Ausgabe 05/2016 - Schwerpunkt Wir

Freie Kräfte

1999: 668 000
2005: 857 000
2015: 1 309 000

Wenn Masse Macht bedeutet, müssten die Freiberufler in Deutschland sehr zufrieden sein, schließlich arbeiten hierzulande rund 1,3 Millionen Selbstständige, mehr als je zuvor. Soweit die Theorie. In der Praxis stehen Freiberufler vor Problemen, und viele fühlen sich diskriminiert. Das hat vor allem drei Gründe:

1 ) Gesetzgebung

Die Politik greift zunehmend in ihre Freiheit ein. Etwa bei der Altersvorsorge. Traditionell entscheiden darüber hierzulande allein die Selbstständigen, allerdings sorgen sie nicht immer vor. Deshalb plante die damalige Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen 2012 eine Vorsorgepflicht vor allem für junge Selbstständige. Wer sich nicht in einem bestimmten Umfang privat absichere, solle automatisch in die gesetzliche Rentenversicherung einbezogen werden. Ein entsprechender Gesetzentwurf wurde zwar verworfen, aber die Idee ist noch nicht vom Tisch.

Ganz aktuell ist das Thema Scheinselbstständigkeit. Unternehmen arbeiten zunehmend nicht mehr mit Festangestellten, sondern mit Selbstständigen, um Sozialversicherungsbeiträge zu sparen. Nach Meinung der Politik handelt es sich dabei aber oftmals um Scheinselbstständige. Um Missbrauch zu bekämpfen, plant sie eine Verschärfung der Kriterien, so wie Ende vergangenen Jahres in einem Gesetzesentwurf des Bundesarbeitsministeriums.

Scheinselbstständig wäre demnach, wer etwa langfristig für nur einen Auftraggeber tätig ist, vorrangig in dessen Räumen arbeitet und von diesem Weisungen erhält. Oder wessen Arbeitszeit vom Auftraggeber bestimmt wird. Das trifft auch qualifizierte und gut verdienende Freiberufler, etwa Softwareentwickler oder Ingenieure. Sie arbeiten oft langfristig für einzelne Auftraggeber.

2 ) Konkurrenz

Freiberufler stehen in Wettbewerb zueinander, der sich wegen der steigenden Zahl von Selbstständigen zunehmend verstärkt. Das bringt Honorare und Tagessätze unter Druck. Sich gegen diese Entwicklung zu stemmen ist schwer – Freiberufler können sich nicht auf Tarifvereinbarungen berufen oder streiken. Der Staat hilft nur, indem er einzelnen freien Berufsgruppen Aufgaben der Selbstverwaltung überträgt und sie im Gegenzug schützt. So können etwa Ärzte, Anwälte oder Architekten, die Mitglied in einer berufsständischen Körperschaft sein müssen (zum Beispiel in der Ärzte- oder Rechtsanwaltskammer), schlagkräftige Organisationen aufbauen und ihre Interessen durchsetzen. Dort gibt es etwa Gebührenordnungen. Das verhindert einen Unterbietungswettbewerb. Die meisten Freiberufler aber genießen diese Privilegien nicht, sie bleiben auf sich gestellt.

3 ) Fehlende Unterstützung

Hilfe von anderen können Freelancer ohnehin kaum erwarten. Zwar gibt es einen Bundesverband der Freien Berufe, der aber, wenn man mit Freiberuflern ohne Kammerzugehörigkeit spricht, nie als besonders hilfreiche Interessenvertretung genannt wird. Das mag daran liegen, dass dieser sich eher um Steuerfragen als um den Berufsalltag kümmert und auf europäischer Ebene für den Erhalt des deutschen Kammersystems kämpft.

Die Gewerkschaften tun sich mit Freiberuflern schwer. Der DGB etwa begrüßte ausdrücklich den Gesetzentwurf zur Eingrenzung der Scheinselbstständigkeit. Auch Einzelgewerkschaften konzentrieren sich weitgehend auf ihre Klientel. Das gilt auch für die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, die sich den freien Berufen am weitesten geöffnet hat. Rund 30 000 Soloselbstständige sind dort Mitglied, vor allem aus Medien- und Bildungsberufen. „Aber dieses Vorurteil, Freie seien doch Scheinselbstständige, die gefälligst in die Festanstellung sollten, ist noch nicht vollends passé“, sagt Veronika Mirschel, Leiterin des Verdi-Referats Selbstständige. Gehe es um Arbeitskämpfe, komme man auch deshalb intern immer wieder an den Knackpunkt, für wen man in die Bresche springen sollte – die Festangestellten oder die Freien. „Wenn ich ehrlich bin“, sagt Mirschel, „viel erreicht haben wir für sie bislang nicht.“

Die Freiberufler müssen sich also selbst helfen.

1. Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschlands (VGSD), München

Jahr der Gründung: 2012

Klientel: Der VGSD versteht sich als branchenübergreifende Interessenvertretung. Überwiegend Unternehmensberater, IT-Profis und Coaches. 1500 Mitglieder

Themen: Der Verband sieht sich als Organisation gegen „gründer- und selbstständigenfeindliche Gesetze“. Ganz oben steht das Thema Scheinselbstständigkeit. Der VGSD stört sich auch an Mindestbeiträgen in die gesetzliche Krankenversicherung in Höhe von 350 Euro selbst für gering verdienende Selbstständige oder an der Pflichtmitgliedschaft in Industrie- und Handwerkskammern.

Instrumente: Der VGSD wendet sich direkt an Politiker. So hat er etwa Musterbriefe ins Netz gestellt, die Freie an Politiker senden können. Der Verband hat darüber hinaus sogenannte Wahlprüfsteine für die Parteien formuliert und online gestellt. Sein Positionspapier zur Scheinselbstständigkeit hat er über soziale Netzwerke zirkulieren lassen und an Politiker verschickt. Regelmäßig veranstaltet der Verband Telefonkonferenzen mit Experten. Der Verbandsgründer Andreas Lutz spricht etwa zweimal im Monat persönlich in Berlin mit Abgeordneten und Fachreferenten.

Erfolge: Der Verband hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die strengen Vorgaben zur Scheinselbstständigkeit vom November 2015 im jüngsten Gesetzentwurf des Arbeitsministeriums im Februar zurückgenommen wurden. „Vor allem aber“, sagt Andreas Lutz, „haben wir uns als ernst zu nehmendes Gegenüber etabliert.“ Er kündigt an, dass sich VGSD-Mitglieder künftig in Arbeitskreisen von Parteien und IHKs engagieren.

2. IT-Projektgenossenschaft eG, Kleinmachnow

Jahr der Gründung: 2014

Klientel: IT-Profis. 16 Mitglieder

Themen: Die drohende Einstufung ihrer Dienstleistung als Scheinselbstständigkeit. Zudem geht es den Genossen darum, sich von ihrer Abhängigkeit von mächtigen Projektvermittlern zu befreien, ohne die ein selbstständiger IT-Profi kaum an Aufträge kommt.

Instrumente: Die Genossenschaft sammelt Aufträge, auf die einzelne Freie dann zugreifen können. Damit gibt es keine Weisungsabhängigkeit – nicht der Einzelne ist Auftragnehmer, sondern die Genossenschaft. Diese wiederum erteilt keine Weisungen an die Freien.

Gearbeitet wird nach individuellen Stundensätzen, die Genossenschaft erhebt eine Vermittlungsprovision von 7,5 Prozent. Zudem ist jeder Freelancer an der Genossenschaft beteiligt, trägt also ein unternehmerisches Risiko. Um die Projektvermittler auszuschalten, organisiert die Genossenschaft die Akquise selbst – durch ein wiederum internes Provisionsmodell. Wer Aufträge bekommt, neue Kunden mitbringt oder Kunden länger betreut, erhält eine Prämie. Das führt bislang zwar nicht dazu, dass sich jedes Mitglied gleichermaßen auch für die anderen Genossen ins Zeug legt, aber das Modell ermöglicht es, Dienstleister für die besonders aufwendige Kaltakquise zu beschäftigen. Auch verfügt die Organisation mittlerweile über einen Vertriebsprofi, der nachhakt und Kunden langfristig betreut.

Erfolge: Die IT-Genossen arbeiten bislang unbehelligt vom Vorwurf der Scheinselbstständigkeit. Das Modell ist offenbar attraktiv – aus ursprünglich drei Genossen sind mittlerweile 16 geworden. Und nicht zu verachten sei laut dem Vorstand Michael Zankl zudem das bessere Klima unter den Freelancern selbst, etwa aufgrund weitgehender Transparenz der Honorare. „Die sickern durch, schließlich bekommt jeder, der fragt, auch eine Antwort. Weshalb wir in der Folge auch keinen Unterbietungswettbewerb haben.“

3. Deutscher Hebammenverband (DHV), Karlsruhe

Jahr der Gründung: Der erste deutsche Hebammenverband wurde 1885 in Berlin gegründet. Der Dachverband DHV arbeitet seit 2008 als Berufsorganisation unter diesem Namen.

