Ausgabe 02/2016 - Schwerpunkt Karriere

Volkert Ruhe

Es begann in Santa Fu

• Der 14. Dezember 2015 ist einer dieser Tage, an denen der 60-jährige Volkert Ruhe die eigene Vergangenheit heraufbeschwört, seine Jugend und die langen Jahre, die er hinter Gittern verbracht hat. Das gehört zu seinem Job.

Er sieht aus wie ein Mann, der nicht auffallen möchte, trägt dunkelblaue Jeans, ein hellblaues Hemd und eine randlose Brille. Er sitzt im Konferenzraum seines Vereins in Hamburg-Wandsbek, neben ihm Jeremy (Name geändert), ein 13-Jähriger, dessen gequältes Lächeln offenbart, dass er sich nicht wohlfühlt in seiner Haut. Es ist das erste Treffen der beiden. Jeremy hat schon wieder Ärger mit der Polizei, nach dem Vorwurf der Erpressung, der sexuellen Belästigung und der Körperverletzung bereits das vierte Mal. Diesmal ist er mit zwei Freunden auf der Klassenreise in einen Kiosk eingebrochen. Sein Vater, ein Strafgefangener im offenen Vollzug, und seine Mutter, eine Bürokauffrau, leben schon länger getrennt. Jetzt warten sie gemeinsam vor der Tür und hoffen, dass Ruhe hinkriegt, woran Lehrer und Schulpsychologen bislang gescheitert sind: ihren Jungen wieder in die richtige Spur zu bringen.

„Weißt du, weshalb du heute hier bist?“, fragt Ruhe.
„Mein Vater hat gesagt, ich soll das machen, damit ich abgeschreckt werde.“
„Wenn ich dich abschrecken wollte, hätte ich dir einen tätowierten Glatzkopf hierhin gesetzt, der schon drei Leute umgebracht hat und dich mal richtig zusammenfaltet. Es geht nicht um Abschreckung, auch wenn es in unserer Arbeit sicherlich Momente gibt, die abschreckend sind. Zum Beispiel wenn wir in den Knast gehen, die Jugendlichen mit den Inhaftierten reden und eine Viertelstunde in eine Zelle eingesperrt werden.“
„Ich war schon mal im Knast.“
„Aber nur im Besucherraum. Ich war fast acht Jahre da zu Hause. Die Wände waren vollgespuckt und voller Flecken. Wenn Gefangene ausgetickt sind, haben sie in Gläser gekackt und sie gegen Wände oder auf Beamte geschmissen. Solche Sachen laufen da ab. Erzählt dir dein Vater manchmal, wie es im Knast zugeht?“
„Nicht so viel.“
„Wahrscheinlich mag er nicht. Für mich ist das normal. Aber sag mal, warum baust du so viel Scheiße?“
„Weiß nicht.“
„Hast du nie darüber nachgedacht? Warum klaust du zum Beispiel?“
„Weiß nicht.“
„Wegen der Sachen, die du durchs Klauen kriegst? Oder wie kommt man auf so eine Idee?“
„Einfach so. Wenn man mit Freunden zusammen ist.“
„Und wer kommt dann auf die Idee? Du oder einer deiner Freunde?“
„Manchmal ich.“
„Bei mir hat es früher auch so angefangen. Und dann ist es immer schlimmer geworden. Willst du wissen, wie?“
„Ja.“

Eine Dreiviertelstunde dauert das Gespräch. Ruhe erzählt, wie er kriminell wurde und Geschichten aus dem Gefängnis. Nach und nach beginnt auch Jeremy, mehr von sich preiszugeben. Sie vereinbaren, sich einmal im Monat zu treffen. Am Ende zeigt der 60-Jährige dem Jungen zwei Fotos.

Das eine hängt im Nebenzimmer an einer Pinnwand. Es wurde 1997 in seiner Zelle in der Justizvollzugsanstalt Hamburg-Fuhlsbüttel aufgenommen, besser bekannt als Santa Fu. Man sieht ein Regal voller Bücher und Ordner, an der Wand ein Pin-up. Und man sieht Ruhe, wie er in Jogginghose auf der Bettkante sitzt und raucht.

