Ausgabe 05/2016 - Schwerpunkt Wir

„Dann machen wir es eben selbst“

Die Stadtforscherin Leona Lynen, 27, hat im vergangenen Jahr bei acht Reisen durch Nordwesteuropa 15 Bürgerinitiativen besucht. Ihr Auftraggeber war das Goethe-Institut, das die Gruppen im Rahmen des Projektes „Intransit – Urban Development and Placemaking“ untereinander vernetzen und auch den Austausch mit entsprechenden Initiativen in Deutschland fördern will.

• Die Stadtforscherin Leona Lynen, 27, hat im vergangenen Jahr bei acht Reisen durch Nordwesteuropa 15 Bürgerinitiativen besucht. Ihr Auftraggeber war das Goethe-Institut, das die Gruppen im Rahmen des Projektes „Intransit – Urban Development and Placemaking“ untereinander vernetzen und auch den Austausch mit entsprechenden Initiativen in Deutschland fördern will.

brand eins: Frau Lynen, was treibt diese Leute an?

Leona Lynen: Am Anfang stand meist ein Ereignis, von dem die Gründer direkt betroffen waren oder das sie sehr aufgebracht hat. In Rotterdam etwa beschloss die Stadtverwaltung, 18 von 24 Bibliotheken zu schließen. In Glasgow sollte in einem Viertel, in dem vorwiegend sozial Schwächere leben, eine seit Jahren zugewucherte Grünfläche bebaut werden. Als die Pläne publik wurden, bildete sich eine Bewegung, die forderte, die Grünfläche als öffentlichen Raum nutzbar zu machen. Die Initialzündung kam also von außen. Es brauchte etwas, das mobilisiert. In beiden Fällen haben die Bewohner protestiert. Als sie merkten, dass sie mit Petitionen nicht weiterkamen, haben sie sich gesagt: Dann machen wir es eben selbst.

Was heißt das konkret?

In Rotterdam machten ein 30-Jähriger und eine Mittsechzigerin den Anfang. Sie fragten sich, was es bedeutet, dass Bibliotheken schließen und wie man den Verlust kompensieren könnte. Sie haben dann in ihrem Stadtviertel bestehende Gruppierungen und Vereine angesprochen, wollten wissen, wie sie sich einen Ort des Wissens und der Begegnung vorstellen und was sie zu seiner Realisierung beitragen würden. Auf Basis dieser Ideen haben sie ein Konzept erarbeitet und es in einem leer stehenden türkischen Badehaus eine Woche lang ausprobiert. Sie wollten wissen: Wird das Angebot angenommen? Bekommen wir genügend Hilfe aus der Nachbarschaft? Inzwischen besteht der öffentliche Lesesaal vier Jahre. Bücher, Möbel, Computer – alles stammt aus Spenden der Nachbarn. Ich habe gestaunt, als ich vor Ort war. Leute jedweder Couleur, jeden Alters und mit ganz unterschiedlichem Bildungsgrad kommen dort zusammen.

Wie erklären Sie sich den Erfolg?

Ganz wichtig ist, dass sich die Initiative sehr breit aufgestellt hat. 93 ehrenamtliche Helfer mit 19 Nationalitäten und sehr verschiedenen Hintergründen machen dort mit, die jüngste ist elf, der älteste 84 Jahre alt.

Viele von ihnen haben sich früher bestimmt nicht für die städtischen Bibliotheken interessiert. Warum jetzt dieses Engagement?

Das liegt zum einen an dem Ort. Der Lesesaal ist gemütlich, hat abends lange geöffnet und baut nicht diese Hemmschwelle auf, die viele Menschen davon abhält, eine klassische, Autorität ausstrahlende Bibliothek zu betreten. Zum anderen hat der Erfolg sehr viel mit Selbermachen zu tun. Wir leben in einer Welt, in der vieles sehr abstrakt erscheint und man so oft das Gefühl hat, gar keinen Einfluss zu haben auf das, was um einen herum passiert. Die Chance, mit den eigenen Händen die Lebensumwelt mitzugestalten, übt einen großen Reiz aus. Dieses elementare Bedürfnis habe ich überall gespürt.

Wie konnte es in Glasgow befriedigt werden, wo die Bewohner, wie Sie anfangs erwähnten, gegen die Bebauung einer Grünfläche aufbegehrten?

Das war nur möglich, weil der Investor zahlungsunfähig wurde. Dadurch ergab sich für die Bürger die Chance, das Grundstück selbst zu bespielen. Das ist keine Ausnahme. Ungenutzte Flächen und leer stehende Gebäude sind oft die Basis für Stadtentwicklung von unten. Viele Initiativen sind unmittelbar nach Ausbruch der Finanzkrise 2008 entstanden. Sie füllen das Vakuum, das die gescheiterten Investorenprojekte hinterließen.

