Ausgabe 05/2016 - Schwerpunkt Wir

Das neue Wir

1. Ich war das nicht!

War ich gut?
Du meine Güte, so etwas fragt man doch nicht! Diese Frage steht quer zur Leitkultur. Stellen wir uns einmal, nur zum Beispiel, den Abend der Oscar-Verleihungen vor, ein Schauspieler wurde von der Jury des Academy Award gerade zum besten Hauptdarsteller gewählt, und er tritt jetzt unter tosendem Applaus nach vorn, um etwas zu sagen. Und was passiert?

Wie bei praktisch allen Danksagungen verneigt man sich vor der Gemeinschaft und ihren Teilen, den Eltern, den Lehrern, dem Regisseur, den Drehbuchautoren, den Kollegen – allen, nur nicht vor sich selbst. Und das in einer Welt, in der ständig darüber geklagt wird, das Wir-Gefühl komme zu kurz. Dabei herrscht das Wir wie selten zuvor in der Geschichte, das Ich hingegen drückt sich im Hinterzimmer herum, und wenn es sich nach vorn wagt, wird es niedergebrüllt, ausgebuht oder schlechtgemacht.

Das alles geschieht am Ende der Industriegesellschaft, die das Zeitalter des Kollektivs war und von der Wissensgesellschaft abgelöst werden sollte, einer Epoche, die auf das Individuum setzt. Sogar die Industrie hat das eingesehen und nennt sich nun Industrie 4.0., die das Persönliche in den Mittelpunkt der Produktion rückt. Der Rest ist ziemlich retro: Wo es für die Kultur höchste Zeit wäre, den alten, ideologischen Widerspruch zwischen Wir und Ich zu lösen und neu anzufangen, tut sie lieber so, als ob die Gegnerschaft natürliche Ursachen hätte. Der Kollektivismus liegt voll im Trend, und damit auch der Populismus, und beide sind immer schon die sicheren Vorboten nahender Unfreiheit gewesen.

Deshalb fragen wir lieber nach dem, was Sache ist: Welches Wir meinen wir eigentlich, wenn wir „Wir“ sagen? Sind wir uns darüber im Klaren, dass das Wir aus vielen Ichs besteht, die den Job tun müssen? Und könnte genau das der Grund sein, dass das alte Wir wieder beschworen wird?
Die Frage lautet also: Wenn das Wir so super ist – kriegst du das auch hin?

2. Falsche Bescheidenheit

Heute wahrscheinlich nicht ist die schlichte Antwort darauf. Wir üben erst. Aber wenn wir unsere Sprache ansehen, die ein verlässlicher Kronzeuge unserer Absichten ist, dann sieht es nicht so toll aus mit dem echten WIR.

Wir leben in Zeiten des Pluralis Modestiae, des Bescheidenheitsplurals. Man kann die Bescheidenheit als Tugend, als echte Zurücknahme oder als Tarnung, als Ablenkungsmanöver handfester Interessen, verstehen. Letzteres, die falsche Bescheidenheit, ist stark verbreitet. Sie erlaubt jede Form von Hochstapelei und Lüge, Heuchelei und Übertreibung, solange der Redner sie im Namen der Gemeinschaft, des Wir, und nicht selbstbezüglich ausspricht. Ein Politiker kann nach einer Wahl, bei der er nicht so viel verloren hat wie im schlimmsten Fall befürchtet, immer noch sagen: „Wir, die ganze Partei, haben Großartiges geleistet“, wo ein „Ich war nicht so schlecht, wie wir dachten“ schlicht die Wahrheit wäre, wohl aber auch das Ende der politischen Karriere.

Was beim Einzelnen schändlich ist, lässt sich im Namen der Gruppe mühelos schönreden. Das aber gilt auch umgekehrt. Wo Personen und nicht Parteiprogramme die Wahl gewinnen, so wie heute fast überall, wird das gelobte Wir erst recht gefordert. Die Botschaft lautet: Das Große und Ganze, die Organisation, die Partei, das Team und die Gruppe – steht über dem Einzelinteresse. Während der Volksmund umgekehrt weiß: Eigenlob stinkt.

