Ausgabe 09/2016 - Schwerpunkt Vorbilder

Zora Ledergerber

Die Wächter

• Graham Peaker bekommt in jüngster Zeit viele E-Mails, die ihn zu brisanten Informationen führen. Die Fußball-Europameisterschaft ist gerade vorbei. Auf die 51 Spiele des Wettbewerbs wurden Wetten in Höhe von rund 70 Milliarden Euro abgeschlossen, wird in der Buchmacher-Branche geschätzt. Die Mails führen Peaker zu Berichten über Spielmanipulation, Bestechung und Wettbetrug. Jede Botschaft wertet er aus, er prüft, ob sie zu laufenden Ermittlungen passt. Peaker ist Chefermittler der Uefa. Sein Job: Spielmanipulation und Wettbetrug aufdecken. Ein Informant, sagt er, stelle sich drei Fragen, bevor er sein Wissen teilt: Wem sage ich es? Wem kann ich trauen? Wer sorgt dafür, dass mir nichts passiert?

Zora Ledergerber kann in allen drei Fällen helfen. Sie ist Gründerin von Integrity Line, einem Unternehmen in Zürich, und hat ein System entwickelt, das zu den wichtigsten Informationsquellen von Peaker zählt. Über eine Onlineplattform nimmt es die Botschaften von Whistleblowern entgegen, verschlüsselt sie und sorgt dafür, dass die Information dort landet, wo sie hingehört – und dass der Tippgeber anonym bleibt. „Wir bringen Whistleblower und Unternehmen zusammen“, sagt Ledergerber. „Und zwar so, dass der Informant das angstfrei tun kann.“

Integrity Line wurde 2009 gegründet. Neben der Uefa haben auch die Schweizerische Post oder die Schweizerische Bundeskriminalpolizei das System installiert. Zehn Mitarbeiter kümmern sich inzwischen um 30 Kunden, darunter namhafte Konzerne.

Der große Zuspruch ist kein Zufall. Die Öffentlichkeit ist für Vergehen der Wirtschaft sensibler geworden. Und seit einigen Jahren machen die USA Druck auf andere Länder, härter gegen Korruption vorzugehen. Da die Gesetze dazu in den USA strenger sind als in vielen anderen Ländern, haben US-Konzerne oft Wettbewerbsnachteile, das passt der Regierung in Washington nicht. Auch in Europa bewegt sich einiges. Finanzinstitute in der Europäischen Union müssen seit 2014 interne Hinweisgebersysteme installieren. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) hat seit Juli ebenfalls eines für externe Informanten geschaltet.

Das kann sich lohnen. Denn immer mehr Unternehmen werden bei Straftaten ertappt. Volkswagen drohen wegen des Abgasskandals Milliardenstrafen. Siemens wurde wegen der bislang größten Korruptionsaffäre der deutschen Wirtschaft im Jahr 2008 zur Zahlung einer Buße von mehr als einer Milliarde Euro verdonnert. Und die Schweizer Bank UBS wurde in London dazu gezwungen, rund 36 Millionen Euro Strafe zu zahlen, weil einer ihrer Händler mit unerlaubten Geschäften Milliarden verspielte.

Die Geldstrafen sind aber nur das eine. Der Schaden für die Reputation ist das andere. Niemand wird gern mit einer Straftat in Verbindung gebracht. Mit so einem macht keiner gern Geschäfte. Die Skandale haften den Firmen in der Regel noch jahrelang an.

Was alle Fälle gemeinsam haben? Immer gab es Mitwisser. Vorgesetzte, Untergebene, Kollegen, Sekretärinnen, Buchhalter – irgendwer wusste Bescheid, irgendwer hat etwas gehört oder zumindest geahnt. In den Worten des Uefa-Mannes Peaker: „Die Informationen sind da draußen, wir müssen nur an sie rankommen.“

Botschaft an die Mitarbeiter: Plaudert alles aus!

Bei der Uefa hat man im Jahr 2009 beschlossen, härter gegen Betrug vorzugehen. Damals standen in Bochum mehrere Männer vor Gericht, denen die Staatsanwaltschaft vorwarf, 270 Fußballspiele in ganz Europa verschoben zu haben. Der Prozess endete mit Haftstrafen. Bemerkenswerter als das Urteil war jedoch das Ausmaß des Betrugs – und wie sorgfältig er organisiert worden war. Spieler, Trainer und Schiedsrichter waren bestochen worden, und zwar in Deutschland, Österreich, der Schweiz, in China, in der Türkei, in Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Slowenien, Ungarn und Belgien. Darunter Ligaspiele, aber auch Partien der Uefa Europa League und der Champions League. „Danach war für uns klar: Jetzt reicht’s, wir müssen mehr unternehmen als bisher“, sagt Graham Peaker.

