Ausgabe 11/2016 - Wirtschaftsgeschichte

Denis Healey

Im freien Fall

• Eigentlich hatte Denis Healey an jenem 29. September 1976 vor, zu verreisen. Er war schon am Londoner Flughafen Heathrow und wollte gleich in eine Maschine nach Manila steigen, um dort an einem Treffen des Internationalen Währungsfonds (IWF) teilzunehmen. Doch am Gate ereilten den britischen Finanzminister Zweifel, denn die Lage im Königreich war brisant. Während beinahe stündlich schlechte Nachrichten eintrafen, wollte Healey auf keinen Fall 17 Stunden unerreichbar im Flugzeug sitzen. Also entschloss er sich zu bleiben und fuhr zurück in sein Büro in Downing Street 11.

Die Lage war dramatisch. Die Labour Party hatte bei den Wahlen 1974 eine hauchdünne Mehrheit von vier Sitzen erstritten und von den Konservativen eine chaotische Wirtschaft geerbt. Das Haushaltsdefizit war gigantisch, die Zahlungsbilanz kritisch, und die Inflation erreichte zeitweise fast 26 Prozent. Hinzu kam, dass das britische Pfund täglich an Wert verlor. Im März fiel die Währung erstmals unter zwei US-Dollar und erreichte im Oktober 1,65 Dollar, das war ein Wertverlust von knapp 25 Prozent binnen eines Jahres. Im Juli hatte Healey bereits hart gespart und die Steuern erhöht. All das zeigte praktisch keine Wirkung.

An jenem 29. September 1976 kam es dann richtig schlimm. Innerhalb weniger Stunden war das Pfund um vier Prozent gefallen – und Healey stand unter Druck. Er musste jetzt Ergebnisse liefern. Aber er wusste, dass er keinen Spielraum mehr hatte. Das Land war überschuldet, die Kasse leer, und das bedeutete, Healey musste sich Hilfe von außen holen. Es blieb dem Minister nichts anderes übrig, als den IWF in Washington darum zu bitten, das Land zu retten – es war das erste Mal, dass ein Industrieland dort vorstellig wurde. Healey beantragte einen Kredit in Höhe von 3,9 Milliarden Dollar, was nicht ganz ausreichte, um die Zinsen der Schulden in jenem Jahr zu bezahlen.

Die USA sind seit jeher die wichtigste Stimme im IWF. Aus politischen Grün-den waren sie dem Ansinnen aus London zugeneigt. Die Krise einer verbündeten Atommacht in Westeuropa kam der Regierung in Washington zu Zeiten des Kalten Krieges nicht zupass, sodass man die Briten nicht zum Sparen zwingen wollte. Schon ein Jahr zuvor hatte US-Außenminister Henry Kissinger in einer Depesche gewarnt: „Ein weiteres Senken der Verteidigungsausgaben würde Großbritanniens Einfluss als Nato-Verbündeten schwächen, was Folgen für die künftige Stabilität von Europa hätte.“

Trotzdem waren die Verhandlungen zäh. Unterhändler der britischen Regierung und des IWF trafen sich innerhalb von zwei Monaten nicht weniger als 26-mal. Denis Healey war in einer schwierigen Rolle. In Washington musste er möglichst milde Bedingungen für den Kredit aushandeln. Aber egal, was er nach Hause brachte, er würde dafür immer kritisiert werden. Die Kabinettskollegen fürchteten ein Spardiktat aus Washington, das die heimische Wirtschaft komplett kollabieren lassen würde. Und nicht nur das: Sie misstrauten auch den Zahlen aus dem Wirtschaftsministerium, gab es doch gut begründete Zweifel daran, dass die Beamten richtig gerechnet hatten.

Nach fast zwei Monaten waren sich der IWF und Denis Healey endlich einig. Großbritannien war bereit, drastisch zu sparen. Das prognostizierte Haushaltsdefizit von neun Prozent des Bruttoinlandsprodukts sollte binnen zweier Jahre auf fünf Prozent gesenkt werden. Außerdem musste die Regierung ihre Ausgaben um 2,5 Milliarden Pfund reduzieren und Aktien der Mineralölgesellschaft British Petroleum (BP) in Höhe von 500 Millionen Pfund verkaufen.

Im Gegenzug erhielt Großbritannien einen Kredit in Höhe von 3,9 Milliarden Dollar (2,3 Milliarden Pfund). Am 15. Dezember 1976 schrieb Healey an den IWF: „Die Absicht dieses Antrags ist es, die Maßnahmen zu unterstützen, die von der Regierung unternommen wurden, um die Zahlungsfähigkeit zu stärken, und Möglichkeiten zu schaffen, die Arbeitslosigkeit und die Inflation zu senken.“

Politisch hatte das Folgen für die Labour Party. Im Winter gab es heftige Proteste gegen die Sparpolitik, vor allem von den verbündeten Gewerkschaften. Im Jahr 1979 wurde die Partei abgewählt. Die begonnene Sparpolitik wurde von der neuen Premierministerin Margaret Thatcher verschärft. Healey hatte das britische Pfund gerettet, aber politisch verloren.

Es dauerte bis 1997, ehe Labour wieder behaupten konnte, über Wirtschaftskompetenz zu verfügen. Und Healey war bis zu seinem Tod im Jahr 2015 darüber verbittert, dass das Wirtschaftsministerium tatsächlich „die verdammten Zahlen nicht richtig ausgerechnet hatte“. Die Haushaltslage sei damals weitaus weniger dramatisch gewesen als angenommen. ---

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