Ausgabe 08/2016 - Schwerpunkt Lust

Moira Weigel

Die Ökonomie des Datings

• Moira Weigel ist Historikerin, arbeitet an ihrer Doktorarbeit und lehrt an der Yale University. Sie bezeichnet sich als Feministin und Marxistin und lebt in San Francisco, dem Mekka des digitalen, von Männern geprägten Kapitalismus. Hier findet sie viel Stoff für ihre Projekte.

In ihrem Buch „The Labor Of Love“ untersucht sie, wie die jeweilige ökonomische Realität den Ritus des Datings im Laufe der Jahrzehnte verändert hat.
An einem sonnigen Tag sitzt die 32-Jährige vor ihrer veganen Pizza, blickt auf die Golden Gate Bridge und erläutert ihre Thesen.

brand eins: Frau Weigel, was bedeutet Dating eigentlich?

Moira Weigel: Niemand kann es genau definieren. Zwei Menschen treffen sich, um herauszufinden, ob sie zueinander passen. Bei der amerikanischen Variante geht es vor allem darum, sich dem anderen anzupreisen, sich gut zu verkaufen. Es ist die Form, die das Anbandeln in unserer Konsumgesellschaft angenommen hat. Gerade für Frauen ist das mit enormem Aufwand verbunden. Finanziell und emotional. Vor der digitalen Revolution gab es zwar Regeln, zum Beispiel durfte man sich beim zweiten Treffen küssen, beim dritten miteinander schlafen. Aber mit romantischen Verabredungen war immer auch ein Risiko verbunden. Im Zeitalter von Apps wie Tinder hat sich das geändert, dank des Internets funktioniert Dating immer mehr nach den Regeln der Effizienz. Man kennt schon vor dem ersten Treffen viele Eigenschaften des potenziellen Partners und reduziert das Risiko.

Wie kamen Sie darauf, ein Buch über das Thema zu schreiben?

Eine private Erfahrung. Vor ein paar Jahren in New York war ich in einen älteren Mann verliebt, der sich nicht von seiner Ex lösen konnte. Mir fiel auf, dass ich immer nur darüber nachdachte: Wie kann ich ihm gefallen? Wie muss ich mich präsentieren, damit mich dieser Mann glücklich macht? Ich las Ratgeber – die How-to-date-Industrie in den USA ist gigantisch. Sie propagiert Tricks, wie sich eine Frau verstellen muss, um für einen Kandidaten interessant zu bleiben. Warte, bis er dich küsst. Starre ihn nicht an. Biete ihm niemals Sex an. Das Ziel ist die Heirat, denn heiraten wollen wir doch alle, oder? Dann recherchierte ich und stellte fest, dass die Evolution des Datings perfekt die Evolution der Rolle der Frau in der Arbeitswelt spiegelt.

Ihr Buch beginnt im Jahre 1896. Warum?

Weil damals zum ersten Mal das Wort Dating in einer Kolumne des »Chicago Record« vorkam. Die Zeitung informierte ihre Mittelschichtsleser über einen neuen Trend unter Mädchen der Arbeiterklasse: Sie trafen sich mit Männern in Parks oder Tanzhallen. Damals entwickelten sich in Großstädten die zarten Anfänge der Konsumgesellschaft, und die Qualitäten der Frauen waren in niederen Service-Berufen wie dem Verkauf gefragt. Einerseits verschaffte diese Situation den sogenannten Shopgirls die Freiheit, viele verschiedene Männer zu treffen. Eine große Veränderung: Denken Sie an die Romane von Jane Austen, die ein paar Jahrzehnte zuvor erschienen waren – wenn eine Frau einen Mann traf, war das ein denkwürdiges Ereignis. Das war Ende des 19. Jahrhunderts anders, als bereits 50 Prozent der Frauen in Unternehmen arbeiteten – für einen Bruchteil der Löhne der Männer. Sie behalfen sich aus Not mit Dates, also mit unverbindlichen Verabredungen zum Essen und Tanzen, zum Besuch des Vergnügungsparks.

Schliefen die Frauen mit ihren Bekanntschaften?

Clevere Geschäftsmänner gründeten bald sogenannte Boarding-Häuser, in denen die Frauen Männerbesuch empfangen durften. Aber Frauen, die sich darauf einließen, hatten den Ruf von Prostituierten. Dating war zunächst ein Phänomen der Arbeiterklasse, in den höheren Schichten wurden Beziehungen noch von den Eltern angebahnt. Erst später erkannten auch die Reicheren die Vorzüge des Datings. Zu Zeiten von F. Scott Fitzgerald war Harlem ein beliebter Treffpunkt. Als in den Fünfzigerjahren die Konsumgesellschaft boomte, jeder ein Auto besaß und sich Restaurantbesuche leisten konnte, erlebte auch die Dating-Kultur ein goldenes Zeitalter. Männer bekamen schnell sichere Jobs, mit denen sie die unbezahlte Hausarbeit der Frauen subventionieren konnten. Da hatten die Eltern immer weniger zu sagen bei der Partnerwahl.

