Ausgabe 09/2016 - Schwerpunkt Vorbilder

James Rhodes im Interview

„Ich hatte das Gefühl, spielen zu müssen.“

brand eins: Herr Rhodes, Sie berichten in Ihrer Autobiografie, dass Sie als Kind von einem Sportlehrer Ihrer Grundschule vergewaltigt wurden, über fünf Jahre lang. Wie kommt man darüber hinweg?

James Rhodes: Der Missbrauch prägt das ganze Leben. Ich will nicht alles, was schieflief, darauf schieben, aber die Folgen sind allgegenwärtig, auch heute noch. Ich habe Schlafstörungen, wache meistens morgens um vier Uhr auf, ohne wieder einschlafen zu können, habe Verdauungsprobleme, bin sehr geräuschempfindlich, falle zeitweise, ohne es zu merken, in eine Art Trance und kann mich später an nichts erinnern. Solche Dinge machen den Alltag sehr anstrengend, nicht nur für mich, auch für Freunde und die Familie.

Sie sind Konzertpianist. Hat der Missbrauch auch Auswirkungen auf Ihr Klavierspiel?

Dort äußert er sich in Form von Zwangshandlungen. Ich habe das Gefühl, eine bestimmte Taste berühren zu müssen, obwohl der Ton nicht in den Noten steht. Auch muss ich bestimmte Geräusche von mir geben. In Konzerten versuche ich damit zu warten, bis ich an eine laute Stelle komme, sodass das Publikum es nicht hört. Meistens klappt das. Es ist ein Kampf in meinem Kopf.

Ist es besser geworden mit der Zeit?

Die Häufigkeit, mit der ich es tun muss, hat abgenommen, aber die Intensität ist dieselbe geblieben.

Sie hörten als Siebenjähriger eine Chaconne, einer Art Volkstanz, von Johann Sebastian Bach. Das, schreiben Sie in Ihrem Buch, habe Ihnen das Leben gerettet. Können Sie das erklären?

Für mich war es, als ob sich plötzlich ein Teil von mir öffnete, der vorher verschlossen war. Während der Vergewaltigungen schwebte ein Teil meiner Seele weg. So wurde es erträglicher, und deswegen falle ich heute noch manchmal in Trance-Zustände. Mit der Chaconne schwebte ich auch weg, aber auf eine gute Art. Ohne Angst. Neben dem physischen Schmerz war die Einsamkeit das Schlimmste an dem Missbrauch. Außerdem war ich ständig übermüdet, weil ich nachts Albträume hatte, mein Magen rebellierte und ich dadurch sehr schlecht schlief. Die Chaconne wurde zu meinem ständigen Begleiter, ich spielte sie in meinem Kopf ab, trommelte die Rhythmen nach und fühlte mich weniger allein.

Versuchten Sie auch, sie auf dem Klavier zu spielen?

Nein, ich hatte damals noch keinen Unterricht. Als ich mit zehn aufs Internat kam, gab es aber immerhin ein paar Übungsräume mit alten Klavieren, und dort versuchte ich, mir selbst das Spielen beizubringen.

War das nicht ungeheuer mühsam?

Es war sehr schwierig, aber ich hatte das Gefühl, spielen zu müssen. Anders hätte ich nicht überlebt. Das Klavier war meine Rettung, mein einziger Freund. Ich hatte niemanden, zu dem ich sonst hätte gehen können, ich war ein Außenseiter, ein Freak mit lauter Macken, total einsam. Ich hatte nichts anderes zu tun – außer rauchen. Das habe ich auch geliebt.

Erinnern Sie sich noch, was Sie damals spielten?

Das erste Stück, das ich komplett zu lernen versuchte, war Richard Claydermans „Ballade pour Adeline“.

Haben Sie es geschafft?

Ja, und es war ein riesiges Erfolgserlebnis! Ich weiß noch, wie scharf ich darauf war, es vorzuspielen, es gab nur keine Zuhörer.

Warum wollten Sie es vorspielen, wo Sie doch lieber allein blieben?