2010 wurde das Whistleblower-System von Integrity Line für Spieler, Schiedsrichter und Trainer installiert. Inzwischen kann sich jeder dort hinwenden. Wer eine Meldung erstattet, wird zuerst gefragt: „Um was handelt es sich? Spielmanipulation. Bestechung. Sportwetten.“ Dann geht es zur nächsten Seite. Mehrere Textfelder lassen Raum, um den Vorfall zu beschreiben, die Mannschaften einzutragen, das Datum des Spiels und die Art des Wettbewerbs zu nennen. Danach kommen die wichtigsten Fragen, deren Antworten sich rasch überprüfen lassen: „Liegen Beweise vor, die Ihre Informationen bestätigen?“ Und: „Wenn ja, geben Sie an, welche.“ Schickt der Hinweisgeber seine Meldung ab, erhält er eine Fallnummer. Mit der kann er sich erneut auf dem Server einloggen und Nachrichten für Rückfragen empfangen – er kann dabei anonym bleiben, seine IP-Adresse wird nicht gespeichert.

Dafür bürgt Integrity Line. Das Geschäftsmodell des Unternehmens ist Vertraulichkeit. Die Meldung landet auf einem verschlüsselten Server des Unternehmens, der an einem sicheren Ort in der Schweiz steht. Und Graham Peaker erhält sofort eine E-Mail, dass ein neuer Bericht für ihn eingegangen sei, den er abrufen könne. Zu den einzelnen Meldungen darf er sich nicht äußern. Aber er sagt: „Meistens sind es Puzzleteile, die wir in laufende Ermittlungen einbauen können.“ Hilfreich sei der vertrauliche Rückkanal. „Mit den Tippgebern zu kommunizieren kann sehr aufschlussreich sein, oft haben sie noch mehr Informationen.“

Um das System bekannt zu machen, reist er durch Europa, spricht mit Spielern, Schiedsrichtern, Trainern und ermuntert sie, Bestechungsversuche zu melden. Die Uefa hat über Integrity Line auch eine Telefonnummer für Whistleblower geschaltet und eine kostenlose App bereitgestellt, über die man seine Meldung ebenfalls absetzen kann.

Ähnlich funktionieren die Systeme bei anderen Kunden. Doch internationale Konzerne wollen meist die eigenen Mitarbeiter ansprechen. Den Unternehmen geht es darum, früh Bescheid zu wissen, wenn etwas falschläuft. „Je eher man eingreift, desto geringer ist meist der Schaden“, sagt Ledergerber. „Und desto geringer das Risiko, das etwas nach außen dringt.“

Sie hat Jura in Zürich und Paris studiert und kurz vor ihrem Abschluss fast hingeschmissen. Die trockenen Paragrafen auswendig zu lernen bereitete ihr ebenso wenig Freude wie die Aussicht auf ein Leben als Rechtsanwältin. Sie hat sich dann doch durchgebissen und nach ihrem Abschluss zunächst in Bosnien-Herzegowina bei einer zivilen Einheit der Schweizer Armee gearbeitet. Sie war damals die Kontaktperson zu den Mitarbeitern der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Danach war sie drei Jahre lang Geschäftsführerin von Transparency International in der Schweiz, ehe sie beim Basel Institute on Governance Regierungen weltweit im Kampf gegen Korruption beriet. Ihre Doktorarbeit hatte das Thema „Whistleblowing unter dem Aspekt der Korruptionsbekämpfung“.

Zora Ledergerber wollte immer etwas Eigenes machen. Und da schien ihr die Zeit reif für eine Hinweisgeber-Vermittlung. Im Oktober 2009 fing sie an. Geld hatte sie damals kaum, ihre Doktorarbeit hatte sie noch im Züricher Café Plüsch geschrieben, ihr erstes Büro richtete sie sich im Restaurant Bohemia ein. Sechs Monate lang brauchte der Entwickler, um ein System nach ihren Ansprüchen zu programmieren. „Das hatte mit dem, was wir heute haben, wenig zu tun.“ Und auch von den Schwierigkeiten, mit denen sie beim Aufbau konfrontiert sein würde, wusste sie da noch nicht viel.

