Ausgabe 11/2016 - Schwerpunkt Intuition

Orientierungssinn vs. GPS

Das Ziel ist der Weg

• „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“ Diese Ansage ist zur Pointe fast jeder Autofahrt geworden. Zielgenau führen uns Satelliten bis in die kleinste Seitengasse im Wirrwarr jeder Großstadt. Sogar die Inuit im hohen Norden lassen sich mittels GPS durch das ewige Eis führen. Als kanadische Wissenschaftler den Einfluss der Navigationssysteme auf deren Jagd untersuchten, kamen sie zu einem überraschenden Ergebnis: Die Unfälle nehmen seitdem zu.

Auch Kathleen Kröger bringt Menschen ins Ziel. Im übertragenen Sinne jedenfalls. Die freiberufliche Hebamme beobachtet seit einigen Jahren, dass ihre Schwangeren unsicherer werden. „Es wird nur noch auf Blutwerte, den Ultraschall oder die Ratgebermeinungen geschaut, einfach in sich hineinhören kann kaum noch jemand.“ Dabei sollten die Mütter doch am besten wissen, was sie oder ihr Baby gerade brauchen. Stattdessen geben heute Apps den Takt der Stilleinheiten vor.

Noch ein Beispiel? Pilze sammeln muss nicht mehr das Hobby für wenige Eingeweihte sein. Ein Hamburger Botaniker beschrieb es einmal so: „Heute laufen die Sammler mit Handys ins Gelände, ohne eine Ahnung, aber dafür mit einer App.“ Hilfreich scheint das nicht zu sein: Die Zahl der Pilzvergiftungen hat in den vergangenen Jahren zugenommen.

Je weiter die Digitalisierung in unseren Alltag vordringt, umso mehr führen wir ein Leben mit Autopilot. Was macht das mit uns, wenn die Technik alles für uns macht?

Im Animationsfilm „WALL-E“ hat Regisseur Andrew Stanton eine unterhaltsame Antwort gegeben. Er lässt die Menschheit in einem Raumschiff durchs All reisen, mit verkümmerten Sinnesorganen und verfetteten Körpern, Beinen, zu schwach zum Gehen, und Gehirnen, die unfähig sind, einen klaren Gedanken zu fassen. Fliegende Sessel befördern die Menschen von einem Unterhaltungsprogramm zum nächsten, jeder ist nur noch damit beschäftigt, zu fressen und zu chatten. Die Maschinen haben längst die Kontrolle übernommen.

Klingt gar nicht mehr so abwegig. Auch unser Leben wird immer häufiger dadurch bestimmt, dass Algorithmen stets die richtige Antwort wissen. Was aber tun wir in Momenten, in denen intuitive Entscheidungen statt rationaler Berechnungen gefragt sind? In denen etwa der erfahrene Jäger eher spürt als weiß, dass das Eis ihn an einer bestimmten Stelle nicht trägt? In denen ein Baby aus einem ganz bestimmten Grund schreit oder der essbar aussehende Pilz giftig ist? An dieser Stelle wird es ernst. Es geht um Leben und Tod. Um unser Dasein an sich – und unseren Hippocampus.

Technischer Tunnelblick

Im Jahr 1822 notierte der britische Entdecker William Edward Parry in seinem Tagebuch, dass seine Inuit-Führer mit „erstaunlicher Präzision“ durch die arktische Einöde des kanadischen Nordens navigierten. Ein Terrain, in dem sich kaum Orientierungspunkte finden, sich die Schneeformationen ständig ändern, Pfade über Nacht verschwinden, das Meer sich von einem Tag zum anderen in eine weiße Eiswüste verwandelt und umgekehrt. Die Orientierungsfähigkeit der Inuit ist vor allem deshalb so beeindruckend, weil sie bis heute ganz ohne Karten, Kompass oder andere Geräte auskommen. Sie beruht allein auf einem Gespür der vorherrschenden Winde, den damit einhergehenden Schneeverwehungen, der Sterne und Meeresströmungen sowie dem Verhalten der Tiere.

Über diese beeindruckenden Fähigkeiten der Inuit berichtete jüngst der Wirtschaftsjournalist und Sachbuchautor Nicholas Carr in einem Vortrag an der Harvard Universität. Dieser wurde vom Magazin »Schweizer Monat« unter dem Titel „Im Niemandsland“ abgedruckt. Carr berichtet, wie das Wissen der Inuit bis in die Gegenwart von Generation zu Generation weitergegeben wird, indem die jungen Jäger es sich mühsam in einer viele Jahre dauernden Ausbildung durch die Ältesten aneignen müssen. Erst dann erhalten sie die Erlaubnis, allein zu jagen. In dieser Zeit schärft sich ihr Orientierungssinn derart, dass sie später einmal Gefahren intuitiv erkennen können. Ein einmaliges Wissen – das bald verschwunden sein könnte.

