Ausgabe 11/2016 - Schwerpunkt Intuition

Stephan A. Jansen über Intuition

Kopflos oder bauchfrei?

Ist Intuition unwissenschaftlich?

Im Gegenteil: Es gibt in zahlreichen Disziplinen Theorien der Intuition. Und es gibt in der Wissenschaft auch ein Gefühl dafür, dass wir nicht viel wissen über diese unbewusste Intelligenz, die der bewussten – und erst recht der künstlichen – oft so überlegen ist: Warum ist beispielsweise die Intuition so rasend schnell? Warum wissen wir immer noch nicht, warum wir oft mehr zu wissen scheinen, als wir eigentlich wissen können?

Gibt es auch Antworten?

Der für mich hellste Strang der Intuitionsforschung liegt in der Kognitionsforschung der Entscheidung. Dank des Nobelpreisträgers und Sozialwissenschaftlers Herbert Simon und des Kybernetikers Heinz von Foerster wissen wir: Wirkliche Entscheidungen – also solche in Unsicherheit – sind nur insofern Ent-Scheidungen, als sie gerade nicht entscheidbar sind. Die Alternativen, so wir sie überhaupt kennen, lassen uns gleichgültig. Dann haben wir es mit einem gordischen Knoten zu tun, unauflösbar, lediglich zerschlagbar – und dies eben gerade nicht mit den sonst üblichen Mitteln der Analyse, also der logischen Zerlegung.

Und wie entscheiden wir dann?

Es gibt die Aussage, dass analytisch-logische Verfahren hilfreich bei einfachen Entscheidungen sind – und die Intuition bei komplexen und unübersichtlichen Entscheidungen überlegen ist.

Aber was genau ist Intuition, und wo finden wir sie? Weiß es die Hirnforschung?

Es gibt ja nicht mehr die eine Hirnforschung. Und wir haben inzwischen viele Fehlinterpretationen von vermutlich auch fehlerhaften Experimenten gesehen, da wir die Selbstreferentialität der Beobachtung des Hirns bei der Analyse der Gehirnaktivitäten im wahrsten Sinne mitdenken müssen. Eine dieser Fehlinterpretationen ist die von Benjamin Libets Experiment aus den Achtzigerjahren, die so zusammengefasst werden kann: „Wir entscheiden nicht, was wir wollen. Sondern wir wollen, was das Hirn entschieden hat.“ Das ist nah an Arthur Schopenhauer: „Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber nicht wollen, was er will.“

Das hilft bei der Lokalisierung der Intuition nicht weiter.

Das ist die Frage, der man mit neurowissenschaftlicher Vermessung beizukommen versucht: Wo genau sitzt dieses Bauchgefühl im Gehirn? Der Neurologe Rüdiger Ilg hat dies in einer anregenden Dissertation analysiert. Im Kernspin leuchteten drei Areale: inferiorer und superiorer parietaler Kortex, Sulcus temporalis superior und Gyrus parahippocampalis. Die ersten beiden sollen eine assoziative Verknüpfung leisten – unbewusst, hochautomatisiert, rasend schnell.

Zurzeit reden alle über künstliche Intelligenz (KI) – kann sie intuitiv sein?

Die künstliche Intelligenz ist weder eine Kunst im Sinne der Regelbrechung und Irritation noch eine wirkliche Intelligenz, die dort entscheiden kann, wo wir nichts oder zu wenig wissen. Sie ist als regelbasierte, programmierbare und vermeintlich auch selbst lernende Struktur nur in der Lage, die assoziative Verknüpfung von Daten zu Informationen zu simulieren. Es fehlt dem Algorithmus beziehungsweise dem Roboter das Bewusstsein für die selbst produzierten Ergebnisse.

Für die KI-Verfechter ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich das ändert.

Wenn man die aktuellen Debatten verfolgt, insbesondere zur Superintelligenz von dem Philosophen Nick Bostrom in Oxford, werden wir mit Konzepten wie der „indirekten Normativität“ als Werte-Programmierung in Algorithmen konfrontiert. Die Werteprogrammierung „gut“ oder „schlecht / böse“ wird also in die Datenassoziation einzuarbeiten versucht – mit noch leidlichem Erfolg. Der US-Amerikaner Eliezer Yudkowsky geht weiter mit dem von ihm so bezeichneten „kohärent extrapolierten Willen“. Dieser wäre dann unser Wunsch, wenn wir mehr wüssten, schneller dächten und mehr diejenigen wären, die wir gern wären. Da wir das nicht können, extrapoliert schon mal der Algorithmus. Das ist trickreich, denn dann werden wir bei algorithmisch assistierten Entscheidungsvorlagen begründen müssen, wenn wir uns anders als die uns zur Verfügung gestellte Extrapolation entscheiden.