Faul ist daran allerdings eher das Wir, das beschworen wird. Denn natürlich ist der Bescheidenheitsplural, der heute vom Mittelständler bis zum Vorstandsvorsitzenden im Gebrauch ist, meist gar nicht so, sondern bloß ironisch gemeint. Man kann darin einen fernen Vorgänger des Pluralis Modestiae erkennen. In Zeiten, in denen man Führungskräfte meist noch Fürsten nannte, war falsche Bescheidenheit noch keine allgegenwärtige Tugend. In diesen Tagen galt die Regel: Ganz gleich, ob der Fürst eine eigene Leistung vollbracht hatte oder aber das Werk nur der emsigen Arbeit seiner Untertanen zu verdanken war, er, der Alte, kassierte dafür die Lorbeeren. Gemeinschaftliche Bemühungen wurden von einer Person vereinnahmt, so wie heute die individuelle Leistung vergesellschaftet wird. Das brachte man damals im Pluralis Majestatis zum Ausdruck, dem Gegenstück zum heutigen Bescheidenheitsplural. „Wir, Fürst Friedrich, haben einen großen Sieg errungen. Wir sind sehr stolz darauf.“

Die Sätze mögen sich ähneln, der Unterschied zwischen dem Majestäts- und dem Bescheidenheitsplural besteht allerdings in der Machtbasis derer, die das Sagen haben. Fürsten waren von „Gottes Gnaden“ eingesetzt. Das Volk samt Zubehör gehörte ihnen. Ihr Wir war eine Besitzanzeige.

Ihre Nachfolger würden so etwas niemals sagen, auch wenn der Zugriff auf Vermögen und Lebenszeit der Menschen, die in ihren Ansprachen mit Wir gemeint sind, sehr umfassend ist. Einen alten Fürsten konnte man für sein Wir noch persönlich verantwortlich machen, ein neuer beugt dem vor, indem er alle ins Boot holt. Das haben wir doch gemeinsam gemacht? Also, was wollt ihr eigentlich?

Der maßgebliche Unterschied zwischen dem alten Majestätsplural und der neuen Bescheidenheitsmehrzahl liegt darin, dass die aktuelle Variante die Verantwortung des Selbst, des Ich, auf ein Minimum beschränkt. Weil die Wir-Sager ihre Organisationen und Gesellschaften natürlich regieren, können Gewinne immer noch persönlich „realisiert“ werden, während Verluste grundsätzlich vergesellschaftet werden.

So etwas wie einen Verantwortungsplural gibt es nicht. Das alte Wir war unbescheiden und schrieb sich groß, und das hatte ja auch seine Vorteile, denn man konnte es nicht übersehen.

Das Wir von heute, das Wir-Gefühl, duckt sich vordergründig weg, um sich hintenrum umso mehr aufzublasen.
Vor allen Dingen moralisch.

3. Der Kult des Wir-Gefühls

Allen persönlichen und historischen Erfahrungen zum Trotz gilt in unserer Kultur die Regel, dass das Wohl der Gemeinschaft über jenem des Einzelnen stehen soll. Das scheint auch ganz logisch zu sein. Sollte sich ein ganzes Land von einem Wahnsinnigen terrorisieren lassen? Andererseits: Wurden die großen Diktaturen der Menschheitsgeschichte nicht im Namen der Gemeinschaft, der Klasse, Rasse oder Nationalität, errichtet? Steckte hinter dem oft zitierten kollektiven Versagen der Gesellschaft, die die Wahnsinnigen in den Steigbügel hievte, nicht jedes Mal und in jedem Fall persönliches Versagen, zu wenig eigene Courage, also zu wenig Person in der Hose? Die Legende der guten Gemeinschaft ist deshalb unausrottbar, weil man sich um eine unangenehme Wahrheit, die unangenehme Wahrheit schlechthin drückt: Es geht um persönliche Verantwortung. Das ist der Job des Ich in der Gemeinschaft, und das ist die Grundlage von allem Wir.

Das Wir-Gefühl, das heute die Debatte bestimmt und von dem so viele nicht genug haben können, hat mit alldem nichts zu tun. Es dient der Legitimation, dem Wegducken, dem Ausgrenzen. Es verteilt sich auf Arbeitskreise, Teams, und zwar in möglichst neutrale, unterscheidungsarme Zonen, in denen man sich in Sicherheit wiegen kann. Dieses Wir macht mollige Gefühle, sicher. Aber sie sind trügerisch.

Schon in den ersten Semestern wird angehenden Sozialwissenschaftlern und Organisationsfachleuten beigebracht, wozu das nütze ist. Das Wir-Gefühl, das Fachleute auch als Gruppen-Kohäsion bezeichnen, macht Arbeitskräfte, Staatsbürger und Teammitglieder berechenbarer und planbarer für die jeweiligen Organisationen, ganz gleich ob es sich um kleine Gruppen oder Staaten handelt. Das Wir-Gefühl ist skalierbar wie ein industrielles Massenprodukt, und das ist auch kein Zufall, denn in der Zeit des Industrialismus wurde es auch entwickelt. Die Ersten allerdings, die sich für die Erforschung dieses Wir-Gefühls interessierten, waren die Militärs. Ihre Erkenntnisse wanderten im Verlauf der Errichtung der Industriegesellschaften, vor allem in Großbritannien und Deutschland, später auch den USA, in die praktische Arbeitsorganisation über.

