Ausgabe 04/2016 - Schwerpunkt Richtig bewerten

Artur Brauner

Kein Oscar für Artur

• Es gibt wenige Dinge, bei denen Artur Brauner, dieser Gentleman der ganz alten Schule, seine Contenance verliert. Doch wenn es um den Oscar geht, gibt der Filmproduzent seine Zurückhaltung auf. Brauner, inzwischen 97 Jahre alt, findet, er hätte ihn schon längst erhalten müssen für einen seiner Filme über den Holocaust.

brand eins: Wie viele Ihrer mehr als 250 Filme hätten den Oscar verdient?

Artur Brauner: Von den 24 Filmen, die den Opfern des Nationalsozialismus gewidmet sind, wären inhaltlich mindestens die Hälfte eines Oscars würdig gewesen. Immerhin wurden drei nominiert: 1985 „Angry Harvest“ mit Armin Müller-Stahl, 1988 „Hanussen“ mit Klaus Maria Brandauer und 1990 „Hitlerjunge Salomon“ mit Marco Hofschneider. Keiner der drei Filme hat gewonnen.

Wie erklären Sie sich das?

Die Konkurrenz ist hart. Wenn man nicht in den USA ist, Networking betreibt und Partys schmeißt, hat man kaum Chancen. Und als 1971 „Der Garten der Finzi Contini“ den Oscar für den besten fremdsprachigen Film erhielt, nahm mein Kollege Arthur Cohn die Statue mit nach Hause, er war an der Produktion mit 70 Prozent beteiligt, ich nur mit 30.

Warum sind Oscars überhaupt so wichtig?

Weil sie sich unverzüglich monetarisieren. Bei Schauspielern gehen die Gagen nach der Preisverleihung über Nacht raketenmäßig in die Höhe. Und als Produzent hat man es danach leichter bei den Förderern. Für mich wäre aber vor allem die Anerkennung für mein Thema wichtig gewesen: die Nazizeit, der Holocaust und seine Millionen Opfer.

„Hitlerjunge Salomon“ wurde von der Export-Union des Deutschen Films erst gar nicht für den Oscar eingereicht. Warum?

Ich weiß nicht, ob das mit Antisemitismus oder Ressentiments zu tun hat oder ob man mir die Krönung meines Erfolges nicht gönnen wollte. Dass er nicht eingereicht wurde, war in den USA ein ziemlicher Aufreger. „Europa Europa“, wie der Film dort hieß, war der Favorit. Die Academy hat ihn für das beste Drehbuch nominiert. Das konnte sie ohne Zustimmung der Deutschen machen, weil der Film in Amerika monatelang in den Kinos lief und mit sechs Millionen Zuschauern sensationell erfolgreich war.

Wissen Sie, wer damals neben dem Produzenten Luggi Waldleitner in der Jury saß?

Ich bin immer noch dabei, alle Namen zu recherchieren. Ein paar kenne ich bereits.

Wissen Sie, was gegen Ihren Film sprach?

Die Jury hat behauptet, der Film habe die Kriterien eines fremdsprachigen Films nicht erfüllt, weil er teilweise in Englisch gedreht wurde. Aber er wurde auch in Deutsch, Russisch, Polnisch und Hebräisch gedreht. Der Hauptdarsteller Marco Hofschneider war Deutscher. Ich als Produzent auch. Dass diese Argumentation Blödsinn ist, beweist ja auch, dass er in den USA 1992 mit dem Golden Globe als bester fremdsprachiger Film ausgezeichnet wurde.

War die Jury Ihrer Meinung nach qualifiziert für diesen Auswahlprozess?

Vermutlich schon, da saßen damals viele Produzenten drin. Die Qualifikation war nicht das Problem. Das waren Neid und Konkurrenzdenken, denke ich. Antisemitische Gründe will ich mal ausschließen.

Die Oscars selbst werden von den rund 7000 Mitgliedern der Academy für Motion Picture Arts and Sciences vergeben. Ist das ein zeitgemäßes Verfahren?

Die Oscars werden seit jeher auf diese Art und Weise vergeben. Und bisher sind ja tatsächlich sehr oft sehr gute Filme ausgezeichnet worden.

Ihr ehemaliger Kollege Arthur Cohn hat sechs Oscars erhalten. Was hat er besser gemacht als Sie?

Cohn lebt nicht nur in der Schweiz, sondern auch in den USA. Er ist ein toller Lobbyist und schmeißt tolle Partys und Galas. Ich konnte nicht ständig in die USA fliegen. Ich war und bin in Berlin beruflich sehr eingebunden.

Gibt es in der Filmbranche Korruption und Schmu?

Ich glaube, man sollte das Networking nennen, das klingt schöner. Wer für seinen Film keine irrwitzige Werbekampagne mit Sondervorstellungen und Partys machen kann, um die 7000 Academy-Mitglieder für sein Projekt zu gewinnen, der geht unter.

Wie sieht es hierzulande aus?

Ich finde die Auswahl beim Deutschen Filmpreis oft nicht nachvollziehbar. Richtig gute Filme werden oft nicht eingeladen. Manchmal frage ich mich, welche emotionalen Befindlichkeiten bei den Mitgliedern der Filmakademie eine Rolle für die Preisvergabe spielen. Im Gegensatz zum Oscar werden hier bei uns leider nicht immer die besten Filme prämiert.

Haben Sie noch eine Chance auf den Oscar?

Ich gebe langsam auf. Jetzt ist meine Tochter Alice dran. Sie hat größtenteils die Verantwortung in meiner Firma übernommen.

Die Fragen wurden von Alice Brauner zusammen mit Artur Brauner beantwortet. ---

Artur Brauner
wurde 1918 in Lodz / Polen geboren. Im Holocaust wurden 49 Familienangehörige ermordet, Brauner flüchtete nach Russland. 1945 kam er nach Berlin und gründete die Central Cinema Compagnie (CCC) mit der er bis heute mehr als 250 Filme produzierte, darunter mehrere Werke zum Thema Judenverfolgung. Brauner erhielt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem zwei Golden Globes und die Berlinale Kamera für sein Lebenswerk. Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem hat eine eigene Mediathek für seine Filme eingerichtet.

Der Oscar
ist der berühmteste Filmpreis der Welt. Offiziell heißt er Academy Award of Merit und wird seit 1929 alljährlich von der Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS) verliehen. Nominiert werden kann jeder Spielfilm, der zwischen dem 1. Januar und dem 31. Dezember mindestens sieben Tage lang in einem Kino im Los Angeles County gezeigt wird. Für fremdsprachige Filme gilt eine Sonderregelung: Jedes Land der Welt kann pro Jahr jeweils einen Film einreichen. In Deutschland ist dafür eine neunköpfige Kommission der Filmexport-Organisation German Films Service and Marketing zuständig. Die Entscheidung über den Oscar treffen die mehr als 7000 Mitglieder der AMPAS.

Die Oscar-Statue
zeigt einen Ritter mit Schwert auf einer Filmrolle. Sie ist 34,29 Zentimeter hoch, 3,856 Kilogramm schwer und besteht aus einem vergoldeten Nickel-Kupfer-Silber-Körper. Ihr Wert beträgt etwa 300 Euro. Sie darf weder vom Gewinner noch von seinen Erben verkauft werden, wenn sie nicht zuvor der Academy für den symbolischen Preis von einem US-Dollar angeboten wird.

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