Ausgabe 11/2016 - Schwerpunkt Intuition

Demoskop Matthias Jung im Interview

Wechselwahlforscher

brand eins: Herr Jung, was unterscheidet den heutigen Wähler von dem vor 25 Jahren?

Matthias Jung: Die Entscheidungen fallen heute viel kurzfristiger. Die Wähler entscheiden intuitiver, stärker aus dem Bauch heraus. Vor 25 Jahren hatten sich drei Wochen vor der Wahl die allermeisten längst entschieden. Damals haben sich nur zwei, drei Prozent hochgebildete Wechselwähler ihre Entscheidung bis zur letzten Minute offengehalten. Das ist heute anders.

Woran liegt das?

Heute sind die Bindungen viel geringer, die Parteien sind sich programmatisch nähergekommen, der Weg von einer Partei zur anderen ist inzwischen viel kürzer. Die Kampagnen der letzten Stunde können heute noch richtig was bewegen. Wir haben mittlerweile Wechselwähler in Schichten, die nicht hochgradig politisch interessiert und informiert sind.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Die Leute wählen nicht mehr das, was der Pfarrer in der Kirche vorgibt oder die Gewerkschaft im Stahlwerk. Sie können jetzt machen, was sie wollen. Das heißt eben auch: Sie können durch eine »Bild«-Kampagne leichter bewegt werden als früher.

Lassen sich die Menschen heute stärker von Gefühlen leiten?

Ja, da hat sich etwas verändert. Ängste hatten zum Beispiel früher keinen so großen Einfluss auf das Wahlverhalten, weil sie die bestehenden politischen Einstellungen bestätigt haben. Das hat viele kurzfristige Einflüsse verkraftet. Das ist heute nicht mehr so. Heute kann es passieren, dass eine Naturkatastrophe oder ein Skandal kurz vor der Wahl das Ergebnis dreht.

Was wissen Sie darüber, wie die Wähler heute ihre Wahlentscheidungen fällen?

Das ist natürlich sehr unterschiedlich. Bei wichtigen Wahlen geht es trotz allem immer noch stark darum, wem man zutraut, in den nächsten Jahren für die eigene ökonomische Situation zu sorgen. Auch bei den Wählern der AfD übrigens.

Aber den AfD-Wählern geht es doch wirtschaftlich gar nicht so schlecht. Sie kommen häufig aus der Mittelschicht.

Objektiv stehen die tatsächlich gar nicht schlecht da. Aber wirtschaftliche Zufriedenheit ist eben relativ. Es geht auch immer darum, wie es den Nachbarn geht, den Kollegen, den Freunden. Viele Menschen haben das Gefühl, dass sie im Vergleich zu anderen zu kurz kommen. Sie sehen, dass ihre Nachbarn große Autos haben und in schicken Häusern wohnen, und haben den Eindruck, dass das ungerecht ist. Selbst in einem Land wie Baden-Württemberg, wo Arbeitslosigkeit derzeit kaum eine Rolle spielt, merken wir, dass viele AfD-Wähler mit ihrer wirtschaftlichen Lage nicht zufrieden sind.

Die Entscheidung für die AfD basiert auf einem Ungerechtigkeitsgefühl, obwohl es gar nicht ungerechter zugeht?

Das könnte man so sagen. Das hat natürlich auch mit der Angst vor Flüchtlingen zu tun, die auch eine ökonomische Dimension hat.

Inwiefern?

Letztlich gibt es drei Dimensionen der Angst vor Flüchtlingen: Angst vor Kriminalität, Angst vor muslimischer Überfremdung und die Angst, ökonomische Opfer bringen zu müssen. Es zeigt sich, dass die Überfremdungsdimension die geringste Rolle spielt, die Kriminalität eine mittlere und dass es hauptsächlich um ökonomische Angst geht. Man sorgt sich, dass zu viel Geld für Flüchtlinge ausgegeben wird – und dass dann bei einem selbst gekürzt wird. Das ist die vorherrschende Angst. Wir finden sie im Osten, im Westen und bei bundesweiten Umfragen.

Ist diese Furcht auch der Grund, wieso die Wähler aus allen Parteien zur AfD abwandern?

Genau. Das ist im Osten besonders deutlich, weil wir da eine größere ökonomische Unzufriedenheit haben.