Es ging dabei nicht um mich, es ging um die Musik. Ich wollte sie teilen, anderen zeigen, wie großartig sie ist, was sie bewirken kann. So geht es mir heute noch.

Ihre Auftritte laufen anders ab als die meisten klassischen Konzerte. Sie kommen in Jeans und Turnschuhen, man darf Getränke mitbringen. Vor allem aber plaudern Sie auf der Bühne, erklären, was Sie spielen und von wem es unter welchen Umständen komponiert wurde. Warum tun Sie das?

Die Idee stammt von Denis, meinem Manager. Ich lernte ihn 2008 in London in der Warteschlange eines Coffeeshops kennen. Ich war damals sehr einsam, hatte diverse Klinikaufenthalte hinter mir, meine Ehe war gescheitert. Ich wollte einfach mit jemandem reden und sprach ihn an.

Was passierte dann?

Er fragte mich, was ich so mache, und ich erzählte ihm, dass ich versuchte, Konzertpianist zu werden. Daraufhin trat peinliche Stille ein. Er hatte offenbar keine Ahnung von Klassik. Und dann sagte er, er kenne eigentlich nur ein einziges Stück, das ihm ein Freund immer wieder vorgespielt habe: eine Chaconne von Bach, ob ich die kennen würde.

Ein unglaublicher Zufall.

Ja, aber ich verarsche Sie nicht. Genau so war es. Ich sagte, dass das mein absolutes Lieblingsstück sei und ob ich es ihm vorspielen solle. Der Steinway-Laden war direkt um die Ecke.

Und er ging mit?

Ja, und auf dem Weg redete ich wie ein Wasserfall über Bach und das Stück, weil ich so aufgeregt war. Und dann spielte ich es für ihn. Am Ende war er total emotional und fragte, wo er meine Alben kaufen könne. Ich hatte aber damals noch keine Aufnahmen. Das war praktisch der Beginn unserer Partnerschaft. Er war vorher erfolgreicher Gastronom, hatte gerade seine Firma verkauft und war auf der Suche nach einem neuen Projekt. Es war seine Idee, dass ich auf der Bühne über die Musik reden solle, wie ich es bei ihm über die Chaconne getan hatte. Und er hatte recht. Pianisten-Stars wie Jewgeni Kissin oder Grigori Sokolow werden in Musikkennern immer ihr Publikum finden. Aber wer verschafft normalen Menschen, die nicht so viel Ahnung haben, Zugang zu klassischer Musik?

Manche Musiker, etwa der Geiger David Garrett, setzen auf klassisch inszenierte Unterhaltungsmusik oder peppen Klassik auf. Was halten Sie davon?

Ich mag Crossover nicht, weil klassische Musik allein gut genug ist. Sie hat das nicht nötig. Das Problem ist, wie sie präsentiert wird. Steif, unnahbar, mit strengen Verhaltensregeln, die nur Insider kennen. Dadurch erreicht sie nur einen Bruchteil der Menschen, eine Elite. Dabei finden selbst Kinder Klassik toll – wenn sie dafür nicht zweieinhalb Stunden im Anzug still sitzen müssen. Ich selbst mag keine langen Konzerte, anderthalb Stunden, dann Pause, dann noch eine Stunde, das ist zu viel. Ich spiele eine gute Stunde, dann ist Schluss. Dann können die Leute essen gehen oder in eine Bar oder nach Hause, die Kinder ins Bett bringen, was auch immer. Aber David Garrett ist trotzdem als Musiker großartig.

Wann bekamen Sie das erste Mal Unterricht?

Mit 14, im Internat. Ich habe dort viel gespielt, bin auch oft zu Konzerten nach London gefahren. Damals wurde mir klar, dass das mein Traum ist: durch die Welt zu reisen und aufzutreten. Aber meine Eltern verboten mir, nach der Schule an ein Konservatorium zu gehen, um Pianist zu werden. Und ich selbst hatte nicht den Mut, mich durchzusetzen. Üblicherweise beginnt man im Alter von vier Jahren, übt vier Stunden am Tag und spielt mit 14, also in dem Alter, in dem ich zum ersten Mal einen Lehrer hatte, schon die großen Klavierkonzerte von Rachmaninow, Beethoven und so weiter, man gewinnt Wettbewerbe. Ich dachte daher lange, ich sei nicht gut genug.

