Ausgabe 11/2016 - Schwerpunkt Intuition

Rafael Behr im Interview

Bauchgefühl macht blind

Rafael Behr, 58, ist Soziologe und bildet als Professor für Polizeiwissenschaften mit den Schwerpunkten Kriminologie und Soziologie an der Akademie der Polizei Hamburg Polizisten für den gehobenen Dienst aus. Vor seinem Studium war er mehrere Jahre bei der Schutzpolizei in Hessen. Seine Bücher „Cop Culture“ und „Polizeikultur“ gelten als Standardwerke.

brand eins: Wie wichtig ist Intuition bei der Polizei?

Rafael Behr: Polizisten würden nicht von Intuition sprechen, eher von Bauchgefühl oder kriminalistischem Spürsinn. Polizei-Arbeit wird stark von Rechtsnormen kontrolliert, schließlich setzt sie das Gewaltmonopol des Staates durch und darf selbst Gewalt anwenden. Das braucht enge Grenzen. Intuitives Handeln ist nur erwünscht, wenn es regelkonform bleibt. Es ist eine sensible Balance.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Polizisten im Einsatz haben Sonderrechte im Straßenverkehr. In Hamburg zum Beispiel dürfen sie die zugelassene Höchstgeschwindigkeit um maximal 50 Prozent überschreiten. Aber wenn ein Kollege im Einsatz schnell Unterstützung braucht, fährt man dahin, so schnell es geht. Ähnlich bei der Verfolgung von Flüchtigen, die schwere Straftaten begangen haben. Geht die Aktion gut, ist der Polizist der Held. Leider liegen zwischen Heldentum und Torheit manchmal nur Sekundenbruchteile. Wenn es nicht gut geht und er zum Beispiel einen Unfall verursacht, kommt das Disziplinarverfahren. Ich erlebe in der Ausbildung auch die jungen, ehrgeizigen Studierenden, bei denen ich froh bin, dass sie unter der bürokratischen Kontrolle des Apparats stehen. Gleichzeitig darf Bürokratie nicht so übermächtig werden, dass sie ­Lethargie und Dienst nach Vorschrift produziert.

In einem Ihrer Bücher schreiben Sie, polizeiliches Handeln erfolge oft „unter Bedingungen unvollständiger Information“. Sind die Beamten da nicht zwangsläufig auf ihr Gefühl angewiesen?

Ich hatte als junger Anfänger bei der Schutzpolizei einen älteren Kollegen, der bei nächtlicher Ruhestörung immer gleich wusste, ob eine Ermahnung reichte, ob man die Stereoanlage beschlagnahmen oder gleich Verstärkung rufen musste. Dabei lag er so gut wie immer richtig. Er konnte mir nicht erklären, wie er das machte, er sagte nur: „Schau mir zu, und mach es auch so.“ Schutzpolizisten haben im Einsatz oft keine Zeit für lange, abwägende, rationale Entscheidungen. Beziehungsgewalt ist ein gutes Beispiel für die Bandbreite des Möglichen: Von der Bagatelle bis zum Mord ist alles drin. Fehlende Information, zum Beispiel darüber, dass ein Gegenüber psychisch krank, aber nicht gefährlich ist, auch wenn er sich hysterisch aufführt, kann zu Überreaktionen führen. In Berlin ist in so einer Situation ein psychisch kranker Mann am Alexanderplatz erschossen worden.

Waren Sie als Schutzpolizist in ähnlichen Situationen?

Ich musste oft schnell reagieren, ohne das Gefahrenpotenzial einschätzen zu können. Das ist Alltag, gerade in Situationen auf der Straße, in denen man sich selbst schützen muss. Mir sind auch Täter entkommen, weil ich zu spät reagiert habe. Das passiert.

Früher wurde bei Amokläufen das SEK gerufen. Weil das zu lange dauert, müssen Schutzpolizisten heute möglichst schnell eingreifen. Sie wissen nicht, wie viele Täter sie erwarten und welche Waffen sie tragen. Wie kann man sich darauf vorbereiten?

Die Simulation solcher Gewaltszenarien gehört zur Aus- und Fortbildung der Schutzpolizei. Bei Amok-Lagen soll auch unter Inkaufnahme „größter Risiken“ schnell gehandelt werden. Die Ausrüstung der Schutzpolizei ist martialischer geworden, bis hin zu Reizgas und mehreren Ersatzmagazinen. Mit dem neuen Holster kann man die Waffe nun schneller ziehen. Man bereitet sich physisch und mental auf Situationen vor, in denen man Täter schnell final ausschalten muss. Was als Reaktion auf Amokläufe anfing, wird jetzt unter der Terrorbedrohung weitergeführt.

