Ausgabe 05/2016 - Was Wirtschaft treibt

Blockchain

Durchsichtige Geschäfte

Das Prinzip 

Blockchain ist eine Technik zur Speicherung von Daten, die von der Entwicklergemeinde um das Open-Source-Projekt Bitcoin erfunden, erprobt und für die digitale Währung optimiert wurde. Man kann sich Blockchain als eine Kette von Datenblöcken vorstellen, die Transaktionen speichert. Wenn Person A in China 100 Bitcoin an Person B in Argentinien überweist, wird dies in einem neuen Datenglied der Bitcoin-Blockchain vermerkt und angehängt. Wenn B davon 50 Bitcoins an C weiterreicht, entsteht der nächste Mini-Datenblock. Die Kette ist damit so etwas wie eine sich ständig aktualisierende Datenbank. Die ist allerdings nicht – wie eine konventionelle Datenbank – auf einem zentralen Rechner gespeichert. Sie liegt und aktualisiert sich ständig auf jedem Rechner, der Teil eines Blockchain-Netzes ist. „Logisch zentralisiert, organisatorisch dezentralisiert“, auf diese Formel bringt der Risikokapitalist Albert Wenger das technische Prinzip von Blockchain.

Diese technische Formel hat es in sich, denn sie bedeutet: Ein offenes Netz kann Funktionen übernehmen, die bislang nur die Inhaber zentralisierter Datenbanken oder Plattformbetreiber übernehmen konnten. Dabei kann jedes Mitglied des Netzes jede Transaktion jederzeit einsehen. In der alten Welt und Sprache der Buchhalter wäre die Blockchain das Hauptbuch in einem gigantischen Buchhaltungssystem, also das zentrale Verzeichnis, in dem alle Transaktionen aufgezeichnet sind und die im Nachhinein nicht verfälscht werden dürfen.

Der Nutzen 

Das Besondere an Blockchain ist: Menschen können alle erdenklichen Geschäfte miteinander machen und Verträge schließen, auch wenn sie sich nicht kennen und einander nicht trauen. Die Bitcoin-Blockchain beweist seit rund zehn Jahren, dass dies möglich ist, selbst wenn die Menschen anonym bleiben. Eine Open-Source-Technologie ermöglicht eine Welt ohne Notare, die gigantische Summen für Beurkundungen einstreichen, die nur wenige Minuten Zeit in Anspruch nehmen. Sie könnte Banken helfen, effizienter zu arbeiten. Mit Blockchain ließen sich alternative Onlinemarktplätze schaffen, bei denen die großen Anbieter des Internets nicht bei jeder Transaktion kräftig mitkassieren – Plattformen ohne Besitzer.

Der Darmstädter Informatikprofessor Johannes Buchmann spricht von einer „Technologie, mit der die Sharing Economy ihrem Namen wirklich gerecht werden könnte“. Die Blockchain ermöglicht es, alle erdenklichen Peer-to-Peer-Ansätze, also den Austausch von Individuum zu Individuum, auf eine neue Stufe zu heben. Als einer der führenden Kryptografen Europas merkt Buchmann allerdings an: „Je wichtiger Verschlüsselungstechnologien in einem System sind, desto abhängiger werden wir Menschen von ihnen. Und aus der Geschichte wissen wir: Es gab bisher keine kryptografische Funktion, die nicht irgendwann geknackt wurde.“

Die Sicherheit 

Die Blockchain ist vergleichsweise sicher. Technisch funktioniert das bei der Bitcoin-Blockchain dank einer Gruppe von sogenannten Minern oder digitalen Bergleuten, deren Computer gemeinsam leistungsstärker sind als die weltweit stärksten Supercomputer. Mitmachen kann jeder, der die Software herunterlädt, seine Rechnerkapazität zur Verfügung stellt und dafür die Hardware- und Stromkosten trägt. Als Gegenleistung für die elektronische Bergwerksarbeit bekommt man kleine Bitcoin-Beträge gutgeschrieben.

