Ausgabe 05/2016 - Schwerpunkt Wir

Adieu Tristesse

Serien-Sozialunternehmer: Charles-Edouard Vincent

• Die Place Saint Paul im Pariser Viertel Marais. Es ist früher Nachmittag, als eine alte Dame mit Stock zielstrebig auf den grün gestrichenen Kiosk zusteuert. Sie ist klein und muss sich ein wenig strecken, um die junge Frau anzusprechen, die drinnen vor einer Schlüsselwand sitzt, als wäre dies hier die Rezeption eines ehrwürdigen Hotels. In den Fächern, über denen die Schlüssel hängen, liegen Umschläge, Notizblöcke und ein bisschen Krimskrams, wie hinterlegt für die Gäste, die nach einem Bummel durch die Stadt auf dem Weg zu ihren Zimmern nach Botschaften fragen. Die Dame mit Stock aber hat einen anderen Wunsch. „Vermitteln Sie denn auch jemanden, der einem Einkäufe nach Hause trägt?“, fragt sie über den Tresen. Außerdem bekomme sie häufig so komische Anrufe. „Da meldet sich jemand und sagt, ich hätte meine Stromrechnung nicht bezahlt. Aber das stimmt gar nicht!“

Die junge Frau nickt und macht sich eine Notiz, während eine weitere Passantin in einem Korb mit gebrauchten Büchern und Zeitschriften vor dem Kiosk kramt und bald fündig wird. „Bringe ich wieder, wenn ich es ausgelesen habe“, ruft sie im Gehen. Eine dritte kommt ein wenig atemlos angelaufen. „Ich ziehe demnächst um, aber ich habe keinen Chéri, der mir helfen könnte, und ein Umzugsunternehmen kann ich mir nicht leisten. Was würde es kosten, bei Ihnen ein paar starke Männer zu engagieren?“

In dem kleinen Kiosk werden Dienstleistungen vermittelt. Er ist das Bindeglied zwischen Menschen, die jemanden brauchen, der kleinere Handwerksarbeiten verrichtet, die Kinder hütet oder Hemden bügelt – und jenen, die solche Dienste gegen ein kleines Entgelt anbieten. „Lulu dans ma rue“ steht auf der Stirnseite angeschrieben. „Lulu“ als Fantasiename für die Helfer, kurz und einprägsam. Und „dans ma rue“, weil sie womöglich sogar in derselben Straße wohnen. Denn das ist die Idee: In einer der teuersten Hauptstädte der Welt, hektisch und anonym, soll wieder Nachbarschaftshilfe einziehen.

Ausgedacht hat sich das Charles-Edouard Vincent, Dozent an der renommierten Wirtschaftshochschule HEC. „Paris ist teuer und vermittelt deshalb oft den falschen Eindruck, dass hier nur Reiche leben“, sagt der 44-Jährige. „Aber hinter den Fassaden wohnen sehr viele Menschen mit wenig Geld, alte Menschen mit einer kleinen Rente, aber auch junge, die wegen der Arbeit neu nach Paris gekommen sind und hier nur eine klitzekleine Wohnung bezahlen können.“ Die Anfahrtskosten der professionellen Handwerksbetriebe wollen oder können sie nicht zahlen – falls jene sich überhaupt die Mühe machen würden, für ein paar Handgriffe einen Mitarbeiter zu schicken. In Paris einen Klempner oder Elektriker zu finden ist eine Herausforderung.

Vincents Lulus kosten je nach Aufwand zwischen 5 und 10 Euro je 20 Minuten. 15 Prozent davon behält die Organisation als Vermittlungsgebühr ein. Gebucht wird persönlich am Kiosk, im Internet oder telefonisch. Sämtliche Helfer sind als selbstständige Kleinunternehmer, beim Finanzamt gemeldet. Der Status erlaubt ihnen ein steuerbegünstigtes Jahreseinkommen von maximal 32 000 Euro. Sie durchlaufen ein Bewerbungsverfahren und unterschreiben einen Kodex, der sie zu Pünktlichkeit, Sorgfalt, Hilfsbereitschaft und sogar einem freundlichen Lächeln verpflichtet. Für den Fall, dass einmal etwas schiefgeht, sind die Lulus versichert.

Es ist nicht Vincents erstes Projekt, das einer zunehmend individualistischen Gesellschaft ein neues Wir-Gefühl einflößen soll. Der Ingenieur mit Diplomen der Pariser Elite-Hochschule École Polytechnique und der Stanford University in Kalifornien hat schon einige Projekte der Solidarwirtschaft gestemmt, seit er eine Karriere bei dem Softwarekonzern SAP aufgab. In Frankreich kennt man ihn seit Jahren, weil er aus Protest gegen Wohnungsnot und Wuchermieten bei den Obdachlosen auf der Straße schlief. Dass sie aus Barmherzigkeit ein Dach über dem Kopf und Zutritt zu den Suppenküchen erhielten, reichte ihm nicht. Vincent gründete eine Organisation für ihre berufliche Wiedereingliederung. Emmaus Défi heißt sie.