Das zweite Foto, ein Gruppenbild, hängt gerahmt im Konferenzraum. Es entstand 2010 im Bundeskanzleramt und zeigt die Vertreter von 25 Initiativen, die gerade für ihren Beitrag zur Behebung sozialer Missstände ausgezeichnet wurden. Ruhe steht in der ersten Reihe, im feinen Anzug, breitbeinig, nur einen Meter von Angela Merkel entfernt.

Die meisten Häftlinge haben Probleme, nach ihrer Entlassung draußen wieder Fuß zu fassen. Im ersten Jahr scheitern viele, weil sie keine Arbeit finden. Und weil sich Prozess- und Anwaltskosten sowie weitere Forderungen, die mit ihrer Straftat zusammenhängen, zu einem bedrohlichen Schuldenberg getürmt haben. Die fehlende Perspektive ist einer der wichtigsten Gründe, warum jeder dritte jener 50.000 Menschen, die jedes Jahr aus einem deutschen Gefängnis entlassen werden, binnen drei Jahren dorthin zurückkehrt und der Kriminologe Bernd Maelicke eindringlich fordert, Ex-Häftlinge nicht länger ihrem Schicksal zu überlassen.

Auch Ruhe hatte Schulden, als er im April 2002 aus dem Gefängnis kam: 20.000 Euro. Aber er hatte einen Plan. Schon in der Haft hatte er mit einem Kollegen einen Verein gegründet mit dem Zweck, sich um Minderjährige zu kümmern, die durch erste Straftaten aufgefallen sind. Er war noch im offenen Vollzug, als er die erste Geschäftsstelle von „Gefangene helfen Jugendlichen“ aufbaute – in einem kleinen Raum, den ihm ein Hamburger Pastor kostenlos zur Verfügung stellte. Ruhe war der einzige Angestellte des Vereins. Eine Hälfte seines Monatsgehalts von 1700 Euro brutto finanzierte im ersten Jahr die Agentur für Arbeit, die zweite Hälfte die Gustav und Marliese Boesche Stiftung, die sich für vernachlässigte Jugendliche engagiert.

So begann sein Aufstieg. Seine Geschichte ist die eines Mannes, der mit 47 aus der Haft kommt und als Sozialunternehmer durchstartet, obwohl es in dem Milieu, in dem er aufgewachsen ist, keinerlei Vorbilder gab.

Der Absturz

Geboren 1955 in Osterode am Harz. Hauptschule. Mit 15 zu Hause rausgeflogen. Erste Diebstähle. Mit 18 wegen Einbruchs das erste Mal im Knast. Sieben Jahre Mitglied einer Drückerkolonne. Mit 37 Kokainschmuggel im Auftrag der kolumbianischen Drogenmafia. Mit 40 zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt, von denen er sieben absitzen muss.

Reduziert auf die harten Fakten, ist sein Werdegang der eines typischen Kriminellen, der klein anfängt und dann über die Jahre die Schwere seiner Delikte steigert. Und auch Ruhes Erklärung klingt nach Klischee: „Ich bin da situationsbedingt reingeraten. Ich habe halt ein schlechtes Los gezogen.“

Sein Vater, ein Tischler, der auf dem Bau arbeitet, kommt jeden Tag volltrunken nach Hause. Die Familie wohnt in Münchehof am Nordwestrand des Harzes. Volkert ist das zweitjüngste von sechs Kindern. Alle leben sie in großer Angst vor dem Vater. Die drei Jungs, weil er sie im Suff mit einem Schürhaken auf den Rücken schlägt. Die drei Mädchen, weil er sich an ihnen vergeht. Einmal, im Alter von 15, hört Volkert fürchterliche Schreie aus dem Mädchenzimmer. Die Mutter ist beim Häkeln im Kirchenkreis. Er öffnet die Tür, sieht, wie sein Vater auf seiner 13-jährigen Schwester liegt. Benommen läuft er weg, übergibt sich.

