Ausgabe 11/2016 - Schwerpunkt Intuition

Michael Krüger im Interview

„Ich weiß, dass der Gott der Poesie existiert“

• Michael Krüger hat über Jahrzehnte den Münchener Carl Hanser Verlag geprägt, neben Suhrkamp einer der letzten großen, unabhängigen Literaturverlage dieses Landes. Wenn dort ein hierzulande unbekannter Lyriker verlegt wird, lohnt es sich, hinzusehen: Womöglich handelt es sich um einen künftigen Nobelpreisträger. Mit nicht weniger als 17 so Geehrten im Programm ist Hanser der Konkurrenz weit voraus. Und auch an Gespür für kommerzielle Erfolge mangelt es nicht.

Krüger führt den Besucher in seinem Haus im Münchener Villenviertel Bogenhausen in die Bibliothek: ein lichter, hoher Raum mit Büchern bis zur Decke, ein paar Stühle, ein schmaler Tisch; nichts lenkt ab von der Lektüre. Offenbar verbringt er seine Tage immer noch am liebsten mit Büchern. Angefangen hat er 1968 als Lektor bei Hanser nach einer Buchhändlerlehre und drei Jahren als Buchhändler in London. 1986 wurde Krüger bei Hanser literarischer Leiter, 1991 Geschäftsführer. 2013 verabschiedete er sich vom Verlag. Seitdem sorgt die Arbeit in diversen Jurys und als Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste dafür, dass ihm nicht langweilig wird.

Seit 40 Jahren schreibt Krüger selbst Prosa und Gedichtbände. Die Kunst, von Autoren zu schwärmen, hat er nicht verlernt. Vermutlich ist das sein Erfolgsgeheimnis: Er hat Bücher verlegt, die ihm selbst etwas bedeuten.

brand eins: Herr Krüger, lässt sich Erfolg kalkulieren?

Michael Krüger: Wenn Verleger den Erfolg kalkulieren könnten, gäbe es nicht so wahnsinnig viele schlechte Bücher, die nach drei Monaten wieder weg sind.

Woran liegt das?

Man hat den Eindruck, dass viele Bücher nur gemacht werden, um irgendwie ein Programm zu füllen. Immerhin beherrschen Konzernverlage wie Bertelsmann, Bonnier und Holtzbrinck heute mehr als 50 Prozent des deutschen Buchmarktes.

Welchen Sinn hat es für diese Verlage, mit beliebigen Titeln das Programm zu füllen?

Es geht darum, im Buchhandel durch Marktmacht und Volumen einen bestimmten Platz zu besetzen. Von den etwa 20 000 literarischen Titeln, die jedes Jahr erscheinen, ist mehr als die Hälfte zu Recht schnell vergessene Saisonware, kein Mensch kräht danach. Es geht um Marktmacht. An vielleicht 800 bis 1000 Titeln wird in den Verlagen ernsthaft gearbeitet, und trotzdem werden die meisten keine großen Erfolge. Wenn man 10 000 Exemplare verkauft, kann man froh sein. Es sind vielleicht 40 bis 50 literarische Titel im Jahr, die sich besser verkaufen.

Einer dieser Titel war Umberto Ecos „Der Name der Rose“. Der Suhrkamp Verlag, dem das Buch zuvor angeboten worden war, wollte Ecos ersten Roman nicht veröffentlichen, weil sich seine akademischen Aufsätze zur Zeichentheorie bei Suhrkamp nicht besonders gut verkauft hatten. Was reizte Sie daran?

Den letzten Anstoß gab der Schriftsteller Christian Enzensberger, der Bruder von Hans Magnus Enzensberger. Am Tag bevor wir unser Angebot für die deutschen Rechte abgeben mussten, hatte ich ihn gebeten, die ersten 100 Seiten zu lesen. Er sprach gut Italienisch und lebte mit einem Italiener zusammen. Ich wollte wissen, ob das vielleicht doch nur verkopfte Prosa eines Semiotik-Professors und Mittelalter-Experten ist. Christian las die ganze Nacht und rief am folgenden Tag an: Das sei ein spannender, klug gebauter Schmöker und endlich mal keine Nachahmung amerikanischer Kriminalromane, sondern ein europäischer Stoff – wir sollten das Buch unbedingt machen. Für die deutschen Rechte zahlten wir 50 000 Mark, die wir sehr schnell wieder einspielten.

