Ausgabe 02/2016 - Schwerpunkt Karriere

Impact Dock

Auf die Plätze, fertig, los!

„MIR GEFÄLLT DIE FREIHEIT SEHR“

Pia Sundermann
Bushra Alissa

Das Paar: Bushra Alissa, 27, Pharmazeutin aus Damaskus, seit November 2014 in Deutschland, und Pia Sundermann, 37, Leiterin der Qualitätskontrolle beim Pharmahersteller Zytoservice, der auf individualisierte Infusionslösungen spezialisiert ist. Die schnell wachsende Firma muss monatlich im Schnitt vier bis fünf Stellen neu besetzen, die benötigten Spezialisten sind schwer zu finden. Schon jetzt ist die Hälfte aller rund 250 Zytoservice-Mitarbeiter ausländischer Herkunft.

brand eins: Frau Sundermann, warum sind Sie Mentorin geworden?

Pia Sundermann: Ich bin durch Syrien gereist, bevor der Krieg begann. Ein wunderschönes Land mit hilfsbereiten und gastfreundlichen Menschen. Ich möchte ihnen etwas zurückgeben. Außerdem brauchen wir bei Zytoservice immer qualifizierte Pharmazeuten.

Frau Alissa, was erhoffen Sie sich von dem Mentoring?

Bushra Alissa: Ich möchte erleben, wie es im deutschen Arbeitsleben zugeht. Und ich möchte die deutsche Kultur besser kennenlernen und die Sprache noch besser beherrschen. Da ich keine deutschen Freunde habe, ist die Firma der einzige Ort, an dem ich üben kann.

Was ist Ihr wichtigstes Ziel?

So schnell wie möglich einen richtigen Job zu haben. Dazu muss aber erst mein Abschluss in Deutschland anerkannt werden. Wahrscheinlich muss ich eine Zusatzprüfung machen. Pia hilft mir, das zu klären. Eine Arbeitserlaubnis habe ich zum Glück schon.

Was konnten Sie bisher tun?

Zytoservice betreibt eine eigene Akademie, um neuen Mitarbeitern das nötige Spezialwissen zu vermitteln. Ich habe sämtliche Schulungsunterlagen und Arbeitsanweisungen ins Arabische übersetzt und ein Glossar für Fachbegriffe erstellt. Das hat Spaß gemacht, es nützt der Firma, und ich habe viel gelernt.

Wie verbringen Sie im Moment Ihre Zeit?

Ich mache ein Praktikum in einer Apotheke in Hamburg-Eimsbüttel, das mir Zytoservice vermittelt hat.

Wo leben Sie?

Meine Eltern, meine Schwester und ich wohnen in einer kleinen Wohnung am Stadtrand. Wir sind alle zusammen aus Syrien geflohen. Zwei meiner Brüder leben auch in Hamburg.

Gibt es etwas, das Ihnen Sorgen bereitet?

Ich kann im Moment die normalen Arbeitszeiten in der Apotheke nicht einhalten, weil ich Angst habe, im Dunkeln mit der S-Bahn nach Hause zu fahren. Nach den Anschlägen in Paris bin ich dort von einer Frau angepöbelt worden. Was, wenn es ein Mann gewesen wäre? Ich fürchte mich davor, angegriffen zu werden. Wenn ich richtig arbeiten will, muss ich dafür eine Lösung finden. Vielleicht mache ich einen Führerschein. Dann muss ich nicht mehr mit der Bahn fahren.

Was gefällt Ihnen in Deutschland am meisten?

Die Freiheit. Ich will hier ein neues Leben aufbauen. Und für meine Eltern, die die deutsche Kultur nicht verstehen, die Übersetzerin sein.