Bleibt die Intuition auf der Strecke, wenn wir versuchen, Entscheidungen durch immer mehr Daten abzusichern?

Es ist zumindest eine sorgfältige Prüfung der eigenen Intuition zu empfehlen: Wir wissen aus vielen empirischen Studien, dass Menschen bei komplexen Entscheidungen Computern mehr vertrauen als Menschen. Hier bahnt sich ein noch stärkerer Bedarf an Korrekturfähigkeit an.

Konkret?

Wir haben viele Sinnesorgane für unbeschreibbare Stimmigkeiten und Unstimmigkeiten. Die britische Kulturwissenschaftlerin Tiffany Watt Smith hat eine ganz zauberhafte Beschreibung von Gefühlen geleistet, die wir alle kennen, die aber nur in kleinsten Kulturkreisen tatsächlich beschrieben wurden. Drei Beispiele: In Papua-Neuguinea gibt es das Gefühl Awumbuk, das entsteht, wenn abreisende Gäste eine Schwere im Haus ihrer Gastgeber zurücklassen, weil sie leicht reisen wollen. Ein spürbares Gefühl der bedrückenden Leere nach einem Besuch. Oder umgekehrt: Die Inuit verwenden das Wort Iktsuarpok für das Gefühl des sehr geschäftigen, rastlosen Wartens auf Besuch. Noch relevanter für Entscheidungen ist der thailändische Ausdruck Greng Jai für das Zögern, ein Hilfsangebot anzunehmen. Wegen der Umstände, die man einem anderen damit bereiten könnte.

Wie hilft Sinnlichkeit bei der Entscheidung?

Intuition wäre dann die alte Empfehlung der Band Tocotronic: „Im Zweifel für den Zweifel“ – also nochmals intensiv mit sich selbst, seinem Körper und seinen Sinnen in Kontakt gehen. Wenn Gefühle unbeschreiblich erscheinen, aber wahrnehmbar sind, dann bewegen wir uns in der Aristotelischen Urteilslehre über körperlich spürbar richtige Urteile durch ein körperlich implizites Wissen. Und hier lauert die Überlegenheit der menschlichen im Vergleich zur künstlichen Intelligenz. Es ist das „andere Wissen“.

Ist das auch die entscheidende Inspirationsquelle für Innovation in Unternehmen?

Innovationsmanagement ist ein vorbereiteter Zufall. Und Innovationsmanagement organisiert das zufällige und unbeabsichtigte Finden von Nichtgesuchtem. Produktiv wird diese zuverlässige Überraschung durch Intuition oder – wie es heute viel verwandt wird – durch Serendipität. Algorithmen sind bei diesem Prozess so etwas wie Echokammern der Selbstähnlichkeit – und Echos sind nicht wirklich innovativ.

Gibt es Beispiele aus der Praxis?

Es zeigt sich, dass unternehmerische Ahnung, also dieser unbegründete Spürsinn, nun betriebswirtschaftlich interessant wird: In den Siebzigerjahren sollten Frühwarnsysteme solche Ahnungen wecken, und nun kommen Unternehmen wie Adidas darauf, eigenständige Töchter für Antizipation zu gründen. Das wirkt noch etwas sehr beabsichtigt und marktforscherisch, zeigt aber einen neuen Weg auf.

Worauf läuft das hinaus?

Auf eine Intuition zweiter Ordnung, also auf so etwas wie reflexive Intuition: die Entscheidung über die Entscheidungsverfahren. Wollen wir das zweifellos entlastende Delegieren an algorithmisierte Assistenten, das belastendere begründende Selberdenken oder eine körperlich-sinnliche Entscheidung? Dies muss und kann man trainieren. Und das gilt erst recht für die problematischen Randgebiete des Entscheidens – Hybris mit Überzuversicht und Willensschwäche mit Aufschieberitis.

Kann die Wissenschaft helfen?

Ökonomen, Psychologen und Neurowissenschaftler haben da unterschiedliche Kalküle, aber allen gemein ist die Erkenntnis, dass perfektionierende Maximierer unglücklicher sind als diejenigen, die – ob intuitiv, entlastet assistiert oder selbst nachgedacht – mit einer ausreichenden Lösung bereits zufrieden sind. Bei allen anderen hilft nur noch Karl Kraus: „In zweifelhaften Fällen entscheide man sich für das Richtige.“ ---

Prof. Dr. Stephan A. Jansen,
Leiter des Center for Philanthropy & Civil Society (PhiCS) an der Karlshochschule, Karlsruhe

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