Hörten Sie oft auf Freunde und Ratgeber?

Ja, natürlich. So kam einer der erfolgreichsten Autoren zum Hanser-Tochterverlag Zsolnay. Ich saß am Starnberger See mit der ersten Frau des schwedischen Schriftstellers Lars Gustafsson zusammen, Madeleine, eine sehr kluge, vielsprachige Frau, die komplizierte Theorie-Werke übersetzt hat. Ich fragte, was sie gerade lese. Madeleine sagte, privat lese sie derzeit eigentlich nur Henning Mankell. Den Namen hatte ich noch nie gehört. Es gab auch keine englischen oder französischen Übersetzungen. Ich habe mir den Namen auf eine Serviette geschrieben, um ihn nicht zu vergessen. In einem winzigen Berliner Verlag, der eigentlich auf Zahnmedizin spezialisiert ist, waren merkwürdigerweise aus Liebhaberei zwei Bücher von Mankell in schlechten deutschen Übersetzungen erschienen. Die habe ich über Nacht gelesen und dann dem schwedischen Verlag ein Angebot gemacht.

Mögen Sie Krimis?

Ich bin das Gegenteil eines Krimi-Lesers. Ich hatte keine Ahnung davon, dass der skandinavische Krimi etwas ganz Besonderes ist, das hat mich auch überhaupt nicht interessiert. Aber dieser melancholische Kommissar Wallander, der hat mich interessiert. Henning Mankell hat uns in München besucht, ein wunderbarer, sehr gebildeter Mensch. Er war mit einer der Töchter von Ingmar Bergman verheiratet, die ich wiederum kannte, weil Bergman eine Zeit lang in München am Theater gearbeitet hat und wir auch Bücher von ihm gemacht hatten. So viel zu Ihrer Frage, ob man Freunden vertrauen muss. Ohne Madeleine Gustafsson hätte ich Henning Mankell vielleicht nie kennengelernt. Die Wallander-Krimis waren ein Glücksfall für Hanser und für den Zsolnay-Verlag, den wir damals gerade übernommen hatten.

Was bedeutet „Glücksfall“ in Zahlen?

Wir haben im Hardcover und als Taschenbuch bei dtv etwa 30 Millionen Bücher von Mankell verkauft. Wir haben natürlich alles versucht, um noch zwei oder drei andere skandinavische Krimi-Autoren zu finden, die literarisch ähnlich anspruchsvoll sind und sich vielleicht auch noch gut verkaufen lassen. Wir haben Scouts beschäftigt, wir haben Sitzungen abgehalten, wir haben befreundete ausländische Verlage gefragt – es ist uns nicht gelungen. Die strategisch betriebene Suche hat nicht funktioniert.

Zwischen 2006 und 2016 waren sieben der insgesamt zehn Literaturnobelpreisträger Hanser-Autoren – wie gelang das?

Das liegt auch an meiner Liebe zu den Dichtern. Es soll ja Leute geben, die nicht an den Gott der Poesie glauben. Aber ich weiß, dass er existiert. Hanser hat sehr viele Dichter verlegt. Einige davon wie Tomas Tranströmer, Seamus Heaney oder Joseph Brodsky wurden dann mit dem Nobelpreis geehrt. Von Gedichtbänden verkauft man in der Regel zwischen 300 und 800 Exemplare.

 

Wie rechnet sich das?

Gar nicht. Natürlich sind das Verlustgeschäfte, das weiß man vorher. Aber es macht Vergnügen, Bücher zu haben, in denen jede Zeile stimmt und kein Wort zu viel ist. Ein literarischer Verlag ist ohne Poesie oder anspruchsvolle Essaybände eigentlich undenkbar. Wer das nur wegen der Rendite ausblendet, ist eigentlich gar kein Literatur-Verleger. Bei einem Gedichtband des Schweden waren wir vor seinem Nobelpreis tatsächlich froh, wenn wir 300 oder 400 Stück verkauft haben.

Und nachdem er 2011 den Nobelpreis erhalten hat?

Dann haben wir 32 000 Exemplare seines Werkes „Sämtliche Gedichte“ verkauft.

Eine andere Nobelpreisträgerin, Herta Müller, war lange beim Rowohlt Verlag. Nach ihrem Wechsel zu Hanser kam dann der Nobelpreis. Pech für Rowohlt, Glück für Sie?