Der Vater wirft ihn danach aus dem Haus. „Ich war am Boden zerstört, ich wusste ja nicht, wohin ich sollte.“ Er findet in der verwaisten Kleingartensiedlung von Münchehof eine Laube, in der er fortan schläft. Wenn er Hunger hat, lässt er in den Geschäften Konserven mitgehen oder bricht nachts in die Wurstfabrik am Ortsrand ein. „Manchmal traf ich mich heimlich mit meiner Mutter, die mir dann ein paar Mark zusteckte.“

In den folgenden 20 Jahren schlägt sich Ruhe mit diversen Jobs durch. Mehrfach versucht er, ein bürgerliches Leben zu führen, zieht zweimal mit einer Frau zusammen, sucht sich eine feste Arbeit. Doch entweder scheitert die Beziehung, oder er verliert seine Stelle – mit der Folge, dass er sich gehen lässt, sein Geld in Kneipen und Diskotheken verprasst, Schulden macht, Miete prellt, auf der Straße landet.

Er ist Mitte 30, als ihn ein Freund, ein in Hamburg lebender Kolumbianer, zu einem Urlaub bei seiner Familie einlädt. In Girón angekommen, einer Stadt im Nordosten Kolumbiens, umarmt ihn die Mutter des Freundes herzlich. Er wird bekocht, fährt täglich ans Meer. Abends tanzt er Salsa und Merengue. Ruhe lernt viele Frauen kennen und erstmals, was es heißt, das Leben zu genießen. „Es war das Paradies.“ Er will nicht mehr weg, aber wovon leben? Sein Freund kennt Leute vom Cali-Kartell, das damals 80 Prozent der Kokainexporte Kolumbiens kontrolliert. Ruhe wird zum Drogenkurier. Der Deal: Er fliegt regelmäßig von Costa Rica oder Panama nach Europa und schmuggelt zehn Kilo Kokain. Acht Kilo verkauft er für das Kartell, zwei auf eigene Kasse. Zudem bekommt er 20.000 D-Mark Transportprämie.

Unfassbar viel Geld für ihn – aber zu welchem Preis! Die Angst übermannt ihn, sobald er den Koffer in Empfang nimmt, in dem sich allerlei Kamera-Equipment und in einem Akku für Blitzlichtgeräte auch das gepresste Kokain befindet. Am größten ist die Panik beim Passieren des Zolls. Einen einzigen Transport führt Ruhe selbst durch. Dann heuert er in Hamburger Kneipen Leute an, die das für ihn erledigen. Er leitet die Kuriere vor dem Abflug in Mittelamerika an, nimmt eine Maschine später nach Hamburg oder Neapel und fliegt dann nach der Auslieferung des Kokains mit dem Geld zurück. Doch die Furcht bleibt. Wenn die Ware verloren geht, weiß Ruhe, hat seine Stunde geschlagen, und zudem sind da noch die konkurrierenden Kokainhändler, die ihn schon einmal in Hamburg zusammengeschlagen und mit dem Tod gedroht haben, falls er weiter in ihrem Revier wildere. Er kennt nur noch zwei Gemütszustände: Angst und Erleichterung, wobei die Erleichterung nur einen kurzen Moment andauert, dann wird sie schon wieder von der Angst verdrängt.
„Es war die Hölle.“

Im Februar 1995 wird er von Interpol-Beamten verhaftet. Einer der Kuriere ist aufgeflogen und hat ausgepackt – wenige Monate nachdem Ruhe aus dem Drogenhandel ausgestiegen ist und im kolumbianischen Bucaramanga einen Laden für Modeschmuck und Bergkristalle eröffnet hat. 14 Tage verbringt er in einer Zelle in Panama-Stadt, mit neun weiteren Häftlingen auf zehn Quadratmetern, dann wird er nach Deutschland geflogen, kommt in Untersuchungshaft und schließlich nach Santa Fu.

Die Fähigkeiten

Friederike Klose, früher stellvertretende Gefängnisleiterin, sagt: „Er war ein Ausnahmehäftling. Ich habe selten erlebt, dass jemand seine Zeit vom ersten Tag an so konstruktiv nutzt.“

Santa Fu ist in den Neunzigerjahren ein außergewöhnlich harter Knast. Es gibt rivalisierende Banden, die Geschäfte mit Drogen machen, Geld zu hohen Zinsen verleihen und als Opfer auserkorene Häftlinge dazu zwingen, sich von anderen Gefangenen sexuell erniedrigen zu lassen. Ruhe hingegen sitzt täglich sechs Stunden im Unterricht des damaligen Gefängnislehrers Bernd-Dieter Drost, löst quadratische Gleichungen, paukt englische Vokabeln, diskutiert mit Klassenkameraden über Jugendgewalt. Er holt die mittlere Reife nach und beginnt anschließend ein Fernstudium in Informatik.