Die Miner verbuchen und gleichen alle Bitcoin-Transaktionen auf der Welt im Zehn-Minuten-Takt ab und müssen dafür ständig neue, hochkomplizierte mathematische Gleichungen lösen. Wer das Netzwerk manipulieren wollte, müsste 51 Prozent dieses über die ganze Welt verteilten Supernetzwerks kapern. Das ist bei der gegebenen Verteilung von Rechenkapazität aber kaum denkbar, und es ist trotz zahlloser Hackerattacken auch noch niemandem gelungen. Noch sicherer macht die Datenkette eine weitere Eigenschaft: Jeder Datenblock ist mit dem nächsten verwoben. Wer das Hauptbuch des digitalen Buchhaltungssystems umschreiben will, muss nicht nur einen Block umschreiben, sondern die ganze Geschichte des Handels.

Das Missverständnis 

Blockchain ist mehr als Bitcoin. Zwar ist die der Kryptowährung zugrunde liegende Blockchain die größte und avancierteste, doch hinter dem Begriff steckt viel mehr: Blockchain ist eine innovative Art und Weise, Daten zu speichern und zu verschlüsseln. Start-ups, Banken, Non-Profit-Organisationen und Regierungen suchen nach neuen Anwendungsfeldern für diese Technik. Die Projekte sind allesamt noch im Experimentierstadium, aber Ansätze gibt es unter anderem in folgenden Bereichen:
• internationaler Zahlungsverkehr
• Aktienhandel
• Onlinemarktplätze
• Grundbuchregister
• Echtheitszertifikate (zum Beispiel von Gold und Diamanten)
• Lieferkettenkontrolle bei Lebensmitteln
• Rechtemanagement von Musik und Kunst
• Abrechnungsprotokolle im Internet der Dinge

Die Vision 

Die Blockchain habe das Potenzial, Wirtschaft und Gesellschaft zu verändern. Gebe es erst einmal eine unbestechliche Buchführung, schaffe das eine neue Basis für die Beziehung zwischen Individuen und Gesellschaft. Damit ermögliche sie auch eine gerechtere Welt. Das behaupten zumindest Don Tapscott und sein Sohn Alex Tapscott.

Vater und Sohn, diesmal elegant

brand eins: Viele Banker haben Angst vor der Blockchain. Viele Gründer sind begeistert von ihr. Können Sie uns erklären, warum?

Don Tapscott: Ich will mit einem Beispiel antworten. Nehmen wir Auswanderer, die Geld in ihre Heimatländer überweisen. Die Summe dieser Transfers ist höher als die der Entwicklungshilfe oder von Direktinvestitionen. Im Fall der Philippinen machen derartige Transaktionen etwa zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus. Eine philippinische Haushaltshilfe, die in Toronto lebt und ihr Erspartes auf die Philippinen schickt, muss dafür viel Aufwand betreiben. Sie kriegt einen Scheck, löst ihn bei einer Bank ein, nimmt einen Bus zu einem Einkaufszentrum und geht dort zu einer Filiale von Western Union. Sie überweist ein paar hundert Dollar und zahlt dafür eine Gebühr von ungefähr zehn Prozent. Das alles dauert mehrere Stunden, in denen sie entweder arbeiten oder zumindest zu Hause sein könnte. Und dann dauert es auch noch vier bis sieben Tage, bis das Geld in Manila ankommt. Vor vier Monaten probierte die Frau eine Alternative aus: Sie überwies ihr Erspartes per Handy mit einer App namens Abra. Dabei handelt es sich um ein Blockchain-Programm, mit dem das Geld binnen Millisekunden auf dem Handy ihrer Mutter in Manila eingeht. Die sucht sich dann einen Auszahler in der Stadt, der in der Nähe ist und dem andere Kunden vertrauen. So kriegt sie das Bargeld innerhalb von ein paar Minuten, und alles kostet nur ein Prozent Gebühren. Für Western Union ist das keine gute Nachricht. Für die Start-ups, die auf die Technik setzen, schon.

Oft heißt es, Blockchain schaffe die Mittelsmänner ab, etwa die Banken. In ihrem Beispiel gibt es aber zwei neue: den Betreiber der App und den Auszahler.