Auf brandeinslab.de verfolgen wir den Weg von Pia Sundermann und Bushra Alissa weiter: Wird sie Zusatzprüfungen ablegen müssen, damit ihr Studienabschluss anerkannt wird? Wann kann sie sich endlich einen richtigen Job suchen und Geld verdienen? Wo wird das sein, in einer Apotheke oder vielleicht doch bei Zytoservice? Und wird sie bis dahin ihre Angst überwinden – oder es schaffen, den Führerschein zu machen?

„ICH WILL UNBEDINGT EINEN JOB“

Juliane Bossmann
Ayham Shapiah

Das Paar: Ayham Shapiah, 28, Betriebswirt mit Schwerpunkt Finanzen aus Latakia in Syrien, seit Oktober 2014 in Deutschland, und Juliane Bossmann, 29, Firmenkundenbetreuerin in der Hamburger Niederlassung der GLS Bank. Das Finanzhaus, das sich als besonders fair und nachhaltig präsentiert, will Zuwanderer davor bewahren, auf die Tricks der weniger kundenfreundlichen Geldinstitute hereinzufallen. Die Bank will sie aufklären und Angebote entwickeln, die den besonderen Bedürfnissen Rechnung tragen. Shapiah und Bossmann sollen in Hamburg das Terrain dafür sondieren, sich in den Flüchtlingsunterkünften umtun.

brand eins: Frau Bossmann, warum sind Sie Mentorin geworden?

Juliane Bossmann: Schon als Studentin wollte ich wissen, wie Wirtschaft funktioniert – um dann irgendwo zu arbeiten, wo die Werte stimmen und man etwas Gutes machen kann. Dieses Projekt ist eine tolle Ergänzung zu meinem normalen Job. Ich will Ayham einen Einblick in die deutsche Arbeitswelt verschaffen, nehme ihn mit in meine Abteilung, zu Meetings und wenn möglich auch zu Kundenterminen. Vielleicht ergibt sich aus den Kontakten, die er dadurch bekommt, sogar ein Jobangebot.

Herr Shapiah, was erhoffen Sie sich von dem Mentoring?

Ayham Shapiah: Ich will wissen, wie die Sachen hier laufen, wie der Arbeitsalltag aussieht. Ich will lernen, wie man sich richtig bewirbt, dabei hilft mir Juliane. Und ich will der Bank dabei helfen, gute Angebote für Flüchtlinge zu entwickeln. Bei den Banken, die ich vorher kennengelernt habe, war es schwierig als Zuwanderer.

Was ist Ihr wichtigstes Ziel?

Vor allem meine Frau nach Deutschland zu holen. Sie ist noch in Latakia, weil die Flucht für sie zu gefährlich gewesen wäre. Aber da ich jetzt eine Aufenthaltsgenehmigung habe, kann sie mit dem Flugzeug kommen. Ich wünsche mir, dass es schnell geht. Latakia ist zwar kein direktes Kampfgebiet, aber es schlagen trotzdem immer wieder Raketen ein. Außerdem will ich unbedingt einen Job finden, möglichst einen, bei dem ich nicht am Schreibtisch sitze, sondern draußen bei Kunden bin. Das war ich auch bei der Im- und Exportfirma, für die ich in Latakia gearbeitet habe.

Was konnten Sie bislang tun?

Ich habe Juliane in der Bank begleitet, bin mit bei einem Kunden gewesen, der uns seine Fabrik gezeigt hat. Das war sehr interessant. Vielleicht gibt es dort einen Job für mich, ich habe meine Bewerbungsunterlagen hingeschickt.

Wie verbringen Sie im Moment Ihre Zeit?

Ich gehe zum Deutschunterricht, habe gerade eine wichtige Prüfung abgelegt. Außerdem begleite ich Juliane und bewerbe mich, wann immer sich eine Chance ergibt.

Wo leben Sie?

In einer Flüchtlingsunterkunft.

Gibt es etwas, das Ihnen Sorgen bereitet?

Die Sicherheit meiner Frau. Ich denke jeden Tag an sie. Auch einen Job zu finden ist schwierig. Es ist hier so anders als in Syrien. Das Gleiche gilt für die Wohnungssuche. Ich habe 40 Wohnungen besichtigt, ab dem 1. April habe ich zum Glück eine.