Musterhäftlinge wie er sind eigentlich für die Opferrolle prädestiniert. Ruhe aber hat unter den Gefangenen ein gutes Standing, es beruht darauf, dass er Ausländern, die kaum Deutsch können, bei der Korrespondenz mit Behörden hilft. Er genießt so viel Respekt, dass er in die Gefangenenvertretung gewählt wird.

Man könnte meinen, dass sich Ruhe nach seiner Festnahme grundlegend gewandelt hat, doch in Wahrheit blieb er einfach nur bei seiner Linie.

Der Rausschmiss durch seinen Vater im Jahr 1970 beispielsweise ist für ihn kein Grund, die Lehre zum Landmaschinenmechaniker abzubrechen. Obdachlos und völlig auf sich allein gestellt, kriecht der 15-jährige Volkert Ruhe jeden Morgen aus seinem Schlafsack und macht sich auf zu seinem Betrieb.

Auch in der Drückerkolonne, mit der er zwischen dem 20. und 27. Lebensjahr durch die Republik zieht, um an Haustüren mitleiderregende Lügengeschichten zu erzählen und auf diese Weise Zeitschriften-Abos zu verkaufen, zeigt er sich pflichtbewusst wie kein Zweiter. Er gehört zu den besten Verkäufern. Abo-Aufträge zu fälschen, wie es viele seiner Kollegen tun, weil sie fürchten, wegen Misserfolgs vom Vorgesetzten bestraft zu werden, hat er nicht nötig. Es hätte aber auch seiner Korrektheit widersprochen. Eine Korrektheit, die in dem von Gewalt, Lüge und Angst geprägten Klima fast schon komische Züge annimmt. Etwa bei seinem Abschied von der Kolonne im Jahr 1982. Während andere sich in einer Nacht- und Nebelaktion davonschleichen, weil die Chefs in der Regel niemanden gehen lassen, den sie einmal rekrutiert haben, schreibt Ruhe, als er die Lust am Hausieren verloren hat, eine offizielle Kündigung. Die Chefs, die ihn seiner Verlässlichkeit wegen schätzen, lassen ihn ziehen.

Lange Zeit fehlten Ruhe die Voraussetzungen, die seine Fähigkeiten hätten zur Geltung bringen können. In dem Existenzkampf, den er führte, fehlten ihm Rückhalt und vor allem ein Ziel.

Seit seiner Inhaftierung hat er das. Seitdem können auch Rückschläge ihn nicht davon abbringen. Und es gelingt ihm, alle mit Kriminalprävention befassten Parteien, Polizisten, Juristen, und Pädagogen als Unterstützer zu gewinnen.

Auch die Führung von Ashoka nimmt er für sich ein, eine Non-Profit-Organisation, die unternehmerische Ansätze zur Lösung sozialer Probleme fördert. Die sogenannten Ashoka Fellows erhalten finanzielle Unterstützung, Beratung und wertvolle Kontakte in Wirtschaft und Wissenschaft. Seit 2013 gehört auch Ruhe dazu. Bei der Auswahl ihrer Fellows achte man auf zweierlei, sagt Laura Haverkamp, Mitglied der Geschäftsführung von Ashoka Deutschland: „Der Ansatz muss innovativ und der Gründer eine Unternehmerpersönlichkeit sein.“ Bei Volkert Ruhe stimme beides. „Es ist faszinierend zu sehen, wie er andere Menschen zum Mitmachen mobilisiert und bei unseren Workshops alles aufsaugt, was er für sein Unternehmen braucht.“

Noch wichtiger ist, dass er Zugang zu Jugendlichen findet, die sich zuvor jeder Hilfe verschlossen haben. An seinen Ratschlägen liegt das nicht, vielmehr sagt er oft banale Sätze wie: „Mit dieser Leck-mich-am-Arsch-Haltung wirst du kein Stück weiterkommen im Leben.“ Es ist seine Vergangenheit, die ihm den Zugang verschafft. Zu Joel beispielsweise.