Alex Tapscott: Die Blockchain kann bei vielen Transaktionen den Vermittler auslassen. In diesem Beispiel gelingt das nicht. Aber sie kann ermitteln, welchen Wert ein Mittelsmann tatsächlich schafft. In der Finanzbranche gibt es viele Firmen, die wertvolle Dienste leisten – etwa Kredite vergeben oder Geld anlegen. Viele andere steuern allerdings wenig bis keinen Wert bei. Sie sorgen einfach für Transaktionen, weil sich das historisch eben so entwickelt hat. Banken etwa kümmern sich um acht Kernaufgaben. Eine davon ist, Geld oder Werte zu bewegen, eine andere, Geld oder Werte zu verwahren. Die meisten dieser Aufgaben kosten aufgrund der technischen Entwicklung nichts, doch Banken erzielen damit jede Menge Umsatz und Gewinn. Das wird nicht so bleiben.

Müssen die Banken die Technik daher fürchten?

Alex Tapscott: Es gibt für sie auch Chancen. Sie können ihre Betriebskosten senken und sich um neue Geschäftsfelder kümmern — etwa den zwei Milliarden Menschen in der Welt zu helfen, die zwar ein Smartphone, aber kein Konto besitzen. Das Geschäftsmodell von Western Union ist sicherlich bedroht. Die Firma verdient ihr Geld mit internationalen Überweisungen durch Menschen am unteren Ende der Einkommensskala. Das kann durch die neue Technik ersetzt werden. Die Finanzbranche wird schrumpfen, was die Zahl der Unternehmen angeht. Aber die angebotenen Dienstleistungen und deren Reichweite werden steigen. Das bietet auch Chancen für die großen Finanzdienstleister. Das Problem ist schlicht, dass viele Banken heute eine Rube-Goldberg-Maschine sind.

Bitte was?

Don Tapscott: Eine Rube-Goldberg-Maschine ist ein ungeheuer großer und komplizierter Apparat aus unzähligen Einzelteilen, der letzten Endes wenig bis gar nichts leistet. Es gibt auf Youtube viele lustige Videos dazu. Das ist das perfekte Sinnbild für die Finanzbranche im Jahr 2016. Wenn ich mit einer Karte bei Starbucks bezahle, dann reisen diese Bits durch ein kompliziertes Netzwerk, an dem Rechner aus dem Jahr 1970 hängen. Erst drei Tage später ist die Transaktion verbucht. Das System kostet also viel Zeit und Geld und verlangsamt die Wirtschaft. Wie wäre es denn, wenn alle Banken eine gemeinsame Datenbank aller Transaktionen teilten, die für jeden einsehbar ist?

Die Banken müssten viel Geld in neue Geschäftsmodelle investieren, ohne zu wissen, welche erfolgreich werden. Das ist riskant.

Alex Tapscott: Sie können sich entweder zusammentun und Blockchain-Technologien einsetzen, um die gesamte Infrastruktur des Finanzwesens neu zu erfinden, zu verschlanken und zu modernisieren, oder sie können absichtlich auf Zeit spielen und dabei zusehen, wie ihnen die eigene Branche Stück für Stück von neuen Firmen weggenommen wird. Denn die Blockchain senkt nicht nur die Kosten und vereinfacht den Ablauf, sie senkt auch die Barrieren für neue Konkurrenten. Geldhäuser besaßen über Jahrhunderte ein Monopol auf Vertrauen, und daraus ist eine Menge Wert entstanden. Die neue Technik stellt das infrage.

Banken sind ja nicht die einzigen Mittelsmänner mit mittelmäßigem Beliebtheitsgrad. Wird es dank Blockchain ein Facebook ohne Facebook geben? Oder einen Marktplatz wie Ebay ohne Ebay?