Je mehr Kunden kamen, desto mehr Anforderungen wurden an das System gestellt. Da war die Bitte, es solle auch möglich sein, einen Hinweis telefonisch abzugeben, da in einigen Ländern die Internetverbindungen nicht so gut seien. Ledergerber beauftragte ein Callcenter, war aber mit den Ergebnissen nicht zufrieden. Jetzt kann man seine Botschaft auf einer Mailbox hinterlassen. Auch Kontakte zu Rechtsanwälten werden hergestellt, falls jemand persönlich aussagen möchte.

Und dann sind da noch die Datenschutzbestimmungen. Auf das System von Integrity Line kann aus 150 Ländern und in 30 Sprachen zugegriffen werden. Die Kunden des Unternehmens haben zusammen rund fünf Millionen Mitarbeiter, Kunden oder Lieferanten – alles potenzielle Hinweisgeber. Das bedeutet aber auch, dass 150 verschiedene Datenschutzbestimmungen einzuhalten sind. Ledergerber musste in jedem Land eine Rechtsanwaltskanzlei finden, die Fragen zum Umgang mit Daten klärt.

Keine Staatsgeheimnisse aus China

Dabei lernte sie einiges über die Welt. In Frankreich muss ein solches System bei der Datenschutzbehörde angemeldet sein. In Deutschland muss der Betriebsrat zustimmen. Und in Peru gilt, dass man einen Kollegen nicht anonym beschuldigen darf, jeder hat ein Recht darauf zu wissen, wer ihm etwas vorwirft.

Aber das sind Kleinigkeiten, verglichen mit China. Dort gilt, dass man kein Staatsgeheimnis elektronisch ins Ausland übermitteln darf. Wobei zuerst geklärt werden muss, was überhaupt ein Staatsgeheimnis ist. Was wiederum bedeutet, dass Ledergerber eine Frage an den Whistleblower einbauen muss: „Werden Sie in Ihrem Bericht ein Staatsgeheimnis verraten?“ Er kann dann Ja oder Nein ankreuzen. Bei Ja erscheint die Botschaft: „Es tut uns leid, wir dürfen Ihre Information nicht entgegennehmen.“

Auch Russland erschwert das Geschäft. Ein neues Gesetz regelt dort, dass Informationen über russische Staatsbürger zuerst auf russischen Servern gespeichert werden müssen und erst dann auf Geräten im Ausland landen dürfen. Daher muss Ledergerber neuerdings eine weitere Frage stellen: „Betrifft Ihre Meldung russische Staatsbürger?“ Im Falle von Ja wird die Meldung tatsächlich erst auf einem Server in Russland abgelegt. „Das ist eine Hintertür zum Ausspähen“, sagt Ledergerber. „Aber der Hinweisgeber bleibt trotzdem anonym.“

Zu den einzelnen Fällen liegen ihr nur Statistiken vor. Sie kann nicht in das System schauen. Sie weiß, dass rund 50 Prozent der firmeninternen Meldungen die Arbeitsbedingungen betreffen – das Büro sei zu klein, die Stimmung schlecht, Mitarbeiter hätten Angst. Die restlichen 50 Prozent sind Hinweise auf potenziell strafrechtliche Vergehen, die untersucht werden müssen. Ob das auch geschieht, weiß sie nicht. Klar ist, ein System wie Integrity Line allein genügt nicht. „Das Unternehmen muss es auch wirklich wollen und die Fälle ernsthaft abarbeiten, sonst nutzt es nichts“, sagt Ledergerber. Kritiker werfen der Uefa etwa vor, dass sie nur halbherzig gegen Wettbetrug vorgehe. Und auch Volkswagen hat ein Ombudsmann-System – geholfen hat das beim Abgasskandal allerdings nicht.

Aber was ist im umgekehrten Fall? Kann ein solches System missbraucht werden? Man könnte versuchen, einen unbeliebten Kollegen einer Straftat zu beschuldigen. Ledergerber sagt, dass das schon mal vorkomme. „Ein Kunde hat das kürzlich einmal ausgewertet. Bei 150 gemeldeten Fällen war ein Fall von Denunziation dabei.“ Die Gefahr hält sich also in Grenzen. ---

Mehr aus diesem Heft

Vorbilder 

Sag mal, ... kannst du mir helfen?

Konzerne wären sooo gern wie Start-ups. Warum nur?

Lesen

Vorbilder 

Die Ketzerin

Der Glaube an die Homöopathie ist eine feste Burg für die Ärztin Natalie Grams. Bis ihr Zweifel kommen, denen sie nachgeht – mit aller Konsequenz.

Lesen

Idea
Read