Ausgabe 09/2016 - Schwerpunkt Vorbilder

Digitaler Wandel in Aachen

Chefsache

• Sucht man zwei Aachener Unternehmen, die bislang möglichst wenig miteinander zu schaffen hatten, sind Lancom Systems und das Möbelhaus Mathes ein recht gutes Pärchen. Sie wirtschaften in verschiedenen Welten. Lancom, in Deutschland führender Hersteller von Drahtlosnetzwerken für Firmenkunden, schwebt in den höheren Sphären der IT-Welt, ungefähr auf Augenhöhe mit Branchengrößen wie Cisco und Arista. Im familiengeführten Einrichtungshaus Mathes dagegen, in bester Citylage, bleibt man bodenständig und ist stolz auf 100 Jahre Firmengeschichte. Zu den Lancom-Kunden zählen große Handelsunternehmen aus der Lebensmittel- und Modebranche, oft mit mehreren Tausend Filialen. Für sie vernetzt Lancom Kassensysteme und Logistik, zeichnet Waren mit elektronischen, jederzeit per Funksignal änderbaren Preisetiketten aus, misst Besucherfrequenzen und analysiert die Laufwege der Kunden. Bei Mathes hat man sich um derlei IT-Voodoo bislang keine großen Gedanken gemacht. Immerhin, seit einigen Jahren verkauft das Einrichtungshaus ausgesuchte Designermöbel auch in einem Webshop. Damit ist der Vorrat an Gemeinsamkeiten aber auch schon erschöpft.

Jetzt finden die IT-Netzwerker und das Einrichtungshaus allerdings zueinander. Lancom Systems leistet ein wenig digitale Erziehungshilfe. Sichtbares Zeichen der Liaison: ein Großbildschirm im Eingangsbereich des Möbelhauses, der mithilfe von Lancom-Netzwerktechnik die Displays von Smartphones vorbeigehender Passanten als externe Werbefläche aktiviert. Beginnt beispielsweise das Thermometer im Frühjahr auf balkontaugliche Werte zu klettern, können Gartenmöbel-Aktionen oder Sonnenschirme aus dem Webshop auf die Smartphones geleitet werden. „Die Einzelhändler schauen doch alle wie hypnotisiert auf die Zuwachsraten von Amazon und Zalando“, sagt Christian Schallenberg, Mitglied der Lancom-Geschäftsleitung. „Wenn sie nichts tun und nur beim Altbewährten bleiben, werden immer mehr Läden sterben und unsere Innenstädte allmählich veröden. Dann kaufen wir irgendwann alles nur noch bei Amazon.“

Darum die gemeinsame Aktion mit Möbel-Mathes?
„Nun ja, so von ganz allein wären wir wohl nicht auf die Idee gekommen, gemeinsam mit einem Aachener Einrichtungshaus neue Wege zu gehen. Im Tagesgeschäft entwickeln wir solche Konzepte eher mit großen überregionalen Kunden.“

Und was war nun der Grund, es trotzdem zu tun?
„Aachen 2025.“

Aachen 2025 also. Vom 23. bis 25. September wird eine vor anderthalb Jahren ersonnene Idee zum Event. Drei Tage lang zeigt Aachen sich selbst und der Welt unter dem Motto „Digitalen Wandel erleben“ an 30 Standorten in der Stadt, wie wir in zehn Jahren wohnen, einkaufen, arbeiten, lernen, produzieren, kommunizieren und gesund leben werden. Eine kräftige Dosis Zukunftsmusik, die Lautstärkeregler voll aufgedreht. „Zeigen, was es gibt. Zeigen, was kommt. Zeigen, was möglich sein könnte“ – so formuliert Rolf Geisen, stellvertretender Vorsitzender des Regionalen Industrieclubs Informatik Aachen (Regina) und einer der Initiatoren, den Anspruch an das Stadtfestival.

Aachen 2025 – ein Name, der zugleich Bodenständigkeit und Zukunft verheißt. Aachen 2025, das ist ein Schaufenster der städtischen IT-Branche, ein schneller Brüter für Ideen, eine Kommunikationsbörse und eine Stätte kollektiven Nachdenkens über den digitalen Wandel. Fast 300 Frauen und Männer aus Industrie, Dienstleistung, Handwerk, Politik und Verwaltung, Schulen und Hochschulen, Vereinen und Verbänden sind dabei – „Vor- und Querdenker, pragmatische Visionäre und inspirierende Realisten“, so die Selbstbeschreibung. Allesamt aus Aachen. Konzerne, die ihre Schublade mit vorproduzierten Hightech-Gimmicks von der Stange aufmachen und den Inhalt über der 250 000-Einwohner-Stadt tief im Westen der Republik ausschütten wollen, müssen draußen bleiben.

