Ausgabe 04/2016 - Schwerpunkt Richtig bewerten

Und immer an den Hirsch-Faktor denken!

Konrad Peter Liessmann und ...
... und Stefan Hornbostel sorgen sich aus unterschiedlicher Position um den Wissenschaftsbetrieb

• Das Gegenteil von Wertschätzung ist Kontrolle. Weil man den Beteiligten fehlenden Antrieb unterstellt, wird mit Leistungsanreizen, scheinbar objektiver Bewertung, internem Wettbewerb und normierter Qualitätssicherung nachgeholfen. Dumm nur, dass dabei oft das Gegenteil herauskommt: Die so Animierten konzentrieren sich mehr auf das eigene Image als auf die eigentliche Aufgabe.

Wohin das führt, lässt sich im Wissenschaftsbetrieb besichtigen. Ein Denker wie Immanuel Kant dürfte im heutigen Universitätswesen wenig Freude haben. „Kant hat vor der ,Kritik der reinen Vernunft‘, einem epochalen Werk, zehn Jahre lang nichts publiziert. Das könnte sich heute kein ehrgeiziger Wissenschaftler leisten“, sagt Konrad Paul Liessmann, Professor für Philosophie in Wien und entschiedener Gegner einiger Anomalien der akademischen Welt. Seine Diagnose: Qualität wird zunehmend durch Quantität ersetzt. Statt um Forschung und Lehre geht es um Selbstmarketing und das Einwerben von Drittmitteln.

Karriere nach Kennzahlen

Symptomatisch dafür ist der Hirsch- oder H-Faktor. Ihn sollten junge Wissenschaftler kennen, zumindest wenn sie irgendwann zu einer Professur kommen wollen. Er misst nicht nur die Zahl der in anerkannten wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlichten Aufsätze, sondern auch, wie oft sie in Arbeiten von Fachkollegen zitiert werden. Je höher die Zahl der Veröffentlichungen und Zitierungen, desto höher der H-Faktor, desto besser für die Karriere. Und das gilt auch nach der Berufung zum Hochschullehrer: Zu den Zielvereinbarungen zwischen Professoren und Hochschulleitung kann heute die Publikation so und so vieler Aufsätze in einem renommierten Fachjournal in den kommenden Jahren gehören. Das verbessert die Reputation des einzelnen Forschers – und der Hochschule.

Unter diesen Bedingungen bedeutet Selbstoptimierung für aufstrebende Akademiker, die eigene Arbeit nicht unbedingt an inhaltlichen Interessen auszurichten, sondern wichtiger ist: Wie bekomme ich möglichst viele Zitate? „Nachwuchswissenschaftler suchen händeringend nach belastbaren Kriterien darüber, was für ihre Karriereplanung wichtig ist“, sagt Stefan Hornbostel vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung. „Früher war die Frage: Wem muss ich die Aktentasche tragen? Heute lautet sie: Worüber soll ich wo publizieren? Arbeite ich an einem Mainstream-Thema und gehe damit vielleicht in der Masse unter, oder suche ich mir ein abgelegenes Nischenthema mit dem Risiko, dass sich niemand für meine Arbeit interessiert?“

Die Verunsicherung äußere sich zum Beispiel in Form des Selftrackings: Die jungen Wissenschaftler beobachteten bei Google Scholar oder Research Gate ihre aktuelle Position und überlegten sich, so Hornbostel, „wie sie diesen Indikator heben können, zum Beispiel indem sie gezielt Reviews schreiben“. Diese Schriften fassen die aktuellen Arbeiten zu einem eng umrissenen Forschungsfeld zusammen und werden zwecks Zeitersparnis gern benutzt und zitiert – gut für die Zitations-Quote.

Bei Naturwissenschaftlern, die empirisch, oft in großen Gruppen und in internationaler Konkurrenz arbeiten, mag der H-Faktor oder der Journal-Impact-Faktor noch begründbar sein. Aber inzwischen orientieren sich auch Geisteswissenschaftler daran, und sei es nur, weil es Arbeit spart. Liessmann berichtet aus der Arbeit einer Berufungskommission: „Es ging um das Begutachtungsverfahren für die Besetzung einer Professur für Philosophie. Einer der Gutachter, ein renommierter Kollege, hat neben die Liste der Kandidaten lediglich die Kennzahl des berechneten Hirsch-Faktors geschrieben. Das war für diese Berufung zwar nicht entscheidend. Aber in anderen Fachdisziplinen ist es fast schon üblich, dass der Hirsch-Faktor ein entscheidendes Kriterium ist.“

Die Bedeutung solch quantitativer Indikatoren zur Beurteilung von akademischer Forschung und Lehre hat stark zugenommen. Andere Messgrößen sind etwa Absolventenzahlen oder die Höhe der Drittmittel, die Wissenschaftler für Forschungsprojekte einwerben können. Beide haben mit der Qualität von Forschung und Lehre nur begrenzt zu tun. Und beide produzieren, wie auch der Zwang zum Publizieren, ihre eigenen Opportunismen. Dass befreundete Wissenschaftler in sogenannten Zitationskartellen einander ausgiebig und systematisch zitieren, um ihre Quoten in die Höhe zu treiben, ist noch eine der harmloseren Übungen.