Der Einfall mit den Lulus kam ihm, als er selbst Hilfe brauchte. Er hatte gerade ein paar Heizkörper für seine neue Pariser Wohnung gekauft. Ein Mitarbeiter des Heimwerker-Marktes hatte ihm noch geholfen, die schweren Kartons in den Kofferraum des Autos zu laden. Doch nun stand er in der Garage seines Hauses und wusste nicht, wie er die Teile ohne fremde Hilfe von dort nach oben ins Wohnzimmer schleppen sollte. „Verflixt, dachte ich mir, im Umkreis von 50 Metern gibt es sicher Leute, die gern anpacken würden. Ich kenne sie nur nicht.“ Es dauerte schließlich eine Woche, bis ein Freund Vincent zur Hand ging.

Im Dienste der Nachbarschaft und dem eigenen Auskommen: Yves Simon

Früher gab es den Concierge

Ein gutes Jahr später im Marais. An diesem Nachmittag schaut Cherif Boudjelal, 54, zufrieden. Er verdient sich heute ein paar Euro als Lulu zu seinem Job als Informatiker im Rathaus dazu und freut sich nebenbei über einen netten Schwatz unter Nachbarn. Er ist sechs Stockwerke hinauf in die Einzimmerwohnung der Rentnerin Claude Bourgeois gestiegen. Ein paar Kleinigkeiten braucht sie nur, eine neue Vorhangleiste über dem Fenster mit dem Blick auf die Statue an der Place de la Bastille und eine Halterung an einem Bücherregal, um im untersten Fach verstaute Kissen und Decken hinter einem Stück Stoff verschwinden zu lassen.

Kein Handwerker würde sich dafür herbemühen. Weshalb sich bisher auch noch kein Betrieb über die Laien-Helfer beschwert hat, die im Marais nun täglich ausschwirren. „Ich wollte so etwas schon lange machen und hatte auch Zettel mit meiner Telefonnummer ausgehängt“, erzählt der gebürtige Algerier. „Aber da hat sich ganz selten jemand gemeldet. Ist ja auch kein Wunder. Meistens brauchen alleinstehende Frauen Hilfe, und die lassen ungern irgendeinen Unbekannten in ihre Wohnung.“

Claude Bourgeois erzählt von früher, als praktisch jedes Pariser Wohnhaus noch eine oder einen Concierge hatte, die kleinere Arbeiten übernahmen. Man kennt sie noch aus den alten Filmen, diese meist strengen Hausmeister. Sie saßen in einer sogenannten Loge und wachten über das Kommen und Gehen der Bewohner. Sie nahmen die Post entgegen, begossen Pflanzen in Abwesenheit der Besitzer oder öffneten dem Gasmann und dem Stromableser die Wohnungstüren. „Ja, die Concierges waren eine Institution“, sagt Bourgeois und seufzt. „Aber das scheint eine Ewigkeit her. Jetzt müssen wir uns selber helfen.“ Um Nebenkosten zu sparen, verzichten nämlich inzwischen viele Hausgemeinschaften auf die Concierges. Der Stromableser findet einen Zettel mit den Daten an die Tür geklebt oder bekommt sie ohnehin online. Und der Blumentopf wird dank automatischer Wasserzufuhr zum Selbstversorger.

In der Stadt, die so viele Touristen anzieht wie keine andere in der Welt und in der Millionen Menschen auf engstem Raum zusammenleben, kann man sich leicht einsam und verlassen fühlen. Gerade auch im Marais. Man sieht es dem Quartier von außen nicht an, es geht lebhaft zu in den engen Gassen mit ihren schicken Boutiquen und teuren Designer-Läden. Die teuren Straßencafés vor den blitzblank getünchten Haussmann-Fassaden mit den schmiedeeisernen Balkonen sind bevölkert, tagein, tagaus. Das Marais, einst, wie der Name schon sagt, ein Morast, in dem der Dreck knöcheltief in den Straßen stand, ist „bobo“ geworden. Bourgeois-bohémien, wie die Franzosen es nennen. Schickimicki, würde man wohl auf Deutsch sagen, oder hip.