Deutschland aber ist ein Sonderfall, wie der Sozialphilosoph Joachim Koch im Jahr 2001 feststellte: „Der Manager war bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa unbekannt, nicht aber der militärische Geist, der das Management und seine Vorgänger jahrzehntelang prägte.“ Im Gleichschritt auch in der Produktion, am Arbeitsplatz marschieren, nicht auffallen, sich einordnen. Der ganze Kanon des Drills und Parierens, er galt „vor allem in Deutschland, wo die betriebswirtschaftliche Organisationstheorie aus der preußischen Heeresorganisation hervorging“.

Deren Hauptaufgabe lag und liegt darin, Persönlichkeiten so zu konfektionieren, dass sie die Ordnung und Disziplin der Arbeitsroutine ertragen. Egal ob man ein Armeekorps vor Augen hat oder eine Fabrik, in beiden Fällen ist die wichtigste Tätigkeit das Einnorden der Person in der Gruppe. Das geschieht, weil das industrielle Produkt aus Routinen, Normen, Standards und Regeln besteht, die Abweichungen verhindern sollen.

Es ist sozusagen die Gegenwelt zum Individuellen – und darin liegen heute auch die enormen Übergangsschwierigkeiten von der alten Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft: In der Industriegesellschaft herrscht das Primat der Masse über das Original oder den Einzelnen, in der Wissensgesellschaft ist es umgekehrt.

Beim Unterordnen kennt das Wir-Gefühl kein Pardon. Beim Prozess der Gruppenkohäsion sind Abweichler schnell Verräter, Deserteure, die man an die Wand stellen muss. Auf Dauer ist es natürlich praktischer, wenn die Leute erst gar nicht mit der Meuterei anfangen. Das klappt nur dann, wenn man ihnen einbläut, dass die Gemeinschaft über ihrer eigenen körperlichen Unversehrtheit steht. Wenn die Leute erst einmal gelernt haben, sich für ihre eigenen Interessen zu schämen, also an „höhere Ziele zu glauben“, ergibt sich der Rest wie von selbst.

Zusehends wird behauptet, das Primat des Großen und Ganzen über das Selbst sei natürlich. So gehe es auch in der Natur zu. In der Evolution. Unfug.

4. Monotonie in der Blase

Die Evolution kennt weder Gruppendruck noch Kollektivismus, sondern Differenzierung und die Fähigkeit, Veränderungen und Unterschiede zu erkennen und sich ihnen – aktiv – anzupassen. Die Natur erschließt Komplexität nicht durch militärischen Drill oder die ständige Forderung nach „Integration“, was so viel bedeutet, wie seine persönlichen Eigenheiten zugunsten der Positionen des größeren Kollektivs zu versenken. Wenn etwas unnatürlich ist, dann dieses. Die Evolution jedenfalls hat mit diesem merkwürdigen Wir-Gefühl, dass Fremdes und Neues im besten Fall dann akzeptiert, wenn es sich vollständig einordnet, nichts zu schaffen. In ihr gilt, wie übrigens auch außerhalb aller Fabrikgesellschaften, das Prinzip, das die amerikanische Kulturanthropologin Margaret Mead so formulierte: „Human diversity is a resource, not a handicap.“ Wer immer die neuen Zeiten, die neue Ökonomie und das neue Wir verstehen will, muss zuerst diesen Satz verstanden haben.

In dem Wir, das wir heute noch kennen, geht es nicht um Entwicklung, sondern ums Parieren. Der Einzelne soll tun, was man ihm sagt. Die Gruppenkohäsion, wissen die Sozialforscher, wird dadurch gestärkt. Das Einzige, was dem Ich angesichts dieses Wir-Gefühls bleibt, ist die Kapitulation. Sie fällt leicht, man muss nur mitmachen. Alle tun das! Ich war nicht der Einzige!

Es geht also auch um Gleichheit, ein Wort, das heute unvermeidlich ist, wenn vom Wir die Rede ist. Warum eigentlich? Weil der Unterschied eben nicht zählt. Die alte Gleichheit hat nichts mit jener Gerechtigkeit zu tun, bei der es um die Gleichbehandlung aller Menschen vor dem Gesetz geht. Sie ist keine Chancengleichheit. Sie ist eine Ergebnisgleichheit, eine Gleichförmigkeit, ein Zustand, den die alten Griechen Monotonie nannten.