Der ist 15, als er von seinem Schulleiter zu Ruhe geschickt wird. Er schlägt Mitschüler zusammen und bedroht auch Lehrer. Er hat schon mehrere Schulwechsel hinter sich. Er gilt als unverbesserlich. Bei Ruhe nimmt er am Besuch in Santa Fu und einmal pro Woche an einem Anti-Gewalt-Training teil, rastet aber auch danach immer wieder aus. Eine Zeit lang hat er seine Aggressionen so wenig im Griff, dass er befürchtet, er könnte in einem Wutanfall seine Mutter oder Freundin schlagen. Ruhe ist in dieser Situation für ihn da, trifft ihn fast täglich und besorgt ihm einen Platz in der Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Eines Abends erhält von dort einen Anruf. Ein Pfleger bittet ihn, so schnell wie möglich in die Klinik zu kommen. Er steigt sofort ins Auto. Als er 20 Minuten später eintrifft, sieht er einen brüllenden und um sich schlagenden Joel, umgeben von mehreren Leuten, die auf ihn einreden. Er nimmt den Jungen in den Arm und beruhigt ihn.

Sechs Jahre sind seitdem vergangen. Joel, 21, ist längst nicht mehr so aggressiv. Er hat eine Lehrstelle bei einem Anlagenbauer gefunden und sagt: „Volkert ist keiner dieser Psychologen oder Pädagogen, die immer alles besser wissen, aber eigentlich keine Ahnung haben. Er war im Knast. Er weiß, wie es sich anfühlt, in der Scheiße zu sitzen. Darum habe ich auf ihn gehört.“

Der Aufstieg

Den Grundstein für sein Sozialunternehmen legte Volkert Ruhe bereits in Santa Fu. An einem Tag im September 1996 zeigt ihm einer seiner Mithäftlinge einen Zeitungsartikel: In den USA werden auffällig gewordene Jugendliche zu einem eintägigen Knastbesuch verdonnert. Eine Art Schocktherapie, die sie von weiteren kriminellen Handlungen abschrecken soll. „Nicht schlecht“, sagt Ruhe zu seinem Kumpel. „Wenn ich vorher gewusst hätte, wie es im Knast so ist, hätte ich das mit den Drogen garantiert gelassen.“

Die beiden fragen sich, ob man Ähnliches nicht auch in Hamburg aufbauen könne. Sie suchen Mitstreiter, arbeiten an einem Konzept. Von einer Schocktherapie wie in den USA halten sie nichts. Die Jugendlichen sollen freiwillig in den Knast kommen und zum Nachdenken angeregt werden.

Ruhe nutzt fortan jede freie Minute, um Leute aus der Justizbehörde oder von Jugendhilfe-Einrichtungen anzurufen und über die Idee zu sprechen. In der Gefängnisleitung diskutiert man kontrovers darüber. Kann man das den Jugendlichen wirklich zumuten? Friederike Klose hat Bedenken, stimmt aber zu. „Nicht zuletzt weil ich Volkert Ruhe vertraut und ihm das Motiv, helfen zu wollen, voll abgenommen habe.“

Seit 1999 kommen regelmäßig fünf bis zehn Jugendliche nach Santa Fu und sprechen mit Häftlingen offen über ihr Elternhaus, ihre Probleme und Straftaten. Schon damals ist Ruhe unter den Beteiligten der Wortführer. Er erkennt die Chance, die sich aus dem Projekt ergibt, und macht es nach seiner Entlassung zu seinem Beruf.

Er findet weitere Stiftungen, die seine Arbeit finanziell unterstützen, bringt über die Jahre Tausende Jugendliche zum Kurzbesuch nach Santa Fu, bildet sich zum Anti-Gewalt-Trainer fort, befasst sich mit Drogensucht und gibt Kriminalpräventionsunterricht an Schulen.