Wie ging es weiter?

Erst mal kamen ein paar wilde Jahre. Drogenabhängigkeit, Klinikaufenthalte. Dann ein Psychologiestudium, Heirat, ich wurde Vater, war beruflich ziemlich erfolgreich als Anzeigenverkäufer für Finanzpublikationen in der Londoner City. Das war der Versuch, normal zu leben, den Missbrauch und seine Folgen zu verdrängen.

Wusste jemand davon?

Nein, niemand, nicht einmal meine damalige Frau. Ich habe es für mich behalten.

Was wurde aus dem Klavierspielen?

Damit war es ungefähr zehn Jahre vorbei, bis ich Ende 20 war. Ich hörte zwar nach wie vor sehr viel klassische Musik, spielte aber nicht mehr. Äußerlich ging es mir ganz gut, innerlich immer schlechter. Und ich erinnere mich, dass ich nach einem Ausweg suchte, irgendeiner Veränderung. Und da landete ich wieder bei der Musik. Ich überlegte zum Beispiel, was ich meinem Sohn wohl antworten würde, wenn er mich irgendwann fragt, warum ich in der City arbeite, obwohl ich viel lieber mit Musik zu tun hatte und ständig darüber redete. Ein Vater, der einen Job macht, auf den er keine Lust hat: Was ist das für ein Vorbild für ein Kind?

Viele Menschen haben einen Job, der ihnen nicht unbedingt Spaß macht.

Ich weiß. Aber das ist falsch.

Hatten Sie keine Existenzsorgen?

Nein, ich wusste, dass ich beruflich immer wieder in die City hätte zurückkehren können.

Wie sind Sie zur Musik zurückgekommen?

Da ich meine Hoffnungen auf eine eigene Pianistenkarriere schon begraben hatte, aber ein guter Verkäufer war, wollte ich versuchen, Pianisten zu vermarkten. Ich schrieb Franco Panozzo an, einen Agenten, der unter anderem den Pianisten Grigori Sokolow vertrat.

Was schrieben Sie ihm?

Ich schickte ihm eine Kiste Champagner und einen Brief dazu, in dem ich zum Ausdruck brachte, wie sehr ich Sokolow bewunderte und ebenso seine Arbeit als Agent. Das war nicht schwierig, denn es stimmte. Er bedankte sich, und ich fragte, ob ich ihm in London, wo er kein Büro besaß, irgendwie helfen könne. Wir lernten uns kennen und wurden mit der Zeit Freunde. Entscheidend war, dass Franco mich bei einem der ersten Treffen fragte, ob ich selbst Klavier spielte, was ich bejahte. Dann bat er mich, etwas vorzuspielen.

Welches Stück spielten Sie?

Eines von Chopin.

Und das konnten Sie nach zehn Jahren noch?

Ja klar, ich hatte zwar nicht gespielt, aber immer Musik gehört. Sie war immer Teil meines Lebens geblieben.

Gefiel dem Agenten, was Sie spielten?

Er war tief beeindruckt. Es war nicht so sehr die technische, eher die emotionale Seite, die Musikalität. Und er war davon überzeugt, dass ich, wenn ich die Technik in den Griff bekäme, die Chance hätte, wirklich brillant zu werden. Dann stellte Franco mir einen wunderbaren Klavierlehrer vor, und es begann harte Arbeit. Die Technik richtig zu lernen dauert lange, sehr lange. Ich übte jeden Tag fünf bis acht Stunden, endlich wie ein professioneller Pianist, sehr diszipliniert, langsam und sorgfältig. Das richtige Üben ist das Wichtigste überhaupt.

War das der Beginn Ihrer Karriere?

Nein, denn mir ging es trotz der Rückkehr ans Klavier seelisch immer schlechter.

Warum?

