Ausgabe 04/2016 - Was Menschen bewegt

Der pragmatische Pionier

• Er ist handtellergroß, viereckig und rissig. Mit seiner graubraunen, von ausgebleichten Strohfasern durchsetzten Masse könnte man ihn für einen prähistorischen Pferdeapfel halten, den ein Spaßvogel in eine eckige Form gepresst hat. Tatsächlich handelt es sich um einen schätzungsweise 200 Jahre alten Mauerblock, der aus einem alten Wohnhaus in Sachsen gerettet und in das mit Prüfständen vollgestopfte Labor am Berliner Landwehrkanal gebracht wurde. Dort wird er auf seine Biege- und Zugfestigkeit, Widerstandsfähigkeit und vor allem Dauerhaftigkeit geprüft. Denn er ist aus einem Stoff, der eine ganze Reihe Probleme lösen könnte: Lehm.

Die Tatsache wiederum, dass sich ein Kreuzberger Architekturbüro ein eigenes Baustoff-Prüflabor leistet, in dem sich so abseitige Objekte wie Lehmziegel auf ihre baulichen Qualitäten abklopfen lassen, verrät bereits eine Menge über Ziegert Roswag Seiler. Die Planergemeinschaft – 2003 gegründet, 35 Mitarbeiter, 2,2 Millionen Euro Umsatz – hat sich in den vergangenen Jahren weltweit einen Ruf mit modernen Bauten aus Bambus, Holz und Lehm erarbeitet. Mit der öko-nostalgischen Früher-war-alles-besser-Bauherrenfraktion verbindet sie wenig. Die Berliner realisieren heute von Marokko bis Bangladesch weltweit Projekte, wurden mehrfach ausgezeichnet und haben dennoch nichts mit der Elite globaler Star-Architekten gemein. Außergewöhnlich ist auch, dass im Gewerbeloft der Firma etwa gleich viele Bauingenieure und Architekten und damit Disziplinen zusammenarbeiten, die sich für gewöhnlich eher argwöhnisch beobachten.

All das ergibt Sinn, weil dies kein klassisches Planerbüro, sondern eher ein Forschungslabor mit angeschlossenem Prototypenbau ist und Eike Roswag-Klinge, einer der Mitgründer des Unternehmens, sich „weniger als Architekt und viel mehr als Gesellschaftsstratege“ begreift. Das Kapital der Firma sind weder gewonnene Wettbewerbe noch lukrative Projekte, sondern vor allem Fragen.

Wie wollen wir künftig leben? Wieso sind Immobilien immer noch für 60 Prozent des deutschen Müllaufkommens verantwortlich? Sind Hightech-Gebäude wirklich die beste Antwort auf die Frage nach einem klügeren Umgang mit Ressourcen? Und gibt es auf all diese Fragen irgendwo interessante Antworten, zum Beispiel in Form eines 200 Jahre alten Lehmziegels?

Wer sich mit Roswag-Klinge unterhält, wird fortlaufend mit Fragen bombardiert, die Gewissheiten untergraben wie Wühlmäuse ein scheinbar solides Gebäude. „Ich hasse alles Etablierte, gerade bei uns selbst“, sagt er. Er ist 47 Jahre alt, drahtig, aufgewachsen mit sieben Geschwistern („Da lernt man diskutieren“) und gelernter Tischler. Vor ein paar Tagen ist er aus Marokko zurückgekehrt, wo er in einem Monumentalkunstwerk aus Stampflehm wohnte, das der Künstler Hannsjörg Voth in den Achtzigern in die Wüste gestellt hat. Jetzt sucht Roswag-Klinge nach Wegen, Voths „Himmelstreppe“ erhalten zu helfen. Der Architekt liebt das Abwegige. „Als Bauherren und Planer müssen wir uns permanent selbst hinterfragen, weil: Die Zeit hinterfragt uns sowieso.“