Was gefällt Ihnen in Deutschland am meisten?

Sie akzeptieren Fremde hier, die Leute sind nett und haben mir sehr geholfen. In Italien war das nicht so, dort waren viele Menschen unfreundlich. Deutschland ist das beste Land in Europa. Nur die Bürokratie auf den Ämtern mag ich nicht.

Auf brandeinslab.de verfolgen wir den Weg von Juliane Bossmann und Ayham Shapiah weiter: Wird seine Frau unversehrt hier eintreffen? Und hat er dann vielleicht schon einen Job? Wie wird es mit dem Projekt der GLS Bank weitergehen? Welche Bedürfnisse werden Shapiah und Bossmann unter den Zuwanderern feststellen? Und wie schnell wird die Bank aktiv werden?

„ICH FÜHLE MICH WOHL UND SICHER“

Kawa Khalaf
Ulrike Fohr

Das Paar: Kawa Khalaf, 32, Agraringenieur aus dem syrischen Amouda, seit Oktober 2014 in Deutschland, und Ulrike Fohr, 55, Direktorin des Hamburger Hotels „The George“. Das Haus hat viele internationale Gäste, darunter auch Gesundheitstouristen aus dem arabischen Raum, die sich in der Klinik St. Georg gegenüber dem Hotel behandeln lassen. Fohr ist immer auf der Suche nach engagiertem Nachwuchs. Khalaf hat auf seiner Flucht in einem Hotel gejobbt, was ihm gut gefallen hat.

brand eins: Frau Fohr, warum sind Sie Mentorin geworden?

Ulrike Fohr: Dass Kawa hier ist, ist gut für alle im Hotel: Es schult die Toleranz, die Leute werden offener, was wichtig ist für ein internationales Haus wie unseres. Es ist auch eine Herausforderung für unsere Führungskräfte. Vor allem aber bin ich mit dem Herzen dabei: Wenn ich in meinem Freundeskreis von Kawa erzähle, sind viele überrascht. Ich zeige damit: Es tut nicht weh, sich zu engagieren, im Gegenteil. Erst war ich traurig über sein Schicksal, aber jetzt denke ich: Wir machen das Beste daraus.

Herr Khalaf, was erhoffen Sie sich von dem Mentoring?

Kawa Khalaf: Ich möchte etwas tun, arbeiten. Und ich möchte Deutsch sprechen. Ich kenne außerhalb des Hotels noch keine Deutschen.

Was ist Ihr wichtigstes Ziel?

Besser Deutsch zu lernen und eine gute Arbeitsstelle zu finden. Ich weiß noch nicht, ob mein Abschluss als Agraringenieur anerkannt wird. Das wird gerade geprüft, und ich gehe davon aus, dass es klappt. Wenn nicht, möchte ich noch eine Ausbildung machen. Ein Freund aus Syrien, der seit 15 Jahren hier ist, hat das nicht getan und arbeitet jetzt in einem Imbiss. Das ist schade.

Was konnten Sie bislang tun?

Ich bin dreimal in der Woche hier, lerne alle Bereiche im Hotel kennen. Im Moment bin ich im Housekeeping.

Wie verbringen Sie im Moment Ihre Zeit?

Ich gehe zum Deutschunterricht und mache mein Praktikum im Hotel. Außerdem musiziere ich viel mit der Saz, einem türkischen Instrument, und lerne gerade, Gitarre zu spielen.

Wo leben Sie?

In einer kleinen Wohnung, Ulrike und ihre Kollegen aus dem Hotel haben mir bei der Einrichtung geholfen.

Gibt es etwas, das Ihnen Sorgen bereitet?

Nein. Ich fühle mich wohl und sicher.

Was gefällt Ihnen in Deutschland am meisten?