Damit ist ein weiterer Bestandteil des Wir-Gefühls benannt. Es ist eintönig, weil es alle Unterschiede verwischt. Eine Bedingung dazu ist Abschottung. Das ist etwas anderes als Abgrenzung, durch die Unterschiede erst klar werden. Abschottung bedeutet, dass Fremdes und Neues ausgeschlossen bleibt, erst gar nicht ins System darf. Das gilt für Mensch und Meinungen. Geschlossene Gruppen kommunizieren intern. Sie bestärken sich in ihrer Meinung, aber sie nehmen keine anderen Positionen auf. Irgendwann verwechseln sie das mit der Realität.

Diese Scheinrealität erfasst früher oder später nahezu jede geschlossene Organisation. In der neuen Forschung gibt es das schöne Bild der „Blase“ dafür, eine „Bubble“, die nach außen hin den Eindruck offener und transparenter Struktur vermittelt, aber nach innen keine abweichende Meinung mehr aufweist. Das Wir, von dem dort die Rede ist, kennt keine Abweichung, keine Vielfalt. Es sind nicht nur die sozialen Netzwerke im Internet, die für die Bubbles ein ideales Biotop abgeben. Perfide ist, dass man von der Bubble aus nicht mehr erkennen kann, dass man sich in einer befindet – wohl aber die anderen, die vorbeitreiben, in ihren scheintransparenten Behältnissen sieht. Intolerant, unwissend, voreingenommen sind deshalb immer die anderen. Der Feind.

Hier wird der ganze Konstruktionsfehler des institutionellen Wir, das für die meisten heute hinter ihrer Sehnsucht nach Gemeinschaft steckt, klar. Je stärker das Zusammengehörigkeitsgefühl, desto lauter das „Ihr“. Das gilt vom Konzern bis zum Sportverein. Entweder wir – oder ihr. Selbstbestimmung wird zum Feind. Selbstverleugnung wird zur Pflicht.

Dieses Phänomen trägt den Namen Korpsgeist, nach dem Brockhaus aus dem Jahre 1911 „die tätigste Teilnahme jedes einzelnen an dem gemeinschaftlichen Wohl aller, unter Beiseitesetzung aller egoistisch-persönlichen Rücksichten“. Um dem Gemeinwohl maximal zu dienen, muss man sich selbst aufs Existenzminimum setzen oder ganz vergessen. Das ist eine Persönlichkeitsstörung: Die Meinung der Gruppe ist die Meinung des Gruppenmitglieds. Nun stiftet die Gemeinschaft „Identität“, ein Wort, das so viel bedeutet wie „derselbe“, also die Charakterisierung eines Individuums ist. Im 19. Jahrhundert, dessen gesellschaftliche Ordnungsprinzipien bis heute Gültigkeit haben, wird aus der Identität ein Ausweis, ein Pass, eine Mitgliedskarte für eine Gesellschaft. Der Mensch braucht einen Identitätsnachweis. Nicht die Person zählt, sondern wozu – und damit letztlich wem – die Person gehört. Dazu kommt das Gefühl, selbst für nichts mehr verantwortlich sein zu können.
Die Fähigkeit zum eigenverantwortlichen Handeln verliert sich in der Masse.

5. Tödlicher Massenschluss

Das Wir-Gefühl von heute wurde in der Massengesellschaft gezeugt. Ihr erster Chronist ist der französische Arzt und Soziologe Gustave Le Bon, der 1895 mit seinem Grundlagenwerk „Die Psychologie der Massen“ beschrieb, was geschieht, wenn man Menschen zu normierten Gruppenmitgliedern macht. Le Bon verwendet den Begriff der „einfachen, unbewussten Automaten, die von Beeinflussungen abhängig sind“. Die Masse, so Le Bon, sei „triebhaft und wandelbar“ und so leicht zu manipulieren. Während ein auf sich selbst gestellter Mensch schnell die Grenzen des Machbaren erkenne, „schwindet für den Einzelnen in der Masse der Begriff des Unmöglichen“. Der „Einzelne kann Widerspruch und Auseinandersetzung anerkennen, die Masse duldet sie niemals“. Hellsichtig sieht Le Bon die nahende Katastrophe der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts voraus. Faschismus und Stalinismus sind die folgerichtigen Höhepunkte der Unterwerfung des Ichs unter das Wir – und der rücksichtslosen Bekämpfung aller anderen.