Die Besucher sollen den digitalen Wandel dann „mit offenen Augen erleben“. „Die Diskussion war bisher viel zu abstrakt“, findet Rolf Geisen. „Digitalisierung und Industrie 4.0, das sind alles technokratische Begriffe, die den meisten Menschen nichts sagen. Wir drehen das um.“ Jeder Mensch wohnt, kauft ein, bewegt sich fort; die meisten lernen und arbeiten auch. „Wir gehen von diesen einzelnen Lebensbereichen aus“, erklärt Geisen, „und dann zeigen wir an Beispielen, wie wenig Bestand haben und wie viel sich verändern wird.“

So können sich die Besucher beispielsweise per Indoor-Navigation in einem Baumarkt exakt zum Regal mit den Bohrmaschinen geleiten lassen oder im Edeka-Markt ihre Wochenendeinkäufe nacheinander gezielt und ohne jede Sucherei einsammeln. Oder sie schauen zu, wie eine von ihnen angefertigte Skizze digitalisiert und vom 3-D-Drucker in ein Schmuckstück verwandelt wird. Ausgestattet mit Datenbrille und 360-Grad-Kamera, lassen sie auf dem digitalen Reißbrett ganze Villen dreidimensional entstehen oder füllen leere Häuser mit virtuellen Möbeln. Institute der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) öffnen ihre Labors, bieten Testfahrten im weltweit modernsten Fahrsimulator an und demonstrieren, wie Einkauf und Produktion künftig verschmelzen, wenn der Kunde die Herstellung seines bestellten Artikels live am Bildschirm verfolgt und dabei Zusatzwünsche äußern kann, die sekundenschnell in die Fertigung einfließen. Studenten der Fachhochschule präsentieren ihr Konzept einer „Küche der Zukunft“, ein Gymnasium lädt zum gemeinsamen Niederländisch- und Deutschunterricht per Videokonferenz mit den Schülern einer nahegelegenen niederländischen Partnerschule. Selbst an die Pokémon-Go-Gemeinde hat man gedacht: Eigens eingerichtete Lockzonen und Spielpfade werden die Gamer durch das digitale Wochenende leiten.

Die Idee

Ein bisschen Performance muss natürlich auch sein. Schließlich steht die Gesellschaft an der Schwelle eines neuen Zeitalters. Für dessen Illuminierung sorgt Ina-Marie Orawiec, Geschäftsführerin des renommierten Architekturbüros OX2Architekten. Auf ihren Entwurf geht die „rettende Hand“ zurück, die Hubschrauberlandeplattform vor dem Aachener Universitätsklinikum, die tatsächlich an eine geöffnete Handfläche erinnert. Bei den ersten Vorbereitungstreffen zu Aachen 2025 fiel ihr auf, „dass es etwas von einer Leistungsschau hatte. Der Raum war voll mit technologischen Versprechungen.“ Dabei gehe es doch auch um ein Kulturphänomen. Sie will den jungen Informatiker Karsten Becker von Part Time Scientists, der seinen Roboter Ende nächsten Jahres auf dem Mond landen will, nach Aachen holen. Wird mit dem Filmprogramm #DMNCHST Science-Fiction-Blockbuster wie „Ex Machina“, „The Matrix“ und „Tron Legacy“, aber auch Charlie Chaplins Klassiker „Moderne Zeiten“ zeigen. Und die Auftaktveranstaltung „Digitalinnée“ mit den ersten Takten aus „Also sprach Zarathustra“ von Richard Strauss eröffnen – allein schon wegen der „zeitmaschinellen Gefühligkeit, die diese Musik seit Stanley Kubricks ‚2001: Odyssee im Weltraum‘ auslöst“.