„Die härteste Währung sind die Publikationen und die Drittmittel, die man für seine Hochschule akquiriert“, sagt Christiana Weber, Professorin für Management an der Leibniz Universität Hannover. „Die Höhe der für Forschungsprojekte eingeworbenen Mittel ist dabei in der Regel wesentlich wichtiger als die Relevanz der Forschungsergebnisse selbst. Der Outcome der großen Kooperationsprojekte, die vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung oder aus EU-Töpfen finanziert werden, ist teilweise aufgrund der hohen Reibungsverluste sehr übersichtlich.“

Das gilt ebenso für die Hochschulen, die um Drittmittel und die Millionen der sogenannten Exzellenzinitiative kämpfen. So konstatierte die internationale Experten-Kommission, die den Erfolg der Initiative untersucht hat, viele Antragsteller hätten sich mit „Schaufensterprojekten“ geschmückt, die „nicht wirklich effizient“ seien. „Notwendige, aber vielleicht weniger spektakuläre Maßnahmen“ seien vernachlässigt worden.

Konrad Paul Liessmann nennt die Systemfehler des Wissenschaftsbetriebs „Praxis der Unbildung“, die eine Scheinobjektivität produziere: „Wissenschaft will der Wahrheit auf die Spur kommen. Man kann die Wahrheit aber nicht feststellen, indem man zählt, wie oft jemand zitiert wurde“, sagt er. „Es mag bestimmte Korrelationen geben, aber wir kennen aus der Wissenschaftsgeschichte wichtige Forschungsergebnisse, die Jahre und Jahrzehnte ignoriert worden sind.“

Ein Nebeneffekt der regen Journal-Publikation ist in den Sozial- und Geisteswissenschaften die Abwertung der Monografie. „Bücher, die man publiziert, sind für den H-Faktor fast bedeutungslos“, sagt Liessmann. „Inzwischen lassen wir es auch zu, dass Aufsatzsammlungen als Dissertationen eingereicht werden können. Der systematische, durchdachte, größere Ansatz verliert an Bedeutung. Für Naturwissenschaften mag das sinnvoll sein, bei Geisteswissenschaften halte ich es für verhängnisvoll.“ Die Folgen beschreibt der US-Anthropologe David Graeber für sein Arbeitsgebiet so: „Kein bedeutendes neues Werk über Sozialtheorie wurde in den vergangenen 30 Jahren in den USA verfasst. Wir sind vielmehr zurückgeworfen auf den Entwicklungsstand der mittelalterlichen Scholastik und verfassen seit den Siebzigerjahren endlose Anmerkungen zur französischen Theorie.“

Dass Hochschulen ähnlich opportunistisch agieren wie Nachwuchswissenschaftler hat einen einfachen Grund: der Kampf um das Budget. Gelder werden an die Hochschulen und Fakultäten unter anderen nach Kennziffern ausgeschüttet.

Liessmann kann dazu eine Absurdität aus der Zeit als Vize-Dekan seiner Fakultät erzählen. Ein Indikator war damals die politisch erwünschte Internationalisierung, zum Beispiel durch Gastvorträge im Ausland. „Allerdings zählen diese erst, wenn man mindestens fünf Tage im Ausland ist. Also versucht man, die Aufenthalte auf Kosten der Forschung und Lehre an der eigenen Hochschule künstlich zu verlängern.“ Ein anderer Fall aus seinem Wiener Alltag: „Wir haben zu wenige Frauen im Masterstudium. Jetzt diskutieren wir spezielle Programme, in der Hoffnung, sie für ein Masterstudium zu interessieren.“ Mit Wissenschaft habe all das wenig zu tun, mit den Mechaniken externer Vorgaben umso mehr. Liessmanns Fazit: „Dieses kleinteilige Zielvorgabendenken hat den Effekt, dass man trickst. Wird eine Erhöhung der Publikationszahl verlangt, macht man eben aus zwei Aufsätzen drei.“

