Ausgabe 05/2016 - Markenkolumne

Duden

Willkommen, ihr Vollpfosten!

• Viele Mitteilungen in sozialen Medien erwecken den Anschein, Orthografie sei mittlerweile egal – und der Duden daher überflüssig. Olaf Carstens, Geschäftsführer der Bibliographischen Institut GmbH, widerspricht dem vehement: „Der Duden ist nach wie vor eine Instanz, jeder kennt ihn.“ Von der aktuellen 26. Ausgabe des Rechtschreib-Wörterbuches seien seit Erscheinen im Juli 2013 mehr als 500 000 Exemplare verkauft worden – „das ist mehr als von manchen Bestsellern“. Zwar spiele korrektes Deutsch in den sozialen Medien keine so große Rolle, „das ändert sich aber spätestens beim ersten Bewerbungsschreiben“, sagt der 56-Jährige. Der Geisteswissenschaftler war in mehreren Verlagen tätig, bevor er vor etwa einem Jahr Chef der Dudenredaktion in Berlin-Alt-Treptow wurde.

Er soll die jüngst auf ihren profitablen Markenkern geschrumpfte Firma mit einem Umsatz im zweistelligen Millionenbereich in die Zukunft führen. „Wir wollen das Publikum nicht vom Katheder herab belehren, sondern auf Augenhöhe mit ihm kommunizieren.“ Der Duden, so die Devise, gebe keine Normen vor, sondern spiegele die Veränderung der Sprache wider – was nebenbei gut fürs Geschäft ist, weil es auch ohne Rechtschreibreform immer neue Auflagen rechtfertigt. So wurden kaum noch verwendete Begriffe wie Füsillade aus dem Wörterbuch getilgt. Dafür gingen neue ein, zuletzt waren es 5000, darunter Finanztransaktionssteuer und Vollpfosten.

Diese pragmatische Haltung ist für Puristen ein Sakrileg. Der Verein Deutsche Sprache kürte den Duden 2013 zum „Sprachpanscher des Jahres“, dessen Vorsitzender Walter Krämer bezeichnete ihn gar als „große Hure“. Carstens ficht das nicht an. „Fatal wäre es, als Gralshüter der Sprache irrelevant zu werden.“ Er lobt seine Redaktion als Hüterin eines gewaltigen Wortschatzes und hat allerlei Ideen, was man aus dem noch machen könnte. So bringt die Firma neben den klassischen Nachschlagewerken – die, vom Rechtschreib-Duden abgesehen, nicht mehr so toll laufen – auch Unterhaltsames heraus („Unnützes Sprachwissen“). Carstens kann sich da noch einiges vorstellen, etwa eine Sammlung von Rechtschreib- und Grammatikfehlern in Tattoos. Um solche Peinlichkeiten zu vermeiden, empfiehlt sich ein Klick auf die Duden-Website, die mit 30 Millionen Zugriffen pro Monat zu den meistbesuchten in Deutschland zählt.

Dass sich ihre Kernkompetenz auch elegant in den sozialen Medien demonstrieren lässt, machte die Redaktion vor einigen Monaten mit einer Reaktion auf die zunehmende Gewalt gegen Flüchtlinge deutlich: eine nüchterne Definition des Wortes Nächstenliebe, gepostet auf Facebook. „Die Resonanz war ungeheuer“, sagt Carstens. „Wir haben 1,3 Millionen Menschen damit erreicht.“ ---

Dass jeder so schreibt, wie es ihm gefällt, geht Konrad Duden, Direktor des Königlichen Gymnasiums zu Hersfeld, gegen den Strich. Er veröffentlicht 1880 im Leipziger Verlag Bibliographisches Institut sein „Vollständiges Orthographisches Wörterbuch“ auf Grundlage der preußischen und bayerischen Schulrechtschreibung. Der Ur-Duden mit 27.000 Stichwörtern kostet eine Mark und wird als praktische Hilfe für alle, die korrekt schreiben wollen, ein Bestseller. Konrad Duden trägt wesentlich zu einer einheitlichen amtlichen Orthografie bei, sein Wörterbuch wird offiziell maßgebend. Nach seinem Tod im Jahr 1911 führt die von ihm aufgebaute Redaktion seine Mission fort. Zu Zeiten der deutschen Teilung gibt es einen West- und einen Ost-Duden; in Letzterem fehlt lange Zeit das Wort Weltreise. Nach der Vereinigung übernimmt das Bibliographische Institut & F. A. Brockhaus mit Sitz in Mannheim die ehemalige DDR-Konkurrenz. 1991 erscheint der sogenannte Einheitsduden. Mit der Rechtschreibreform von 1996 verliert der Duden sein Monopol, nun können auch andere Wörterbücher wie der Wahrig die amtlichen Rechtschreibregeln darstellen. Das Mannheimer Verlagshaus wird 2009 von der Cornelsen Verlagsgruppe übernommen, die in den folgenden Jahren den größten Teil der Firma abstößt und mit dem Rest nach Berlin umzieht, wo der als Bibliographische Institut GmbH mit festangestellten 30 Mitarbeitern firmiert. Zu ihr gehören auch die Marken Meyers, Artemis & Winkler Verlag und Sauerländer.

Franz Cornelsen Bildungsholding
Umsatz 2014: rund 285 Mio. Euro
Zahl der Mitarbeiter: 1646
mit am häufigsten falsch geschriebenes Wort: lizenzieren

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