Wie wirkt es sich auf Ihre Arbeit aus, wenn Wahlentscheidungen immer impulsiver getroffen werden?

Wir müssen häufiger und immer später Umfragen machen. Heute kann sich noch zwei Tage vor der Wahl viel verändern. Und bei der AfD hatten wir am Anfang ein Problem, die Anzahl der Wähler richtig zu erfassen. Bei den drei Landtagswahlen im März dieses Jahres, die alle am selben Sonntag stattgefunden haben, war die Dunkelziffer der AfD-Wähler höher, als wir gedacht hatten. Da sind wir mit unserer Prognose zu kurz gesprungen.

Wie berechnen Sie die Dunkelziffer?

Wir rechnen bei der AfD auf die tatsächlichen Umfrageergebnisse einen Faktor hinzu.

Tun Sie das, weil Sie davon ausgehen, dass sich die Leute schämen, ihre Wahl für die AfD in Umfragen zuzugeben?

Oder weil sie bei unseren Umfragen überhaupt nicht mitmachen wollen. Wir gelten für sie als Teil des Systems, das man ablehnt.

Was rechnen sie bei der AfD hinzu?

Ungefähr jeder fünfte AfD-Anhänger bekennt sich nicht zu seiner Wahl. Bei den Grünen haben wir übrigens den umgekehrten Fall. Da haben wir eine zu große Bekenntnisbereitschaft und müssen die Zahlen immer etwas kleinrechnen.

Lässt sich der Hass auf Flüchtlinge messen?

Wir messen Einstellungen. Zum Beispiel rechtsradikale. Bei allem, was darüber hinausgeht, ist es sehr schwer, ordentliche Antworten zu bekommen. Wenn die Fragen zu plump werden, brauchen Sie das gar nicht mehr abfragen, weil die Menschen sofort die Antwort verweigern. Ich kann nicht herausfinden, wie viele Menschen der Meinung sind, man sollte gegenüber Ausländern Gewalt anwenden. Das werden mir diejenigen, die so denken, garantiert nicht sagen. Ich frage es also gar nicht erst ab. Sonst erwecke ich in den Umfragen nur den Anschein, dass es den Hass gar nicht gibt. Da enden meine Möglichkeiten als Demoskop.

Wie muss man fragen, um ehrliche Antworten zu bekommen?

Eine gute Frage ist kurz und hat Antwortkategorien, die ausgewogen sind. Wen hätten Sie lieber als Kanzler? Eine ganz schlichte und einfache Frage. Mit zwei vorgegebenen Namen. Angela Merkel oder Sigmar Gabriel zum Beispiel.

Wie viele Fragen kann man einem Menschen bei einer telefonischen Umfrage zumuten, bevor er auflegt?

Das kommt darauf an, wie neutral die Fragen erscheinen. Sie können Menschen nach fünf Minuten verprellen, indem sie Fragen stellen, die tendenziös sind, unvollständig oder zu kompliziert. Dann ist das Gespräch gleich zu Ende.

Werden Wahlentscheidungen irrationaler?

Die Wahlen werden anfälliger für Kampagnen. Auf der anderen Seite muss man zur Ehrenrettung der heutigen Wähler sagen: In den vermeintlich guten alten Zeiten ging es auch nicht rationaler zu. Ist es denn wirklich besser, wenn man wählt, was der Pfarrer sagt oder der Vorarbeiter? Das System war stabiler, aber nicht unbedingt rationaler.

Sind Sie in den vergangenen 20 Jahren persönlich pessimistischer geworden?

Ich bin strukturell Optimist. Ich glaube, dass die Veränderungen, die wir natürlich im politischen System haben, grundsätzlich lösbar sind. Dazu gehört, dass sich Politik um einen breiten gesellschaftlichen Konsens bemühen muss. Deshalb finde ich es zum Beispiel eine sehr große Errungenschaft – auch wenn es viele Leute langweilt –, dass die großen deutschen Parteien sich einander stark angenähert haben. Das finden einige Journalisten ganz schrecklich. Die wollen politische Konfrontationen sehen. Aber sie missachten dabei, dass Konfrontationen Gesellschaften auch extrem überfordern können. Sie schaden letztlich mehr, als dass sie nützen. ---

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