Ausgabe 11/2016 - Schwerpunkt Intuition

Philipp Hübl im Interview

„Sind die Signale die richtigen?“

brand eins: Herr Hübl, Ihr Fach, die Philosophie, gilt als Vernunftwissenschaft. Versuchen Sie, Ihre Intuition auszuschalten?

Philipp Hübl: Nein. Das, was gern als Bauchgefühl bezeichnet wird, ist auch für mich eine wichtige Informationsquelle.

Wann hilft es Ihnen?

Ich bilde mir ein, Menschen auf den ersten Blick gut einschätzen zu können. Oft, wenn ich das Gefühl hatte, mit diesem oder jenem stimme etwas nicht, hat sich das als richtig erwiesen. Allerdings lag ich auch einige Male völlig falsch. Ein Bekannter von mir hat beim Reden immer seltsam das Gesicht verzogen, als ich ihn gerade kennenlernte. Ich war der Ansicht, da etwas über seinen Charakter herauslesen zu können. Später stellte ich aber fest, dass er die Stirn runzelt, weil er kurzsichtig ist.

Man kann also intuitiv sehr schnell zu Einschätzungen kommen, läuft aber Gefahr, sich zu irren.

Daher ist es sinnvoll, den Verstand einzuschalten, um zu prüfen, ob die Signale, die der Bauch aussendet, die richtigen sind. Das gilt vor allem für Emotionen, die man archaisch nennen könnte. Also solche, die in der Frühzeit des Menschen beim Überlebenskampf eine wichtige Funktion hatten, zum Beispiel Angst, Aggression, Ekel. Heute muss das nicht mehr so sein. Nehmen wir Ekel. Der ist als Warnsignal bei verdorbenem Essen nach wie vor sinnvoll. Nun gibt es aber Hinweise darauf, dass viele Menschen ihre moralischen Entscheidungen von Gefühlen wie Ekel ableiten und beispielsweise Fremdes oder Andersartiges spontan ablehnen. Homophobe Menschen begründen ihre Abneigung oft damit, dass sie Homosexualität unnatürlich oder eklig finden. Aber selbstverständlich dürfen solche Affekte, etwa bei politischen Entscheidungen zur rechtlichen Gleichstellung von Homosexuellen, keine Rolle spielen. Sie können nie Grundlage einer Ethik sein. Daher ist die Vernunft als letzte Instanz unverzichtbar. Ihr verdankt die Menschheit alle Fortschritte.

Es gibt Wissenschaftler, die bestreiten, dass wir zu solchen vernünftigen Entscheidungen fähig sind. Ihnen zufolge regiert uns das Unbewusste, wir werden von einer Art Autopilot gesteuert.

Abgesehen davon, dass es dafür keine überzeugenden Belege gibt, frage ich mich bei Wissenschaftlern, die solche Ansichten vertreten, wie sie ihre Forschungsarbeiten zustande bekommen. Wer ein Buch schreibt, ein Auto repariert oder auch nur auf Reisen geht, muss bewusst planen und in die Zukunft schauen. Diese Fähigkeiten sind genuin menschlich und unterscheiden uns von allen Tieren. Es ist erstaunlich, wie man sie dem Menschen – und damit auch sich selbst – absprechen kann.

Allerdings gibt es Leute, die zu fantastischen Leistungen fähig sind, ohne nachzudenken.

Die gibt es. Dazu zählen Sonderbegabungen wie zum Beispiel die der sogenannten Truth Wizards, lebende Lügendetektoren. Das sind Menschen, die mit traumwandlerischer Sicherheit flüchtige Gesichtsausdrücke anderer Menschen lesen und so einschätzen können, ob diese beispielsweise lügen oder aufrichtig sind. Fragt man sie, wie sie darauf kommen, können sie es oft nicht erklären; sie haben ein angeborenes oder früh erworbenes Gefühl dafür. Einer von 400 Menschen verfügt über diese Gabe. Diese Leute sind in den USA beim Zoll, bei Geheimdiensten und als Personenschützer sehr begehrt.

Wie erklärt sich diese Sonderbegabung?

Die Fähigkeiten, andere zu täuschen und Täuschern auf die Spur zu kommen, sind in der Menschheitsgeschichte vermutlich gleichzeitig entstanden. Wir alle verfügen über sie in unterschiedlicher Ausprägung. Und so gibt es eben auch einige wenige Betrüger, die mit ihren Tricks immer durchkommen, während die meisten anderen schnell auffliegen. Die Wizards zählen zu den wenigen herausragenden Enttarnern. Es spricht übrigens einiges dafür, dass erfolgreiche Wahrsager ebenfalls über diese Gabe verfügen. Sie können an der Körpersprache ihrer Kunden blitzschnell erkennen, ob sie mit ihren Vermutungen richtigliegen, und schlagen dann die entsprechende Richtung ein. Sie wissen vermutlich nichts von ihrer besonderen Fähigkeit, sondern sind davon überzeugt, über spirituelle Kräfte zu verfügen. So täuschen sie nicht nur ihre Kunden, sondern auch sich selbst.