Seitdem hat sich viel verändert, dennoch scheinen viele Frauen in ihrer althergebrachten Rolle zu verharren.

Frauen besetzen mehr als die Hälfte der Arbeitsplätze in Amerika, sind oft Versorgerinnen ihrer Familien. Aber wir sind so konditioniert, dass wir unsere angestammte Rolle nicht aufgeben. Eine Studie sagt, dass auch Frauen, die Hauptverdiener sind, mehr im Haushalt arbeiten als die Männer. Warum? Sehen Sie sich Hillary Clinton an. Je härter sie arbeitet und je aggressiver sie auftritt, desto mehr stellen die Medien sie als Schreckschraube dar. Frauen haben Angst, auf diese Weise wahrgenommen zu werden. Aber noch schlimmer finde ich jemanden wie Sheryl Sandberg, die uns weismachen will, dass das Problem nur bei uns liegt.

Wie meinen Sie das?

Als Facebook-Milliardärin schrieb sie das Buch „Lean In“, in dem sie uns rät, unsere inneren Widerstände zu brechen, dann könnten wir den Konflikt zwischen Mutterrolle und Superkarriere lösen. Eine amerikanische Tradition: alles, was schiefläuft, aufs Individuum abzuwälzen. Nicht das System ist schuld, wenn du ein Kind hast und dir keine Privatschule und Nanny leisten kannst; du selbst bist schuld. Die Wahrheit ist, dass besonders Frauen am Arbeitsplatz Probleme bekommen, wenn sie nicht die Normen einhalten.

Sehen Sie in Ihrem Bekanntenkreis einen Wandel?

Ja. Aber man muss bedenken, dass ich eine privilegierte weiße Frau bin, die meistens mit ähnlichen Leuten verkehrt. Ich habe zwei Sorten von Bekannten. Meine alten Harvard-Freunde und meine eher radikal-feministischen, anarchistischen Freunde. Für viele Leute in Harvard gehört die schnelle Heirat zum Erfolgsmodell: gute Uni, guter Job, guter Ehepartner. Das ist der ganze Lebensentwurf. Besonders für die Frauen.

„Du und ich sind ähnliche Kreaturen“, sagt Richard Gere zu Julia Roberts. „Wir ficken Leute für Geld.“ Nur steht er ganz oben in der Hackordnung und sie ganz unten.

Sie haben gerade geheiratet.

Aber nicht aus einem Zwang heraus, sondern weil ich meinen Mann liebe. Meine Schwiegereltern fanden das lustig, denn sie denken unkonventionell. Ich wurde sehr katholisch erzogen, also hat ein Teil von mir gesagt: Okay, lass uns das jetzt hinter uns bringen. Hinzu kommt, dass die Ehe vom Staat gefördert wird. Verheiratete Menschen genießen viele Privilegien und Vorteile. Ich habe jetzt eine richtig gute Krankenversicherung.

Wie haben Sie Ihren Mann kennengelernt?

Darüber spreche ich nicht.

Wie gehen Ihre anarchistischen Freunde mit dem Thema um?

Die halten sich nicht an Regeln. Sie machen, was sie wollen. Auf der anderen Seite kenne ich viele konventionell denkende Leute, die besser nicht zusammenleben sollten. Aber sie bahnen früh in der Beziehung die Hochzeit an, die Eltern investieren Zehntausende Dollar in das Ereignis. Das ist ein wichtiger Moment im Leben des Konsumenten in der amerikanischen Gesellschaft: wenn man mit seinem Partner zur Konsumeinheit verschmolzen wird. Dann folgen bald der Hauskauf und der zweite und dritte Wagen.

Wie hat sich die Partnersuche in weniger privilegierten Schichten verändert?

Ironischerweise glaube ich, dass der Wandel bei Menschen in prekärer Lebenslage schneller fortschreitet als in den gehobenen Ständen. Wenn irgendwo eine Fabrik schließt, verschwinden tariflich bezahlte Jobs. Meist entstehen neue Stellen, die den Talenten der Frauen entsprechen: in Callcentern, im Einzelhandel, in der Pflege. Arbeitende Frauen stellen häufig fest, dass der Mann eher eine Belastung darstellt. Es gibt Studien, die beschreiben, dass Männer durch die Ehe gesundheitliche Vorteile genießen, während die Gesundheit der Frau leidet.

In Ihrem Buch schreiben Sie auch über Hollywood-Filme der Achtzigerjahre – was lehren die uns?