Wie sieht das konkret aus?

Nach den Terroranschlägen von Paris etwa hat das Bundesinnenministerium entschieden, Bundespolizisten im Einsatz auf Demonstrationen aufzurüsten. Das sind sogenannte Beweissicherungs- und Festnahme-Einheiten Plus (BFE+) – auch Robocops genannt, weil sie besonders martialisch auftreten. Die haben G36-Gewehre, neue Schutzausstattung und gepanzerte Fahrzeuge. Das Bild vom helfenden, bürgernahen Schutzmann wird derzeit von einer sich militarisierenden Polizei verdrängt. Dazu passt, dass gleichzeitig versucht wird, eine bessere Kontrolle der Polizei zu verhindern. Ein Motor dieser Entwicklung sind die Polizeigewerkschaften, die im Namen der Sicherheit größere Handlungsfreiräume und weniger zivilgesellschaftliche Kontrolle fordern: Wir sollen der Polizei vertrauen und sie nicht kritisieren. Wie in anderen Bereichen der Gesellschaft denkt man wieder stärker in Freund-Feind-Kategorien. Das sind Vorbedingungen zur Militarisierung der Gesellschaft.

Verändert das die Einschätzung der Situation?

Ich glaube schon. Man orientiert sich zunehmend wieder an Worst-Case-Szenarien. Die entscheidende Rolle spielt nicht mehr das Wahrscheinliche, sondern das Mögliche. Und möglich ist heute alles. Das führt zu einem veränderten Verhalten, davon bin ich überzeugt. Man geht seit den Amokläufen und den Terroranschlägen von anderen Risiken aus. Das gab es in ähnlicher Weise auch schon zu Zeiten der RAF. Meine Mutter hatte damals immer Angst, dass ich als junger Polizist von Terroristen erschossen würde. Doch Aufrüstung produziert Übertragungseffekte: Wenn man die neuen Einheiten schon mal hat, werden sie auch eingesetzt, auch für Fälle, die weder Terror- noch Amok-Lagen sind. Man wird häufiger Situationen als lebensgefährlich einschätzen und entsprechend reagieren.

Was bedeutet das für den einzelnen Polizisten?

Wenn die jungen Leute nach der Ausbildung im Schichtdienst oder in geschlossenen Einheiten bei der Bereitschaftspolizei sind, können monokulturelle Milieus entstehen. Das verändert die eigene Wahrnehmung der Gesellschaft. In einer feindlichen Welt steht die Polizei mit dem Rücken zur Wand und hat das Gefühl: Wir sind die letzte Bastion, die die friedlichen Bürger gegen das Böse schützt, das überall lauert. Mit diesen Gedanken fahren viele Bereitschaftspolizisten jede Nacht raus. Polizeiforscher wie Thomas Ohlemacher beschreiben das als Wagenburg-Mentalität. Eine Polizei, die so denkt und fühlt, kann kaum noch lässig und offen auftreten.

Beobachten Sie diese Mentalität in der Ausbildung?

Polizeischüler brauchen Vorbilder. Heute sind die Einheiten der SEKs und BFE+ die Helden. Die neue Leitfigur ist der Krieger im Kampf, nicht mehr der Schutzmann auf Streife. In den Neunzigerjahren hat die Polizei im Auftreten abgerüstet, eine zweistellige Frauenquote erreicht und Migranten eingestellt. Sie wollte ein offener Teil der Gesellschaft sein. Das verschiebt sich wieder zu einem fast soldatischen Bild der Polizei.

Ist die Wagenburg-Mentalität nicht verständlich, wenn für Polizisten in manchen Gegenden Beleidigungen zum Alltag gehören?

Das ist ein Wechselverhältnis. Die Polizisten, die am lautesten mehr Respekt verlangen, sind oft diejenigen, die selbst Bürgern oder Kritikern am wenigsten Respekt entgegenbringen. Viele der Studierenden, die wir unterrichten, waren früher im mittleren Dienst der Polizei. Man kann oft schon am Habitus erkennen, ob sie das Gefühl haben, in einer verkommenen Gesellschaft zu leben. Andere, die auch schon einige Jahre im Dienst sind und in ebenso harten Gegenden auf Streife waren, sagen, dass es ihnen völlig anders gehe, dass sie Konflikte anders regelten und solch düstere Szenarien nicht teilten. Es ist sehr abhängig von Typus und Sozialgefüge, ob sie in diese Wagenburg-Mentalität geraten.

