Ausgabe 02/2016 - Schwerpunkt Karriere

Liken oder forschen?

Das Dilemma

Judith Mylius erforscht in ihrem Magdeburger Labor jene Nervenzellen, die Schall in verständliche Geräusche umwandeln – ein bemerkenswertes Netzwerk und für viele Lebewesen ein wichtiger Draht zur Außenwelt. Essenziell für das Hören sind die richtigen Verbindungen der Nervenzellen und deren Aktivität.

Die 36-jährige Wissenschaftlerin am Leibniz-Institut für Neurobiologie interessiert sich für dieses Prinzip aber noch aus einem anderen Grund. Sie steht an einem entscheidenden Punkt ihrer Karriere: Jüngst hat sie für ihre Doktorarbeit den Nachwuchspreis der Leibniz-Gemeinschaft verliehen bekommen, eine der höchsten Auszeichnungen für junge Wissenschaftler in Deutschland. Viele frühere Preisträger sind inzwischen Professoren oder haben leitende Stellungen in der Forschung.

„Bei der Preisverleihung in Berlin dachte ich, was mach’ ich jetzt, hier sind so viele Leute mit Einfluss, hochrangige Wissenschaftler, der Ministerpräsident von Niedersachsen, eigentlich müsste ich mal anfangen zu netzwerken.“ Doch es fällt ihr noch immer schwer, sich bei Veranstaltungen voller Fremder zu einer Gruppe zu gesellen und einen Kontakt herzustellen. „Irgendwie haben sich dann doch ein paar hilfreiche Gespräche ergeben“, sagt sie, „vermittelt durch meine Mentorin am Leibniz-Institut.“

Doch wie weiter? Für junge Forscher gibt es zwei Methoden. Die klassische ist das Veröffentlichen in renommierten Fachzeitschriften. Um zitiert und wahrgenommen zu werden, brauchen Wissenschaftler vor allem Ergebnisse. Die zweite Methode besteht darin, in Verbindungen zu investieren, die später nützlich sein könnten.

Welche soll Mylius wählen? Vernetzung um jeden Preis, Konferenzen besuchen, soziale Medien und Mailinglisten nutzen? Oder soll sie ihre Energie ganz in die Forschung stecken, in die Analyse der Daten aus ihren Verhaltensexperimenten mit Langschwanz-Makaken?

Vernetzt euch!

Netzwerken für Karriere und Forschung – dafür steht Ijad Madisch, 36. Im Mai 2008 hat er mit Freunden das Berliner Start-up Researchgate gegründet, auf dessen Plattform Wissenschaftler Publikationen teilen und Mitstreiter finden. Bill Gates und andere Investoren haben dort mehr als 35 Millionen Dollar investiert. Wer bei Google Scholar nach Aufsätzen sucht, landet meist bei Researchgate.

Für Madisch gehören Vernetzung und Wissenschaft zusammen. „Es geht ums Entdecken und Entdecktwerden“, sagt er. „Wenn ich meine Arbeit dort zeige, wo viele meiner Fachkollegen sind, ist die Wahrscheinlichkeit, gelesen zu werden, größer.“ In der Frage-und-Antwort-Rubrik von Researchgate kann man Fragen zu jedem Thema stellen, die dann die Experten dieses Fachgebiets angezeigt bekommen.

Rick Arneil Arancon hat das getan. „Unser Seminarleiter hatte uns die Aufgabe gestellt, ein Experiment mit sozialer Dimension zu entwerfen“, sagt der Chemiestudent der philippinischen Xavier University. Die ganze Woche hatte er darüber nachgedacht. „Eines Abends suchte ich nach Literatur. Ich fand einen Aufsatz, in dem ein Verfahren zur Umsetzung von Zucker in andere Kohlenstoffe zur Energiegewinnung diskutiert wurde. Und dann erinnerte ich mich an die Maiskolben vom Abendessen, von denen der größte Teil im Müll landet.“ Arancon verband die beiden Beobachtungen und war sich sicher: Er hatte eine Idee für die bessere Erzeugung von Biodiesel aus Ernteabfällen gefunden. Eine Idee, die größer war als eine Seminararbeit.

Sie ließ ihn nicht mehr los. Er wollte das Verfahren am liebsten sofort testen und die Ergebnisse analysieren lassen. Doch Arancon hatte weder Zugang zu Fachzeitschriften noch zu einem Labor. Also meldete er sich bei Researchgate an und stellte seine Frage. Rafael Luque, Professor für organische Chemie an der Universität Cordoba in Spanien, antwortete wenige Stunden später. Es entwickelte sich ein Dialog. Der Professor erkannte schnell den Wert der Idee des jungen philippinischen Studenten. Der testete gemeinsam mit Luque das Verfahren und publizierte die Ergebnisse. Schließlich verschaffte der spanische Professor dem Studenten eine Stelle in seinem Labor und half ihm, eine Doktorandenstelle zu finden.

„Die Geschichte zeigt, welche Möglichkeiten sich auftun, wenn man mit seiner Frage potenziell Millionen Wissenschaftler erreichen kann. Und zwar genau diejenigen, die die Antwort wissen“, sagt Madisch. Doch diese Form des Kontaktknüpfens ist aufwendig, und zu vielen Themen gibt es auf Researchgate mehr Fragen als gehaltvolle Antworten.