Klientel: Freie und angestellte Hebammen, von denen aber ein Großteil auch freiberuflich tätig ist. 19 000 Mitglieder

Themen: Vergütung und Versicherungskosten. „Freiberufliche Hebammen kommen auf einen Nettostundensatz von durchschnittlich 8,50 Euro“, sagt Susanna Rinne-Wolf, Vorsitzende des Berliner Hebammenverbands und Mitglied im zentralen Kampagnenausschuss. „Das ist einfach gruselig.“ Zudem bedrohten hohe Haftpflichtversicherungsbeiträge für in der Geburtshilfe tätige freie Hebammen deren Existenz. Ab dem Sommer liegt die Prämie bei mehr als 6800 Euro jährlich und hat sich seit 2002 somit verfünfzehnfacht. Das sei nicht bezahlbar. Freiberufliche Geburtshelferinnen sind aber zum Abschluss einer solchen Versicherung verpflichtet, ohne dürfen sie nicht arbeiten.

Instrumente: Öffentlicher Druck. Die Hebammen sind offizielle Verhandlungspartner der Krankenkassen und organisieren deshalb jährlich Streiks oder Demonstrationen. Damit schaffen sie es regelmäßig bis in die »Tagesschau«. Möglich ist das zum einen durch den hohen Organisationsgrad – Rinne-Wolf schätzt ihn auf 90 Prozent. Zudem können die Krankenkassen die Hebammen nicht sanktionieren, solange sie eine Vertretung gewährleisten. Ihre direkten Auftraggeber sind zudem die Familien, und die nehmen sie erfolgreich mit ins Boot. Etwa mithilfe einer eigenen Website, auf der Eltern von ihrer Hausgeburt berichten. Auf einer Landkarte können Eltern melden, wo sie sich unterversorgt fühlen. Mit Klinikfragebögen können sie ihre Krankenhäuser auf Hebammenversorgung testen. Oder sie bestellen sich Kampagnen-T-Shirts, Buttons und Flyer zum Weitergeben. „Denn Familien sind Wähler und Beitragszahler“, sagt Rinne-Wolf, „an ihnen kommt man einfach nicht vorbei.“

Dabei nutzen die Hebammen geschickt ein psychologisches Moment, was auch Susanna Rinne-Wolf nicht verschweigt. „Am Ende geht es immer um Familien mit Kindern, und da haben wir natürlich gute Karten, schließlich ist das sofort sehr emotional und berührend.“

Erfolge: Stetige, wenn auch maßvolle Anhebungen bei der Vergütung, vor allem aber immer wieder Ausgleichszahlungen zu den Haftpflichtprämien durch die Krankenkassen.

4. Freischreiber e. V. , Hamburg

Jahr der Gründung: 2008

Klientel: Freie Journalisten. 700 Mitglieder

Themen: Honorare und faire Arbeitsbedingungen. Die Medienbranche ist gekennzeichnet durch ein Überangebot an leidensfähigen Autoren, die wenigen Verlagshäusern gegenüberstehen. In der Praxis verbindliche Regeln etwa zu Honoraren gibt es nicht. Auskömmliche Einkommen sind immer schwerer zu erzielen.

Instrumente: Vor allem Selbstermächtigung. Deshalb versteht sich Freischreiber laut dem Verbandschef Benno Stieber als „ein Fitnessstudio für Freie“. Den einzelnen Anbieter stärken, und das bedeutet vor allem dreierlei: Transparenz – dafür hat der Verband etwa einen Honorarspiegel verschiedener Publikationen erstellt. Wissen – dafür haben die Mitglieder mit der „Freienbibel“ ein eigenes Handbuch verfasst, das etwa über Vertragsrecht und Verhandlungsführung aufklärt. Und Selbstbewusstsein – dafür sollen regelmäßige Konferenzen oder Treffen bei den regionalen Freischreiber-Gruppen sorgen.

Zudem versucht der Verband, die Verlage dazu zu bringen, von sich aus höhere Honorare zu zahlen. Freischreiber nutzt dafür die branchenüblichen Mittel – Kommunikation und PR. Etwa mit einem Code of Fairness, den Redaktionen unterschreiben sollen. Fair heißt: Zahlung eines Honorars, das dem Aufwand des Autors Rechnung trägt; schriftliche Verträge, umgehende Bezahlung sowie die Beteiligung der Autoren an allen Erlösen ihrer Werke. „Eigentlich Selbstverständlichkeiten“, sagt Stieber.