„Noch nach dem Zweiten Weltkrieg bezahlte hier so mancher Wohnungsbesitzer Prämien, um einen Mieter zu finden“, erzählt die Rentnerin Bourgeois. Heute zahlen hier wohlhabende Käufer im Schnitt 11 200 Euro für einen Quadratmeter Wohnfläche. Aber der Bewohner aus dem dritten Stock weiß nicht mehr, wer im vierten lebt, und kennt den von nebenan oft nur von einem dahingenuschelten „Bonjour“, wenn man sich zufällig mal im Hausflur trifft.

So kommt es, dass so mancher Angestellte einer Apotheke, der ein paar Pastillen oder Tropfen persönlich zu seiner älteren Kundschaft bringt, nach der Übergabe noch darum gebeten wird, eine neue Glühbirne in die Deckenlampe zu schrauben. Oder mal nachzusehen, warum die Waschmaschine leckt.

Im Dienste der Nachbarschaft und dem eigenen Auskommen: Cherif Boudjelal

Neues Leben im Viertel

„Ich finde die Idee mit den Lulus großartig“, sagt Hélène Mobuchon. Sie ist Verkäuferin in einem Laden für schräge Küchenutensilien, der dem Kiosk gegenüberliegt. Den ganzen Tag über hat sie fast ausschließlich mit ausländischen Touristen zu tun, die einen Plastikhund kaufen, der einen zum Knochen geformten Spülschwamm im Maul trägt, oder einen Schöpflöffel mit einem aufgedruckten Frauengesicht. „Die Lulus bringen wieder richtiges Leben ins Viertel. Und wenn ich Leben sage, dann meine ich nicht, dass die Kasse von uns Händlern klingelt. Nein, da passiert wieder etwas zwischen den Menschen, was über ein Verkaufsgespräch hinausgeht.“ Auch die Verkäuferin, die in einer teuren Modeboutique auf der anderen Straßenseite gerade die aktuelle Frühjahrsmode im Schaufenster dekoriert hat, ist begeistert. „Wenn ich aus dem Fenster sehe, ist am Kiosk immer was los. Das ist ein Treffpunkt für die Leute aus dem Viertel geworden. Die kommen nicht nur, um eine Dienstleistung anzufordern, sondern bleiben auch mal stehen für einen Plausch miteinander.“

Der Initiator Vincent muss schmunzeln, wenn er an seine Furcht zurückdenkt, die Idee könnte floppen. Er beauftragte extra ein internationales Beratungsunternehmen mit einer Marktstudie, um sich abzusichern. „Ich hatte schon ein bisschen Sorge, dass sich keiner meldet“, sagt er. „Wir neigen in Frankreich ja zu der Annahme, dass der Staat alles für uns regeln muss, und beklagen uns dann, wenn er das nicht leisten kann. Wir jammern über zu wenig Wirtschaftswachstum und zu viele Arbeitslose. Ich sage, statt zu jammern, sollte jeder seinen Beitrag leisten, dass die Dinge besser laufen. Wir wollen Wachstum? Für jemand anderen Kisten zu schleppen kann dazu beitragen, wenngleich in ganz kleinem Rahmen.“

Die Resonanz ist bedeutend größer als erwartet. Sowohl auf der Nachfrage- als auch auf der Angebotsseite. Nach einem Jahr packen rund 70 Lulus regelmäßig an. Rentner sind ebenso dabei wie Jean-Jacques, der ehemalige Architekt, der so leidenschaftlich gern und gut für andere kocht. Oder der arbeitslose Community-Manager François, der nun Computer repariert und dadurch nicht mehr nur vom Arbeitslosengeld leben muss. Angela, die Kolumbianerin, arbeitet tagsüber im Musée Carnavalet, das die Stadtgeschichte von Paris erzählt. Abends schlüpft sie in ihre Rolle als Lulu und hütet Kinder. Nicolas fand, sein Beraterjob bei KPMG laste ihn nicht genügend aus. „Ich bin ein bisschen hyperaktiv, mir fällt am Wochenende leicht die Decke auf den Kopf.“ Als der Lulu-Kiosk gegenüber seiner Wohnung aufmachte, war das Problem gelöst.

Vincent muss inzwischen aufpassen, dass ihm seine Urprungsidee der Nachbarschaftshilfe nicht entgleitet und der ökonomische Nutzen in den Vordergrund rückt. Denn mehr und mehr Lulus wollen ihre Dienste in Vollzeitbeschäftigung anbieten und davon leben können.