Das prophezeit der Anthropologe Claudio Aporta von der Dalhousie-Universität in Halifax. Er untersucht seit vielen Jahren das Leben einer Inuit-Gruppe auf der kleinen kanadischen Insel Iglulik. Seit der Jahrtausendwende steigt dort die Zahl der schweren Jagdunfälle.

Im Jahr 2000 wurde der private Einsatz von GPS-Geräten praktikabel. Diese wurden seitdem immer besser und billiger – und sie erreichten auch die Insel Iglulik. Vor allem die jungen Leute waren begeistert. Mit den digitalen Karten und den satellitengesteuerten Routenberechnungen wurde die Ausbildung durch die Ältesten obsolet. Deren Wissen wirkte auf einmal nicht mehr bewundernswert, sondern antiquiert.

Die junge Generation der Inuit kann heute bei jeder Wetterlage zur Jagd aufbrechen und sich auch in Gegenden orientieren, in denen sie sich überhaupt nicht auskennt. Claudio Aporta vermutet, dass das auf Iglulik über Jahrhunderte weitergereichte Wissen zur Navigation im arktischen Eis in ein bis zwei Generationen verloren sein wird. Aporta beobachtet bei den jungen Inuit einen technischen Tunnelblick: Sie hinterfragen die Anweisungen der Geräte nicht, rasen die vorgegebenen Routen entlang und dabei häufig über gefährlich dünnes Eis, über Klippen oder auf andere Gefahren zu, die ein erfahrener Jäger intuitiv gemieden hätte. Statt auf die Umwelt, richten die Jäger ihre Aufmerksamkeit auf ihre technischen Helfer, in den Worten von Aporta reisen sie „mit verbundenen Augen“.

Degeneration im Hippocampus

Natürlich sind die Vorgänge auf Iglulik bedauerlich, andererseits wäre es auch nicht die erste und nicht die letzte Kultur, die durch den Einfluss des Fortschritts einen Teil ihrer Tradition verliert. Der Bewohner einer Großstadt jedenfalls wird für den Orientierungssinn der Inuit kaum mehr als ein Schulterzucken übrig haben. Er sucht sein Ziel inmitten Tausender Straßen. Ein Navi ist da ein Segen. Wo also liegt hier das Problem?

Viel näher, als die meisten denken. Wissenschaftler haben noch eine andere kleine Insel ausgemacht, die von den digitalen Orientierungshilfen beeinflusst wird. Und zwar auf ziemlich bedenkliche Art und Weise. Diesmal betrifft es jeden von uns. Die kleine Insel befindet sich direkt in unserem Kopf.

Der Wissenschaftler John O’Keefe beobachtete bereits in den Siebzigerjahren, dass Nagetiere im Labor eine besondere Aktivität bestimmter Neuronen zeigten, sobald sie in einem Raum an ihnen vertrauten Stellen vorbeiliefen. O’Keefe nannte diese ortsgebundenen Neuronen Ortszellen. Sie befinden sich im Hippocampus, jenem Teil des Gehirns, der maßgeblich für unser Gedächtnis verantwortlich ist. Es geht noch weiter: Im Jahr 2005 entdeckte das norwegische Forscherpaar May-Britt und Edvard Moser in einem dem Hippocampus nahe liegenden Gehirnareal eine weitere Art von Neuronen, die direkt durch geografische Einflüsse stimuliert werden. Es sind die sogenannten Gitterzellen, die eine abstrakte Karte des Raumes abspeichern. 2013 berichtete Edvard Moser im Fachblatt »Nature Neuroscience«, wie die neuronalen Mechanismen zur Definition der räumlichen Verhältnisse (Gitterzellen) zwischen Landmarken (Ortszellen) auch Assoziationen zu Objekten, Ereignissen und anderen faktischen Informationen ermöglichen.

Zusammengefasst bedeutet das zweierlei: Dass der Mensch das beste aller Navigationssysteme immer noch in seinem Kopf trägt, wie John O’Keefe es einmal ausdrückte, der im Jahr 2014 gemeinsam mit dem Forscherpaar Moser den Nobelpreis für Medizin erhielt. Und zweitens: Nutzt der Mensch diese neuronalen Anlagen nicht, wirkt sich dies negativ auf das gesamte Gedächtnis aus.