Auf der Suche nach den Ideengebern stößt man schnell auf zwei altgediente Größen der Aachener Wirtschaft: Regina-Vizechef Rolf Geisen und Günter Bleimann-Gather, Vorstandsvorsitzender der Tema Technologie Marketing AG, die weltweit für den Vertrieb deutscher Technologie-Unternehmen arbeitet und die Veranstaltung organisiert. Beide kennen sich seit fast 20 Jahren, als sie in der Geschäftsführung des gleichen Unternehmens arbeiteten. Später riefen sie die „Nacht der Unternehmen“ ins Leben – das Aachener Business-Pendant zur „Langen Nacht der Museen“ oder „Langen Nacht der Wissenschaften“.

Irgendwann, etwa zwei Jahre ist es her, begannen ihre Gespräche immer wieder um das gleiche Thema zu kreisen: „Diese Digitalisierung, da kommt etwas so Ungeheures auf uns zu, da müsste man doch was machen.“

Die meisten, mit denen sie sprachen, und das waren viele, fanden die Idee gut. Und von Anfang an bestand Einigkeit, sich dem komplexen Thema auf volkstümliche Weise zu nähern. Damit Digitalisierung nicht so ein Mysterium bleibt, aus dem jede Menge Ängste erwachsen. Immer wieder wird das Bild vom Tsunami bemüht. „Es ist doch besser mitzugestalten, als überrollt zu werden“, sagt Andreas Schneider, Geschäftsführer des Telekommunikationsanbieters NetAachen. „Also müssen wir die Leute in Bewegung setzen.“

Günter Carpus, Gründer und Chef des Beratungs- und Planungsunternehmens Carpus + Partner, diagnostiziert bei vielen Menschen „eine wachsende Sorge, zu den Digitalisierungsverlierern zu gehören, die mit dem Roboter nicht mehr mithalten können.“ Und einige der Schüler von Adriane Langela-Bickenbach, der Englisch- und Niederländisch-Lehrerin, die den Sprachunterricht per Videokonferenz am Gymnasium St. Leonhard initiierte, sind sogar überzeugt, dass künstliche Intelligenz, ausgestattet mit Menschenrechten, in 30 Jahren die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten übernehmen wird.

Auf der anderen Seite kennt sie eine Reihe von Kollegen, die sich selbst mit „Digitalisierung light“, etwa in Gestalt des Videokonferenz-Unterrichts, noch schwertun. „Wir können die Entwicklung nicht aufhalten, sondern sollten versuchen, sie uns sinnvoll zunutze zu machen“, appelliert sie an jene Lehrer. „Wenn wir die digitalisierte Lebenswirklichkeit unserer Schüler nicht im Hinblick auf Unterricht reflektieren und stattdessen einfach nur das Smartphone in der Schule verbieten, werden sie uns irgendwann nicht mehr ernst nehmen.“

Die Idee zu Aachen 2025 wuchs heran wie ein neuronales Netz und nahm allmählich Fahrt auf. Rolf Geisen schwärmt von der „ansteckenden Begeisterung“. Irgendwann war die kritische Masse erreicht. „Sobald eine gewisse Anzahl mitmacht, und es sind auch ein paar bekannte Namen dabei, gesellen sich auch die eher Trägen hinzu.“

Das Aachener Zukunftslabor zum Anfassen und Mitmachen ist keine Expo en miniature. Weder der Wirtschaftsminister in Düsseldorf noch der Oberbürgermeister noch eine hochkarätig besetzte Steuerungsgruppe gibt den Takt vor. „Wenn wir versucht hätten, Aachen 2025 zentral zu organisieren, wäre die Sache gestorben“, ist Geisen überzeugt. „Außerdem wären wir allein gar nicht auf die vielen guten Ideen gekommen.“ „Chaos mit System“ nennt er die Methode, die auf einem einfachen Appell basiert: „Wer Lust hat, kann sich melden und mitarbeiten.“

„Das ist das undeutscheste Projekt, das ich kenne“, urteilte Rob Bimmel, ein prominenter Berater aus Maastricht, hin- und hergerissen zwischen Lob und ungläubigem Staunen.

