Ausgabe 09/2016 - Markenkolumne

Plexiglas

Wir sind Marke!

• Martin Krämer, 50, Chef der Acryl-Produkt-Sparte bei Evonik, hat zum Gespräch im sogenannten Lichtstudio des Darmstädter Werks eine Reliquie mitgebracht – eine vergilbte Scheibe Polymethylmetacrylat (PMMA) aus dem Jahr 1932. Damit gelang dem Chemiker Otto Röhm, Begründer der Marke Plexiglas, der Durchbruch. Er und seine Kollegen schufen einen glasklaren, leichten und bruchfesten Werkstoff aus zähem Kunstharz. In fast 85 Jahren hat das Stück Patina angesetzt; heute gibt man 30 Jahre Garantie auf hohe Lichtdurchlässigkeit.

In dem Studio führen Krämer und seine Mitarbeiter die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten des Acrylglases vor. Von Leuchten und Möbeln in verschiedenen Farben über Linsen für Solaranlagen, feine Folien für E-Reader bis hin zu 22 Zentimeter dicken Cockpits für Forschungs-U-Boote, die 1000 Meter unter der Meeresfläche einen Rundumblick erlauben. Plexiglas zu diesem Zweck in Kugelform zu bringen sei nicht trivial, sagt Krämer: „Keiner beherrscht diesen Prozess so wie wir.“ PMMA-Hersteller müssen sich generell ein bisschen mehr mühen, Kunden anzulocken, weil ihr Produkt meist teurer ist als Glas oder der ebenfalls durchsichtige, aber schneller vergilbende Kunststoff Polycarbonat.

Evonik ist bei der Produktion hinter Mitsubishi die Nummer zwei weltweit, kann aber mit mehr Erfahrung wuchern. „Wir sind am längsten dabei“, sagt Krämer. Plexiglas wird seit je in enger Kooperation mit Kunden weiterentwickelt, die besondere Lösungen suchen, darunter spektakuläre wie die Bedachung des Münchener Olympiastadions. Mancher Anwender wirbt nach dem Vorbild von „Intel Inside“ mit der Marke Plexiglas. Krämer und sein Team achten penibel darauf, dass diese auch ja korrekt dargestellt wird. Denn vielen gilt Plexiglas als Gattungsbegriff für alle Arten von Acrylglas. Erschwerend kommt hinzu, dass Evonik keine Markenrechte für Nordamerika besitzt. Sie gehören dort dem französischen Konkurrenten Arkema, weshalb die Evonik-PMMA-Produkte auf diesem Kontinent als Acrylite vertrieben werden.

In Westeuropa gehört Plexiglas zu den wenigen klingenden Namen des Konzerns, die ein breites Publikum kennt, sozusagen eine Prestige-Marke. Die wird gehegt, gepflegt und traditionell mit Zähnen und Klauen verteidigt. Bereits in den Fünfzigerjahren schaltete die Vorgängerfirma Anzeigen, in denen man mit erhobenem Zeigefinger reimte: „Das Warenzeichen Plexiglas gehört der Firma Röhm & Haas.“

Krämer und Kollegen setzen heute auf eine Video-Reihe im Netz („Plexiglas TV“), in der zum Beispiel gezeigt wird, wieso Pflanzen in Gewächshäusern aus dem Material gut gedeihen. Die Wissenschaftler der chinesischen Antarktis-Station „Great Wall“ ließen sich davon offenbar überzeugen – sie züchten Tomaten auf der König-Georg-Insel bei minus 40 Grad Celsius unter Plexiglas. ---

Otto Röhm promoviert 1901 über die Polymerisation von Acrylsäure: eine Substanz mit Potenzial. Geld verdient er zunächst mit profanen Produkten. Die 1907 mit dem Freund Otto Haas gegründete Firma stellt Beizmittel für die Lederindustrie her; zuvor nutzte man dafür Hundekot. Bereits 1909 expandiert man in die USA. Haas leitet die dortige Niederlassung, die später zu einer selbstständigen Firma wird. Röhm forscht weiter an seinem Lieblingsthema – und ist der Legende zufolge perplex, als er dabei Plexiglas entdeckt. 1933 wird die Marke eingetragen. Röhm & Haas produziert bald Windschutzscheiben für Autos sowie Kanzeln für Jagdbomber. Röhm stirbt wenige Tage nach Beginn des Zweiten Weltkriegs; gegen dessen Ende besteht die Belegschaft zu einem Viertel aus Zwangsarbeitern. Zu Wirtschaftswunderzeiten läuft die Produktion wieder auf Hochtouren, obwohl die Plexiglas-Patente in Deutschland 1952 auslaufen. Die Söhne des 1960 verstorbenen Haas verkaufen die Markenrechte für Nordamerika und lösen die Bindungen zur deutschen Firma. Die wird nach der Fusion mit der Degussa 2003 von der RAG AG übernommen, die 2006 Evonik ausgründet. Der Konzern konzentriert sich auf Spezialchemie mit der Perle Plexiglas im Portfolio.

Evonik Industries

Mitarbeiter: 33 576
Umsatz 2015: 13,5 Milliarden Euro
Gewinn: 991 Millionen Euro

Mehr aus diesem Heft

Vorbilder 

Chefsache

Viele Städte rufen zu Marketingzwecken Leistungsschauen ins Leben. Aachen zeigt im September, was es beim Thema digitaler Wandel draufhat. Ungewöhnlich sind die Initiatoren: eine Graswurzelbewegung von Unternehmern.

Lesen

Vorbilder 

Sag mal, ... kannst du mir helfen?

Konzerne wären sooo gern wie Start-ups. Warum nur?

Lesen

Idea
Read