Lässt sich Intuition trainieren?

Unbewusste Vorgänge, die auf Wissen und Erfahrung beruhen, lassen sich gezielt nutzen. So können sehr gute Schachspieler mit einem Blick eine Stellung einschätzen. Rechnet man nach, stellt man fest, dass sie intuitiv richtiglagen. Es gibt auch zahlreiche Anekdoten von Forschern oder ganz gewöhnlichen Leuten, die in Momenten der Entspannung auf die Lösung für Probleme kamen, mit denen sie sich intensiv beschäftigt hatten. Denken Sie an Archimedes’ „Heureka“, den sprichwörtlichen Geistesblitz. Das Gehirn arbeitet immer, ob es uns bewusst ist oder nicht. Wer damit klug umgeht, kann effektiver oder kreativer sein.

Sicherlich ist es sinnvoll, Ahnung von einer Sache zu haben, bevor man sich auf Ahnungen verlässt, oder?

Absolut. Erst wenn die geistige Grundlage geschaffen ist, lässt sich sinnvoll experimentieren. Ein Wissenschaftler aus meinem Bekanntenkreis hat eine ausgefeilte Technik entwickelt. Wenn er einen Aufsatz über ein Thema schreiben will, das ihn seit Langem umtreibt, formuliert er einen anregenden Titel und kocht sich eine Marihuana-Milch-Suppe. Dann setzt er sich ans Klavier und spielt. Wenn sich die Töne in bestimmter Weise verändern, weiß er, dass die Wirkung des Marihuanas einsetzt, und er beginnt zu schreiben. Natürlich überarbeitet er sein Werk in klarem Zustand noch einmal. Offenbar funktioniert diese Technik bei ihm, weil er einige wirklich einflussreiche Aufsätze verfasst hat.

Haben Sie die Methode auch schon erprobt?

Bislang noch nicht. Ich mag keine warme Milch.

Wann ist es nicht zu empfehlen, auf seinen Bauch zu hören?

Wenn es um die Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten und ­Risiken geht. Die meisten Menschen tun sich schwer damit. So wähnen sie sich auf dem Fahrrad in Sicherheit, weil sie das im Griff haben, leiden aber unter Flugangst. Dabei ist es auf dem Fahrrad viel gefährlicher als an Bord eines Jets.

Themen wie das Unbewusste, Emotionen und soziale Intelligenz haben seit einiger Zeit Konjunktur. Wie erklären Sie sich das?

Es gibt mittlerweile sehr viel empirisches Wissen aus der Psychologie und Neurowissenschaft, das auch in anderen Fächern und in den Medien lebhaft diskutiert wird – besonders steile Thesen wie die, dass der freie Wille eine Illusion sei. Und viele Menschen empfinden unsere rationale Kultur als kalt und anstrengend. Daher wirken Botschaften wie die, man könne einfach auf seinen Bauch hören, tröstlich. Doch das wäre unklug. Denn vorher muss man noch eine andere Frage beantworten: Habe ich gute Gründe, in diesem Moment auf meinen Bauch zu hören? Oder leiten mich meine Gefühle vielleicht in die Irre? Diese Entscheidung lässt sich nur auf eine reflektierte, vernünftige Weise treffen.

Das klingt sehr kühl.

Entspricht aber der Lebensrealität. Nehmen Sie die Liebe, von der ja gern gesagt wird, sie sei allein eine Sache des Herzens. Für das Verliebtsein stimmt das: Dieses Gefühl überkommt uns, wir können uns nicht dagegen wehren. Aber Partnerschaften folgen heute mehr denn je rationalen Kriterien: Wollen wir Kinder? Passen unsere Interessen und Lebensstile zusammen? Die Partnerportale im Internet haben diese Art der Auswahl perfektioniert, dort geht es im Grunde darum, Listen erwünschter Eigenschaften abzuhaken. Bei der Liebe sollte man immer nur auf den Bauch hören, aber bei Partnerschaften lieber auf den Verstand. Klingt unromantisch, aber in der Literatur der Romantik ging es ja auch immer nur um Herzklopfen und Abenteuer und nicht um Familienplanung, Windeln wechseln oder Steuerklasse 4. ---

Philipp Hübl,
geboren 1975 in Hannover, hat Philosophie und Sprachwissenschaft in Berlin, Berkeley, New York und Oxford studiert. Er ist Juniorprofessor für Theoretische Philosophie an der Universität Stuttgart. Sein jüngstes Buch heißt: Der Untergrund des Denkens – Eine Philosophie des Unbewussten. Rowohlt, 2015; 480 Seiten; 19,95 Euro

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