Don Tapscott: Das ist theoretisch möglich, aber ob es auch eintritt, hängt von vielen Faktoren ab. Man sollte nicht versuchen, die Zukunft vorherzusagen. Man sollte besser dabei helfen, sie zu gestalten. Es gibt bereits Firmen, die eine Blockchain-Alternative zu Facebook entwickeln. Dieses soziale Netzwerk läuft auf dezentralen Rechnern statt auf einem großen Server – eine Art digitale Kooperative. Das hat Folgen: Es gibt nicht mehr ein großes Unternehmen, das alle meine Daten aufsaugt, sie zu Geld macht und dabei meine Privatsphäre aushöhlt. Wer behauptet, die Privatsphäre sei tot, ist ein Narr! Sie ist vielmehr die Grundlage einer freien Gesellschaft. Es wäre also besser, wenn meine Daten mir selbst gehörten und nicht Facebook. Die Wirklichkeit sieht derzeit anders aus. Wir hinterlassen jede Menge Daten, die große Firmen oft ohne unser Wissen aggregieren. Wer weiß schon noch, was er vor einem Jahr geschrieben oder gekauft hat? Mit Blockchain würden wir wieder die Kontrolle über unsere Identität erlangen, denn man gibt bei jeder Transaktion nur die Details über sich preis, die für diese Transaktion tatsächlich notwendig sind. In manchen Fällen kann das eine einzige Information sein. Wenn ich jemanden bezahle, muss ich oft nicht viel, geschweige denn alles über die andere Person wissen, solange das Geld und die Waren sicher und zuverlässig von A nach B gelangen und umgekehrt.

Also sozusagen ein Amazon-Marketplace ohne Amazon?

Don Tapscott: Die großen Plattformen, die als Mittelsmänner fungieren, ermöglichen den Kunden bequemen Zugang zu Informationen, Waren oder Dienstleistungen. Sie wissen aber auch viel über ihre Kunden. Das verschafft ihnen Einfluss. Aber es gibt streng genommen keine Existenzberechtigung für eine Firma wie Uber, die angeblich 62,5 Milliarden Dollar wert ist. Genauso gut können wir eine dezentrale Blockchain-App benutzen, um von hier nach dort zu gelangen. Das gilt insbesondere für das kommende Jahrzehnt mit autonomen Fahrzeugen. Nehmen wir einmal an, es gibt Super Uber, wo ich einen Wagen bestelle, der von allein zu meinem Standort kommt. Ich bestelle und bezahle mithilfe des Netzes — dazu brauche ich keine Bank, keinen Logistikanbieter oder andere große Firmen. Das Gleiche gilt für einen Dienst wie Airbnb.

Als die ideale Anwendung für Blockchain wird immer wieder das Internet der Dinge genannt. Ein Mythos?

Don Tapscott: Im Internet der Dinge kommunizieren Milliarden von Geräten, Sensoren und Apps miteinander. Alle Dinge machen tatsächlich miteinander Geschäfte. Es gilt also, Billionen von Transaktionen abzuwickeln und zu dokumentieren. Das „Internet of Everything“ braucht einen „Ledger of Everything“, ein Hauptbuch, in dem alles Geschäftliche notiert wird. Stellen wir uns vor, dass vernetzte Glühbirnen Strom von einer Stromquelle ersteigern — das wird wohl kaum über bestehende Kanäle abgerechnet werden. Keine heute existierende Bank wird Billionen von Transaktionen und Mikrotransaktionen in der Stunde verbuchen. Das geht nur mit dem Peer-to-Peer-Prinzip.

In der gerade entstehenden Blockchain-Start-up-Szene sind sogenannte intelligente Verträge ein großes Thema. Was ist das?

Alex Tapscott: Das ist nichts anderes als ein Software-Mechanismus, der vereinbarte Konditionen garantiert und automatisch abrechnet, ohne Mitwirkung von Anwälten oder Banken. Das ist zum Beispiel für Musiker interessant. Ein Künstler kann seine Lieder künftig über eine Plattform wie Ujo Music an alle möglichen Partner zu unterschiedlichen Tarifen vertreiben. Ujo Music war eine Idee der britischen Sängerin Imogen Heap. Dort können nicht nur Fans direkt Musik hören, auch ein Streaming-Dienst wie iTunes kann auf der Plattform für seine Kunden Musik lizenzieren. Das ist kein einfacher Deal nach dem Motto „ein Dollar für einen Song“, sondern es gibt viele verschiedene Facetten der Nutzung: Streaming für den Einzelnen kostet vielleicht zwei Cent, fürs Radio fünf Cent. Wer die Musik für einen Werbespot, fürs Fernsehen, zum Remixen oder für andere kommerzielle Zwecke nutzen will, zahlt wieder andere Preise. Jeder Künstler programmiert die genauen Instruktionen für Nutzungsrechte und Kosten direkt in den Song hinein. Das ist nicht nur Fair-Trade-Musik, sondern es lohnt sich auch, da man selbst kleinste Beträge automatisch verrechnen kann. Der Vertrag ist gewissermaßen im Code eingebaut.

