Ausgabe 04/2016 - Schwerpunkt Richtig bewerten

Luciano Floridi

„Dieses Video hätte ich nie sehen wollen!“

Luciano Floridi, 51,
ist Professor für Informationsphilosophie und -ethik an der Oxford Universität, Forschungsdirektor und Senior Research Fellow am Oxford Internet Institut und Fellow am St. Cross College, Oxford. Seit 2014 ist er einer von acht Experten im Beirat von Google Inc., der für den Suchmaschinenbetreiber einen Lösch-Leitfaden erarbeiten soll. Seit Januar 2016 arbeitet er in der Ethics Advisory Group des Europäischen Datenschutzbeauftragten (EDSB) mit. Er ist Autor vieler Bücher.

brand eins: Herr Floridi, was halten Sie davon, dass uns das Netz zu allem und jedem Bewertungen liefert?

Luciano Flordi: Die Vorteile sind unbestreitbar. Weil die sozialen Netzwerke Millionen von Internetnutzern mobilisiert haben, ist eine neue Art der Mundpropaganda entstanden: Es ist bequem, zu wissen, dass ein bestimmter Ventilator nicht funktioniert oder dass ein Verkäufer nicht die Glühbirnen liefert, die er online beschrieben hat. Aber nicht alles ist positiv.

Was stört Sie?

Solche Bewertungssysteme können manipuliert werden – vor allem führen sie schnell zu Verzerrungen. Ein Produkt, das einmal bewertet wurde, sticht aus der Masse heraus, wird wieder und wieder bewertet und erscheint als Bestseller – obwohl es weder das beste noch das bestverkaufte sein muss. Was passiert, lässt sich ganz gut an Youtube zeigen: Dort gibt es zwar die Möglichkeit einer Bewertung, aber was zählt, sind die Aufrufe. Und wenn ich ein Video mit besonders vielen Aufrufen sehe, werde ich neugierig und klicke auch. Ob ich es dann gut finde oder total dumm, kann ich zwar noch mit dem Daumen anzeigen – aber mein Klick bleibt. Zum Beispiel stammt einer der Millionen Aufrufe des Gangnam-Style-Videos von mir, und ich habe keine Möglichkeit zu sagen: Hey, ich habe mich geirrt – dieses Video hätte ich nie sehen wollen!

Ist das bei Facebook besser?

Dort wird es noch komplizierter. Nehmen wir an, ich sehe ein Foto der Gewalttaten in Köln. Daumen hoch wäre da wirklich unangemessen, der Kommentar, den ich loswerden wollte, wäre differenzierter: Ich verurteile die Tat, bin aber froh, dass diese Information öffentlich geteilt wird. Der Daumen aber argumentiert nur in eine Richtung.

Facebook hat gerade eine Reihe von Emojis eingeführt, die eine differenziertere Bewertung erlauben.

Für mich machen sie das Problem eher größer: Solange es nur um Daumen hoch ging, blieb zumindest ein Interpretationsspielraum. Nun sollen wir mit einer kindlichen Träne oder einem offenen Mund werten – die Kommunikation ist noch ärmer geworden.

Ist das erwünscht?

Ich will nichts unterstellen, aber sicher ist, dass eingeschränkte Wahlmöglichkeiten bei Abermillionen Nutzern das Risiko für das Marketing reduzieren. Stellen Sie sich ein soziales Netzwerk vor, das seinen Benutzern die Möglichkeit gibt, Inhalte umzustellen, zu löschen, zu verändern oder nach neuen Prioritäten zu ordnen – das wäre eine ganz neue Erfahrung für die Menschen. Und eine Katastrophe für das Marketing.

Was schadet es, wenn es in den sozialen Netzen etwas schlichter zugeht?

Die Gefahr ist, dass die Erfahrungen dort generalisiert werden, denn für viele Teenager sind die sozialen Netze das Leben. Sie nehmen die Welt durch einen Filter wahr, eben noch haben alle über Paris und Terrorismus gepostet, dann sind die Flüchtlinge dran, dann liegen Apple und das FBI ganz vorn – und den Terrorismus hat man fast vergessen.

Aber auch wenn die Aufmerksamkeit schnell weiterzieht, erfahren die Leute mehr als früher.

Sicher, aber der Preis für das Mehr an Information ist zumindest in den sozialen Netzwerken hoch: Wir bezahlen mit nahezu null Erinnerung und setzen uns der Gefahr aus, manipuliert zu werden.