Wir haben sie nicht abgeworben, sie wollte zu Hanser. Sie hat uns einen Band mit Essays und einen Band mit Collagen angeboten. Normalerweise sagt man: Haben Sie nicht einen Roman oder wenigstens Erzählungen? Wir müssen ja auch von etwas leben. Aber wir waren stolz, sie im Verlag zu haben, eine Autorin, die ich bewundere. Sechs Jahre später, 2009, ist ihr großer Roman „Atemschaukel“ bei uns erschienen. Im selben Jahr hat sie den Nobelpreis erhalten. Aber es gibt eben auch Autoren, die man liebt, für deren Bücher man alles tut und trotzdem kaum etwas verkauft.

Wie wichtig war das Gespür der Kollegen?

Natürlich ist ein Verlag nur so gut wie seine Mitarbeiter. Jemand wie die fantastische Felicitas Feilhauer, die sehr lange für Werbung und Vertrieb zuständig war, hat Hanser geprägt. Sie ist sicher ganz entscheidend mit dafür verantwortlich, dass zum Beispiel Rüdiger Safranski heute ein so bekannter Autor ist.

Bei Hanser und den Tochterverlagen erscheinen etwa 150 Titel im Jahr. Wie viele haben Sie gelesen?

Ich habe alle Manuskripte und Übersetzungen der Titel, die wir im Verlag gemacht haben, gelesen, auch die Manuskripte, die uns angeboten wurden und die mir interessant erschienen, auch die älteren Werke neuer Hanser-Autoren. Das Lesen war der Grund, weshalb ich den Beruf so lange ausgehalten habe.

Und wenn Sie von einem neuen Manuskript überzeugt waren?

Dann kamen die Fragen, besonders wenn der Autor noch nicht bei Hanser war: Passt das zu uns? Welche Zukunft traut man dem Autor zu? Lässt sich das verkaufen? Wie hoch kann der Vorschuss sein? Leider lassen sich Verkaufschancen immer nur sehr vage einschätzen. Selbst ein Roman des verehrten, berühmten Philip Roth verkauft sich in Deutschland im Hardcover keine 100 000-mal. Ich war fast immer erstaunt, wenn ein Buch auf mehr als 100 000 verkaufte Exemplare kam.

Zum Beispiel?

Milan Kunderas „Unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ war so ein Buch, dessen Welterfolg keiner geahnt hatte. Er hat mit seinem klugen, aufs Schönste eigensinnigen Buch einfach ein Bedürfnis, eine Fantasie vieler Leser getroffen. Als ich ihn nach dem Prager Frühling in München kennenlernte, war er ein Emigrant aus der Tschechoslowakei ohne Geld, der auf dem Weg nach Frankreich war. Das sind natürlich die schönsten Erfolge, die unverhofften.

Solche Autoren haben sicher auch den Vorteil, dass sie zu wenig Geld verlangen. Wie haben Sie auf hohe Vorschuss-Forderungen reagiert?

Als Umberto Eco im Jahr 1994 seinen dritten Roman geschrieben hat, kamen von seinem italienischen Verlag vier Herren in erstklassigen Anzügen in mein kleines Verlagsbüro und wollten für die deutschen Rechte eine Garantiesumme von einer Million Mark. Ich bin fast vom Stuhl gefallen. Sie waren sehr freundlich. Es war klar, dass sie einfach ein paar Straßen weiter zu Bertelsmann gehen, wenn ich das Angebot nicht akzeptiere. Sie hätten dort 1,5 Millionen bekommen, da bin ich ziemlich sicher. Ich habe das gemacht. Nach allem, was wir in Ecos Bücher investiert hatten, wollte ich auf keinen Fall, dass er aus Vorschuss-Gründen den Verlag wechselt. Wir haben den Vorschuss dann mit Hardcover und Taschenbuch auch wieder eingespielt.

So ein hoher Vorschuss ist eine riskante Wette auf Verkaufschancen. Konnten Sie sich das öfter leisten?

Bei Hype-Titeln mit exorbitanten Vorschuss-Forderungen haben wir gar nicht erst mitgeboten. Das ist viel zu spekulativ für Hanser. In den USA zahlen Verlage für bestimmte prominente Autoren exorbitante Vorschüsse, weil sie sie unbedingt in ihrem Programm haben wollen – auch wenn sie wissen, dass sich dieser Vorschuss niemals amortisiert. Random House hat zum Beispiel für die US-Rechte an W. G. Sebalds Roman „Austerlitz“ 600 000 Dollar gezahlt. Das ist Geld für Renommee und Aufmerksamkeit, das ist nicht unser Geschäftsmodell.