Ich schreibe über „Risky Business“, „Pretty Woman“ und „American Psycho“, die im Kern eine identische Struktur haben. Der Mann als erfolgreicher Unternehmer, Aristokrat der Finanzindustrie, die Frau als Prostituierte, die von ihm erlöst wird oder im Fall von „American Psycho“ verspeist. „Du und ich sind ähnliche Kreaturen“, sagt Richard Gere zu Julia Roberts. „Wir ficken Leute für Geld.“ Nur steht er ganz oben in der Hackordnung und sie ganz unten. Es ist kein Zufall, dass wir in diesen Filmen Echos wahrnehmen aus der Zeit der Verkäuferinnen, die als Prostituierte beschimpft wurden, weil sie sich aus der Not heraus mit Männern trafen. Heute sehen wir hingegen Filme wie „Knocked Up“ oder „Joy“, wo die Frau eine verkrampfte, überarbeitete Zicke ist und erlöst wird von einem unreifen Trottel, der ihr zeigt, dass es andere Dinge im Leben gibt als den beruflichen Erfolg. Kinder etwa.

Das gilt aber nur für erfolgreiche Frauen im richtigen Alter. Bei jüngeren und ärmeren gelten Kinder als Stigma.

Früher provozierte die Gesellschaft Scham in jungen Menschen durch sexuelle Tabus. Heute ist Erfolglosigkeit das ultimative Tabu. Eine meiner smartesten Studentinnen in Yale wurde mit 20 schwanger. Sie verließ die Universität, um mit ihrem Freund auf dem Dorf zu leben. Das hat Aufsehen erregt.

Es heißt, das Internet zerstöre die romantische Liebe. Glauben Sie das auch?

Die Befürchtung, dass die romantische Liebe stirbt, gibt es seit mindestens hundert Jahren. In der vorindustriellen Zeit arrangierten Eltern die Beziehungen aus ökonomischen Gründen. Moderne Technik führt jetzt Elemente dieses Systems wieder ein: Die Kandidaten suchen rational nach ihren persönlichen Vorteilen. Sie überlassen ihr Liebesglück nicht mehr einem zufälligen Treffen an einer Bar.

Klingt trostlos.

Wir erzählen den Kindern: Seid flexibel, erwartet, gefeuert zu werden und ständig umzuziehen. Natürlich erzeugt so ein Ausblick die sogenannte Hook-up-Kultur, wo jeder ständig Partner wechselt. Ist auch kein Wunder, dass Arbeitssuche immer mehr wie Dating funktioniert. Die Silicon-Valley-Floskel heißt „Do What You Love“, und selbst Bewerber für die jämmerlichsten Jobs müssen rüberbringen, wie groß ihre Leidenschaft für die Aufgabe ist.

Bis sie gefeuert werden.

Hinzu kommen die Immobilienpreise in vielen Städten, die es unmöglich machen, eine Familie zu ernähren.

Aber das gilt nur für einige wenige Städte in der Welt.

In anderen Regionen gibt es dafür keine Jobs. Das Grundeinkommen ist ein Riesenthema in Silicon Valley. Ich habe einige Thinktanks besucht. Die arbeiten an einer neuen feudalen Gesellschaft: Nimm die 40 000 Dollar im Jahr und halte den Mund.

Eine feste Beziehung scheint immer mehr zum Wettbewerbsnachteil zu werden.

Für viele Leute in akademischen Berufen ist es naheliegend, in offener Ehe zu leben. Wenn zwei ehrgeizige Professoren zusammen sind, müssen sie oft über Jahre in zwei Städten arbeiten. Die männlichen Professoren haben ohnehin immer ihre Frauen betrogen, jetzt lösen die Paare das Problem ehrlicher.

Ist Liebe ein wichtiger Faktor im Kapitalismus?

War sie schon immer. Neulich bei einer Lesung stellte ein junger Computer-Nerd im Publikum sehr viele gute Fragen: Was bliebe übrig, wenn wir alle Aktivitäten aus dem Bruttosozialprodukt herausrechneten, die mit Dating zu tun haben? Schwer zu sagen. Wie viele Kleider kaufen die Frauen und wie viele Sportwagen die Männer, um im Wettbewerb zu glänzen?

Dating ist eine amerikanische Erfindung. Sie haben in Europa und China gelebt. Sind die Entwicklungen dort vergleichbar?

Wir exportieren unseren Konsum-Entertainment-Kapitalismus mithilfe der Technik. Vor 15 Jahren existierte in China das Wort Dating nicht. Als ich vor Kurzem wieder dort war, liefen im staatlichen Fernsehen 26 Shows mit dem Wort Dating im Titel. Meine deutschen Freunde sagen: Wir besaufen uns, dann nehmen wir jemanden mit nach Hause und gucken, was ein paar Wochen später aus der Angelegenheit geworden ist. In den vergangenen fünf Jahren hat sich das wegen der Apps verändert. Plötzlich daten die Leute wie in Amerika und denken: Komisch, wie mechanisch sich meine Liebschaften anfühlen. Die kulturellen Unterschiede sind kleiner, als man denkt. Junge Menschen mit Smartphone in der Großstadt leben überall gleich. ---

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