In dem 1929 erschienenen Buch „Der Aufstand der Massen“ schreibt der spanische Soziologe José Ortega y Gasset angesichts der damals hochaktuellen Entwicklung, „entscheidend für jede Gesellschaft“ sei, wie in ihr geherrscht und gehorcht wird. Wenn die Frage, „wer herrscht und wer gehorcht, ungeklärt ist, läuft alles Übrige trübe und mühsam“. Und er benennt die Konsequenzen des neuen, totalen Wir-Gefühls, das bald Millionen Opfer fordern wird: „Anderssein ist unanständig. Die Masse vernichtet alles, was anders, was ausgezeichnet, persönlich, eigenbegabt und erlesen ist. Wer nicht ,wie alle‘ ist, wer nicht ,wie alle‘ denkt, läuft Gefahr, ausgeschaltet zu werden.“

Ortega y Gassets Warnungen sind traurige, aber keineswegs nur historische Einsichten. Das alles ist nicht vorbei. Wer die Mitglieder der heute wieder entstehenden politisch extremen Gemeinschaftsideologien als „Ewiggestrige“ bezeichnet, verharmlost ihre Ursache und verniedlicht mögliche Wirkungen. Der Totalitarismus fiel nicht vom Himmel. Er ist das Ergebnis eines langen Kulturkampfes zwischen Freiheit und Individualismus auf der einen Seite und geschlossenen Systemen auf der anderen. Kirchen, Staaten, Ideologien, Revolutionäre, Konterrevolutionäre, Fabrikbesitzer, Manager, Politiker, Interessengruppen und Legionen ihrer Beamten und Angestellten – sie alle spiegelten ihre Interessen im Wir-System. Es gibt keine reine, unschuldige alte Institution. Die Grundlagen stimmen nicht.

Das Wir huldigt nach wie vor dem, was der französische Soziologe Émile Durkheim im Jahr 1893 als „mechanische Solidarität“ bezeichnete, eine Wertegemeinschaft, bei der sich die Mitglieder unbedingt ein- und unterordnen müssen. Diese Struktur stammt aus der alten Stammesgesellschaft, aus finsterer Vorzeit, sie ist gewalttätig gegenüber allen, die abweichen, und lässt nicht mit sich verhandeln. Die mechanische Solidarität ist der Kadavergehorsam des Wir, der Gruppenzwang, die Tyrannei der Mehrheit gegen die Minderheit. Natürlich ist sie nicht ausgestorben.

Durkheims Hoffnungen beruhten aber schon vor mehr als 120 Jahren auf einer differenzierten Welt, komplexer, offener und damit auch nicht mehr so kontrollierbar wie das, was den Rahmen der mechanischen Solidarität bildet. Er nennt diese Welt die Welt der „organischen Solidarität“, bei der Menschen – sinnvolle – Solidargemeinschaften bilden, etwa für die Versorgung im Alter oder bei Krankheit, ein Prinzip, bei dem die Selbstverantwortung des Einzelnen die tragende Rolle übernimmt. Individualismus, wusste Durkheim, ist das Fundament solcher Gemeinschaften. Nur dort, wo jeder sein Bestes tun kann, kommt am Ende für alle etwas Gutes heraus. Das Wir in einer komplexen Welt lebt von der Selbstverantwortung des Ich und unserer einzigartigen Fähigkeit, uns bewusst zu verändern. Es ist Zeit, sich ein neues Wir zu suchen, das keine Menschenopfer mehr verlangt, nur weil es Angst vor der eigenen Courage hat.

6. Der Nebel des Neokollektivismus

Ist das Ganze eigentlich wirklich immer mehr als die Summe seiner Teile? Dieser dem griechischen Oberversteher Aristoteles zugeschriebene Gedanke mag in seiner mechanistischen Schlichtheit den Unterschied zwischen einer Packung Bretter mit Nägeln und einem Bücherregal erklären. Wer damit aber versucht, komplexe Strukturen der Wissensgesellschaft zu verstehen, landet im alten Wir, auch wenn er es anders nennt – etwa „kollektive Intelligenz“ oder „Schwarmintelligenz“. Die Grundannahme lautet, frei nach Aristoteles, dass sich die Intelligenz von Individuen addieren lasse – zu einer Art Superverstand. Der weitaus bescheidenere Individualismus geht davon aus, dass die Fähigkeiten des einen die Defizite des anderen ausgleichen. Aber das ist natürlich nicht so spektakulär.