Gibt es dafür Beispiele?

Ein Experiment, das Facebook 2012 mit fast 700 000 Personen durchgeführt hat, ist berühmt geworden. Dazu wurden die Feeds der Benutzer leicht manipuliert: Die einen bekamen etwas angenehmere, beruhigendere Nachrichten, die anderen leicht pessimistische und traurige. Man wollte sehen, wie sich die Stimmung der Nutzer dadurch verändert – das Ergebnis hätte auch meine Großmutter vorhersagen können. Ernst und bedenklich ist aber, dass Facebook niemanden um Erlaubnis gefragt hat. Facebook hat die Studie sogar in der hoch angesehenen „Proceedings of the National Academy of Sciences“ veröffentlicht, als wollte man sagen: Was ist das Problem?

Immerhin hat Facebook die Manipulation öffentlich gemacht – und sich einen ordentlichen Shitstorm eingehandelt.

Sie hatten offenbar nicht damit gerechnet, dass Menschen nicht wie Labormäuse behandelt werden wollen. Dabei geht es um viel mehr als ein einzelnes Experiment, es geht um das Geschäftsmodell der sozialen Netze. Und es geht um Macht: Wenn eine Minderheit in die Lage versetzt wird, starken Einfluss auf die gemeinsamen Spielregeln für alle auszuüben, wird sie das tun. Das ist aus Sicht dieser Minderheit rational. Falsch ist, dass wir dies erlauben.

Wird nicht gerade in Europa einiges getan, um die Macht der großen Netzwerke zu begrenzen? In Deutschland ermittelt inzwischen auch das Kartellamt.

Das ist schon richtig, aber gleichzeitig wird der Mensch in Brüssel als „data subject“ beschrieben. Wenn man aber als Datenquelle beschrieben wird, ist klar, dass man als solche auch ausgebeutet werden kann. Das ist mehr als Semantik, das ist eine Frage der Perspektive. Die Onlinegesellschaft ist keine Gemeinschaft von Individuen, sondern ein Konglomerat von Typologien. Ich bin ein Italiener, der in Oxford lebt, Brille trägt, ein Auto hat und so weiter. Das ist mein Profil – und wenn ich ins Internet gehe, wird mir ein Squashschläger angeboten.

Was ist daran schlimm? Sie müssen ihn ja nicht kaufen.

Dass man die Individualität verliert. Und zwar nicht nur in den Netzwerken und Onlinediensten, sondern überall dort, wo wir gemanagt werden. Bis gestern war ich im Fall des Falles Bankkunde oder Steuerzahler. Heute wird mir eine Typologie zugeschrieben, die an mir haftet. Auch wenn wir uns inzwischen verändert haben, weist uns die Typologie immer noch als wohnungssuchend oder sportbegeistert aus.

Das mag ärgerlich sein, aber ist es gefährlich?

Es kann gefährlich werden, wenn man 10 bis 15 Jahre alt ist, also in einem Alter, in dem man noch stark auf sozialen Druck reagiert: Wenn man uns sagt, wir seien witzig, werden wir witzig, wenn schüchtern, werden wir schüchtern.

Sehen Sie einen Ausweg?

Man könnte die Macht der Netzwerkbetreiber beschränken, indem man Onlinewerbung verbietet – dann wären sie gezwungen, sich ein neues Geschäftsmodell zu überlegen, und wir bezahlten die Dienste nicht mehr mit unseren Daten. Ich weiß, das ist utopisch, aber auch andere Industrien haben sich radikal gewandelt.

Hat die europäische Ethics Advisory Group eine Lösung?

Die Gruppe ist gerade etabliert worden. Die Richtung, auf die ich hoffe: dass sie die einzige Kraft fördert, die Einhalt gebieten kann – die Kraft des Rechtes. Mit Gesetzen kann man unsere Realität verändern. So hat man etwa die Atomkraft in Deutschland abgeschafft.

Auf eine Weiterentwicklung der Netzwerke hoffen Sie nicht?

Die zivilisierte Interaktion unter Menschen ist eine Frage der Kultur. Wenn man aber stundenlang vor einem simplen Tool wie Facebook sitzt, kann man diese feinere Ausdrucksfähigkeit nicht erlernen. Immerhin bieten Amazon oder Ebay inzwischen komplexere Bewertungsmöglichkeiten an – das lässt mich hoffen, dass das bald auch bei den sozialen Netzwerken der Fall sein wird. ---