Die Menschen hier sind sehr freundlich und hilfsbereit. In Syrien hat man über Deutschland erzählt, dass die Menschen sehr für sich leben und wenig Kontakt pflegen. Das stimmt überhaupt nicht. Außerdem bin ich beeindruckt von der Demokratie, den Gesetzen, der Ordnung im Land.

Auf brandeinslab.de verfolgen wir den Weg von Ulrike Fohr und Kawa Khalaf weiter: Wird sein Abschluss anerkannt werden? Oder muss er dafür zusätzliche Prüfungen absolvieren? Wenn ja, wird er sich dafür entscheiden oder doch lieber im Hotel sein Glück versuchen? Wird er dort in den kommenden Monaten überhaupt reüssieren angesichts seiner Schüchternheit? Oder gelingt es ihm, sie zu überwinden?

Wie das Mentorenprogramm funktioniert

 

Am Anfang standen zwei Frauen und eine Überzeugung: dass viele der Zuwanderer, die derzeit nach Deutschland kommen, Menschen mit großen Potenzialen sind. Nur wie macht man sie sichtbar? Yukiko Elisabeth Kobayashi, 47, ehemals Personalerin bei der Lufthansa und bei Astra Zeneca, hatte gute Erfahrungen mit Mentorenprogrammen gemacht, bei denen Führungskräfte sich jüngerer Kollegen annahmen, um deren Entwicklung zu fördern, und gleichzeitig selbst vom Austausch mit dem Nachwuchs profitierten. Sie beschloss gemeinsam mit ihrer Partnerin Alexa Drichelt, 34, solche Partnerschaften für qualifizierte Zuwanderer und Führungskräfte aus Hamburger Unternehmen zu organisieren.

In einem ersten Schritt überzeugten sie Fördern & Wohnen, den Betreiber der Flüchtlingsunterkünfte, mit ihnen zu kooperieren, um Zugang zu interessierten Zuwanderern zu erhalten. Als Nächstes begannen die beiden, Firmen ins Boot zu holen, ihnen den wirtschaftlichen Nutzen der Teilnahme nahezubringen. „Es war anfangs schwierig, viele Firmen waren skeptisch. Dem Zuwanderer auf Augenhöhe zu begegnen, ihn als ökonomische Bereicherung zu sehen widerspricht natürlich dem Impuls, eine Beziehung von Helfer zu Hilfsbedürftigem herzustellen. Manchmal rannten wir aber auch offene Türen ein. Das hat uns angespornt, weiterzumachen“, sagt Kobayashi.

Die beiden Frauen gründeten die Firma Impact Dock und begannen in Zusammenarbeit mit der Leuphana Universität Lüneburg, Fragebögen zu entwickeln, die sowohl die Qualifikationen und Persönlichkeiten der Zuwanderer als auch die der Mentoren systematisch erfassen sollen. Mithilfe dieser Leitfäden führten sie dann zwei- bis dreistündige Gespräche mit bislang gut 40 Flüchtlingen, die ihnen von Fördern & Wohnen und andere Beteiligten empfohlen wurden. Später befragten sie auch die Mentoren und filterten dabei die besonderen Bedürfnisse der Firmen heraus. Dann stellten sie die Paare zusammen. Mit einem Workshop im Oktober 2015 begann das Programm mit 15 Flüchtlingen.

Manche Zuwanderer absolvieren Praktika bei ihren Mentoren, andere treffen sich in loser Folge. Aber alle haben gemeinsame Ziele definiert, und alle kommen voran. In der ersten Runde sind 15 Zuwanderer dabei, die Mentoren in Konzernen wie Otto und in Institutionen wie dem Hamburger Thalia Theater gefunden haben. Im Februar geht aufgrund des großen Interesses eine zweite Gruppierung von Firmen-Mentoren und Zuwanderer-Mentees an den Start. Die Kosten von 1000 bis 4000 Euro übernehmen die Firmen. Für die Zuwanderer ist die Teilnahme gratis.

 

 

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