Die Theorie vom schlauen Kollektiv kommt dem alten Wir-Gefühl sehr entgegen. Sie setzt Quantität vor Qualität und bestätigt Manager in ihrer Annahme, dass auch beim Denken die Normierung – also der Prozess und die Methode – wichtiger ist als der Unterschied. Es wimmelt von dubiosen Erklärungen, esoterisch, biologistisch, mechanistisch, von gestern also: Oft ist vom Internet als „Superorganismus“ die Rede, dessen „Gehirnzellen“ aus einzelnen Nutzern bestehen. Beliebt ist auch das Gleichnis von der guten alten Insektengesellschaft, die sich angeblich im Web abbilden lasse und in der sich, natürlich, nur geistig rege Ameisen und fleißige Bienchen tummeln. Von anderen Insekten, etwa Schmeißfliegen, ist bei den Neokollektivisten seltsamerweise nie die Rede. Dabei umkreist besonders diese Art das Schlagwort von der Schwarmintelligenz ganz besonders gern.

Man kann das an der Vision des „Smart Mob“ erklären, die der Internet-Pionier Howard Rheingold vor 14 Jahren als Zukunftsform des Web-Sozialwesens darstellte, also ein „kluges Gesindel“, das die Geschicke im Netz steuert. Man muss Rheingold zugute halten, dass er im Gegensatz zu den meisten Apologeten des Neokollektivismus wenigstens teilweise richtig lag. Digitalen Mob gibt es heute reichlich, Rufmörder, verbale Totschläger und Shitstürmer füllen das Netz. Doch smart ist dieses Pack gewiss nicht.

Aber auch differenzierte Auseinandersetzungen mit dem Thema Wir-Intelligenz geraten leicht in den Dunstkreis kollektivistischer Beschränktheit, so wie James Surowieckis Bestseller „Die Weisheit der Vielen“ aus dem Jahr 2004. Es gehört zu jenen Büchern, über die viel geredet wurde, das aber nur wenige, die das taten, auch gelesen hatten. Nur so ist es erklärlich, dass Surowiecki im deutschen Management schnell den Ruf eines Kreuzritters des Kollektivismus im anbrechenden Wissenszeitalter bekam. Allein der Untertitel, nach dem „Gruppen klüger sind als der Einzelne“, holt hierzulande wohl viele dort ab, wo sie leider immer noch stehen. Der Inhalt des Buches bestärkt diejenigen, die nach einem neuen Wir in der Wissensgesellschaft suchen, nach einer Symbiose aus Ich und Gemeinschaft, aus Individuum und sozialer Struktur. Mit dem Wir-Gefühl der alten Tage hat das aber nichts zu tun. Es geht um Selbstorganisation, Eigenverantwortung, um eher lockere und lose Bindungen der Individuen zu ihrer Gruppe, zu neuen Organisationsformen, die nicht auf Kontrolle und Steuerung setzen, sondern auf die Fähigkeit ihrer Teile, selbst zu denken und die Richtung dabei herauszufinden. Kooperation ist eine entscheidende Größe, aber freiwillige Kooperation, nicht die Zwangsgemeinschaften, bei denen man mit anderen zusammenarbeiten „muss“.

Die Organisation der Wissensgesellschaft ist dezentral, braucht Unterschiede und Meinungsvielfalt. Sie ist in der Lage, eine Gemeinschaft zu bilden oder deren Grundlage, das Selbst, zu domestizieren. Mit der zwanghaften Gruppenkohäsion des alten Wir hat das nichts zu tun.

7. Schwarmdumm 

Eine der entscheidenden Ursachen dafür, dass der Kollektivismus sich in der Industriegesellschaft als Leitkultur durchsetzen konnte, war der ungeheure Fortschritt, den der Kapitalismus dank der Arbeitsteilung erzielte. Was zu der allgemeinen Meinung führte, dass viele mehr schaffen, als der Einzelne es vermag – eine Binsenweisheit. Aber auch die kann man falsch interpretieren. Denn Arbeitsteilung erscheint nur als Wir. Es fördert beharrlich und immer wieder das Expertentum, man könnte auch sagen: das persönliche Talent. Mehr als 200 Jahre lang musste sich das Individuum im Arbeitsprozess der Gruppe unterordnen. Nun aber ist die Ökonomie so weit entwickelt, dass die zu starke Integration des Einzelnen in kollektive Abläufe das Gegenteil dessen bewirkt, was sein soll. Die Gruppe lähmt das Talent des Einzelnen.

Der Mathematiker und Autor Gunter Dueck, einst Chief Technology Officer der IBM Deutschland, hat erfahren: Organisationen und alte Wir-Bewahren konservieren Haltungen von gestern und geben sie als ewige Weisheiten aus. Doch das kollidiert immer mehr mit der Wirklichkeit. Was normal sein will, wirkt irgendwie verrückt.

