Ausgabe 11/2016 - Blick in die Bilanz

Easyjet

Flugangst

• Mehr als 70 Millionen Passagiere befördert die vorwiegend im europäischen Kurzstreckengeschäft tätige Easyjet jährlich, und das mit Erfolg: Zwischen 2011 und 2015 stieg der Umsatz um 36 Prozent auf 4,7 Milliarden Pfund (zum Bilanzstichtag rund 6,5 Milliarden Euro). Der Gewinn vor Steuern wuchs um 176 Prozent auf 686 Millionen Pfund (954 Millionen Euro), was einer Umsatzrendite von 14,6 Prozent entspricht. Die Lufthansa kommt auf 6,3 Prozent, Air Berlin schreibt Verluste. Nur Ryanair überflügelt Easyjet mit 26,3 Prozent, ist aber berühmt für Lohn-Dumping. Easyjet indes gilt als guter Arbeitgeber.

Doch im laufenden Geschäftsjahr (das bei Easyjet immer im Oktober endet) verschlechterten sich die Zahlen deutlich. Zwar stieg die Zahl der Passagiere noch um 7,4 Prozent im ersten Halbjahr. Trotzdem endete es mit einem Verlust von 24 Millionen Pfund, der vor allem der Schwäche der britischen Währung vor dem Brexit zuzuschreiben war. Schließlich muss die Airline 71 Prozent ihrer Rechnungen in Fremdwährungen begleichen, wofür sie durch die Abwertung nun deutlich mehr Pfund aufwenden muss. Außerdem erzielt sie fast die Hälfte ihrer Einnahmen in Pfund – der Wert dieses Postens verringert sich. Wäre der Kurs der Währung konstant geblieben, hätte Easyjet das erste Halbjahr mit einem kleinen Gewinn von fünf Millionen Pfund (Vorjahr: sieben Millionen) abgeschlossen.

Nicht viel, aber die ersten sechs Monate sind nie besonders gewinnträchtig, weil das Geschäft saisonabhängig ist. Im Winter buchen und zahlen viele Reisende zwar. Bis sie aber im Frühjahr und Sommer fliegen, tauchen diese Geldflüsse nicht in der Gewinn- und Verlustrechnung auf. Die Zahlungen werden unter „unearned revenues“ (noch nicht verdiente Erlöse) – per 31. März dieses Jahres immerhin rund eine Milliarde Pfund – in der Bilanz verbucht und erst im zweiten Halbjahr gewinnwirksam aufgelöst. Doch das Pfund fällt weiter, hat seit Ende Juni noch einmal 9,5 Prozent verloren. Easyjet rechnet daher für das Gesamtjahr per Ende Oktober mit einem Vorsteuergewinn nur noch maximal 495 Millionen Pfund, fast 28 Prozent weniger als im Vorjahr. Hinzu kommen weitere Belastungen: Der ungeklärte Absturz einer Egypt-Air-Maschine nördlich von Alexandria im Mai, Terroranschläge, Streiks und Unwetter haben bei der Airline in den ersten neun Monaten dieses Jahres zu gut 2500 Streichungen von Flügen und teuren Umbuchungen geführt. Zudem ist Easyjet in einen Preiskrieg mit dem Konkurrenten Ryanair verwickelt. Die Briten sparen daher, setzen etwa auf billige Slots und Terminalplätze. Und doch gab der Ertrag je Sitz um 8,3 Prozent auf 54,17 Pfund nach, während die Kosten nur um 3,8 Prozent auf 50,50 Pfund verringert werden konnten.

Der Brexit wirkt sich derweil nicht nur auf den Gewinn aus, das Geschäftsmodell ist bedroht. Als in der Europäischen Union (EU) ansässige Firma darf Easyjet auch außerhalb der Heimat Inlandsflüge anbieten. Die Briten verbanden per 30.6. dieses Jahres auf 753 Flugrouten 133 Flughäfen miteinander, mehr europäische Großstädte als jede andere Airline. Das funktionierte bislang gut. Sie stationierte immer mehr Maschinen an kontinentaleuropäischen Flughäfen, um sie möglichst effizient einsetzen zu können, zuletzt kamen Venedig und Barcelona hinzu. Dazu investierten die Briten stark, bestellten 176 neue Airbusse 320 und nahmen zur Finanzierung der Anzahlung unter anderem eine Anleihe in dreistelliger Millionenhöhe auf. Kein Wunder, dass Easyjet nun bereits ein Luftverkehrsbetreiberzeugnis in der EU beantragt hat, für den Fall, dass der Austritt Großbritanniens operative Beschränkungen nach sich zieht. Der Firmensitz müsste dann von Luton bei London in die EU verlegt werden. Ryanair hat die Nase vorn: Die Firma hat ihren Sitz im irischen Dublin. ---

Easyjet wurde 1995 von Stelios Haji-Ioannou gegründet. Der Erbe einer zypriotisch-griechischen Reederei wollte Fliegen günstig und einfach machen. 1995 ließ er erstmals zwei Boeing 737 vom Flughafen London-Luton nach Edinburgh und Glasgow starten. Im Jahr 2000 ging die Firma an die Börse, befindet sich aber zu gut einem Drittel noch immer im Besitz der Gründerfamilie. Sie verfügt heute über 250 Flugzeuge, bedient mehr als 750 Strecken, beschäftigt gut 10 000 Mitarbeiter und ist gemeinsam mit dem Schwesterunternehmen Easyjet Schweiz nach Ryanair die zweitgrößte Billigfluggesellschaft Europas.

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