Véronique Bohbot stellt die entscheidende Verbindung her: Die auf das Gedächtnis spezialisierte Psychiaterin der McGill-Universität in Montreal erforscht Alzheimer und Demenz. Sie sieht eine direkte Verbindung zwischen diesen Formen des Gedächtnisverlustes und dem Ausschalten des menschlichen Orientierungssinns. Das Fahren per GPS-Navigation verursacht nachweislich eine Degeneration des Hippocampus.

Das Ende der Autonomie

GPS-Navigation, die App fürs Stillen oder Pilze sammeln – gemein ist allen, dass sie Erfahrungen, Wissen, letztlich die menschliche Intuition durch eine Software ersetzen. Wir lesen nicht mehr die Landschaft, hören nicht mehr auf unseren Körper, verlernen es, uns und unsere Mitmenschen wahrzunehmen oder mit der Natur vertraut zu bleiben. Wir werden abhängig von Technik.

Für Gerd Gigerenzer, Psychologe und Direktor der Abteilung Adaptives Verhalten und Kognition sowie des Harding-Zentrums für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, stellt dies das Menschsein an sich infrage. Denn das beruhe vor allem auf der Fähigkeit, autonome Entscheidungen zu treffen. Voraussetzung dafür ist die menschliche Intuition. Gigerenzer beschreibt sie als das Gegenteil von Berechnung.

Wenn wir unser Leben nur noch von außen steuern lassen, uns Routen berechnet werden, statt dass wir selbst Wege finden, dann bewegen wir uns buchstäblich auf dünnem Eis. Persönliche Erfahrungen sind so bunt wie die Menschen selbst, die Algorithmen und Berechnungen der Computer bleiben dagegen für alle gleich. Das Dasein wird vorhersagbar und damit unsäglich öde.

Raum für intuitive Entscheidungen

Aber ist es nicht erwünscht, dass alles berechenbar und rational zu erklären ist? Schließlich hilft es uns doch, gute Entscheidungen zu treffen. Aber wohl nicht die besten.

Gigerenzer wies bereits im Jahr 2012 darauf hin, dass in Organisationen bei vielen Entscheidungen oft nur die zweitbeste Option gewählt wird. Nämlich jene, die am leichtesten zu begründen ist. Gigerenzer spricht von einem defensiven Entscheidungsverhalten. Man ahnt, dass die Entscheidung nicht die beste ist, weil man dies aber nicht rational begründen kann, folgt man letztlich der Meinung der Mehrheit.

Intuitive Entscheidungen sind Opfer ihrer eigenen Natur. Es liegt im Wesen der Intuition, dass sie selten rational zu begründen ist. Es bleibt ein Gefühl, eine Ahnung. So sind erfahrene Schachspieler intuitiv in der Lage, erfolgreiche Züge vorzunehmen, ohne erklären zu können, warum. In einem Artikel auf dem Kompetenzportal Risknet forderten Psychologen der Ludwig-Maximilians-Universität in München und Risikomanager des Rückversicherers Munich Re schon 2013, in den Organisationen mehr Raum für intuitive Entscheidungen zu schaffen. Nämlich immer dann, wenn Menschen über einen großen Erfahrungsschatz verfügen und die zu treffende Entscheidung ein Umfeld mit wenig unbekannten Parametern berührt.

Die vergrabene Intuition

Mit dem inneren Kompass navigiert man nicht selten besser als mit Berechnungen von außen. Vor allem in einer immer komplexer werdenden Welt. Zumindest sorgt er für eine Art Grundvertrauen und damit für die Lebenstauglichkeit schlechthin. Wohl dem, der sich in kritischen Momenten auf sich selbst verlassen kann.

Der Bonner Kinderpsychiater und Buchautor Michael Winterhoff hat Menschen in seinen Sprechstunden, die genau diese Kompetenz verloren zu haben scheinen. Er arbeitet mit Eltern, die oft gar nicht wissen, dass sie ein Problem haben. Die zum Beispiel erst auf Drängen der Lehrer ihrer Kinder eine psychologische Beratung in Anspruch nehmen. Laut Winterhoff haben die Gründe dafür viel mit dem Verlust eines intuitiven Umgangs der Erwachsenen mit Kindern zu tun.

Von einer verlorenen Intuition sollte man laut Winterhoff aber gar nicht sprechen, schließlich könne diese nicht abhandenkommen. Sie liege vielmehr irgendwo begraben, seiner Meinung nach vor allem unter dem digitalen Rauschen unserer Zeit. Weil die Maschinen den Menschen heute sagen, wie viele Schritte sie am Tag gegangen sind, ob sie gut geschlafen haben oder wie das Wetter in der nächsten Stunde wird. Entsprechend erwarten sie auch, wie die Hebamme Kathleen Kröger eingangs berichtete, dass das Handy am besten wissen wird, wann es Zeit für das nächste Fläschchen ist.