Dueck ist ein berüchtigter Kritiker der alten kollektivistischen Nomenklatura in Wirtschaft und Gesellschaft – in seinem Buch „Schwarmdumm – So blöd sind wir nur gemeinsam“ hat er die ultimative Anklageschrift gegen das falsche Wir-Gefühl und seine zahlreichen Steigbügelhalter verfasst.

Es seien die Organisationen, ihre falschen, alten Bedingungen, die überholten Gemeinschaften und ihre Werte, die heute vielen das Gefühl vermitteln, die Welt nicht mehr zu verstehen, sagt Dueck. „Jeder Einzelne von uns ist für die konkrete, eigene Arbeit intelligent genug. Aber die Arbeit der Einzelnen passt nicht mehr zusammen. Wir Kollegen passen nicht mehr zusammen“, schreibt Dueck und weiter: „Als Einzelne sind wir klug und stark, aber als Team spinnen wir“, und der Grund dafür sei, dass das Individuum in der Gruppe Dinge tue, die es als „Mensch ohne Fesseln und Zwänge nie täte“. Jeder kenne das aus der Praxis, sagt Dueck: „Da kommen die Manager, die Chefs und klagen und sagen immer wieder, wir müssen doch noch mehr schaffen, es kann doch gar nicht sein, dass so viele kluge Leute, wie wir haben, zusammen nicht mehr stemmen als das, was wir hier sehen.“

Gunter Duecks Diagnose ist bitter: Die alte Organisation schafft es nicht, dem Individuum so weit zu vertrauen, dass es von selbst Komplexität in nützliches Wissen verwandeln kann. Wozu Talente, Fähigkeiten, die Suche nach guten Ideen führen können, wenn es an einer Organisationskultur fehlt, in der sich das entfalten kann – und nicht gefaltet wird. Wissensgesellschaft funktioniert so gewiss nicht.

Stattdessen wird weitergewurstelt und aus dem komplexen Wir, so Dueck, eine „Kompliziertheit, die alles stranguliert“. Die Folge: „Das Ganze ist dümmer als die Summe der Intelligenz der Einzelnen.“ Das Gegenmittel zum falschen Wir, das nur noch Verwirrung und Ärger stiftet, gibt es natürlich: Zutrauen in die Fähigkeit des Einzelnen. „Im Grunde genommen müsste man die Leute in den Organisationen einfach in Ruhe lassen, dann würde mehr Exzellentes entstehen. Aber lieber setzt man auf das Mittelmaß, auch wenn jeder weiß, dass das heute nicht mehr reicht.“

Sein Fazit: Lieber im alten, scheinbar beherrschbaren Wir untergehen, als sich den Unsicherheiten der Selbstverantwortung aussetzen. Nach wie vor würden sich viel zu wenige Führungskräfte ernsthaft mit der wichtigen Frage beschäftigen, „welche Gemeinschaft, welches Wir denn heute zur Zeit passt“, sagt Dueck. Aus Angst vor Komplexität.

8. Integration, die neue Zwangskollektivierung

Aus Furcht, die Übersicht zu verlieren, machen sich so viele etwas vor. Statt die Vielheit, die Differenz, die Unterscheidbarkeit zu fördern, ist Integration – also autoritäres Einnorden – das Gebot der Stunde. Abweichungen von der Norm „auf einen Nenner gebracht“, den es freilich in einer vielfältigen, offenen Welt immer seltener gibt.

Thomas Perry von der Q Agentur für Forschung erstaunt das nicht. Der Geschäftsführer des auf Markt-, Sozial- und Internetforschung spezialisierten Mannheimer Unternehmens kennt die Versuche, die Wirklichkeit unter einen Hut zu kriegen, nur zu gut. „Die Wirklichkeit ist schiere Komplexität. Aber die Menschen, die Unternehmen wollen Orientierung, Überblick, klare Verhältnisse. Das zahlt auf das alte Gemeinschaftsbild ein“, sagt er.

Der Sozialforscher war vor seinem aktuellen Job lange Jahre im Management des Heidelberger Markt- und Sozialforschungsinstituts Sinus, das unter anderem für seine „Sinus-Milieus“ bekannt ist, die die hochkomplexe Wirklichkeit der Gesellschaft von heute abzubilden versuchen. Die Gesellschaft in ein Dutzend Milieus, Bereiche, Gruppen zu beschreiben – das schafft zwar Überblick, sorgt aber auch für Illusionen und Schubladen: Es gibt „Performer“, „Expeditive“ und „Hedonisten“, „Traditionelle“, eine „bürgerliche Mitte“ sowie „Liberal-Intellektuelle“ und „Sozial-ökologische“, „Konservativ-Etablierte“ und „Adaptiv-Pragmatische“ und eben auch „Prekäre“.