Was passiert im Verlag, wenn man merkt, dass eine Neuerscheinung zum Bestseller wird?

Ich habe mir jeden Morgen die Zahlen angesehen: Verkaufszahlen, Deckungsbeiträge, Lagerkosten. Das sind etwa 50 Kennziffern. Ich wusste von allen lieferbaren Titeln, wie sie sich in der Woche, im Monat verkauft haben. Wenn Sie das jeden Tag machen, trainiert das auch das Gespür dafür, wie sich einzelne Titel entwickeln. Es gibt Bücher, die nach einer oder zwei großen Besprechungen an Dynamik gewinnen. Das geht entweder kurz steil hoch und drei Tage später wieder runter, oder es geht weiter nach oben. Bei anderen Titeln baut sich der Erfolg langsam, aber stetig auf. Man ahnt, wenn jetzt noch dieses und jenes passiert, nimmt das weiter Fahrt auf. Also versucht man dieses und jenes. Nicht immer hilft zusätzliche Werbung. Manche Bücher haben mit 20 000 oder 30 000 verkauften Exemplaren ihr Potenzial erschöpft. Man kann ganz schnell viel Geld verlieren, wenn man nach 20 000 verkauften Büchern Nachauflagen zu großzügig kalkuliert und noch mal 20 000 Stück nachdruckt. Dieses ungeheuer wichtige Feintuning hatte ich als Verlagsleiter völlig verinnerlicht.

Lässt sich ein Titel allein durch Marketing durchsetzen?

Ich glaube nicht, dass man versuchen sollte, Erfolg zu kaufen. Für uns war es viel wichtiger, über die Jahre ein gutes Verhältnis zur Presse und zum Buchhandel aufzubauen. Wir haben für einen Verlag unserer Größe sehr viel Geld und Zeit in die Beziehung zu den Buchhändlern investiert – bis hin zu regelrechten Symposien, zu denen wir sie nach Weimar, Leipzig oder Triest eingeladen haben, um sie mit bestimmten Autoren bekannt zu machen. Wenn ich auf Reisen in irgendeiner Stadt war, habe ich immer als Erstes die Buchhandlungen besucht. Diese Beziehung zum Buchhandel ist die Basis für einen Verlag wie Hanser.

Gibt es Bücher, die Sie vor allem gemacht haben, um den Umsatz zu heben?

Wir haben manchmal überlegt, ob wir ein bisschen gefälliger werden können, um ordentlich Geld zu verdienen. Das ist meistens schiefgegangen. Es ist eine große Kunst, Unterhaltungsliteratur so anzubieten, dass sie ihre Käufer findet. Daniel Keel, der geniale Gründer des Diogenes Verlags, der konnte das, weil er auch selbst so dachte und diese Literatur liebte. Wir hatten nicht das nötige Gespür dafür.

Vor einigen Jahren waren Sie angesichts der Digitalisierung und der Marktmacht von Riesen wie Amazon im Hinblick auf die Zukunft literarischer Verlage ziemlich skeptisch. Ist Ihr Pessimismus inzwischen größer oder kleiner geworden?

Meine Hoffnung sind die kleinen Verlage wie Matthes & Seitz, die setzen im Augenblick die Maßstäbe. Oder Jung und Jung, Edition Nautilus oder Klaus Wagenbach, immer noch einer der besten europäischen Verlage. ---

Der Carl Hanser Verlag

ist immer noch im Besitz der Gründerfamilie. Neben dem Literatur- und Sachbuchverlag gehört auch ein Verlag für technisch-naturwissenschaftliche Fachbücher und Fachzeitschriften zum Unternehmen. Heute liegt der Gesamtumsatz bei etwa 55 Millionen Euro im Jahr. Mit den Tochterverlagen Zsolnay / Deuticke in Wien, Nagel & Kimche in Zürich und Hanser Berlin erscheinen im Verlag etwa 150 literarische Titel und Sachbücher im Jahr. Als Michael Krüger 1968 als Lektor im Verlag anfing, waren es 40 Titel im Jahr, darunter viele Klassiker-Editionen.

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