„Ich bin eigentlich ein Totalverweigerer, was soziale Netzwerke angeht“, sagt die Neurobiologin Mylius. Facebook-Likes für die eigenen Publikationen zu sammeln, „das geht gar nicht“. Sie hat kein Twitter-Konto und nutzt Facebook nur privat. Ein Profil bei Researchgate hat sie jedoch angelegt. Aus Karrieregründen, um Forscher weltweit auf sich aufmerksam zu machen. Es sei wichtig, von den Redakteuren der Forschungsjournale gesehen zu werden, von den Kommissionen, die über Forschungsgelder, oder den Jurys, die über Preise entscheiden. „Um in der Forschungslandschaft zu bestehen, kommt man heute um solche Netzwerke nicht herum“, sagt Mylius. „Vom wissenschaftlichen Output her hat mir Researchgate aber bisher nichts gebracht.“

Forscht!

Der Biochemiker Thomas Südhof hält Netzwerke für überschätzt. Ein Researchgate-Profil hat er nicht angelegt. Der deutsch-amerikanische Nobelpreisträger für Medizin legte den Grundstein seiner Karriere als wissenschaftlicher Einsiedler. Mitten in der Forschungsphase seiner Promotion verließen sein Betreuer und dessen Forschungsgruppe das Max-Planck-Institut in Göttingen. Südhof blieb zurück und war auf sich gestellt. „Ich hatte keine Kontakte und war ein Außenseiter“, sagt er. Seine erste Veröffentlichung in einem Fachmagazin trug nur seinen eigenen Namen – was heute fast undenkbar ist. Weil Wissenschaft komplex und arbeitsteilig geworden ist, haben Aufsätze mittlerweile oft ein halbes Dutzend Autoren. Während eine Gruppe beispielsweise die Methoden beiträgt, führt eine andere die Experimente durch. Die Autorenzeile zeigt einen Ausschnitt aus dem Netzwerk der Forscher.

Nach seinem Studium bekam Thomas Südhof verschiedene Angebote. Im Jahr 1983 wechselte er an die University of Texas Southwestern, Abteilung für Molekulargenetik, um im Labor von Joe Goldstein und Mike Brown in Dallas zu arbeiten. Dort nahm er sich der damals offenen Frage an, mit welchem molekularen Mechanismus Nervenzellen ihre Botenstoffe ausschütten. Neben der wissenschaftlichen Begeisterung trieb ihn der Gedanke, Menschen mit seiner Forschung helfen zu können. Wenige Monate später erhielten Goldstein und Brown für ihre Entdeckungen zur Regulierung des Cholesterin-Stoffwechsels den Nobelpreis für Medizin.

Für seine eigenen Entdeckungen bekam Südhof 30 Jahre später, 2013, ebenfalls den Nobelpreis, gemeinsam mit zwei amerikanischen Biochemikern. Mit großen Netzwerken habe sein Erfolg wenig zu tun, sagt Südhof. „Manche Forscher glauben heute, dass es ihrer Karriere helfen würde, wenn die richtigen Leute sie kennen würden. Ich halte das aber für eine vollkommen falsche Einschätzung davon, wie Wissenschaft funktioniert. In meiner wissenschaftlichen Entwicklung hatte ich keine Netzwerke. Im Gegenteil: Die, die im selben Feld waren wie ich, haben mich nicht selten bekämpft.“

Die Zahl der Wissenschaftler, mit denen er regelmäßig kommuniziert, sei im Verlauf seiner Karriere gestiegen. Seitdem er Nobelpreisträger ist, bekleidet er zusätzliche Ämter in Gremien, als Gutachter oder als Berater. Zu seinen Kontakten gehören mittlerweile Hunderte Forscher. „Wirklich entscheidend für meine eigene Forschung sind aber nur wenige, vielleicht 20 Leute.“ Diese Größenordnung habe sich während einer Karriere nicht geändert. Was letztlich zähle, seien die Entdeckungen, die man mache, und nicht, wer einen kenne. Südhof sagt: „Das System ist auch heute noch gut genug, dass es eine neue Entdeckung irgendwann erkennt und dann adaptiert. Man muss dafür nicht Teil einer Ingroup sein.“

Einer jungen Forscherin in Mylius’ Situation rät Südhof: „Die Tatsache, dass ich 1000 Leute kenne, hilft diesen 1000 Leuten nicht. Letztlich geht es darum, was sie im Labor zustande bringen, was sie denken und was für Ideen sie haben.“ Dafür seien Kontakte nach außen nicht entscheidend. „Im Gegenteil“, sagt Südhof, „zu viele Kontakte lenken nur ab; wenn alle immer mit allen reden, dann haben am Ende alle die gleichen Ideen. Für eine wissenschaftliche Karriere ist das nicht besonders sinnvoll.“

Auch Rick Arneil Arancon, dessen Karriere mit einer Online-Anfrage über Biodiesel begann, sagt, dass er heute Researchgate weniger nutze. Er könne ja am Institut einfach ins Zimmer nebenan gehen und einen Kollegen fragen. Die Neurowissenschaftlerin Judith Mylius hat die Entdeckung gemacht, dass sie ihre besten Ideen eher am Abend in der Badewanne hat und nicht im Chat mit Forschern auf der anderen Seite der Welt. Das liege auch daran, sagt sie, dass in ihrem Forschungsgebiet, der Stimulation tief liegender Hirnzellen bei Langschwanz-Makaken, bisher nur eine einzige Person arbeite: sie selbst. ---

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