Lehm ist cool. Aber anspruchsvoll

So ist der Baumeister ständig auf der Suche nach ungewöhnlichen Antworten. Eine seiner Expeditionen führte ihn vor ein paar Jahren nach Rudrapur in Bangladesch, zu dem Bambusgerippe eines gerade im Bau befindlichen Schulhauses. Es roch feucht nach Lehm und Humus – was ihn an die Kartoffeläcker seiner hessischen Heimat erinnerte. Nach Rudrapur war der Planer zusammen mit der Architektin Anne Heringer gekommen, um für das Dorf ein neues Grundschulhaus zu errichten. „An dem Projekt“, sagt Roswag-Klinge, „haben wir rein gar nichts verdient. Aber eine Unmenge gelernt.“

Denn bevor die Architekten mit ihren Planungen begannen, schauten sie erst einmal wochenlang den örtlichen Handwerkern über die Schulter. So lernten sie, wie diese aus den quasi kostenlosen Materialien Lehm und Bambus nach jahrhundertealten Traditionen solide Hütten bauten. Erst dann begannen sie mit ihrem Entwurf für ein Schulhaus, dessen Grundmauern aus einer Lehm-Stroh-Mischung gefertigt wurden, das Skelett und das Dach aus Bambusrohren. Neu war, dass sie dem Gebäude eine Zwischendecke aus Bambus und ein zweites Stockwerk verpassten. „Für die Dorfbewohner waren mehrstöckige Häuser aus Bambus ungewohnt, sie trauten der Sache zunächst nicht“, sagt Roswag-Klinge.

Doch tatsächlich hielt die Bambus-Zwischendecke, das Projekt Meti-Schule brachte es zu weltweiter Bekanntheit und dem Büro reihenweise Auszeichnungen. Eine ist der Aga Khan Award, die als wichtigster Architekturpreis der islamischen Welt gilt und die Berliner im Nahen Osten schlagartig bekannt machte. In Abu Dhabi bauten sie eine historische Festungsanlage zum Museum und Besucherzentrum um, wobei sie ebenfalls auf vor Ort vorhandene Baustoffe wie Lehm, Palmstämme und -blätter setzten. In Mosambik errichteten sie im Auftrag der Aga-Khan-Foundation eine Reihe von Schulen nach demselben Prinzip und mithilfe einheimischer Handwerker. In Pakistan entstand eine weitere Schule im Bambus-Stil. In Doha, Katar, schließen sie gerade die Restaurierung des historischen Herrscherpalastes ab. „Weltweit gibt es in Sachen Lehmbau ein paar spezialisierte Forschungsinstitute“, sagt Eike Roswag-Klinge. „Und es gibt uns.“

Dennoch ist der Architekt alles andere als ein Lehm-Dogmatiker. Wenn ein Kunde es wünsche, würde er ihm durchaus auch eine Stahlskelettkonstruktion bauen. „Voraussetzung wäre allerdings, dass ein Stahlskelett an dieser Stelle und für diese Funktion tatsächlich die beste Lösung ist.“

Dass ein Architekturbüro aus der Industrienation Deutschland heute zu den weltweit maßgeblichen Planungsbüros in Sachen Lehmbau zählt, mutet nur auf den ersten Blick kurios an. Denn Roswag-Klinges Partner Christof Ziegert hat sich in den vergangenen Jahren in das Thema eingearbeitet wie kaum ein Zweiter. „Aus Lehm lassen sich je nach Zusammensetzung Eigenschaften wie hohe Festigkeit oder hohe Aufnahme von Luftfeuchtigkeit herauskitzeln“, erklärt der Bauingenieur.

Allerdings muss man sich mit diesem Baustoff auskennen, der in ganz unterschiedlichen Qualitäten vorkommt. Unfachmännisch verarbeitet, sorgt er für Ärger am Bau. Und weil das so ist, prüft Ziegert im Labor die unterschiedlichen Sorten auf ihre Einsatzmöglichkeiten. Ziegert ist auch Autor der jungen DIN-Normen Nr. 18945, Nr. 18946 und Nr. 18947, die erstmals seit mehr als 40 Jahren wieder verbindliche Regeln für Steine, Mörtel und Putze aus Lehm definieren. Das klingt nach lehmiger Bürokratie, ist aber ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Denn damit ein Baustoff von der Bauindustrie anerkannt, von Architekten erwogen, von ihren Haftpflichtversicherungen akzeptiert und von Bauherren eingesetzt wird, braucht er eine normierte Qualität. Anders gesagt: Mit ihrer Hightech-Forschung ebnen Ziegert Roswag Seiler Lehm den Weg aus der Öko-Nische in den Mainstream.