Weder gewährte der Aachener Stadtrat ein Budget im städtischen Haushalt, noch sponserte die Landesregierung. Die gesamte Party wird allein von den Projektpartnern finanziert. Alle arbeiten ehrenamtlich. Und keiner hat die zweite oder dritte Garnitur ins Rennen geschickt. Unter den besonders Rührigen finden sich etliche Vorstandsvorsitzende, Geschäftsführer, Firmeninhaber und Professoren. Aachen 2025 ist Chefsache – auch wenn es erst mal nichts zu verdienen gibt. Allein durch persönliche Initiative wurden die Vorbereitungen vorangetrieben; die Begeisterung für die Idee war wichtiger als die Tücken der Detailplanung. „Wenn wir uns treffen“, sagt Ina-Marie Orawiec, „dann ist es jedes Mal wie eine Heilige Messe.“

Der Sinn

Aachen 2025 ist kein Hort maschinenstürmender Digitalisierungspessimisten. Ein Grundoptimismus zieht sich durch die Veranstaltungen. „Ich glaube daran, dass die Digitalisierung einen Mehrwert für die Menschen schafft“, formuliert der junge RWTH-Professor Tobias Meisen, einer der führenden Köpfe bei der Automatisierung in der Produktion. „Und ich hoffe, dass es eine Gesellschaft ist, in der die Menschen, befreit von monotonen Verrichtungen, mehr Freiräume, mehr Zeit haben.“

Ein gewisses Dennoch bleibt – und es zählt zum Konsens der Macher. „Der Algorithmus darf den Menschen nicht entwürdigen. Wir dürfen als Menschen nicht die Kontrolle aufgeben.“ Wer könnte die Skepsis vor der Allmacht der Digitalität besser zum Ausdruck bringen als Adrian Weiler? Der Chef des Prozessoptimierungsspezialisten Inform leitet ein Unternehmen, das eben jene Algorithmen zu immer höherer Intelligenz und immer größerer Reaktionsschnelligkeit entwickelt.

Vielleicht wird ein Aachen 2035, von dem hier und da schon die Rede ist, ganz andere Fragen stellen als sein Vorgänger. Günter Carpus von Carpus + Partner, der sich noch gut daran erinnert, wie seine Frau auf einem Commodore-Rechner Adressen eingetippt hat, hat schon eine Kernfrage parat: „Von welchem Menschenbild gehen wir aus? Dass der Mensch die schlechtere Maschine ist?“ Er hält inne, überlegt. „Ja, dann sind die Ängste der Technologiepessimisten allesamt berechtigt“, sagt er schließlich. „Dann wird es ganz bitter.“ In diesem Fall müsste er wohl den Großteil seiner 250 Mitarbeiter aus 40 Berufen entlassen. Carpus ist entschlossen, es so weit nicht kommen zu lassen. „Der Rechner wird nicht den Lead übernehmen“, sagt er. „Wo Menschen zusammenkommen und sich austauschen, entsteht das Bessere, das Gute. Und es wird umso besser, je mehr wir verstehen, das Instrument Digitalität richtig zu nutzen.“

Aber gemach. Das Jahr 2035 ist noch weit. Wie geht es erst mal nach dem 25. September weiter? Geht es überhaupt weiter? Das kunstvoll geknüpfte Netz soll ja nicht gleich wieder zerreißen. „Wie schaffen wir es, diesen Spirit weiter zu befeuern, die Gesellschaft und diese Stadt weiter anzureichern mit Ideen, wie wir in Zukunft leben werden und leben wollen?“, formuliert Ina-Marie Orawiec, die kommunikative Seele von Aachen 2025, stellvertretend für diejenigen, die mit ihr nachdenken. Die Frage ist gestellt – an der Antwort wird bereits gearbeitet. Der Nährboden könnte kaum besser sein. Die Aachener Region hat in den vergangenen Jahrzehnten den Strukturwandel mustergültig bewältigt, die Stadt sich als Hightech-Standort fest etabliert. Es ist erst 20 Jahre her, dass ein paar Kilometer nördlich der Stadtgrenze Kohlekumpel die letzte Steinkohle aus der Erde gekratzt haben. Zwar hat Aachen keinen dominierenden Arbeitgeber – der auch manches an Freiraum und Initiative ersticken würde – , dafür aber mehr als 1000 Tech-Firmen.

Im kürzlich veröffentlichten „Index Digitale Wettbewerbsfähigkeit“ des Prüfungs- und Beratungsunternehmens Deloitte belegt die Stadt im Dreiländereck bei der Ausstattung mit Talenten unter den 30 einwohnerstärksten Städten immerhin Platz neun – vor Düsseldorf, Leipzig und Hannover. Allen voran die RWTH, Deutschlands größte Ingenieur-Kaderschmiede, hat sich zur Brutstätte für Hightech-Start-ups entwickelt, von denen sich die meisten auf dem Hochschul-Campus angesiedelt haben.