Muss es immer eine Krise sein, bevor Bürger in die Gestaltung ihrer Umgebung eingebunden werden, oder gibt es irgendwo ein stärker institutionalisiertes Miteinander von Verwaltung und Bewegung?

In Kopenhagen ist die Verwaltung immerhin sehr aufgeschlossen gegenüber Ideen von Initiativen, unterstützt sie teilweise auch finanziell. Beide Seiten wirken interessiert, Möglichkeiten für eine ko-kreative Stadtentwicklung auszuloten.

Wie äußert sich das beispielsweise?

Eine Gruppe namens GivRum hat sich vor ein paar Jahren dafür eingesetzt, dass leer stehende Fabriken zeitweise von Künstlern bezogen wurden. Das hat gut geklappt und zur Belebung der Viertel beigetragen, in der sich die Fabriken befinden. Heute wird GivRum sogar von der Stadt beauftragt, um in einem neuen Wohnquartier das nachbarschaftliche Miteinander zu fördern. Das zeigt: Nötig ist eine Bereitschaft in Stadtverwaltungen, das Potenzial der Initiativen zu erkennen und gemeinsam Grauzonen in der Gesetzeslage zu finden, um Ideen zu ermöglichen.

Haben Sie irgendwo erlebt, dass Bürger über Bauvorhaben oder die Nutzung öffentlichen Raums mit entscheiden dürfen?

Es gibt in vielen Ländern Partizipationsverfahren, in der Regel Veranstaltungen, bei denen Bürger ihre Meinung zu bestimmten Bauvorhaben kundtun können. Hier geht es aber nicht um das gemeinsame Gestalten, sondern vielmehr um eine nachträgliche Legitimation bereits entschiedener Vorhaben. Daher halten sich die Menschen, die ich besucht habe, von solchen Veranstaltungen fern und werden selbst aktiv, ohne um Erlaubnis zu fragen.

Wie müssen sich Bürgerinitiativen aufstellen, um nicht nur ein Strohfeuer zu entfachen?

Alle, die schon lange bestehen, sagen dasselbe: Das Wichtigste ist, dass aus dem anfänglich losen Zusammenschluss eine strukturierte Organisation wird. Dauerhaft reichen Euphorie und die Aufopferungsbereitschaft von ein paar wenigen Leuten nicht aus, um eine Initiative am Leben zu halten. Hinzu kommt, dass man als gemeinnütziger Verein oder als Genossenschaft ernster genommen wird und sich dadurch überhaupt erst um Fördergelder von Stiftungen oder einem EU-Fonds bewerben kann.

Die Finanzierung ist sicher eines der größten Probleme.

Es ist zumindest ein dauerhaftes Thema, wobei viele Gruppen vor allem vom ehrenamtlichen Einsatz ihrer Mitglieder und von vielen Unterstützern im weiteren Umfeld leben. Besonders beeindruckt hat mich, wie es eine Initiative im schwedischen Röstånga geschafft hat, finanziell unabhängig zu werden.

Erzählen Sie.

Röstånga ist ein 900-Seelen-Dorf, eine Stunde nördlich von Malmö entfernt. Das Dorf hatte mit den klassischen Herausforderungen des ländlichen Raums zu kämpfen: demografischer Wandel, Wegfall von Infrastrukturen, keine Investitionen. Als die Dorfschule zu schließen drohte, überlegten ein paar Eltern, wie sie das Dorf attraktiver machen können. Sie gründeten eine gemeinnützige Organisation, steuerten 45 000 Euro Eigenkapital bei und erhielten 50 000 Euro aus dem Leader-Programm, mit dem die EU lokale Initiativen im ländlichen Raum fördert. Mit dem Geld haben sie heruntergekommene Häuser gekauft, gemeinschaftlich renoviert und an Familien aus Malmö vermietet. 2011 haben die Gründer die Organisation in eine Genossenschaft umgewandelt und weitere vier Gebäude gekauft – alle leer und günstig zu haben. Darunter das schon lange ungenutzte Bahnhofsgebäude. Die Initiative hat ein Restaurant daraus gemacht und es verpachtet. Zehn Prozent der Einnahmen fließen in die Genossenschaft, die heute mehr als 400 Mitglieder hat. Sie betreiben eine Brauerei und ein kleines Museum.

Das klingt nach einem ganz neuen Wir-Gefühl.

Ja, und darum sind solche Bewegungen so wichtig. Den Gründern geht es anfänglich nicht um Gemeinschaft. Aber der Zusammenschluss aus einem gemeinsamen Interesse heraus, die durchlebten Höhen und Tiefen, führen letztlich genau dazu. Zudem kommen die Initiativen zwangsläufig in Kontakt mit Behörden und dem Bürgermeister. Das mag nicht immer harmonisch ablaufen, doch entscheidend ist, dass das politische System für die Menschen wieder greifbarer wird. ---

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