Ausgabe 09/2016 - Schwerpunkt Vorbilder

Dani Rodrik im Interview

„Erklären Sie es jemandem an der Tankstelle“

brand eins: Herr Rodrik, Sie haben Regierungen und internationale Institutionen beraten. Wie würden Sie das Wachstum in einem halb entwickelten Land wie Argentinien stärken?

Dani Rodrik: Ich müsste zunächst einmal dorthin. Am Schreibtisch kann ich viele Ideen haben: solide Institutionen aufbauen, makroökonomische Stabilität herstellen, Strukturreformen. All das sind gängige Rezepte, die man über jedes Land sagen kann, sobald man aus dem Flugzeug steigt, und sie sind nie falsch. Wie man all das umsetzt, ist von Land zu Land verschieden. Die Öffnung Chiles während der Neunzigerjahre war anders als der Weg, den China gegangen ist. In beiden Ländern haben die Reformen zu relativ starkem Wachstum geführt. Nie und nimmer lässt sich jedoch die Strategie Chiles mit der von China vergleichen. Chile öffnete sich der Weltwirtschaft recht schnell, ließ Importe zu und hatte eine sehr strenge Fiskalpolitik. China verfolgte insofern eine Doppelstrategie, als die Öffnung zum Weltmarkt zunächst nur in Sonderwirtschaftszonen erfolgte, wo es besondere Anreize für ausländische Investoren gab. Südkorea, Malaysia, Taiwan – viele Länder öffneten sich damals. Aber alle machten es anders. Um zurückzukommen auf Argentinien. Man muss zunächst Fragen stellen: Was hält das Land zurück? Sind es schwache Institutionen? Sind es die Folgen der jüngsten Schuldenkrise? Man muss ein Problem nach dem anderen lösen. Es ist ein langsamer Prozess.

Gibt es kein Reformprogramm nach Lehrbuch?

Jedes Land hat seine Besonderheiten. Nehmen wir an, Sie haben den rigiden regulierten Arbeitsmarkt als eine der Ursachen identifiziert, warum ein Land hinter seinem Potenzial zurückbleibt. Ihre Analyse hat ergeben, dass die Unternehmen mehr Personal einstellen würden, wenn sie in der Lage wären, es in schwierigen Zeiten wieder zu entlassen. Allerdings haben Sie festgestellt, dass starke Gewerkschaften die Arbeitskosten in die Höhe treiben, daher ist die Lösung nicht zwingend eine Arbeitsmarktreform. In Südafrika ist beispielsweise die Gewerkschaftsbewegung traditionell stark, das kann man nicht einfach abstellen. Sie können natürlich versuchen, den Arbeitsmarkt trotzdem zu liberalisieren: Es wird nur nicht viel passieren. Denn das würde an den Grundfesten des Staates rütteln, weil die Gewerkschaften beim Übergang der Apartheit zur Demokratie so wichtig waren. Man muss also darum herum arbeiten. Eine Arbeitsmarktreform, die in Chile oder Kolumbien zu Erfolgen geführt hat, funktioniert also nicht automatisch auch in Südafrika.

Aber in der Theorie funktioniert es.

Genau das ist der Punkt. Wir Ökonomen arbeiten mit Modellen. Sie werden entwickelt, um Dinge zu vereinfachen und zu erklären, wie sie funktionieren. Dazu werden bestimmte Elemente von verwirrenden Begleitumständen isoliert. Ein Modell untersucht spezielle Ursachen eines Problems. Es ist eine künstliche Welt, in der es Verbindungen zum großen Ganzen gibt, aber es kann nicht die Komplexität der ganzen Welt abbilden. Das bekannteste Modell ist das von Angebot und Nachfrage, das in jedem Einführungskurs gelehrt wird. In einer einfachen Kurve werden Preis und angebotene Menge eines Gutes eingezeichnet. In der künstlichen Welt bildet sich der Preis als Marktpreis, bei dem die nachgefragte Menge eines Gutes der angebotenen Menge entspricht. Das hat natürlich in der echten Welt den Haken, dass Menschen nicht immer rational handeln oder dass es historisch gewachsene Strukturen gibt, warum etwa der Arbeitsmarkt von Südafrika nicht so einfach nach gängigem Muster reformiert werden kann.

In Ihrem neuen Buch beschreiben Sie, was Ihre Disziplin kann und was nicht. Warum war das nötig?

Das war mir lange Zeit selbst nicht klar. Aber dann war ich ab 2013 für zwei Jahre an einem anderen Institut in Princeton und habe mit Wissenschaftlern anderer Fachrichtungen zusammengearbeitet. Plötzlich fand ich mich in multidisziplinären Arbeitsgruppen, mit Anthropologen, Politikwissenschaftlern, Soziologen wieder, und mir wurde klar, dass es viele Missverständnisse darüber gibt, was Ökonomen tun. In dem Buch habe ich zwei Botschaften. Eine ist für die Nichtökonomen: Vieles von dem, woran wir forschen, ist sehr nützlich. Das Bild, das man von uns hat, als Freimarkt-Ideologen, ist falsch. Die Botschaft an die Ökonomen lautet: Das schlechte Bild, das man von uns hat, haben wir uns selbst zuzuschreiben. Wir sollten nicht weiter so auftreten, als hätten wir auf alles eine Antwort.

