Ausgabe 11/2016 - Schwerpunkt Intuition

Frank Thelen im Interview

Bauch an Kopf: kaufen!

Frank Thelen, 41, war 18, als er nach einer eher unerfreulichen Schulkarriere seine erste Firma Softer Solutions gründete und eine Plattform zur Produktion von Multimedia-CD-ROMs entwickelte. Drei Jahre später bekam er 1,4 Millionen Euro Wagniskapital, um mit dem Unternehmen Twisd einen Linux-basierten Router zu entwickeln. Alles lief gut, 1999 wollte er mit der Twisd AG an die Börse – aber dann platzte die Dotcom-Blase, Twisd musste Insolvenz anmelden. 2001 startete er mit der Idenion GmbH wieder durch, gründete 2004 die IP Labs, die er im Jahr 2008 an die Fujifilm-Gruppe verkaufte, und ist heute mit E42 ein erfolgreicher Frühphasen-Investor, unter anderem bei Wunderlist, MyTaxi oder Kaufda. Seit 2014 gehört er zum Investorenkreis in der TV-Sendung „Die Höhle der Löwen“.

brand eins: Herr Thelen, Sie gelten als Kopfmensch, aber in der „Höhle der Löwen“ sollen Sie in kaum 20 Minuten eine Investitionsentscheidung treffen. Verlassen Sie sich da auf Ihren Bauch?

Frank Thelen: Ich habe keine andere Chance. Aber weil ich meinen Job seit 20 Jahren mache, kann ich auf einem soliden Gerüst aufbauen: Wie ist der Markt, welche Wettbewerber gibt es, welchen Eindruck macht der Gründer? Und man hat eine Nase, um den Mist zu riechen, und einen Bauch, um zu fühlen, ob es passt.

Lässt sich der Bauchanteil quantifizieren?

Das ist unterschiedlich. Manchmal überwiegen ganz klar die Zahlen, manchmal ist es ein 50:50-Verhältnis. Bei der Krawattenmarke Von Floerke zum Beispiel ging es um einen Markt, von dem ich absolut nichts verstehe. Doch mein Gefühl sagte mir, der kann das. Beim Suppenproduzenten Littlelunch dagegen war ich schnell bei den Zahlen: Wie viel Suppe essen die Leute jeden Tag, wie groß ist der Markt? Man kann sich die Produktionsstraße vorstellen, berechnen, was es bringt, dass die Suppen nicht gekühlt werden müssen – das ist Kopfarbeit.

Sie sehen die Bewerber zum ersten Mal, wenn Sie auf die Bühne kommen. Wie wichtig ist der erste Eindruck?

Für mich eher unwichtig. Dazu gibt es ja jede Menge Studien, wonach wir uns von Aussehen, Stimmfrequenz etc. beeinflussen lassen und nur zehn Prozent des Inhaltes tatsächlich ankommen – ich versuche, das so weit wie möglich auszublenden. Natürlich haben Attraktivität, Witz, gute Laune eine Wirkung auf mich, ich bin keine Maschine. Aber zumindest versuche ich, das Verhältnis zu drehen in Richtung 90 Prozent Inhalt, 10 Prozent Eindruck.

Unternehmensbewertungen sind oft nicht nachvollziehbar, viele scheinen überhöht. Woran könnte das liegen?

Dass der Bauch die Oberhand gewinnt – die Zahlen jedenfalls geben viele dieser Bewertungen nicht her. Nehmen wir ein reales Beispiel: Lilium Aviation, ein senkrecht startender Elektrojet. Das ist im Grunde ein fliegendes Auto, 100 Prozent elektrisch, total verrückt. Und bei der Zusage habe ich dem Gründer wörtlich gesagt: Daniel, der Verstand sagt Nein, der Bauch sagt Ja – wir investieren. Objektiv sprach alles dagegen. Es gab nicht genug Kapital, kein Datum, wann es genau fliegt, keine Antwort auf die Frage, wer überhaupt ein fliegendes Auto braucht und welche Regulierungen dagegen sprechen – es machte einfach keinen Sinn. Aber auf der anderen Seite hast du einen Gründer vor dir, der jede Frage beantworten kann, der 300 Prozent hinter dem Projekt steht, viel klüger ist als du, total starke Co-Gründer hat. Und du sagst dir einfach: Fuck it, das probieren wir jetzt.

Inzwischen hat Lilium Aviation immerhin einen Starttermin auf der Website (Januar 2018) und einen großen Investor an Land gezogen. Aber das Bauchgefühl gewinnt vermutlich nicht immer?

Sicher nicht, ich habe schließlich schon eine Pleite hinter mir. Und auch bei meiner eigenen Gründung Doo hat der Bauch versagt. Das sollte die Dokumenten-App werden, und wir haben dafür die Plattform immer komplexer gemacht, dafür auch drei Preise bekommen. Leider habe ich verpasst, rechtzeitig einen Schritt zurückzutreten, mir ein Glas Rotwein zu nehmen und mich zu fragen: Hey, funktioniert das wirklich? Versteht noch jemand das, was du da baust? Oder bist du längst in deiner Technik verloren und redest dir ein, die nächste Version wird es heilen, um noch ein paar Features draufzupacken? Ich hatte den Blick auf die Kunden verloren und das Gefühl dafür, was sie wollen und brauchen.

Welchen Stellenwert hat Intuition für Sie?