Das alles ist sehr übersichtlich. Und nicht sehr realistisch. Aber was soll man machen: Thomas Perry verteidigt die Milieus einerseits, weil „im Grunde genommen ohnehin jeder weiß, dass sie nur grobe Orientierung bieten“, fordert aber vor allen Dingen bei den Kunden mehr Bereitschaft zur Differenzierung: „Wir alle müssen bereit sein, eine komplexere Wirklichkeit zu akzeptieren und mit ihr umgehen lernen. Sonst müssen wir halt mit solchen Konstruktionen leben.“

Abbilden lässt sich die Wirklichkeit der Gemeinschaft so nicht mehr, erst recht nicht im globalen Maßstab. Was bleibt dann noch? Eine neue Form der Zwangskollektivierung? Nichts anderes ist es ja, wenn man Flüchtlinge, Zuwanderer, aber auch Mitarbeiter und Geschäftspartner nicht einfach nimmt, wie sie sind, sondern „integrieren“ will.

Für den deutschen Soziologen Armin Nassehi ist das Wort Integration ein verräterischer Begriff. „Die eigentliche Frage hinter den ganzen Diskussionen um das Wir und das Ihr und Ich lautet ja: Wie bringt man Unterschiedlichkeiten und ihre Vorteile unter, ohne dass man sie in ein Wir zwingt, bei dem alles nivelliert wird. Das Wort Integration kommt aus der Mathematik – und bedeutet dort die Einschränkung der Teile zugunsten des Ganzen.“ Die Immigration unserer Tage wird, wie das Auftreten des Neuen, nur akzeptiert, wenn sich das Fremde bereit erklärt, seine Identität in dem Wir aufzulösen, in dem wir glauben, uns zu befinden – doch das kommt der Aufforderung gleich, es sich in einer Fata Morgana gemütlich zu machen. Nur zur Erinnerung: Der Versuch, vor einigen Jahren eine „deutsche Leitkultur“ zu definieren, scheiterte kläglich. Mangels Interesse, mangels Notwendigkeit.

Das scheinen einige schnell vergessen zu haben. Dass vor allem Intellektuelle nach einem neuen Wir rufen, findet Nassehi geradezu albern: „Die wollen einen Konsens, wo wir eigentlich mehr Bewusstsein für Vielfalt und Unterscheidbarkeit brauchen, Regeln statt der Einsicht, dass es darauf ankommt, Unterschiede zu nutzen. Wie kann man Unterschiede und Vielfalt leben lassen, und wie kann man alte Wir-Strukturen auflösen – das ist der Job, der heute getan werden muss.“

Die alten Wir-Strukturen sind kompliziert, bürokratisch, verästelt. Die neuen müssen eine Art Basis sein, ein Minimum, das Übersicht schafft, klare Verhaltensregeln aufstellt – den Rest sollte man mit Zutrauen in seine Mitmenschen füllen. Nassehi: „Wenn jemand ein Wir braucht, dann würde es doch schon mal genügen, wenn man sich an die Gesetze hält, bevor man großartige Konzepte schmiedet.“

Das Modell des neuen Wir ist vielleicht schon viel präsenter, als wir glauben: „Es ist wie in einer Großstadt. In den meisten Fällen genügt es völlig, dass man dem anderen nicht auf die Füße tritt. Einige Regeln der Gemeinschaftlichkeit, die unsere Zusammenleben kalkulierbar machen, reichen dafür aus“, sagt Armin Nassehi.

Sonst könne man sich an das schöne Motto der USA halten, E pluribus unum, was so viel heißt wie: in Vielheit vereint. Das ist die Aufgabe, die man lösen muss, und die Botschaft, die es zu verbreiten gilt, sagt Nassehi. „Komplexität und Vielheit heißt: Es gibt viele Rekombinationsmöglichkeiten, viele Lösungen, kulturell und gesellschaftlich. Das macht die Überlegenheit der modernen Gesellschaft aus. Sie findet immer einen Weg. Aber das klappt nur, wenn wir noch besser lernen, mit Unterschieden klarzukommen. Das Aushalten von Differenz ist das Wichtigste. Jedes neue Wir baut auf dieser Offenheit auf.“

Die offene Gesellschaft, die wir heute statt geschlossener Veranstaltungen im Namen der „Gemeinschaft“ brauchen, ist ein Verbund aus freien Menschen, die wissen, dass es gut wird, wenn sie gut sind. Und das neue Wir wäre selbstbewusst genug, vor dem Ich keine Angst mehr haben zu müssen.
Ab hier sind wir gemeinsam wirklich stärker. ---

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