit etwa 31.000 Euro Anschaffungspreis, Umweltprämie schon abgezogen, gar nicht so teuer ist. Erklärt, dass es in Deutschland trotz Elektroautos keine Stromengpässe geben wird. Am liebsten aber lässt er das Auto für sich selbst sprechen. „Bei der Probefahrt bin ich nie dabei“, sagt er, „ich würde nur stören. Die meisten haben da ihr Aha-Erlebnis, weil es so ein tolles Fahrgefühl ist.“

Das Modell ist nicht das erste Elektroauto, das einem einfällt. Bisher war der Kleinwagen Zoe von Renault das erfolgreichste. Der Hyundai ist teurer, von der Reichweite vergleichbar, aber größer. Es ähnelt mehr einem normalen Auto der Kompaktklasse. Das mögen viele Kunden.

Sangl trägt seine Mission auch ins Netz. Er investierte 10.000 Euro in professionelle Youtube-Videos. Er ist zudem auf Facebook aktiv, wo er umfangreiche Preisvergleiche Elektro gegen Benziner anstellt. Und auf Goingelectric.de hat er 600 Beiträge verfasst, teilweise haben sie mehr als 130.000 Zugriffe. Dort ist ein Hype um Sangl entstanden, sein Name taucht immer wieder auf, manche User tragen die Nummer ihres bei ihm bestellten Ioniqs wie eine Ehrenmedaille in ihrer Signatur – „Sangl #55“.

Die meisten Kunden sind keine militanten Ökos, sondern technik- und autoaffin. René Petersen überlegt seit zwei Jahren, sich ein Elektroauto zu kaufen. Im Netz ist er auf Sangl gestoßen. Bei ihm hat er sich das erste Mal gut aufgehoben gefühlt. „Wir haben mehrmals telefoniert, Herr Sangl lebt Elektro richtig“, sagt Petersen. Deswegen kaufte er sein Auto auch bei ihm – und wird 620 Kilometer von seinem Wohnort Algermissen in Niedersachsen nach Landsberg fahren, um es abzuholen. Die Rückfahrt wird etwa zwei Stunden länger dauern, das E-Auto muss zwischendurch aufladen. „Aber ich freue mich schon tierisch darauf“, sagt er.

Bald könnte Jürgen Sangl sein Alleinstellungsmerkmal allerdings verlieren. Andere Autohändler informieren sich, die Industrie investiert in Elektro, in den kommenden Jahren werden neue, bessere Modelle erhältlich sein. Im Januar 2017 wurden 1323 Elektrofahrzeuge zugelassen, fast dreimal so viele wie im Januar 2016. „Im Jahr 2020 kommt der große Elektro-Boom“, sagt Sangl. Immerhin kann er dann behaupten, dass der Hype bei ihm angefangen hat, im Industriegebiet von Landsberg am Lech. ---

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