Die Mehrzahl dieser Technologie-Unternehmen ist selbst in der Stadt wenig bekannt. Aachen 2025, das ist ein erklärtes Ziel, soll sie ins Rampenlicht holen. Damit sich endlich herumspricht, dass man als Maschinenbauer, Elektrotechniker oder Informatiker für einen spannenden Job nicht nach Stuttgart oder München ziehen muss – zu Bosch, Siemens, Daimler und BMW, die mit ihren Recruiting-Messen jahrzehntelang die Hochschulen abgrasten.

Auch die meisten Partner, die sich für das Event zusammengefunden haben, nahmen bis dato kaum Notiz voneinander oder konkurrierten um Kunden. Der Themenpark Mobilität etwa vereint die Gruppe Kohl Automobile, den ÖPNV-Anbieter Aseag, einen Elektrofahrradverleih, einen Carsharing-Anbieter, Forscher von der RWTH und zwei Aachener Elektroautohersteller. Gemeinsam haben sie entwickelt: eine Mobilitäts-App mit Tür-zu-Tür-Routenplaner für Bus, Bahn, Car- und Bikesharing, Infos zu Fuß- und Radwegen sowie Ladesäulen für Elektroautos und als Zugabe eine Navigations-App für Elektrorollstühle.

Vermutlich dachte der BMW-Händler Kohl bei den Vorbereitungen hin und wieder mit einiger Sorge daran, was aus seinem Geschäftsmodell würde, wenn der Besitz am eigenen Auto immer mehr an Attraktivität verliert und – besonders in der Stadt – die Mobilitätsdienstleistung als solche in den Fokus rückt. Der Gedanke der Vernetzung mit anderen Anbietern von Mobilität liegt da nahe. Dass Kohl durch sein Engagement für den digitalen Aachener Erlebnispark mehr 7er-Modelle verkauft, ist dagegen eher unwahrscheinlich – genauso wie ein plötzlicher Auftragsboom bei OX2Architekten, beim Prozessoptimierungsspezialisten Inform, bei Lancom Systems oder bei NetAachen. Zumindest auf kurze Sicht.

Auf lange Sicht bringe es, so Ina-Marie Orawiec, „das goldene Netzwerk“. Über die freiwillige Teilnahme, schwärmt die Architektin, seien derart viele Menschen mobilisiert worden, „allesamt Überzeugungstäter, kluge Leute aus der digitalen Szene, die ich so nicht getroffen hätte. Das können für mich potenzielle Mitarbeiter sein, inspirierende Ratgeber und vielleicht auch irgendwann einmal Auftraggeber.“

Akteure, die die Digitalisierung vorantreiben, arbeiten in den Themenparks Seit’ an Seit’ mit traditionellen Gewerken, die sich modernisieren müssen – beispielsweise indem sie lernen, mit den gleichen Tools umzugehen wie Amazon oder Zalando.

Oder es schon gelernt haben. Wie Rainer Albath, dessen Goldschmiede seit 27 Jahren ihren Sitz in der Altstadt hat. Er spielt auf der gesamten Onlineklaviatur, die sich dem Schmuckhandwerk bietet. Das Internet nutzt er konsequent, mit einem weitverzweigten Geäst von mehr als zwei Dutzend miteinander verlinkter Onlineportale für Schmuckstücke, Edelsteinketten, Edelsteine und Diamanten, als Medium zum Direktvertrieb, aber auch als digitales Schaufenster seines Ladenlokals. So kommen selbst Kunden, die fast 100 Kilometer entfernt wohnen, in seine Goldschmiede.

Außerdem hat er die Produktion von Schmuck per 3-D-Druck für sich entdeckt. „Das eröffnet uns die Chance, auch aufwendigere Stücke zu fertigen, die bei reiner Handarbeit sonst drei- bis viermal so teuer wären wie vergleichbarer Schmuck aus Südostasien.“ Rund die Hälfte seines Umsatzes sind schon „internetassoziiert“. Bei Aachen 2025 zeigt Albath, wie sich altehrwürdiges Handwerk und digitale Technik versöhnen lassen. Anderen soll das Mut machen. „Entweder man ist dabei und gestaltet das mit“, sagt er. „Oder man bleibt beim Gestern.“ ---

aachen2025.de

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