Sie wird eine der wichtigsten Eigenschaften für die Zukunft sein. Wenn wir alle Daten und Fakten zur Verfügung haben und die Entscheidungen immer komplexer werden, wird es der Mensch sein, der sagt, wir gehen nach links, obwohl vielleicht alle Daten nach rechts weisen oder unentschieden sind.

Gibt es ein Gespür für Erfolg?

Ich denke ja, aber ich wäre mir dessen gern sicherer. Wenn ich die vergangenen zehn Jahre Revue passieren lasse, habe ich schon recht häufig richtig gelegen. Aber im Grunde fühle ich mich jeden Tag schlechter, weil ich, je mehr ich lerne, merke: Verdammt, da ist noch so viel, was du lernen musst.

Hilft Erfahrung?

Auf jeden Fall. Wir lernen aus unseren Fehlern – und ich habe so brutal auf die Fresse bekommen, dass das in meinem Hinterkopf bleibt. Doch man muss aufpassen, dass man nicht zu schnell seine Schubladen aufmacht, dann kann Erfahrung auch schlecht sein. Ich bin nun mal tief in meinen speziellen Themen drin, und wenn ich zu anderen Innovationen etwas sage, kann ich Unrecht haben. Das ist die Herausforderung, die Balance zu halten zwischen Erfahrung und der Fähigkeit, immer wieder Neues zu lernen. Deshalb ist auch klar, dass meine Erfolgszeit als Investor endlich ist.

Warum?

Ich bewege mich am Technik- und Design-Limit in Europa. ­Irgendwann werde ich nicht mehr schnell genug, nicht mehr pfiffig genug sein. Dann sind meine Erfahrungen nichts mehr wert. Ich bin dann der, der von gestern erzählt: Weißt du noch, damals die Apps? Und der andere sagt: In der Virtual Reality läuft das völlig anders, du hast halt noch keine Erfahrung damit. Deshalb ist Erfahrung gut, eine Zeit lang – aber dann muss man neue Wege gehen.

Lässt sich das trainieren?

Ich hoffe, ja. Zum Beispiel, wenn man einen Elektrojet baut und plötzlich feststellt: Ich brauche eine Zulassung, ich muss eine Produktion aufbauen, da bewegst du dich plötzlich in völlig anderen Dimensionen. Ich versuche ständig, komplett neue Sachen zu lernen, lebe mit Virtual Reality, habe ein selbstfahrendes Auto. Aber wie lange das hilft? Da muss man realistisch bleiben. Snapchat zum Beispiel geht als Idee an mir vorbei, darauf habe ich keinen Bock, das bin ich nicht mehr.

Bereiten die Schulen auf diese Art des Lernens vor?

Fragen Sie mich nicht – ich bin von der Schule geflogen, habe das Studium abgebrochen. Und nein, ich glaube nicht, dass mein Lebenslauf kopierwürdig ist. Aber was mich immer gestört hat: Frontalunterricht und dass es nur um rein, rein, rein ging. Mir hat immer eine Antwort auf die Frage gefehlt: wozu? Als mir dann einer gesagt hat, wir bauen das erste Bildtelefon der Welt, das habe ich sofort verstanden: Geil, wir bauen ein Telefon, bei dem sich die Menschen sehen können. Und die Jungs, die das gebaut haben, fand ich megacool. Wir haben Tag und Nacht gearbeitet, und ich habe da, glaube ich, einen vernünftigen Job gemacht. In der Schule hat mir niemand erklärt, warum ich Latein lernen soll.

War „Die Höhle der Löwen“ auch so ein Lernprogramm?

Ja, und es war ein Riesen-Risiko. Ich habe alle gefragt – Dax-Vorstände, TV-Persönlichkeiten, Freunde –, und alle haben mir abgeraten. Aber da war wieder so ein Bauchgefühl: Ich wollte es ausprobieren. Und dann habe ich ganz strukturiert analysiert, was passieren kann, viele Gespräche geführt, Fakten gesammelt und einen Plan B entwickelt: Wenn es schiefgeht, ziehe ich mich zwei, drei Monate in mein zweites Zuhause auf Mallorca zurück, und wenn ich wiederkomme, ist der Rummel vorbei.

Was haben Sie gelernt?

Dass Bekanntheit eine Währung ist wie Euro oder Meilen. Und dass die größte Herausforderung ist, davon nicht abhängig zu werden. Das ist schwierig, weil man selber schwer beurteilen kann, ob man zum Arschloch mutiert.

Freunde helfen?

Ja, Freunde, Familie. Und mein Team, mit dem ich teilweise seit 20 Jahren arbeite – die haben mich auch in der Insolvenz erlebt, die halten mich am Boden. Dazu kommt, dass ich weiß: Ich liebe es, Unternehmen aufzubauen, ich liebe es, mit Gründern zu arbeiten, ich liebe neue Technik. Das ist meine Heimat, da komme ich her – und Fernsehen, Prominenz, das muss für mich immer ein Hobby sein, ganz nett, aber es darf niemals – niemals! – mein Kern werden. Das werde ich nicht zulassen.

Wie lange machen Sie das noch?

Keine Ahnung. Aber wenn ich nicht aus irgendeinem Grund ­gefeuert werde, hoffe ich: Genauso wie ich mit Intuition eingestiegen bin, werde ich mit Intuition aussteigen. ---

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