Die Polizei Elmshorn versucht im Jahr 2002 die Wirkung seiner Arbeit zu messen. Sie lässt 65 minderjährige Straftäter Ruhes Programm durchlaufen und beobachtet sie über fünf Jahre. Das Ergebnis: Ein Drittel der Jugendlichen zeigt dasselbe Verhalten wie zuvor, ein Drittel wird seltener auffällig, ein Drittel bleibt fortan sauber. Ein großer Erfolg. Ob er allein auf Volkert Ruhes Kappe geht oder noch andere Faktoren eine Rolle spielten, weiß man nicht. Jedenfalls erhält er den Präventionspreis der Landespolizei Schleswig-Holstein.

Weitere Auszeichnungen folgen. Einladung ins Bundeskanzleramt. Einladung zum Bürgerfest des Bundespräsidenten. Dann die Kür zum Ashoka Fellow. Viel Geld verdient Volkert Ruhe zwar nicht, brutto knapp 35.000 Euro im Jahr. Aber er ist ein angesehener Mann und führt das bürgerliche Leben, nach dem er sich immer gesehnt hat. Maßgeblichen Anteil an seinem Aufstieg hat eine ungewöhnliche Liebesgeschichte.

Bei seiner Verhaftung lebte er in Kolumbien mit einer Frau zusammen, die er erst ein paar Wochen zuvor kennengelernt hatte und die von seinen Drogengeschäften nichts wusste. Im Gefängnis schreibt er ihr Briefe, sie antwortet, besucht ihn aber all die Jahre nicht ein einziges Mal. Als Ruhe Freigänger wird, ruft er sie an und verabredet Ende 2001 ein Treffen am Bahnhof von Bozen in Südtirol. Sie wohnt inzwischen in Italien, arbeitet als Haushälterin in Rom. An einem Freitagmittag, er hat über das Wochenende Ausgang aus dem Gefängnis, fährt er mit dem Auto eines Freundes los. Sie haben verabredet, dass sie für ein Wochenende zu ihm kommt.

Als sie dann vor ihm steht, umarmt er sie zögerlich, sagt: „Schön, dich zu sehen.“
„Warum hast du Idiot damals nichts gesagt?“, entgegnet sie.
„Ich wollte dich da raushalten.“
„Du hast mich belogen.“
„Ich sag’ doch, ich wollte dich da raushalten.“

Sie fahren nach Hamburg, und als das Wochenende vorüber ist, bleibt sie in der Stadt, obwohl Ruhe weitere vier Monate lang die Nächte im Gefängnis verbringen muss. Ein gutes Jahr später bekommen sie einen Sohn, der heute zwölf ist und aufs Gymnasium geht. „Verantwortung für eine Familie zu haben ist ein extrem großer Ansporn“, sagt er.

Am Mittag des 14. Dezember 2015 sitzt er geschafft, aber glücklich in seinem Büro, raucht eine Zigarette. Nach dem ersten Treffen mit dem 13-jährigen Jeremy ist er überzeugt, dem Jungen helfen zu können. „Solche Gespräche nehmen mich emotional ganz schön mit“, sagt er, „ich kann mich gut in den Jungen hineinversetzen und werde ja auch immer wieder in meine eigene Vergangenheit zurückgeführt.“

Dieser Satz offenbart sein Erfolgsgeheimnis. Anders als die meisten ehemaligen Strafgefangenen muss er nichts verbergen. Das zerrüttete Elternhaus, die kriminellen Taten, der Knast – Ruhe hat sich ein Metier ausgesucht, in dem er von seiner Vergangenheit profitiert. Sein vermeintlicher Makel ist heute sein wichtigster Trumpf. „Es klingt vielleicht merkwürdig“, sagt er, „aber was ich heute bin, verdanke ich in erster Linie Santa Fu.“ ---

Gefangene helfen Jugendlichen e. V.

Finanzierung: 2015 hatte der Verein Einnahmen von 140.000 Euro. Rund 75 Prozent davon sind Spenden, hinzu kommen Honorare und öffentliche Zuschüsse.

Mitarbeiter: drei Vollzeitkräfte (neben dem Geschäftsführer zwei Gefangene im offenen Vollzug), zwei geringfügig Beschäftigte sowie zahlreiche ehrenamtliche Helfer.

Kontakt: gefangene-helfen-jugendlichen.de

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