Seit 2011 verleihen die Freischreiber jährlich den Himmel- und Hölle-Preis für „die fairste und die fieseste Redaktion“ in Deutschland. Hinzu kommen immer wieder kleinere Aktionen. Als der »Tagesspiegel« von heute auf morgen diverse Aufträge stornierte und selbst für bereits gelieferte Texte nicht zahlen wollte, schaltete der Verband provozierende Anzeigen im Blatt.

Erfolge: Die Beachtung des Verbands in der Medienbranche ist groß, er fungiert als Gesprächspartner für Politik und Verlage. Den Code of Fairness hat allerdings bislang kein Medienhaus in allen Punkten akzeptiert. Auch habe man den Unterbietungswettbewerb bei freien Autoren kaum stoppen können, sagt Stieber. „Das ist so, als würdest du ein leckgeschlagenes Boot bei Sturm mit einem Joghurtbecher ausschöpfen. Am Ende findet sich immer einer, der es für billiger macht.“

An den konkreten Arbeitsbedingungen freier Journalisten hat sich also nichts grundlegend geändert. „Wir können weder die Verlagschefs austauschen noch die Medienkrise beenden“, sagt Stieber, „aber in Sachen Selbstbewusstsein haben wir einiges erreicht. Und der Fortschritt ist eben immer eine Schnecke.“

5. Bundesverband Schauspiel e. V. (BFFS), Berlin

Jahr der Gründung: 2006

Klientel: Schauspieler. 2800 Mitglieder

Themen: Gagen und Erlösbeteiligungen. Es gibt wenige Engagements und viele Schauspieler – und die meisten sind zur Selbstausbeutung bereit. „Für gute Rollen tun sie es fast umsonst“, sagt BFFS-Vorstand Hans-Werner Meyer. „Sie denken an den Inhalt ihrer Arbeit und weniger an die Bedingungen, unter denen sie diese leisten.“ Und diese Bedingungen hätten sich wegen sinkender Budgets und weniger Produktionen vor allem bei Privatsendern dramatisch verschlechtert. Meyer ist seit Anfang der Neunzigerjahre im Geschäft. „Seitdem haben sich die Einkommen mitunter halbiert. Und als Einzelner kannst du nie auf Augenhöhe verhandeln, denn am Ende ist jeder Schauspieler ersetzbar.“

Instrumente: Tarifverträge durch Kooperation mit einer klassischen Gewerkschaft. Möglich ist das durch eine branchenspezifische Besonderheit: Obwohl Schauspieler freie Existenzen sind, gelten sie für die Dauer eines Engagements als „kurz befristet beschäftigt“. Damit sind Tarifverträge möglich. Allerdings gab es solche Verträge für Schauspieler lange nicht. Bis sich der BFFS 2010 daran machte, einen solchen auszuhandeln – mit der Allianz Deutscher Produzenten, der maßgeblichen Instanz auf der Gegenseite. Unterstützt wurde der BFFS von Verdi. „Die Gewerkschaft hatte bis dahin bei Schauspielern wenig zu melden und bekam so ein besseres Image“, sagt Meyer. „Wir haben von deren Macht und Verhandlungskompetenz profitiert.“

Erfolge: Nach mehr als drei Jahren zäher Verhandlungen haben die Schauspieler etwas erreicht, was es zuvor nie gegeben hat: einen Tarifvertrag mit einer Einstiegsgage von 750 Euro pro Tag, die nicht unterschritten werden darf. Auch haben sie sich auf eine Erlösbeteiligung bei der Weitervermarktung ihrer Filme geeinigt – was es in der Verlagsbranche bis heute nicht gibt. Der BFFS initiierte zudem die Deutsche Schauspielkasse, die sich um die Verteilung der Erlöse kümmert. Und vereinbarte mit ProSiebenSat.1 Einstiegsgagen und quotenabhängige Folgevergütungen.

Fragt man Hans-Werner Meyer nach den Gründen für diesen Erfolg, hat er eine einfache Antwort. „Wir sind keine Ego-Shooter, und das ist vielleicht das Wichtigste. Denn so verfügten wir von vornherein über Bündnisfähigkeit. Und mit dieser Macht haben wir Grundlagen geschaffen, hinter die keiner mehr zurückkann.“ ---

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