Dort gehört er nach ihrer Einschätzung hin. „Lehm ist rund um den Globus und in quasi unbegrenzter Menge verfügbar“, sagt Roswag-Klinge, „was unter anderem erklärt, warum schätzungsweise die Hälfte der Menschheit in Lehmbauten lebt.“ Zement hingegen, mit einer Jahresproduktion von 4,3 Milliarden Tonnen der wichtigste Werkstoff der Welt, frisst bei seiner Herstellung gewaltige Energiemengen; Zementfabriken gelten nach Kraftwerken und dem Straßenverkehr als weltgrößte CO2-Verursacher. Baut man aber aus Lehm, lassen sich im Vergleich zu konventionellen Gips- oder Kalkzementputzen bis zu 95 Prozent Ressourcen sparen. Und während sich Zement am Ende seines Lebenszyklus allenfalls noch als Schüttgut nutzen lässt, kann man Lehmziegel und -mauern theoretisch beliebig viele Male neu verwenden. Jenen jahrhundertealten Block beispielsweise, den Ziegert gerade im Labor unter die Lupe nimmt, müsste man nur mit etwas Wasser übergießen, um ihn ein weiteres Mal formen und neu verbauen zu können.

Vor allem aber ist Lehm der Yogi unter den Baustoffen, weil er quasi fortwährend ein- und ausatmet. Dabei absorbiert er Schadstoffe und Feuchtigkeit aus der Luft. So wirken Lehmbauten in den Tropen, wo sie die Nachtfeuchte aufnehmen und tagsüber wieder abgeben, wie natürliche Klimaanlagen. In Nordeuropa jedoch wären massive Lehmwände fehl am Platze, weil sie die heute geforderten Dämmwerte nicht erreichen. Als Wandputz allerdings nimmt der Baustoff hier einen Gutteil jener Luftfeuchte auf, die beim Kochen, Duschen und Atmen entsteht. In vielen hochgedämmten Neubauten kann diese Feuchtigkeit nicht mehr entweichen und führt nicht selten zu Schimmel.

„Dieses Problem wird uns noch jahrzehntelang begleiten“, prophezeit Roswag-Klinge. Denn um des Feuchteproblems Herr zu werden, baut man in vielen modernen Effizienzbauten aufwendige Lüftungs- und Gebäudesteuerungsanlagen ein. Die aber sind häufig in der Realität weit weniger sparsam als errechnet.

Der Architekt Matthias Sauerbruch vom Büro Sauerbruch Hutton berichtete kürzlich in der »Bauwelt« von seinen Erfahrungen mit dem Neubau des Umweltbundesamtes in Dessau. Das von seinen Kollegen und ihm geplante und 2005 eingeweihte Gebäude war als ökologischer Vorzeigebau gefeiert worden. In seinem ersten Nutzungsjahr mussten Architekten und Bauherren jedoch feststellen, dass es fast das Doppelte der prognostizierten Energiemenge verbrauchte. Störanfällige Technik, vor allem aber Nutzer, die mit ihr nicht klarkamen, hätten den Energieverbrauch in unerwartete Höhen getrieben, so der Architekt. „Wenn den Mitarbeitern winters zu warm war, haben sie das Fenster aufgerissen – nicht wissend, dass die Heizung dann automatisch herunterfahren würde. Und später klagte man dann über Kälte.“

Besonders lehrreich: die Käfer-Invasion

Es habe fünf Jahre und diverse Informationsveranstaltungen für die Belegschaft gebraucht, bis sich das intelligente Gebäude schließlich seinen prognostizierten Verbrauchswerten angenähert habe. Bei einem späteren Bauprojekt, der Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, verzichteten Sauerbruch Hutton daher ganz auf Steuerungstechnik: Ist den Behörden-Mitarbeitern warm oder stickig, öffnen sie das Fenster. Ist es ihnen zu kalt, machen sie es wieder zu.