Sie riefen jüngst die Blockchain-Revolution aus. Revolution ist ein großes Wort. Vielleicht zu groß?

Don Tapscott: Es kommt tatsächlich eine Revolution auf uns zu: Das Internet, das wir kennen, ist ein Internet der Informationen. Jetzt steht uns ein Paradigmenwechsel bevor, denn in Zukunft wird es um das Internet des Wertes gehen. Blockchain ist eine Art Vertrauensprotokoll, eine automatisierte und für alle einsichtige Notarfunktion für alle Transaktionen im Netz. Wenn man Peer-to-Peer-Vertrauen aufbauen kann, ändert sich viel. Das hat das Potenzial, einige der großen Versprechen des digitalen Zeitalters wahrzumachen, nämlich nicht nur Reichtum für Einzelne, sondern auch allgemeinen Wohlstand zu schaffen.

Das haben Sie schon vor vielen Jahren in „The Digital Age“ und „Wikinomics“ geschrieben.

Alex Tapscott: Die erste Generation des Internets hat uns viele beeindruckende Neuerungen gebracht: die E-Mail, den Browser, das mobile Web, Cloud Computing. Die Kosten, auf Informationen zuzugreifen, sich auszutauschen und zusammenzuarbeiten, sind drastisch gesunken. Das hatte gewaltige Folgen für unsere Gesellschaft. Aber bezogen auf ökonomische Strukturen hat das Netz nicht allzu viel verändert. Plattformen und Netzwerkeffekte haben in der Onlinewelt Macht und Geld monopolisiert. Wir hatten es uns eigentlich anders erhofft, nämlich dass freie Informationen die Welt besser und gerechter machen würden. Das kann mit einem Internet der Werte passieren, von dem wir eben sprachen.

Don Tapscott: Wir haben eine zweite Chance bekommen. Die erste Generation des Internets träumte von einer Peer-to-Peer-Welt, und ich gehörte zu diesen Träumern. Alte Medien bedeuteten zentrale Kontrolle, neue Medien sollten das genaue Gegenteil leisten. Alles ist dezentral und neutral. Wir gestalten, was wir wollen. Das Internet hat vieles bewegt, doch wenn man sich die wirtschaftlichen Kennziffern ansieht, ist der Wohlstand in vielen Ländern für den Einzelnen gesunken. Die moderne Gesellschaft ist alles andere als Peer-to-Peer, denn die herrschenden Kräfte haben sich asymmetrische Vorteile gesichert. Das meine ich mit der zweiten Chance: Wir können es noch einmal wagen, die Welt zu verändern. Und das nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch.

Wie genau?

Don Tapscott: 70 Prozent der Weltbevölkerung haben zum Beispiel Ansprüche auf Grund und Boden, ohne einen entsprechenden Grundbucheintrag vorweisen zu können. Wenn diese Eigentumsrechte auf einer Blockchain dokumentiert wären, dann könnte keiner den Besitzern sagen, das Land gehöre ihnen nicht. Wir sprechen regelmäßig mit Regierungschefs. Die fortschrittlichen unter ihnen sind sehr neugierig. Sie sehen zwar die Probleme bei der Umsetzung von Blockchain im großen Stil, sind im Grunde aber optimistisch, dass sich damit der Rechtsstaat und die Demokratie stärken lassen.

Was kann dieses Mal schieflaufen?