Yves Simon zum Beispiel hat seinen Job als Koch in einem Pariser Kongresshotel gekündigt. Statt Kochlöffel schwingt der 47-Jährige jetzt Malerpinsel oder verlegt Parkettböden. „Ich kann mir nicht nur meine Zeit frei einteilen“, freut er sich, „sondern verdiene sogar mehr als früher.“ Um die 2500 Euro sind es im Monat. Simon steht in der Liste der Lulus unter der Rubrik „Grand Bricolage“ für größere handwerkliche Arbeiten. 30 Euro kriegt er pro Stunde. Und er hat reichlich zu tun: Heute hat er schon in aller Frühe die fleckige Arbeitshose übergestreift und sich mit Leiter und Farbeimer auf den Weg gemacht. Er streicht die Wohnung einer Frau, die gerade ausgezogen ist.

Flexibler als früher: Aurélie Techer mit Sohn Lukas

Auch für Aurélie Techer war die freie Zeiteinteilung ein Argument, ihren alten Job gegen die kleinen Dienste für Nachbarn einzutauschen. Sie kommt mit Lukas angeschlendert, ihrem dreijährigen Sohn. Als sie noch ganztags in einem Kinderbekleidungsgeschäft arbeitete, hatte sie wenig Zeit für ihn. Jetzt ist sie flexibler, bringt anderer Leute Wohnungen auf Hochglanz und macht Hausbesuche für Maniküre und Pediküre. Rund 1500 Euro verdient sie auf diese Weise im Monat – zusammen mit dem Gehalt ihres Mannes, der Polizist ist, kommt die Familie zurecht.

Nicht zuletzt wegen der hohen Arbeitslosigkeit in Frankreich – 3,6 Millionen sind aktuell ganz ohne Job, weitere 1,8 Millionen arbeiten Teilzeit mit häufig auf weniger als fünf Wochen befristeten Arbeitsverträgen – ist die Zahl der selbstständigen Kleinunternehmer, der sogenannten Auto-Entrepreneurs, in den vergangenen Jahren in die Höhe geschossen. Für diese französische Form der Ich-AG ist es eine enorme Erleichterung, dass eine vertrauenswürdige Organisation ihnen Aufträge vermittelt und im Anschluss auch noch bei der Bewältigung der Steuerformalitäten hilft. Das erklärt, warum es für viele Menschen so attraktiv ist, als Lulu zu arbeiten. Vincent aber sieht seine Philosophie, mehr nachbarschaftliches Miteinander zu schaffen, gefährdet. „Der besondere Esprit soll erhalten bleiben“, betont er. „Wir sind keine Agentur, die Handwerker vermittelt.“

Kontrollierte Expansion

Mehr als 200 Anfragen haben ihm Bürgermeister anderer Pariser Viertel und französischer Gemeinden inzwischen geschickt. Auch sie wollen Lulus. Doch Charles-Edouard Vincent ist zurückhaltend damit, das Helfernetz schnell über ganz Paris und darüber hinaus zu spannen. Er will die Kontrolle behalten. Bis Jahresende sollen aber immerhin vier oder fünf Kioske dazukommen.

Und bis dahin können Paris-Bewohner außerhalb des Marais die Dienste schon einmal gegen einen Aufschlag von einmalig 10 bis 15 Euro in Anspruch nehmen. Die Helfer fahren dafür auch quer durch die Stadt.

Die Abendsonne senkt sich auf das Marais, strahlt noch einmal mit letzter Kraft auf die vornehmen Hausfassaden. Ein paar Lulus haben Chips gekauft und Kekse, Saft, Cola, Limonade und Sekt auf einem Klapptisch neben dem Kiosk platziert. Jemand hat eine Fähnchengirlande über den Platz gespannt und einen Teppich ausgerollt für einen Musiker, der brasilianischen Bossa Nova anstimmt. Man lädt zum Apéro du Quartier, wie in jeder ersten Woche des Monats. Schnell versammelt sich eine bunte Truppe, es wird getanzt, gelacht, Passanten drehen Handy-Filmchen.

Auch Vincent ist gekommen. Zufrieden beobachtet er, dass seine Idee die Menschen tatsächlich zusammenbringt. Dann steuert eine Frau auf ihn zu, stellt sich ihm als Beraterin für Business Transformation vor. Sie kommt aus dem 16. Stadtbezirk, dort, wo die Pariser High Society wohnt. „Wir brauchen unbedingt auch Lulus, ich will Sie gerne dabei unterstützen“, redet sie auf ihn ein. Vincent schaut etwas irritiert. Er weiß, er hat etwas losgetreten, das die Stadt verändern könnte. ---

Mehr aus diesem Heft

Wir 

Das neue Wir

Alle suchen nach Identitäten und sehnen sich nach Gemeinschaft. Doch die Wanderkarten von früher führen in die Irre. Um zu einem neuen Wir zu finden, muss man erst mal zu sich selbst kommen.

Lesen

Wir 

Wie sagt man’s seiner Community?

Ein Sprachführer.

Lesen

Idea
Read