Wo Zahlen zählen

Der Berliner Hochschulforscher Stefan Hornbostel könnte so etwas wie der natürliche Gegenspieler von Liessmann sein. Der Soziologe analysiert die Entwicklung der Hochschulen mit empirischen Mitteln, eines seiner Arbeitsgebiete ist die Bibliometrie. Sie erfasst, welches Echo wissenschaftliche Arbeiten in den Publikationen der weltweiten jeweiligen Fach-Community finden – sozusagen die Grundlage aller H-Faktoren. Aber Hornbostel ist nicht der Kennziffern-Fetischist, der die Leistungen eines Forscherlebens auf einen Indikator zusammenschrumpfen will. In seinen Augen ist es naiv, wenn bibliometrische Daten unreflektiert genutzt werden – und etwa in der Medizin in Berufungsverfahren hinter jedem Eintrag der Publikationsliste der Journal-Impact-Faktor steht. „Der kompetente Umgang mit den bibliometrischen Daten kennt die Grenzen der Aussagekraft. Indikatoren sind nun einmal voraussetzungsvolle Konstrukte“, sagt er.

Die eigentliche Funktion der Bibliometrie sieht Hornbostel ohnehin nicht in der Bewertung einzelner Forschungsleistungen, sondern in der Möglichkeit, die gesamte Forschungslandschaft zu beobachten. Angesichts der exponentiellen Wachstumsraten in der weltweiten Wissenschaft sei Bibliometrie ein sinnvolles und notwendiges Messverfahren – zum Beispiel um die Effekte der Exzellenzinitiative zu analysieren. „Innerhalb ihrer Grenzen haben bibliometrische Daten enorme Informationskraft“, sagt er. „Man kann Strukturmuster entdecken, man sieht, wo und in welchen Bereichen neue Forschungsschwerpunkte oder -themen entstehen. Stoßen Mediziner in Kopenhagen oder Peking auf ein seltenes Krankheitsbild, können sie Krankheitsbilder-Datenbanken, Molekül-Datenbanken und bibliometrische Datenbanken nutzen und sehen sofort, wer weltweit ähnliche Phänomene beobachtet hat und dazu arbeitet. Man filtert und verbindet das verfügbare Wissen zu einem sehr speziellen Problem. Das ist alles Lichtjahre davon entfernt, einfach nur Zitate zu zählen.“

Und noch einen Vorteil sieht er: In Gutachterprozessen lässt sich mithilfe solcher Daten erkennen, ob es Verbindungen zwischen dem Begutachteten und den potenziellen Gutachtern gibt. Waren sie mal Co-Autoren, sind sie in gemeinsamen Arbeitsgruppen, zitieren sie sich massiv gegenseitig?

Das rege Gutachterwesen ist allerdings auch ein Beispiel für das, was Liessmann das „Objektivitätsphantasma“ nennt. Weil bei stagnierender Grundfinanzierung der Hochschulen immer mehr Geld durch Forschungsprojekte verteilt wird, müssen auch immer mehr Projektanträge begutachtet werden. In den wissenschaftlichen Zeitschriften ist seit den Neunzigerjahren das Doppelblindgutachten üblich: Zwei externe Gutachter bewerten den anonymisierten Aufsatz. Und weil nicht nur die Zahl der Journale, sondern auch die der eingereichten Aufsätze zügig wächst, steigt der Gutachten-Bedarf exponentiell. Vor zehn Jahren kam die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) noch mit 9500 Gutachtern aus – 2014 haben allein dort 14 500 Wissenschaftler 17 000 schriftliche Beurteilungen verfasst. Und die DFG ist nur eine von mehreren Einrichtungen, die in Deutschland Drittmittel an die Hochschulen ausschütten.

Weil aber die Gutachten in der Regel nicht honoriert werden, machen sich die Experten rar – an vielen Stellen muss man auf die dritte oder vierte Ebene zurückgreifen. „In unseren Wissenschaftlerbefragungen sehen wir ein zunehmendes Misstrauen gegenüber der Funktionsfähigkeit dieses Systems“, sagt Hornbostel. Ein Instrument, das Qualität sichern soll, kann selbst nicht immer auf dem nötigen wissenschaftlichen Niveau arbeiten.

Nebenbei verschlingt das Verfahren jede Menge Ressourcen. Der »FAZ«-Herausgeber Jürgen Kaube hat sich vor vier Jahren den Spaß gemacht, grob zu überschlagen, wie viel Zeit die Hochschulen für Projektanträge investieren mussten, um sich um die 2,7 Milliarden Euro der laufenden Vergaberunde zu bewerben. Er kam „vorsichtig kalkuliert“ auf 2,5 Millionen Stunden. ---

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