Don Tapscott: Wir haben zehn große Probleme bei der Blockchain identifiziert. Diese Technik ist noch nicht ausgereift. Es fühlt sich ein bisschen an wie das Netz 1993 – kurz bevor der erste Browser herauskam. Ein wichtiges Thema ist der Energieverbrauch. Es ist gut möglich, dass Regierungen versuchen, sich der Technik zu bemächtigen. Ebenso gut ist möglich, dass sich die alten Mächte diese Technik zu eigen machen und sie für ihre Zwecke privatisieren. Je mehr wir in eine Welt der intelligenten Software-Agenten eintreten, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Technik Arbeitsplätze vernichten wird: Trotz der Chancen zur Innovation wird sie allein das Problem nicht lösen – wir brauchen einen neuen Gesellschaftsvertrag. Und auch eine wirklich dunkle Seite der Blockchain ist nicht auszuschließen. Wenn jede Menge smarte autonome Agenten in Umlauf sind, können sie wie Computerviren mit einem Bankkonto Amok laufen. Sie könnten Menschen engagieren, um ihre schmutzige Arbeit zu erledigen. Die anonyme Onlinedrogenbörse Silkroad hat gezeigt, was möglich ist, wenn sich Kriminelle der technischen Möglichkeiten bedienen.

Alex Tapscott, Sie verdienen Ihr Geld, indem Sie Blockchain-Investoren beraten. Nehmen wir an, wir hätten eine Million Bitcoins. In welche Blockchain-Start-ups sollten wir das Geld stecken?

Alex Tapscott: Finanzdienstleistungen sind das spannendste Feld. Besonders interessant sind Start-ups, die zusammen mit Banken Blockchain-Plattformen entwickeln, um den privaten Zahlungsverkehr abzuwickeln. Weiter schauen wir uns sehr genau Unternehmen an, die neue Wege bei der Buchhaltung erkunden. Sie wird sich am dramatischsten ändern. Heute finden Buchprüfungen alle paar Monate statt. Mit Blockchains besitzen wir eine öffentlich geteilte Dokumentation, bei denen Smart Contracts automatisch Dinge wie Abschreibungen oder Goodwill berücksichtigen. Die Buchhaltung wird zu einem lebendigen Dokument, das Prüfer de facto überflüssig macht. Auch beim Internet der Dinge ist viel Spielraum für neue Geschäftsmodelle.

Was können wir als Privatmenschen mit der Technik anfangen?

Don Tapscott: Blockchain geht uns alle an. Den Musikliebhaber, der sich wünscht, dass Musiker fair entlohnt werden. Den Kunden im Supermarkt, der Lieferketten Schritt für Schritt nachverfolgen und wissen will, woher sein Hackfleisch kommt und welche Chemikalien bei welchem Verarbeitungsschritt eingesetzt wurden. Den Auswanderer, der sein Erspartes nach Hause schicken will.

Klingt gut, aber wie fange ich ganz schlicht und einfach an? Sollte ich mir Bitcoins kaufen?

Alex Tapscott: Genau, man sollte sich einlesen und eine Wallet App für Bitcoins herunterladen. Dann sollte man Bitcoins kaufen und auf Einkaufstour gehen. Man kann etwas Neues erst dann verstehen, wenn man es selbst benutzt.

Don Tapscott: Vor 20 Jahren haben wir gepredigt, man könne das Internet erst begreifen, wenn man selbst eine E-Mail geschrieben hat. Bei der Blockchain verhält es sich nicht anders. ---

Don Tapscott, 68,
hat ein gutes Gespür für digitale Trends, die Wirtschaft und Gesellschaft verändern. In den Neunzigerjahren schrieb der kanadische Publizist, Berater und Gastdozent an der Rotman School of Management in Toronto zwei viel beachtete Bücher: „Paradigm Shift“ und „The Digital Economy“. Mit den Bestsellern „Growing up Digital“ (1997), „Wikinomics“ (2006) und „Macrowikinomics“ (2010) lieferte er populärwissenschaftliche Beschreibungen des digitalen Zeitgeists. Sein neues Werk „Blockchain Revolution“ erscheint im Mai bei Penguin Random House in englischer Sprache. Es wird im Herbst im Plassen Verlag auf Deutsch erscheinen.

Sein Sohn Alex Tapscott, 30, ist Ko-Autor des jüngsten Buches. Als Gründer und Chef der kanadischen Beratungsfirma Northwest Passage Ventures verfolgt er die Innovation in der Finanzbranche und befasst sich mit dem Potenzial der Kryptowährung Bitcoin:
Alex Tapscott: A Bitcoin Governance Network

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