Wie sieht es bei der Arbeit der Kriminalpolizei aus?

Anders als bei der Schutzpolizei muss die Kripo Entscheidungen in der Regel nicht innerhalb von Augenblicken treffen. Es gibt mehr Arbeitsteilung und kollegialen Austausch. Das ist der große Unterschied zwischen kriminalpolizeilicher Ermittlungsarbeit und dem „Tatort“. Im Fernsehkrimi gibt es gern den Moment des plötzlichen Innehaltens – unter der Dusche oder beim Feierabendbier hat der Kommissar dann eine Eingebung, und ein Detail, das er fast übersehen hätte, wird zur heißen Spur. Auf solche Eingebungen will sich die Kriminalpolizei nicht verlassen. Der Einzelne kann nicht allein entscheiden. Ermittlungsarbeit muss dokumentiert werden, die Berichte werden gelesen und gegengelesen; das Handeln wird staatsanwaltschaftlich kontrolliert, schon um die Rechte der betroffenen Bürger zu schützen. Polizisten werden darauf trainiert, nicht ihren spontanen Regungen nachzugeben, sondern Objektivität und Distanz herzustellen.

Laut des Psychologen Gerd Gigerenzer beruht Intuition auf Erfahrungswissen. Sorgt das dafür, dass wir intuitiv das wahrnehmen, was sich mit unserer Erfahrung deckt?

Genau das ist im Ermittlungsversagen bei der Mordserie des NSU geschehen. Bei der Aufklärung der Morde an türkischen Einzelhändlern hielt man familiäre Konflikte oder eine Verstrickung in kriminelle Milieus für wahrscheinlich und hat vor allem in diese Richtung ermittelt. Das ist ein Beispiel für ein zu enges Denken, das für Alternativen vielleicht nicht blind ist, aber sie nicht stringent verfolgt. Die Reihenfolge, mit der Hinweise abgearbeitet werden, erfolgt in einer gewissen Hierarchie. Man orientiert sich nicht am Möglichen und Denkbaren, sondern an dem, was man aufgrund eigener Erfahrung für wahrscheinlich hält.

Sind solche Vorurteile bei der Kriminalpolizei normal?

Nein. Ich würde auch nicht pauschal latenten Rassismus unterstellen. Es geht um die Verfahrenslogik. Man ermittelt erst mal dort, wo es am vernünftigsten erscheint. Man hat eine Reihe von Indizien, und einer aus dem Team sagt: „Am wahrscheinlichsten ist diese Möglichkeit, ermitteln wir doch erst mal in diese Richtung.“ Das ist kein Ausschluss anderer Optionen, sondern eine im Prinzip vernünftige Priorisierung. Es kann aber auch vorkommen, dass sich Vorgesetzte oder die politische Leitung durchsetzen, da werden die Prioritäten schon mal verschoben.

Hätte sich ein Ermittler mit dem Vorschlag durchsetzen können, in Richtung rechtsradikaler Täter zu ermitteln?

Damals nicht. Zumindest nicht ohne stichhaltige Indizien. Und die gab es seinerzeit offenbar nicht. Heute wäre das anders, nehme ich an. Mit der umfangreichen Untersuchung der NSU-Morde hat sich ja auch das Erfahrungswissen der Polizei verändert. Das hat auch viel damit zu tun, wie die Polizei organisiert ist. Jede Organisation übersetzt Ereignisse in Routinen. Also will sie jedes Ereignis am liebsten so wahrnehmen, dass sie es mit den zur Verfügung stehenden Routinen abarbeiten kann. Man sieht dann das, was man zu sehen erwartet. Vor sich selbst erfüllenden Prophezeiungen sind auch Polizisten nicht gefeit.

Kann das zu sogenanntem Racial Profiling führen, bei dem Polizisten in bestimmten Gegenden zum Beispiel junge arabische Männer intuitiv als Straftäter verdächtigen?