In seinem Buch „Lasst Kinder wieder Kinder sein“ beschreibt Winterhoff eine ganze Generation von Erwachsenen im permanenten Ausnahmezustand. Angesichts eines nie enden wollenden Stroms an Nachrichten und Ratschlägen kämen die Menschen einfach nicht mehr dazu, mit sich selbst in Kontakt zu sein. Stattdessen bringen die Geräte sie permanent in Kontakt mit den Geschehnissen in aller Welt, meist sind es keine guten, auch mit den Aktivitäten der vielen Freunde in den sozialen Medien. Es fehlt die Auszeit, die nach Winterhoff vor der Digitalisierung zwangsläufig eintrat, sobald man das Zimmer verließ, in dem sich ein Telefon befand oder man die Tür zum Büro abschloss. Es gab noch die Momente, da man über sich selbst verfügte.

Diese seien aber Voraussetzung dafür, die eigene Intuition wachzuhalten. Zu spüren, warum ein Kind zum Beispiel gerade schreit. Ob es Hunger hat, ihm vielleicht nur kalt ist, der Bauch etwas grummelt oder es vielleicht wirklich etwas Ernstes plagt.

Wenn den Eltern das Gefühl dafür fehlt, ob ein Kind unbedingt sofort in diesem Moment getröstet werden muss oder der kleine Sturz vielleicht gar nicht so schlimm war, dann trösten sie immer und permanent. Die Kinder entwickeln dadurch die Annahme, alles steuern und bestimmen zu können. Sie bilden dann verspätet oder gar nicht die typischen Eigenschaften des Heranwachsenden aus: den Sinn für Eigenverantwortung, die Umsichtigkeit, die Vernunft oder die Bereitschaft zu Anstrengungen. Laut Winterhoff verlaufen die körperliche und die persönliche Entwicklung nicht mehr synchron. Heutige Erstklässler seien nicht selten auf dem Niveau von Kleinkindern, blieben lustorientiert und ichbezogen. Bildungsangebote rauschten an ihnen vorbei, während die Eltern planlos, überfordert und resigniert wirkten.

Ab in den Wald

Und nun? So komplex die Angelegenheit ist, so trivial wirken die Lösungsansätze. Winterhoff ist der Meinung, Erwachsene bedürften keines Trainings, um Kinder zu erziehen. Auch keiner App, das natürliche Programm sei ja ebenso in uns angelegt wie der Orientierungssinn in unserem Kopf. Wir müssen nur wieder in Kontakt mit uns treten. Er schickt seine Patienten in den Wald. Das erste Mal mindestens für vier bis fünf Stunden, ohne Handy, Hund oder Freunde. Nicht joggen, nur gehen. Der Effekt sei immer wieder überraschend. Zuerst baut sich ein enormer Druck auf, die Menschen halten es schlichtweg nicht mehr mit sich selbst aus. Dann stellen sich Glücksgefühle ein. Probleme zeigen sich plötzlich nicht mehr als solche. Die Intuition erwacht wieder.

Auf einen solchen Weg zu sich selbst sollte sich jeder regelmäßig machen. Daneben gelte es, besser mit digitalen Medien umzugehen. Michael Winterhoff ist kein Romantiker, der zurück ins analoge Zeitalter möchte. Es geht ihm darum, das Maß zu finden. Unternehmen beginnen ja bereits, die Server nach Feierabend abzustellen. Menschen verordnen sich bewusst Offline-Zeiten, verzichten etwa einen Tag in der Woche auf das Internet oder entscheiden sich bewusst gegen ein Smartphone, weil sie es vielleicht gar nicht brauchen. Der Effekt eines solchen digitalen Entzugs, sagt Winterhoff, sei stets eindrücklich.

Ein paar Stunden offline im Wald mag man vielleicht noch hinbekommen. Wie aber kümmern wir uns künftig um unseren Hippocampus? Einen Entzug vom Navigationssystem wird niemand ernsthaft wollen, geschweige tatsächlich hinbekommen. Véronique Bohbot aus Montreal empfiehlt, auf Reisen, zumindest auf den Rückwegen, das Navi ausgeschaltet zu lassen. Und wenn man sich verfährt, kann man es positiv sehen. Statt „Sie haben Ihr Ziel erreicht“, kann man sich selbst sagen: „Ich habe meinen Hippocampus stimuliert.“ ---

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