Woran sollte sich ein Ökonom bei der Arbeit orientieren?

Er sollte sich erstens mit Fragen beschäftigen, die für die Menschen um ihn herum relevant sind. Etwa ob ein Freihandelsabkommen automatisch für mehr Wachstum sorgt oder ob Industriepolitik wirklich Unsinn ist, wie orthodoxe Ökonomen behaupten. Zweitens ist es wichtig, dass man als Forscher skeptisch bleibt und nicht jedes Dogma glaubt. Die Wissenschaft der Ökonomie kann uns doch gerade lehren, welche Annahmen erfüllt sein müssen, damit eine Aussage eintritt. Wir sollten ein Modell nicht mit dem einzig wahren Modell verwechseln.

Was ist das Ziel der Arbeit eines Ökonomen?

Ziel ist es zu verstehen, wie die Welt funktioniert. Nicht so sehr, wirtschaftliche Vorhersagen zu treffen. Ich glaube, Letzteres können wir nicht besonders gut. Auf anderen Gebieten sind wir besser. Wir können erklären, was gerade in der Welt passiert. Wir verstehen, wie Märkte funktionieren. Wir wissen, dass Interventionen in Märkte ungeahnte Folgen haben können. Wir können sehr gut materielle Anreize beurteilen. Wir analysieren, wie Menschen interagieren und wie daraus kollektives Handeln entsteht. Was wir nicht versuchen sollten, ist, große, universelle Theorien zu entwickeln, wie Karl Marx oder Adam Smith das getan haben. Wir sollten uns davor hüten zu glauben, man könne eine Theorie schaffen, die immer und überall und unter allen Umständen gültig ist. Wenn wir das tun, irren wir uns. Dann kommt es zu Aussagen wie: Die Globalisierung ist gut für das Wirtschaftswachstum. Diese Statements sind meist falsch und vereinfacht. Was wir hingegen gut können, ist, jemandem zu sagen, wenn du A, B oder C tust, kann es richtig für dich sein, dein Land für den internationalen Handel zu öffnen.

Woran erkennt der Laie, ob er einem Ökonomen trauen kann?

Machen Sie den Test: Wenn Ihnen etwas nicht plausibel erscheint, dann sollten Sie versuchen, es jemandem zu erklären, den Sie zufällig an der Tankstelle treffen. Alles, was Sie ihm nicht erklären können, ist verdächtig. Die Wirtschaftswissenschaft ist nicht wirklich kompliziert. Der Ökonom muss Dinge erklären können.

Wozu braucht man diese Disziplin?

Um zu erklären, dass es selten einfache und schnelle Lösungen auf drängende Probleme gibt. Auch um zu erklären, dass es – gerade in der Volkswirtschaft – keine universellen Konzepte gibt und dass man sich jeden Fall sehr genau anschauen muss. Die Stärke von Ökonomen ist es, im Kontext zu denken, Ursache und Wirkung zu definieren und so die Gegenwart ein wenig verständlicher zu machen. ---

Dani Rodrik, 59,
wurde in der Türkei geboren und studierte in Harvard und Princeton. Er blieb in den USA, promovierte in Princeton und lehrt heute Internationale Politische Ökonomie an der John F. Kennedy School of Government der Harvard University. Seine Arbeiten befassen sich vor allem mit den Themen Freihandel und Globalisierung. 1997 erregte sein Buch mit dem Titel: „Has Globalization Gone Too Far?“ für Aufsehen. Das amerikanische Magazin »Businessweek« nannte es „eines der wichtigsten Wirtschaftsbücher des Jahrzehnts“. Darin argumentiert Rodrik, dass Freihandel, Demokratie und Nationalstaat nicht miteinander vereinbar seien, weshalb man auf eines der drei Elemente verzichten müsse, nämlich auf den Freihandel. Kürzlich erschien sein neuestes Buch: „Economic Rules – The Rights and Wrongs of the Dismal Science“, in dem er die Disziplin der Wirtschaftswissenschaft einer kritischen Analyse unterzieht – und zugleich verteidigt.

Mehr aus diesem Heft

Vorbilder 

Sag mal, ... kannst du mir helfen?

Konzerne wären sooo gern wie Start-ups. Warum nur?

Lesen

Vorbilder 

Die Ketzerin

Der Glaube an die Homöopathie ist eine feste Burg für die Ärztin Natalie Grams. Bis ihr Zweifel kommen, denen sie nachgeht – mit aller Konsequenz.

Lesen

Idea
Read