Ich würde es lieber Social Profiling nennen. Dass es vereinzelt Rassismus in der Polizei gibt, ist schlimm und bedauerlich. Aber viel wichtiger ist die Frage, wie der polizeiliche Erfolg solcher Kontrollen gemessen wird. Wir wissen aus der Polizeiforschung, dass es etwas wie eine sich selbst bestätigende Verdachtsschöpfung gibt. Man kontrolliert oder beobachtet die Gruppen besonders intensiv, die man schon einmal erfolgreich kontrolliert hat – weshalb auch immer. Da ist schon die Auskunft, dass die Person in den polizeilichen Datenbanken bekannt ist, ein Erfolg. Das Muster verstärkt sich mit jeder erfolgreichen Anwendung. Das ist eine selbstreferenzielle Legitimation. Die Wahrnehmung verengt sich auf ein Raster. So etwas wissen natürlich auch intelligente Täter. Der ideale Terrorist oder Drogenhändler auf der Straße ist blond, adipös, weiblich und älter als 40. So jemand wird selten kontrolliert. Auch das hat nicht zwangsläufig mit Rassismus zu tun, eher mit nicht reflektierter Intuition.

In diesem Fall macht Intuition blind?

Intuition kreist in gewohnten Bahnen. Sie ist nicht das Gegenteil der Routine, sondern eher seine individuelle Ergänzung. Wenn Routine die Intuition dominiert, kann sie regelrecht verkümmern. Polizisten, die bei der Schutzpolizei anfangen, werden dort durch schutzpolizeiliche Kulturregeln sozialisiert. Zum Beispiel sagt ihnen der Vorgesetzte, sie sollen ihre Berichte kurz halten. Dann sei man weniger angreifbar, und der Staatsanwalt wolle auch nicht mehr als zwei Seiten lesen. Also hält man sich in den Berichten an wenige, eindeutige Fakten. So können nicht nur wichtige Beobachtungen wegfallen, so geht auch die Lust am Beobachten, an komplizierteren Gedankengängen und an der eigenen Kreativität verloren. Polizisten, die nach ihren Jahren bei der Schutzpolizei zur Kripo kommen, sind davon geprägt. Ganz ohne Intuitionsdefizite durch die Organisationspraxis kommt fast niemand durchs Berufsleben. Das gilt sicher nicht nur für die Polizei. Dahinter steckt auch kein böser Wille, sondern eine Notwendigkeit.

Inwiefern?

Weil die Organisation Regeln braucht, um zuverlässig zu funktionieren. Sie verhindern Eigenmächtigkeit, Schnellschüsse und Ressourcenverschwendung. Aber sie verhindern manchmal eben auch die Freiheit, in ungewohnte Richtungen zu denken.

Und was, wenn die Intuition eines Beamten häufig versagt?

Wenn ein Polizist unangemessen reagiert, wird das in der Regel nicht sofort sichtbar. Aber jeder Vorgesetzte kennt sogenannte Widerstandsbeamte. Das sind Polizisten, die häufig unnötig Gewalt anwenden und dann Anzeigen wegen „Widerstands gegen die Staatsgewalt“ stellen, um ihr eigenes Handeln zu legitimieren. In solchen Fällen wird ein guter Vorgesetzter fragen, ob der Betreffende Teil der Lösung oder Teil des Problems ist.

Kann man in der Ausbildung von Kriminalpolizisten versuchen, den Blick wieder zu öffnen?

Das trainiert man. Kriminalistischer Spürsinn und Fantasie in der Ermittlungsarbeit sind erwünscht und werden geschult. Man lernt, Alternativen zu durchdenken, wie sich ein Fall entwickeln könnte. Aber wir müssen damit leben, dass auch sehr guter Polizei-Arbeit einiges entgeht. Wenn Polizisten andererseits zu viel kriminalistische Fantasie und unbegrenzte Verdachtsmomente entwickeln, kann das Folgen haben, die wir uns nicht wünschen sollten.

Man muss die polizeiliche Durchdringung der Gesellschaft begrenzen. Wenn die Polizei plötzlich 30 000 Beamte mehr auf der Straße hätte, würde nicht etwa die subjektive Sicherheit, sondern zuerst die Fallzahl der Kriminalstatistik steigen. Und die erzeugt wiederum Angst und die Forderung nach mehr Polizei. Wenn wir jeden Menschen unter Generalverdacht stellen, können wir nicht mehr von einer offenen Gesellschaft reden. Die Polizei ist eine notwendige Sicherung für den sozialen Frieden in der Gesellschaft – sie ist aber nicht zuständig für dessen Herstellung. ---

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