Die Probleme von Missbrauchsopfern spitzen sich oft zu, wenn ein leibliches Kind in dasselbe Alter kommt, in dem ihr eigenes Trauma begann. Genauso war es auch bei mir. Ich suchte daher erstmals freiwillig eine Therapeutin auf und erzählte ihr von den Vergewaltigungen. Sie riet mir, meine Frau einzuweihen, was ich auch tat. Aber damit wurde alles nur noch schwieriger. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Unsere Ehe zerbrach daran. Das Ganze kam ja auch nicht in ruhiger, aufgearbeiteter Form aus mir heraus, sondern wie eine dreckige Flut. Die Zeit heilt alle Wunden? Das ist eine verdammte Lüge. Wenn man alles erzählt, wird es erst mal schlimmer und schlimmer. Man braucht Spezialisten, die einem helfen.

Was tun Sie heute in dunklen Momenten?

Möglichst nichts Dummes. Klavier spielen, schreiben, Freunde anrufen. Darauf warten, dass diese Momente vorbeigehen.

Seit 2008 nehmen Sie Alben auf und geben Konzerte. Nach einem Auftritt in London vor einigen Jahren nahm Sie ein Major-Label unter Vertrag – allerdings nicht in der Klassik-, sondern in der Rock-Sparte.

Warum nicht? Es gibt so viele Stile, aber am Ende ist es alles Musik. Ich habe mit denen ein Album gemacht, auf das ich stolz bin. Aber es hat wahnsinnig lange gedauert, jede einzelne Entscheidung, selbst die über das Cover. Eine gute Zeit war es trotzdem, ich habe in der Zeit viel für mein eigenes Label gelernt, das ich vor zwei Jahren gegründet habe.

Wie können Musiker Klassik populärer machen?

Ich sage den Künstlern: Spielt, was ihr wollt, wo ihr wollt, wie ihr wollt und für wen ihr wollt. Spielt splitternackt, spielt in Jeans, spielt im Transenfummel. Spielt um Mitternacht oder um 15 Uhr. Spielt in Bars und Kneipen, Sälen, Theatern. Spielt gratis. Spielt für wohltätige Zwecke. Spielt in Schulen. Macht daraus ein inklusives, barrierefreies, respektvolles, authentisches Ereignis. Gebt die Musik denjenigen zurück, denen sie gehört.

Wollen Sie genau das mit Ihrem Label fördern?

Wir werden klassische Künstler nicht einfach nur vermarkten, weil sie Wettbewerbe gewonnen haben, also die besten sind. Sondern weil sie etwas zu sagen haben, sich mit dem Publikum auseinandersetzen, twittern, bei Facebook und Instagram sind, auf der Bühne kommunizieren, niemanden ausschließen, sondern die Zuhörer einbinden. Wichtig ist, dass die Leute zuhören – vielleicht zum ersten Mal. Auf Spotify gibt es ein Stück von Gluck, das ich spiele, und es wurde schon elf Millionen Mal angehört. Das ist doch cool.

Wenn man Ihnen auf der Bühne zuhört, erfährt man, dass viele große Komponisten schwere, teilweise dramatische Lebensgeschichten hatten. Bach etwa verlor früh seine Eltern, zahlreiche Geschwister, Kinder, schließlich seine geliebte Frau und schrieb daraufhin die Chaconne. Macht Ihnen das Mut?

Jeder Mensch hat irgendwelche schlechten Erfahrungen, die er verarbeiten muss. Aber die großen Komponisten schufen trotz ihrer Probleme großartige Musik. Wenn sie das geschafft haben, dann gibt es Hoffnung für uns alle! ---

www.jamesrhodes.tv

Biografie: Der Klang der Wut – Wie die Musik mich am Leben hielt.
Nagel & Kimche, 2016; 320 Seiten; 16,99 Euro

Mehr aus diesem Heft

Vorbilder 

Sag mal, ... kannst du mir helfen?

Konzerne wären sooo gern wie Start-ups. Warum nur?

Lesen

Vorbilder 

Die Ketzerin

Der Glaube an die Homöopathie ist eine feste Burg für die Ärztin Natalie Grams. Bis ihr Zweifel kommen, denen sie nachgeht – mit aller Konsequenz.

Lesen

Idea
Read