Unter Architekten bilden sich zusehends zwei Schulen heraus: Die einen setzen auf immer intelligentere Immobilien, um deren Energiebilanz zu optimieren. Ein prominenter Vertreter ist Werner Sobek, der 2013/14 in Stuttgart das erste Aktivhaus der Welt gebaut hat. „B10“, wie der Bungalow genannt wird, soll dank eines ausgeklügelten Technikkonzeptes mehr Energie erzeugen, als er selbst verbraucht.

Andere setzen eher auf die Intelligenz des Simplen. „Wir müssen einfachere Gebäude entwickeln, die mit wenig Technik auskommen und vom Nutzer selbst betrieben werden können“, sagt Roswag-Klinge. Für einen Sensorenhersteller mit 250 Mitarbeitern errichten er und seine Kollegen gerade einen 16 Millionen Euro teuren Firmensitz in Berlin-Marzahn, der die Arbeitsabläufe des Unternehmens abbildet: kompakter Baukörper, Boulevards, auf denen sich Mitarbeiter treffen können, Andockstellen für Lieferanten und flexible Erweiterungsmöglichkeiten. Geheizt wird unter anderem durch die Abwärme eines nahe gelegenen Abwasserkanals. Ein paar Kilometer weiter, in der Nähe des ehemaligen Flughafens Tempelhof, ist es den Planern gelungen, die Spezialtischlerei Artis samt Lackiererei mitten in einem Wohngebiet unterzubringen. Dafür wurde der Neubau mit schallhemmender Dreifachverglasung und einer Schindelfassade versehen, die Absauganlage der Lackiererei lärmmindernd ins Gebäudeinnere verlegt.

Roswag-Klinges Entwürfe leben eher von solchen Details statt großer Gesten. Sein Vorbild ist der Schweizer Baumeister Peter Zumthor, der als Perfektionist unter den Puristen gilt, weil er für jeden Ort und jede Aufgabe eine spezifische und zugleich reduzierte Lösung entwickelt. „Für uns gibt es keine Dogmen und kein Projekt, das wir per se uninteressant finden“, sagt er. „Wir werden aber nie etwas nur deshalb so bauen, weil es halt so gebaut oder vom Bauherren erwartet wird. Wer mit uns arbeitet, muss das Jetzt infrage stellen und nach neuen Antworten suchen wollen.“

Nicht immer sind die Antworten perfekt. Fünf Jahre, nachdem in Rudrapur die ersten Kinder eingeschult worden waren, erfuhr Roswag-Klinge, dass die Bambusträger der Schule von einer Käferkolonie angefressen wurden. Heute weiß er, dass die Insekten durch die in den Bambusrohren enthaltene Glukose angelockt wurden und derartige Invasionen keineswegs selten sind. Die Handwerker vor Ort hatten den Deutschen das aber nicht gesagt, weil die meisten traditionellen Bauten ohnehin nach ein paar Jahren abgerissen und durch neue ersetzt werden. Dabei wäre der Befall mit relativ geringem Aufwand zu vermeiden gewesen. Man hätte nur genauer nachfragen müssen.

„Wir sind zu blauäugig gewesen“, sagt der Architekt, „für die Schule war der Befall eine Katastrophe.“ Dach und Decken mussten abgetragen und ersetzt werden. Frische Bambusträger, die man zuvor mit dem Holzschutzmittel Borax imprägniert hatte, mussten eingebaut werden. Immerhin konnten die Lehmmauern stehen bleiben. „Das Gute war, dass die Handwerker vor Ort mittlerweile alle Arbeiten eigenständig ausführen können“, so Roswag-Klinge. Einen Teil der Materialkosten sponserte der Architekt aus Geldern des Kairos-Preises, der ihm im vergangenen Jahr von der Alfred Toepfer Stiftung verliehen worden war. Die Laudatio hatte damals der ehemalige Berliner Wissenschaftssenator Christoph Stölzl gehalten. Eike Roswag-Klinge sei ein Architekt, „der die Suche nach dem Alltagstauglichen in den Mittelpunkt seines Werkes gestellt hat“.

Für die Zuhörer klang es nach einem eher bescheidenen Kompliment. Für den pragmatischen Pionier aber war es das denkbar größte. ---

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